Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Archive for Juni 5th, 2009

Die südkoreanische Guerillia gegen das Rhee-Regime vor Ausbruch des Koreakrieges

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Wenig bekannt für die Vorgeschichte des Koreakrieges 1950-53 ist die Existenz einer südkoreanischen Aufstandsbewegung gegen das faschistische Syngman Rhee – Regime. Ein wichtiger Schauplatz dieser Kämpfe war die heutige Provinz Gwanju im Südwesten Koreas und auch Südkoreas. Diese Fakten sind im deutschen Sprachraum noch weitgehend unbekannt.

Die sogenannte Yosu – Rebellion fand im Oktober 1948 statt. Sie begann damit, dass zwei Einheiten der Constabulary (einer Art Militärpolizei) unter dem Einfluss linker Organisationen meuterten. Sie sollten zur Niederwerfung des Aufstandes auf die Insel Jeju (manchmal Cheju geschrieben) geschickt werden, verweigerten sich aber in geradezu heroischer Weise diesem Auftrag. Etwa 2000 dieser Meuterer, verstärkt durch Zivilisten, besetzten Souchon nördlich der Hafenstadt Yosu und einige andere umliegende Ortschaften.

Sie umzingelten rechtsradikale Kräfte der Rhee-Regierung und „jeden, der gut angezogen war“, wobei sie Polizisten der Regierung exekutierten, die (nord)koreanische Flagge hissten und die nationale Einheit Koreas forderten.

Unter den Zivilisten bei den Rebellen waren 70 Lehrer. Der Leiter des Volkskomitees von Yosu war Song Uk, der Leiter der Mittelschule für Mädchen von Yosu. Die Mädchen wurden als „röter als das Innere einer Wassermelone“ charakterisiert. Sie kämpften später mit japanischen Waffen bewaffnet bei der Verteidigung der Stadt.

In Souchon wurden einige Polizisten summarisch erschossen, aber andere vor ein Volksgericht gestellt. Einige wurden dort als unschuldig befunden, einige misshandelt, viele exekutiert.  Der Polizeichef wurde verstümmelt, seine  Leiche durch die Strassen geschleift und an einem Pfahl verbrannt.

Etwa 900 Personen, darunter 400 Polizisten, sollen in Souchon durch die Rebellen getötet worden sein.

Der Aufstand erregte internationales Aufsehen und schockierte das Rhee – Regime. Ausländische Journalisten kamen nach Südkorea wegen dieser Story. Das US -State Department sprach von der „Barbarei“ der Rebellen von Yosu.

Amerikanische Offiziere nahmen an den Planungen zur Niederwerfung der Rebellion teil – nach geheimen Protokollen hatten sie die verdeckte Leitung über die südkoreanischen Militäreinheiten.

Der Widerstand der Rebellen war couragiert, aber schlecht organisiert und wurde in wenigen Tagen gebrochen.

Ein Reporter der Times berichtete von 5000 Gefangenen, die mit Stöcken, Eisenketten und Gewehrkolben misshandelt wurden. Viele (unbekannt wie viele) wurden exekutiert.

Der US-amerikanische Counter-Insurgency-Experte James Hausman, der an der Unterdrückung des Aufstandes teilnahm, berichtete später, dass so viele loyale Zivilisten getötet worden waren, dass „die Leute anfangen zu denken, dass wir so schlimm wie der Feind sind“.

Yosu wurde im Häuserkampf verteidigt und schwer zerstört. Die Stadt lag in Schutt und Asche. Leichen und zerbrochenes Mobiliar lag auf den Reisfeldern und in den Höfen.

Syngman Rhee, der erklärte, dass Korea niemals viele Verräter in seiner Geschichte gekannt hatte (welcher Zynismus…), nutzte die Gelegenheit, um ein Nationales Sicherheitsgesetz durchzusetzen. Es richtete sich gegen alles, was von der südkoreanischen Linken verblieben war, aber auch gegen viele andere tausende, die ohne linke Verbindungen waren.

Allen großen Organisationen wurde nachgestellt und diese wurden ausgelöscht.

Im Frühjahr 1950 waren etwa 60000 Menschen in den Gefängnissen, und 50 bis 80 Prozent von ihnen wegen Verstosses gegen das Nationale Sicherheitsgesetz. Die Constabulary wurde ausgelöscht, über tausend Offiziere und andere wurden festgesetzt.

Auch die „Nationalversammlung“ war nicht immun: 16 Abgeordnete saßen im Gefängnis.

Aber die Städte waren leichter zu handhaben für Rhee als das Land. Etwa 1000 oder mehr Teilnehmer des Yosu – Aufstandes flohen in das nahe Chiri Gebirge, das mit Wäldern bedeckt war. Sie wurden Teil eines Guerilliakrieges, der von der Südkoreanischen Arbeiterpartei organisiert wurde und der bald weite Teile des Landes erfasste. Junge Kämpfer erkundeten die Berge nach geeigneten Orten für Basen sicheren Plätzen. Ein Trainigscenter basierend auf den Methoden von Chinas Achter Feldarmee und den Schriften von Mao Zedong wurde in der Provinz Cungchong eingerichtet.

Im Frühjahr 1949 wurden die Guerillias auf mindestens 3500 bis zu 6000 von der CIA geschätzt, aber es gibt einige Belege, dass ihre Zahl weit höher war.

Ein früherer amerikanischer Ausbilder erklärte die Schwierigkeiten, die Guerillias zu greifen. Die Berge waren demnach dicht bewaldet, schroff, felsig und rau, ein ideales Versteck für die Guerilliagruppen, aber ein Hindernis für größere Truppenbewegungen, denen die Guerillias ausweichen konnten. Ein Eingriff aus der Luft war gar völlig unmöglich.

Es gab spektakuläre Erfolge der Guerillias, aber auch schwere Niederlagen, darunter die Aufdeckung und Einnahme ihres Hauptquartiers in Süd Cholla (Heute: Provinz Gwanju).

In den Lagern der Guerillia herrschte puritanische Strenge. Es gab zwar viele Frauen unter den Kämpfern, aber Zölibat herrschte. Übergriffe gegen die Bevölkerung wurden streng bestraft, z.B. Vergewaltigung durch Enthauptung mit dem Schwert. Ausstattung und Versorgungslage der Guerillia war gut (sie wurde wohl von der Landbevölkerung aktiv unterstützt und versorgt).

Es wurde damals und später von imperialistischer Seite (zeitgenössische Kommentatoren und später „Historiker“) behauptet, dass nordkoreanische Agenten und Militärs hinter der Guerillia steckten, also gewissermaßen ein nordkoreanischer Exprt gewesen seien. Allerdings handelte es sich um die zwei Provinzen Nord- und Süd – Cholla (heute: Provinz Gwanju) am äussersten Südwestzipfel Koreas. Der 38. Breitengrad war sehr sehr weit entfernt und auch das in Nordkorea existierende „Kangdong Institut“, das Guerilliaeinheiten ausbildete.

Jedoch auch zeitgenössische amerikanische Beobachter konstatierten, dass der Norden kaum in die südliche Partisanenbewegung involviert war, wohl aber auf der Gegenseite das amerikanische Militär, das den Repressionskräften jede Unterstützung gab, ihre Aktionen plante und sie oft auch selbst kommandierten.

Im März 1950 schrieb der Korrespondent der New York Times sinngemäß, dass weite Teile Südkoreas von einer Landguerillia kontrolliert wurden. Summarische Exekutionen gefangener Guerillias und verdächtiger Bauern waren an der Tagesordnung.

Die südkoreanische Guerilliabewegung war noch jung, aber am Lernen, erlitt Rückschläge in einigen Gebieten, hielt sich aber in anderen, und das alles vor dem Kriegsausbruch Juni 1950.

Als aber der Norden seinen Vormarsch begann ( ab 27.6.1950) nahm die Guerilliaaktivität sprunghaft zu. In den ersten zwei Monaten des Krieges war die Anzahl der Opfer des südkoreanischen Guerilliakrieges (einschließlich eliminierter Verdächtiger) doppelt so hoch wie die Gesamtzahl der gefallenen amerikanischen Soldaten im gesamten Koreakrieg.

Quelle:

The Korean War 1945-1953

Von Hugh Deane

Veröffentlicht von China Books, 1999

ISBN 0835126447, 9780835126441

246 Seiten

http://books.google.com/books?id=XMJpnYmKNQsC&hl=de

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Written by bronsteyn

5. Juni 2009 at 9:23 pm

Veröffentlicht in Geschichte, Korea, Korea-Krieg, US-Imperium

Wie Medienlügen zustande kommen – Nordkorea und das Feuermeer von Seoul

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Erinnern Sie sich noch an meinen kurzen Artikel, wo ich die Frage aufwarf, woher das Gerücht stammt, Nordkorea habe gedroht, die südkoreanische Stadt Seoul in ein Feuermeer zu verwandeln? Wer jemals dem offiziellen Journalismus Glauben schenkte, sollte sich nun endgültig eines besseren belehren lassen. Ich überlasse es Ihnen, ob es sich um bewusste hetzerische Irreführung oder einfach nur um bodenlosen Diletantismus der betreffenden „Berufsjournalisten“ handelt.

Gibt man in Google die Stichworte Nordkorea Seoul und Feuermeer ein, so findet man viele Links.

Das 2saenetwork.de schreibt:

Die – wenngleich veraltete – konventionelle Rüstung des Landes, die es zur fünftgrößten Militärmacht der Welt macht und in die Lage versetzt, Teile Südkoreas, vor allem die Metropole Seoul, und amerikanische Garnisonen in „ein Feuermeer zu verwandeln“ (Originalton Pjöngjang).

„Originalton“ Pyöngyang also. Eine Quelle ist natürlich auch nicht angegeben. Zu dumm, außerdem handelt es sich um einen Artikel aus dem Jahr 2005.

Der Stern schreibt

Zugleich droht Nordkorea den USA seit Tagen, sie würden im Falle des Krieges „in einem Feuermeer“ versinken und zerstört werden.

Das dumme ist nur, dass hier nicht von Seoul gesprochen wird. Noch dümmer allerdings, dass dieser Artikel mit seinem Zitat aus dem Jahr 2003 stammt. Zu dumm. Eine Quelle nannte der STERN aber auch 2003 nicht.

Ein entsprechendes Zitat der Welt ist da wenig überraschend, aber dummerweise stammt auch das aus dem Jahr 2003:

Der düstere Herrscher Nordkoreas sieht Washington und die Vereinten Nationen beschäftigt mit dem Irak und nutzt die Chance, dem südlichen Nachbarn mit einem Feuermeer zu drohen, zur Begrüßung des amerikanischen Außenministers in Seoul Raketen passender Reichweite in den Himmel zu feuern und allen Nachbarn mit Nuklearwaffen zu drohen.

Der Verfasser trägt den bezeichnenden Namen Stürmer und hat natürlich auch keine Quellen für dieses Zitat angegeben.

Fündig wurde ich auf der australischen Webseite smh.com.au.

Diese schreibt, allerdings auch 2003 (und nicht „vor einigen Tagen“, weder 2005 noch 2009):

„The claim that we admitted developing nuclear weapons is an invention fabricated by the US with sinister intentions,“ Yonhap quoted the official Rodong Sinmun newspaper as saying.

The newspaper blamed the US for the current crisis and warned: „If the US evades its responsibility and challenges us, we’ll turn the citadel of imperialists into a sea of fire.“

When negotiators were hammering out the 1994 accord – over similar concerns about North Korea’s nuclear intentions – Pyongyang also warned that it would turn the South Korean capital of Seoul into a „sea of fire“.

Aha. Wer aber ist Yonhap? Yonhap ist eine südkoreanische Nachrichtenagentur, die eine Art Monopol für Nachrichten in Südkorea innehat. Yonhap zitiert also eine nordkoreanische Zeitschrift namens Rodong Sinmun. Deren Webseiten kann ich aber leider nicht lesen, weil sie in koreanisch gehalten sind.

Jedenfalls hat – laut Yonhap – Rodong Simun geschrieben, dass „wir die Zitadelle des Imperialismus in ein Meer von Feuer“ verwandeln, sollten die USA „ihrer Veranwortung“ ausweichen und Nordkorea herausfordern.

Im Zusatz heisst es, dass während Unterhändler das Atom-Abkommen von 1994 mit Nordkorea aushandelten, damals Pyongyang (damals, also 1994) auch gewarnt hätte, dass es die südkoreanische Hauptstadt von Seoul zu einem “ Feuermeer“ machen würde.

Hochinteressant. Rodong Sinmun hat also hier 2003 geschrieben (wobei diese nordkoreanische Zeitung hier wohlgemerkt von einer südkoreanischen Agentur wiedergegeben und übersetzt wird, die das Nachrichtenmonopol in Südkorea innehat), dass „wir“ (gemeint ist wohl Nordkorea) „die Zitadelle des Imperialismus in ein Meer von Feuer“ verwandeln würde.Ich weiß ja nun, wie das mit Übersetzungen so ist. „Zitadelle des Imperialismus“, was mag damit gemeint sein? Ist es im Original vielleicht gar ein Plural und meint die Militärbasen südlich der innerkoreanischen Grenze?  Dass mit „Zitadelle des Imperialismus“ gar Seoul gemeint sein könnte, geht  aus dieser seltsamen südkoreanischen Übersetzung eines nordkoreanischen Zeitungsartikels in keiner Weise hervor.

Ausserdem wissen wir seit Ahmedinedschads vorgeblichen Äußerungen über die „Ausradierung Israels“, was man mit Übersetzungen so alles machen kann.

Dann heisst es in dem smh – Artikel weiter, schon 1994 hätte „Pyongyang“ – also nicht Rodong Sinmun 2003 – das Feuermeer – Inferno der Stadt Seoul angedroht. Zum einen rückt der Zeitpunkt dieser Äußerung (Seoul-Feuermeer) immer weiter in die Vergangenheit (jetzt schon auf 1994), aber eine wirkliche Quelle wird auch hier nicht genannt. „Pyongyang“ hat damals 1994 was gesagt. Gewiss, es fällt immer schwerer, da nachzurecherchieren. Rodong Sinmun von 2003 könnte mir ja ein Koreaner jetzt noch übersetzen, aber wie will ich nachvollziehen, was „Pyongyang“ im Jahr 1994 gesagt hat?

Einen interessanten Hinweis fand ich im englischen wikipedia:

North Korea’s diplomacy with the United States and Japan is marked by frequent dire warnings through KCNA about its military capabilities. It regards seemingly minor statements and actions in these countries as declarations of renewed war and once responded by threatening to turn South Korea into a „sea of fire“ by firing its artillery along the DMZ at Seoul, though the official who made this threat was immediately relieved of his position.[citation needed]

Aha? Demnach hat ein nordkoreanischer Diplomat mal eine solche Äußerung getan, wurde aber – deswegen ? – unmittelbar von seinem Posten abgelöst, heisst es da. „ciation needed“ bedeutet: keine Quellenangabe.

Ansonsten geistert aber dieses „Feuermeer“ durch die internationale Presse, und manchmal soll Seoul, und manchmal sollen amerikanische Städte gemeint sein. Aber immer wird der Eindruck erweckt, als habe „Pyöngyang“ diese Drohung soeben im „Originalton“ ausgestossen, egal ob es das Jahr 1999, 2003, 2005, 2008 oder 2009 ist. Spannend. Und was ist jetzt der Ursprung dieses geflügelten Wortes?

Ein (unbelegte) unbedachte Äußerung eines daraufhin abgelösten nordkoreanischen Diplomaten? Oder „Pyöngyang“ (ohne nähere Angabe wer und wem gegenüber) im Jahr 1994.

Aber finden Sie es nicht erstaunlich, wie Medienlegenden so entstehen? Tatsache jedenfalls ist, dass es von nordkoreanischer Seite weder im Jahr 2009, noch 2005, noch 2003 eine Drohung gab Seoul in ein Feuermeer zu verwandeln. Aber es wurde in den Medien so schön voneinander abgeschrieben.

Und was „Pyöngyang“ im Jahr 1994 gesagt hat – vielleicht finden wir es noch heraus.

Written by bronsteyn

5. Juni 2009 at 6:36 pm

Veröffentlicht in Korea

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1222 Ereignisse während des Koreakrieges als Genozid (Völkermord) klassifiziert

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Die südkoreanische Wahrheits- und Versöhnungskomission / Truth and Reconciliation Comission hatte 2007/12/04  insgesamt 1222 Ereignisse während des Koreakrieges als Genozid, d.h. Völkermord, klassifiziert.

Zu dieser Klassifizierung ist grundsätzlich zu sagen, dass sie relativ strikten Regeln folgt und keine propagandistische Floskel darstellt.

wikipedia schreibt dazu:

Am 9. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 260 die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes(Convention pour la prévention et la répression du crime de génocide, Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide), die am 12. Januar 1951 in Kraft trat.

(Grauenhafte Ironie: genau diese UNO führte zur gleichen Zeit einen Krieg, in dem es zu genau den besprochenen Genoziden kam)

Die Konvention definiert Völkermord in Artikel II als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören“:

a) das Töten von Angehörigen der Gruppe
b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung e) die gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe

weiter:

Zu beachten ist, dass nur die Absicht zur Vernichtung der Gruppe erforderlich ist, nicht aber auch die vollständige Ausführung der Absicht. Es muss eine über den Tatvorsatz hinausgehende Absicht vorliegen, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. Die Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention (in Deutschland umgesetzt durch § 6 Abs. 1 Nr. 1 bis 5 VStGB) hingegen müssen tatsächlich (und willentlich) begangen werden. Dies bedeutet insbesondere, dass es nicht vieler Opfer bedarf, damit die Täter sich des Völkermordes schuldig machen. Bloß ihre Vernichtungsabsicht muss sich auf die ganze Gruppe oder einen maßgeblichen Teil von ihr richten. Die Täter erfüllen den Straftatbestand beispielsweise, wenn sie – in dieser besonderen Absicht – einzelnen Gruppenmitgliedern ernsthafte körperliche oder geistige Schäden zufügen oder den Fortbestand der Gruppe verhindern wollen, etwa durch Zwangskastration. Eine Anklage wegen Völkermord bedarf daher nicht der Ermordung auch nur eines Menschen.

Umgekehrt gilt auch: Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention sind kein Völkermord, wenn ihr Ziel nicht darin besteht, eine Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten, egal wieviele Mitglieder getötet oder sonstwie beeinträchtigt werden. Solche Maßnahmen sind ebenfalls kein Völkermord, wenn ihr Ziel darin besteht, eine Gruppe auszurotten, die nicht durch nationale, ethnische, rassische oder religiöse Eigenschaften definiert ist.

Die Definition des (international anerkannten) Straftatbestandes des Genozids ist also nicht unheikel und stellenweise sichtlich auch juristisch- künstlich.

Schön, aber mit diesem Wissen im Hintergrund betrachten wir mal die Angaben der südkoreanischen TRC.

After close examination of 7,533 civilian genocide incidents around the time of the Korean War, finally 1,222 of these cases have been classified as genocides. Such a classification and decision has a significant meaning, since the characteristics of truth-finding investigations hereafter will reflect this classification and decision.

Also von 7533 untersuchten Ereignissen während des Koreakrieges wurden gemäß obiger Definition 1222 Fälle als Genozid eingestuft. Ich vermerke nochmals, dass der Begriff „incident“ (Fall) nichts über die konkreten Opferzahlen aussagt. Ein Fall ist ein Fall, egal ob zehn oder hunderttausend Menschen Opfer des Genozids wurden. Trotzdem sind die Zahlenangaben der TRC aufschlussreich:

Das TRC unterscheidet bei diesen 1222 Fällen (incidents) neun Typen:

  • 552 Massaker durchgeführt durch Soldaten und Polizeikräfte
  • 303 Fälle „vermutlichen Verrates“ (mir nicht ganz klar, was gemeint ist): suspected treason
  • 215 Fälle durchgeführt durch US – Soldaten. Hier schreibt TRC: In particular, the civilian massacres committed by the US army during the Korea War are high in number.  As of November 2007, about 215 sites have been found to be sites where civilian massacre by the US Army took place.  So far there has not been any investigation with the exception of the Nogeunri Incident, thus the exact number of deaths and details of linkage to the US Army are not known.  Accordingly, a nationwide investigation seems inevitable. Das TRC spricht also von einer „hohen Zahl“ an Massaker an Zivilisten, die durch die US – Armee (und nicht durch ihre südkoreanischen Marionetten) durchgeführt wurden. Es fügt hinzu, dass ausser den Nogeunri – Massaker noch keines näher untersucht worden ist, so daß die genaue Zahl der Opfer sowie der Verwicklung der US – Armee noch gar nicht wirklich bekannt sind. Das TRC schreibt, dass eine landesweite Untersuchung unverzichtbar zu diesem Thema ist.
  • 101 Einzelfälle des sogenannten Bodoyeonmaeng Massacre (was ich bislang als Bodo-Laegue-Massaker bezeichnete). Hierzu schreibt TRC: Bodoyeonmaeng was a national organization with 300,000 members formed to control and convert the leftists. When the Korean War broke out, the government feared that the members who were formerly leftists could not be trusted and ordered the killing of the members in the Pyeongtaek region. It is estimated that more than 100,000 members of the Bodoyeonmaeng were massacred. Die Zahl 100000 gilt also als „gesichert“, die Schätzungen, so erfuhr ich aus anderen Quellen, liegen in jedem Fall mehrfach so hoch.
  • 26 Fälle von Massakern an politischen Gefangenen (der Begriff Prisoner bezieht sich, das ergibt sich aus dem Zusammenhang, auf inhaftierte politische Gefangene. TRC schreibt hierzu: Immediately after the start of the Korean War, from July 4 to 6, 1950, around 1,800 political prisoners in the Daejeon Prison were massacred. At that time, the prison held about 37,000 prisoners altogether and it is estimated that about 20,000 prisoners were killed in all (17,000 prisoners originally from Pyeongtaek were spared). Among the deaths, there were detainees who had not yet received their sentences and it is said that some had been arrested during illegal inspections.Es gilt also als „gesichert“, dass das Rhee-Regime vom 4. bis zum 6. Juni 1950 18000, insgesamt 20000 von 37000 politischen Gefangenen umbrachte.
  • 20 Fälle im Rahmen des Yeosun Massacre. Es handelt sich um den Soldatenaufstand in der südkoreanischen Stadt Yeosun (auch Yosu transkribiert). Die ca 3000 Soldaten weigerten sich, gegen die Aufständischen von Jeju im Rahmen des Jeju – Massakers (das im übrigen hier nicht erfasst ist, da es nicht im engeren Sinne zum Koreakrieg zählt)  zum Einsatz gebracht zu werden (was Hochachtung verdient) Hierzu schreibt TRC: The Yeosun Massacres refers to a series of events that include a soldiers‘ uprising caused by 3,000 soldiers belonging to the ROK Army stationed in Yeosun region when they refused to carry out the order to repress the Jeju 4.3 Incident. The consequent repression resulted in counter-terrorism, massacres, looting and arson. A total of 2,634 people were killed in 7 regions including Yeosun and 4,325 were missing. Sie lesen ja selbst: 2634 Ermordete und 4325 Vermisste. Es handelt sich offensichtlich NICHT um die Ereignisse dieses Soldatenaufstandes selbst (der zeitlich VOR dem Ausbruch des Koreakrieges lag), sondern um die darauf folgende Repressionswelle im Rahmen des Koreakrieges.
  • 3 andere Fälle.

Zum unterdessen gut dokumentierten Kriegsverbrechen von Nogeun-Ri schreibt TRC:

On July 25th, 1950, Korean villagers were forced by U.S. soldiers to evacuate their homes and move south. The next day, July 26, the villagers continued south along the road. When the villagers reached the vicinity of Nogeunri, the U.S. soldiers stopped them at a roadblock and ordered the group onto the railroad tracks, where the soldiers searched them and their personal belongings. Although the soldiers found no prohibited items (such as weapons or other military contraband), the soldiers ordered an air attack upon the villagers via radio communications with U.S. aircraft. Shortly afterwards, planes flew over and dropped bombs and fired machine guns, killing approximately 100 villagers on the railroad tracks. Those villagers who survived sought protection in a small culvert underneath the railroad tracks. The U.S. soldiers drove the villagers out of the culvert and into double tunnels nearby. The U.S. soldiers then fired into both ends of the tunnels over a period of four days (July 26-29, 1950), resulting in approximately 300 additional deaths.

Ich hatte ja schon Filmdokumente über dieses Verbrechen präsentiert.

Doch damit nicht der Eindruck entsteht, das TRC wäre einseitig oder gar – wie von rechtsradikalen Kreisen in Südkorea gern unterstellt – von Nordkorea gesteuert. Auch Übergriffe und Erschiessungen durch nordkoreanische Truppen werden dokumentiert:

Ganghwa Civilian Massacre by North Korean Forces

Verified on December 30, 2008

The Commission confirmed that local leftists, North Korean troops, and local police forces killed dozens of civilians shortly before the North Korean military withdrew from the area. The mass killings occurred between July 25, 1950, and early October 1950.

Die Komission bekräftigt, dass „lokale Linke“, nordkoreanische Truppen und „lokale Polizeikräfte“ in Ganghwa dutzende von Zivilisten töteten, bevor die nordkoreanische Armee das Gebiet räumte. Diese Erschiessungen ereigneten sich zwischen dem 25. Juli und Anfang Oktober 1950.

The Commission identified a total of 66 victims. This included 55 victims whose surviving family members had submitted petitions to the Commission. It is recommended, and if the family agrees, that the Family Registry be revised to reflect the new findings. This would include facts surrounding the victim’s death including information on his or her death certificate.

Die Komission identifizierte 66 Todesopfer, gemeldet durch 55 überlebende Familienmitglieder. Das TRC räumt aber ein, dass diese Fälle nochmals geprüft werden müssen.

Es ist anzunehmen, dass es sich bei diesen Opfern um Angehörige der extremen Rechten um Syngman Rhee handelte. Ich möchte auch diese durch lokale Linke und Nationalisten mit Unterstützung der nordkoreanischen Armee durchgeführten Erschiessungen nicht rechtfertigen. Doch der Unterschied zwischen den Opferzahlen (66 versus „mindestens 100000“ plus plus plus) ist frappierend.

Es passt so gar nicht zu den bisherigen Legenden über die blutrünstigen „Kommunisten“, die aus dem Norden über das „demokratische“ „friedfertige“ Südkorea hergefallen wären. Auch ist es bemerkenswert, dass TRC die Rolle „lokaler Linker“ und „lokaler Polizeikräfte“ hervorhebt. Was waren das für „lokale Polizeikräfte“ im von Rhee terrorisierten Südkorea? Entweder waren es Überläufer oder Repräsentanten eines lokalen Volkskomitees, gebildet aus der einheimischen (südkoreanischen) Bevölkerung. Die erneute Bildung von Volkskomitees (räteartigen Strukturen) im Verlauf des Vormarsches der nordkoreanischen Armee kann als gesichert gelten.

Dieses Ereignis liefert also auf seine Weise nochmals zusätzlich den Beweis, dass Syngman Rhees Regime bei der südkoreanischen Bevölkerung verhasst war und dort keine wirkliche Basis hatte.

Written by bronsteyn

5. Juni 2009 at 3:10 pm

Veröffentlicht in Korea, Korea-Krieg, US-Imperium

US-Kriegsverbrechen in Korea 1950-53 (einige Videos)

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Ich möchte zu meinen bisherigen Artikeln zum Koreakrieg einige Videos nachreichen.

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Bislang (so etwa bis zum Jahr 2000) wäre man ja geneigt gewesen, die nordkoreanischen Darstellungen der US-Kriegsverbrechen während des Koreakrieges wenigstens für Übertreibungen oder gar propagandistische Legenden zu halten. Doch seit der Aufdeckung etwa des Bodo – League – Massakers (massenhafte Ermordung südkoreanischer politischer Häftlinge durch die südkoreanische Regierung Sommer 1950) durch die südkoreanische Wahrheits- und Versöhnungskomission gewinnen auch die nordkoreanischen Darstellungen der amerikanischen Kriegsverbrechen während dieses Krieges an Glaubwürdigkeit.

Dieses Video zeigt Aufnahmen aus den Exponaten des Sinchon-Ri Museum in North Korea.

Dieses Video zeigt den Mitschnitt einer Präsentation einer Museumsführerin im Sinchon-Ri Museum in North Korea.

Ein Video mit Filmaufnahmen seitens amerikanischer Kameraleute, auch der englische Kommentar entstammt einem History-TV-Channel. Die nähere Quelle ist mir noch unbekannt. Der youtube-User johnrigs123 ist nordkoreanischer Sympathien vollkommen unverdächtig, wie man aus seinem Profil ersehen kann, sondern gehört nach meiner Einschätzungmöglicherweise  der „libertären“ Rechten in den USA an oder neigt ihr zu. Er progagiert ein entschiedenes Christentum (mit sektiererischen Zügen). Soviel zu Quellenanalyse und Quellekritik: kein Nordkorea-Sympathisant.

Die dem Video zugrunde liegende TV – Dokumentation würde ich noch gern ermitteln, vielleicht können Sie ja helfen, Liebe Leser.

Thema des Videos ist das US-Massaker von Ngeun.ri

Ein weiteres Video, gleiche TV-Doku, gleicher Uploader.

Written by bronsteyn

5. Juni 2009 at 1:26 pm

Veröffentlicht in Korea, Korea-Krieg, US-Imperium

Und wieder Korea und seine Vorkriegsgeschichte

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Es ist wirklich erstaunlich, auf was ich bei meinen Recherchen so stosse. Nein, erfreulich sind diese grauenvollen Dinge nicht, die ich da so ausgrabe. An jedem Zipfel, an dem ich zupfe, stoße ich auf ein vertuschtes und vergessenes Verbrechen.

Habe ein interessantes, teilweise online zu lesendes Buch entdeckt:

The Korean War 1945-1953

By Hugh Deane

weitere interessante Seiten, auf die ich stiess:

http://zeroempty000.blogspot.com/2006/02/massacres-of-civillians-under-and.html

Summer of Terror: At least 100,000 said executed by Korean ally of US in 1950 [with interactive video]

The South Korean Massacre at Taejon: New Evidence on US Responsibility and Coverup

http://briandeutsch.blogspot.com/2008/10/60th-anniversary-of-yosu-rebellion.html

Es handelt sich in der Tat nicht um „ein paar Leichen im Keller“ des US – Imperialismus, sondern mindestens um hunderttausende, wenn man die ganzen Ziviltoten und Gefallenen des Koreakrieges hinzuzählt, sogar um Millionen.

Und die gleiche Klientel, die für diese abscheulichen Massaker verantwortlich sind, bzw. deren heutige Nachfolger, reden heute vom „Irren in Pyöngyang“. Ich will Kim Jong Il, der für mich aussieht wie ein Büroangestellter, sicher nicht in irgendeiner Weise promoten.

Aber die wirklichen Irren sitzen bis heute im Pentagon, in Langley und im Weissen Haus.

Und sie machen einfach so weiter.

Wie lange noch?

Written by bronsteyn

5. Juni 2009 at 1:49 am

Veröffentlicht in Korea, Korea-Krieg, US-Imperium