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1222 Ereignisse während des Koreakrieges als Genozid (Völkermord) klassifiziert

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Die südkoreanische Wahrheits- und Versöhnungskomission / Truth and Reconciliation Comission hatte 2007/12/04  insgesamt 1222 Ereignisse während des Koreakrieges als Genozid, d.h. Völkermord, klassifiziert.

Zu dieser Klassifizierung ist grundsätzlich zu sagen, dass sie relativ strikten Regeln folgt und keine propagandistische Floskel darstellt.

wikipedia schreibt dazu:

Am 9. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 260 die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes(Convention pour la prévention et la répression du crime de génocide, Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide), die am 12. Januar 1951 in Kraft trat.

(Grauenhafte Ironie: genau diese UNO führte zur gleichen Zeit einen Krieg, in dem es zu genau den besprochenen Genoziden kam)

Die Konvention definiert Völkermord in Artikel II als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören“:

a) das Töten von Angehörigen der Gruppe
b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung e) die gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe

weiter:

Zu beachten ist, dass nur die Absicht zur Vernichtung der Gruppe erforderlich ist, nicht aber auch die vollständige Ausführung der Absicht. Es muss eine über den Tatvorsatz hinausgehende Absicht vorliegen, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. Die Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention (in Deutschland umgesetzt durch § 6 Abs. 1 Nr. 1 bis 5 VStGB) hingegen müssen tatsächlich (und willentlich) begangen werden. Dies bedeutet insbesondere, dass es nicht vieler Opfer bedarf, damit die Täter sich des Völkermordes schuldig machen. Bloß ihre Vernichtungsabsicht muss sich auf die ganze Gruppe oder einen maßgeblichen Teil von ihr richten. Die Täter erfüllen den Straftatbestand beispielsweise, wenn sie – in dieser besonderen Absicht – einzelnen Gruppenmitgliedern ernsthafte körperliche oder geistige Schäden zufügen oder den Fortbestand der Gruppe verhindern wollen, etwa durch Zwangskastration. Eine Anklage wegen Völkermord bedarf daher nicht der Ermordung auch nur eines Menschen.

Umgekehrt gilt auch: Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention sind kein Völkermord, wenn ihr Ziel nicht darin besteht, eine Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten, egal wieviele Mitglieder getötet oder sonstwie beeinträchtigt werden. Solche Maßnahmen sind ebenfalls kein Völkermord, wenn ihr Ziel darin besteht, eine Gruppe auszurotten, die nicht durch nationale, ethnische, rassische oder religiöse Eigenschaften definiert ist.

Die Definition des (international anerkannten) Straftatbestandes des Genozids ist also nicht unheikel und stellenweise sichtlich auch juristisch- künstlich.

Schön, aber mit diesem Wissen im Hintergrund betrachten wir mal die Angaben der südkoreanischen TRC.

After close examination of 7,533 civilian genocide incidents around the time of the Korean War, finally 1,222 of these cases have been classified as genocides. Such a classification and decision has a significant meaning, since the characteristics of truth-finding investigations hereafter will reflect this classification and decision.

Also von 7533 untersuchten Ereignissen während des Koreakrieges wurden gemäß obiger Definition 1222 Fälle als Genozid eingestuft. Ich vermerke nochmals, dass der Begriff „incident“ (Fall) nichts über die konkreten Opferzahlen aussagt. Ein Fall ist ein Fall, egal ob zehn oder hunderttausend Menschen Opfer des Genozids wurden. Trotzdem sind die Zahlenangaben der TRC aufschlussreich:

Das TRC unterscheidet bei diesen 1222 Fällen (incidents) neun Typen:

  • 552 Massaker durchgeführt durch Soldaten und Polizeikräfte
  • 303 Fälle „vermutlichen Verrates“ (mir nicht ganz klar, was gemeint ist): suspected treason
  • 215 Fälle durchgeführt durch US – Soldaten. Hier schreibt TRC: In particular, the civilian massacres committed by the US army during the Korea War are high in number.  As of November 2007, about 215 sites have been found to be sites where civilian massacre by the US Army took place.  So far there has not been any investigation with the exception of the Nogeunri Incident, thus the exact number of deaths and details of linkage to the US Army are not known.  Accordingly, a nationwide investigation seems inevitable. Das TRC spricht also von einer „hohen Zahl“ an Massaker an Zivilisten, die durch die US – Armee (und nicht durch ihre südkoreanischen Marionetten) durchgeführt wurden. Es fügt hinzu, dass ausser den Nogeunri – Massaker noch keines näher untersucht worden ist, so daß die genaue Zahl der Opfer sowie der Verwicklung der US – Armee noch gar nicht wirklich bekannt sind. Das TRC schreibt, dass eine landesweite Untersuchung unverzichtbar zu diesem Thema ist.
  • 101 Einzelfälle des sogenannten Bodoyeonmaeng Massacre (was ich bislang als Bodo-Laegue-Massaker bezeichnete). Hierzu schreibt TRC: Bodoyeonmaeng was a national organization with 300,000 members formed to control and convert the leftists. When the Korean War broke out, the government feared that the members who were formerly leftists could not be trusted and ordered the killing of the members in the Pyeongtaek region. It is estimated that more than 100,000 members of the Bodoyeonmaeng were massacred. Die Zahl 100000 gilt also als „gesichert“, die Schätzungen, so erfuhr ich aus anderen Quellen, liegen in jedem Fall mehrfach so hoch.
  • 26 Fälle von Massakern an politischen Gefangenen (der Begriff Prisoner bezieht sich, das ergibt sich aus dem Zusammenhang, auf inhaftierte politische Gefangene. TRC schreibt hierzu: Immediately after the start of the Korean War, from July 4 to 6, 1950, around 1,800 political prisoners in the Daejeon Prison were massacred. At that time, the prison held about 37,000 prisoners altogether and it is estimated that about 20,000 prisoners were killed in all (17,000 prisoners originally from Pyeongtaek were spared). Among the deaths, there were detainees who had not yet received their sentences and it is said that some had been arrested during illegal inspections.Es gilt also als „gesichert“, dass das Rhee-Regime vom 4. bis zum 6. Juni 1950 18000, insgesamt 20000 von 37000 politischen Gefangenen umbrachte.
  • 20 Fälle im Rahmen des Yeosun Massacre. Es handelt sich um den Soldatenaufstand in der südkoreanischen Stadt Yeosun (auch Yosu transkribiert). Die ca 3000 Soldaten weigerten sich, gegen die Aufständischen von Jeju im Rahmen des Jeju – Massakers (das im übrigen hier nicht erfasst ist, da es nicht im engeren Sinne zum Koreakrieg zählt)  zum Einsatz gebracht zu werden (was Hochachtung verdient) Hierzu schreibt TRC: The Yeosun Massacres refers to a series of events that include a soldiers‘ uprising caused by 3,000 soldiers belonging to the ROK Army stationed in Yeosun region when they refused to carry out the order to repress the Jeju 4.3 Incident. The consequent repression resulted in counter-terrorism, massacres, looting and arson. A total of 2,634 people were killed in 7 regions including Yeosun and 4,325 were missing. Sie lesen ja selbst: 2634 Ermordete und 4325 Vermisste. Es handelt sich offensichtlich NICHT um die Ereignisse dieses Soldatenaufstandes selbst (der zeitlich VOR dem Ausbruch des Koreakrieges lag), sondern um die darauf folgende Repressionswelle im Rahmen des Koreakrieges.
  • 3 andere Fälle.

Zum unterdessen gut dokumentierten Kriegsverbrechen von Nogeun-Ri schreibt TRC:

On July 25th, 1950, Korean villagers were forced by U.S. soldiers to evacuate their homes and move south. The next day, July 26, the villagers continued south along the road. When the villagers reached the vicinity of Nogeunri, the U.S. soldiers stopped them at a roadblock and ordered the group onto the railroad tracks, where the soldiers searched them and their personal belongings. Although the soldiers found no prohibited items (such as weapons or other military contraband), the soldiers ordered an air attack upon the villagers via radio communications with U.S. aircraft. Shortly afterwards, planes flew over and dropped bombs and fired machine guns, killing approximately 100 villagers on the railroad tracks. Those villagers who survived sought protection in a small culvert underneath the railroad tracks. The U.S. soldiers drove the villagers out of the culvert and into double tunnels nearby. The U.S. soldiers then fired into both ends of the tunnels over a period of four days (July 26-29, 1950), resulting in approximately 300 additional deaths.

Ich hatte ja schon Filmdokumente über dieses Verbrechen präsentiert.

Doch damit nicht der Eindruck entsteht, das TRC wäre einseitig oder gar – wie von rechtsradikalen Kreisen in Südkorea gern unterstellt – von Nordkorea gesteuert. Auch Übergriffe und Erschiessungen durch nordkoreanische Truppen werden dokumentiert:

Ganghwa Civilian Massacre by North Korean Forces

Verified on December 30, 2008

The Commission confirmed that local leftists, North Korean troops, and local police forces killed dozens of civilians shortly before the North Korean military withdrew from the area. The mass killings occurred between July 25, 1950, and early October 1950.

Die Komission bekräftigt, dass „lokale Linke“, nordkoreanische Truppen und „lokale Polizeikräfte“ in Ganghwa dutzende von Zivilisten töteten, bevor die nordkoreanische Armee das Gebiet räumte. Diese Erschiessungen ereigneten sich zwischen dem 25. Juli und Anfang Oktober 1950.

The Commission identified a total of 66 victims. This included 55 victims whose surviving family members had submitted petitions to the Commission. It is recommended, and if the family agrees, that the Family Registry be revised to reflect the new findings. This would include facts surrounding the victim’s death including information on his or her death certificate.

Die Komission identifizierte 66 Todesopfer, gemeldet durch 55 überlebende Familienmitglieder. Das TRC räumt aber ein, dass diese Fälle nochmals geprüft werden müssen.

Es ist anzunehmen, dass es sich bei diesen Opfern um Angehörige der extremen Rechten um Syngman Rhee handelte. Ich möchte auch diese durch lokale Linke und Nationalisten mit Unterstützung der nordkoreanischen Armee durchgeführten Erschiessungen nicht rechtfertigen. Doch der Unterschied zwischen den Opferzahlen (66 versus „mindestens 100000“ plus plus plus) ist frappierend.

Es passt so gar nicht zu den bisherigen Legenden über die blutrünstigen „Kommunisten“, die aus dem Norden über das „demokratische“ „friedfertige“ Südkorea hergefallen wären. Auch ist es bemerkenswert, dass TRC die Rolle „lokaler Linker“ und „lokaler Polizeikräfte“ hervorhebt. Was waren das für „lokale Polizeikräfte“ im von Rhee terrorisierten Südkorea? Entweder waren es Überläufer oder Repräsentanten eines lokalen Volkskomitees, gebildet aus der einheimischen (südkoreanischen) Bevölkerung. Die erneute Bildung von Volkskomitees (räteartigen Strukturen) im Verlauf des Vormarsches der nordkoreanischen Armee kann als gesichert gelten.

Dieses Ereignis liefert also auf seine Weise nochmals zusätzlich den Beweis, dass Syngman Rhees Regime bei der südkoreanischen Bevölkerung verhasst war und dort keine wirkliche Basis hatte.

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Written by bronsteyn

5. Juni 2009 um 3:10 pm

Veröffentlicht in Korea, Korea-Krieg, US-Imperium

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