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Archive for Januar 2012

Kritische Thesen zu „Unsere Zukunft ist die neue Welt, der Kommunismus !“

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19 kommunistische (ich meine: poststalinistische) Jugendorganisationen in Europa haben eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, darunter die SDAJ – Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend.
http://kritische-massen.over-blog.de/article-unsere-zukunft-ist-die-neue-welt-der-kommunismus-97710562.html
Bei aller Zustimmung zur Überschrift kritische Thesen zum Inhalt.
Ich übergehe alle Passagen, denen ich zustimmen kann, um auf die für mich wesentlichen Punkte zu kommen.

1. Ich bestreite explizit die Charakterisierung der ehemaligen Ostblockstaaten als „sozialistisch“ und verweise darauf, dass ein Lenin schon klargestellt hat, dass von Sozialismus nicht gesprochen werden kann, wo Arbeiter und Bauern als Klassen fortdauern, von der Existenz der parasitären Bürokratie ganz zu schweigen.

2. Die Diskreditierung der Begriffe Sozialismus und Kommunismus ist nur zu einem Teil Ergebnis der ohnehin konstanten imperialistischen Medienmaschine (Wahrnehmungsmanagement), zum anderen Produkt der realen sinnlichen Erfahrung eines bürokratischen Zwangssystems durch Millionen Menschen.

3. Es ist falsch, die Gesellschaftsstufe des Sozialismus auf Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und die grundlegende Existenzsicherung der Arbeiterklasse zu reduzieren (Garantismus), wenn auch beide Elemente wesentliche Bestandteile des Sozialismus sind.
Weitere wichtige und notwendige Bestandtteile einer sozialistischen Gesellschaft sind ein Staatsaufbau (eines absterbefähigen Arbeiterstaates) auf der Basis von Räten zum einen (und kein Krypto- und Pseudoparlamentarismus, wie er die stalinistischen Regime auszeichnete), sowie der „genossenschaftliche Zusammenschluss der gesamten Gesellschaft“, wie es Lenin in seiner letzten grossen Schrift dringend anmahnte.
Hinzu kommt noch, dass im Sozialismus erste und fundamentale Schritte zur Ersetzung des kapitalistischen Arbeitszwangs durch ein gesamtgesellschaftliches System anziehender Arbeit erfolgen MUSS. Wer es nicht glaubt, dem sollte Engels aus dem Grabe heraus noch den Anti-Dühring um die Ohren schlagen, denn die stalinistischen Staaten ähnelten nicht zufällig den „Sozialismus“-Vorstellungen eines Karl Eugen Dühring bis zum Verwechseln.
Zufall?

4. Der Text spricht von einer Konterrevolution 1991. Dieser Einschätzung der Geschehnisse stimme ich durchaus zu, erlaube mir aber zu fragen, wer der Träger dieser Konterrevolution war. Eine auswärtige Intervention ist es ja nicht gewesen.
Der Text schweigt sich darüber peinlich aus, und zwar aus gutem Grunde.
Die poststalinistische Bürokratie selbst nämlich, auf die sich die Poststalinisten ausserhalb der „sozialistischen Sphäre“ immer so enthusiatisch stützten, diese selbst war der Träger der Konterrevolution.
Die Ironie dabei ist auch noch, dass gerade die Existenz dieser Bürokratie von den Stalinisten und Poststalinisten stets bestritten wurde.
Demnach hätte also ein „Nichts“ die Konterrevolution gemacht, oder wie? Und Jelzin, die Oligarchen und diese ganzen Figuren wären vom Mars gekommen oder aus einem Paralleluniversum oder was? Womit durch die wirklichen Ereignisse im übrigen die klassische These Leo Trotzkis vom grundsätzlich konterrevolutionären Charakter der stalinistischen Bürokratie schlagend bewiesen ist. Wie reden die Poststalinisten sich da raus? Hat ein „Nichts“ die Konterrevolution vollzogen, waren es gar „imperialistisch verhetzte“ Sektoren des Proletariats, der Weihnachtsmann oder was?
Welcher Klasse/Kaste/Schicht gehörten denn die Gorbatschow, Jezin, Oligarchen, Putins usw denn nun an?
Dem Proletariat? Der Bauernschaft?
Einer durch magische Kräfte in die Sowjetunion hineimgebaemten „geistigen“ Bourgeosie?
Nein, der Text spricht einer Konterrevolution „von innen und von oben“. Also?

5. Auch sonst strotzt der Text von gravierenden Abweichungen von den grundlegenden Ideen von Marx und Engels.
Es ist definitiv falsch von einer „sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsformation“ zu sprechen.
Wie bitte, höre ich da fragen.
Vielleicht mal ausser den Buchtiteln auch die Inhalte lesen und vor allem verstehen. Von Marx und Engels wird nämlich MINDESTENS eine Unter- und eine Oberstufe unterschieden (wobei die Unterstufe meist als „Sozialismus“ und die Oberstufe als „Kommunismus“ bezeichnet wird.
Die Aufgabe der Unterstufe ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel (unter Kontrolle der Klasse und nicht einer Bürokratie), die Existenzsicherung der proletarischen Klasse und die schrittweise Aufhebung der Klassen.
Die Aufgabe der Oberstufe aber ist die vollständige Ersetzung der Lohnarbeit durch ein gesellschaftliches System der anziehenden Arbeit und die vollständige Abschaffung der Überreste der kapitalistischen Arbeitsteilung (Lohnsklaverei, Arbeitszwang).
Diese Durcheinandermengung von Sozialismus und Kommunismus ist nicht zufällig durch den Poststalinismus, denn nach dessen Logik (welche als Logik der subjektive Ausdruck der objektiven Interessen der untergegangenen bzw zur Neo-Bourgeosie transformierten Bürokratie ist) stellt die bürokratische Form eines „Arbeiterstaates“ je ebenso das „Ende der Geschichte“ dar wie der Neoliberalismus für die Apologeten des Spätkapitalismus.
Also: es ist grundfalsch, Sozialismus und Kommunismus als Gesellschaftsformation durcheinander zu werfen, weil damit wichtige Aufgaben der sozialistischen und die Wesensmerkmale der kommunistischen Gesellschaftsformation unterschlagen werden.
Der in allen wesentlichen Punkten einem Dühringschen „Staatssozialismus“ entsprechende bürokratisch bis zum logischen Ende (der Konterrevolution) degenerierte ehemals revolutionäre Arbeiterstaat in Russland stellt eben NICHT das „Ende der Geschichte“ dar, welches einfach nur noch mal „wiederholt“ werden muss.

6. Ziemlich dumm und platt ist auch die Behauptung, die „Macht“ gehöre „entweder der arbeitenden Klasse oder der Klasse der Kapitalisten“. Ganz nach der Devise, es gibt nur Zweibeiner und Vierbeiner und „Vierbeiner guuut, Zweibeiner schleecht“.
Unmarxistischer Blödsinn.
Welche Macht?
Die politische etwa?
Und was ist mit typischen Erscheinungsformen bürgerlicher Herrschaft wie Bonapartismus, Militärdiktaturen, Faschismus usw., wo wesentliche Teile der ökonomisch dominierenden Klasse von der politischen Macht ausgeschlossen sind?
Die gewohnheitsmässige Marotte der Bürokratie, sich immer und stets selbst an die Stelle der Arbeiterklasse zu setzen, kommt wieder zum Vorschein. „Entweder Kapitalismus oder wir“.
War der Zusammenbruch der nach Dühringschen Prinzipien funktionierenden DDR durch das passive Votum der Arbeiterklasse des „Arbeiter- und Bauernstaates“ keine Lehre?
Poststalinisten werden das bestreiten (denn nach ihrer Ansicht gibt es keine parasitäre Bürokratie, gab es niemals eine und die Konterrevolution 1991 kam vom Sirius oder von der Wega), aber das ist genau das, was die Mehrheit der Arbeiterklasse (zugegeben: vom bürgerlichen Wahrnehmungsmanagement bearbeitet) konstant annimmt, wenn in solcher Weise undifferenziert von „Sozialismus“ und „Kommunismus“ gesprochen wird.
Sozialismus/Kommunismus = Herrschaft einer kulturell und politisch weitgehend autoritären bis totalitären Bürokratie nach bestem preussischen Muster. (Übrigens wäre auch Ferdinand Lasalle durchaus an getan gewesen von der DDR)
Ein „subjektiver Faktor“, gewiss. Aber dieser subjektive Faktor ist entscheidend für die Lösung der Führungskrise des Proletariats (dessen kollektives Bewusstein gegenwärtig noch vollständig von der bürgerlichen Medienmaschinerie kontrolliert wird). Durch das pure Wiederkäuen der stalinischen und poststalinistischen Ideologie wird diese Führungskrise nicht gelöst, sondern nur durch die Erneuerung und Erweiterung des Marxismus angesichts der gavierenden Erfahrungen.

B.I.Bronsteyn – 23. Jan, 19:40
Erstveröffentlichung: http://auroranews.twoday.net/stories/kritische-thesen-zu-unsere-zukunft-ist-die-neue-welt-der-kommunismus/

Written by bronsteyn

25. Januar 2012 at 2:31 pm

Gespräch mit Basis-Aktivisten der Japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga in Tokio am 3.11.2009

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Im Zuge unseres Besuches bei der japanischen Lokführergewerkschaft Doro-Chiba sprachen wir Mitarbeiter der Linken Zeitung am 3.11.2009 mit Aktivisten der Revolutionär-Kommunistischen Liga Japans (Chukaku-ha) im Tokioer Stadtteil Kameido.
Es handelte sich um einen Presseverantwortlichen der JRCL, einen Basisaktivisten der Gewerkschaft der Kommunalangestellten aus Edogawa/Tokio, einer Sozialarbeiterin (und Gewerkschaftsaktivistin) aus Koto/Tokio, einer Druckerin der Zeitung Zenshin („Vorwärts“) und einem weiteren langjährigen Veteranen der Partei.
Das Gespräch mit der auch außerhalb Japans durchaus bekannten und im gewissen Sinn auch z.B. durch ihren Kampf gegen den Flughafen Narita legendären Organisation verlief in gelöster, lockerer und solidarischer Atmosphäre.
Die JRCL (chukaku-ha) ist nicht nur die größte Organisation der Revolutionären Linken Japans, sondern auch eine der ältesten. Sie besteht seit 1957 und ging aus einer Spaltung der damaligen Kommunistischen Partei Japans hervor. Aufgrund einiger Abspaltungen in den sechziger Jahren, die teilweise auch den Namen JRCL führen, wird die Partei unserer Gesprächspartner auch als „chukaku-ha“ bezeichnet, das bedeutet „Zentrumskern-Fraktion“ und bringt zum Ausdruck, dass es sich um den Kern der 1957 geründeten Organisation handelt.
Demo in Tokio 11/2009
Die JRCL (chukakuha) ist auch über Japan hinaus bekannt (vor allem durch ihre tatkräftige Unterstützung der Bauern-Oppositionsliga gegen den Flughafen Narita) und wurde in den bürgerlichen Medien im Ausland (z.B. schon einige Male in der Printausgabe des SPIEGEL) in sensationslüsternen Artikeln erwähnt. Sie ist insofern legendenumwoben (wurde auch schon mal gern als „terroristische“ Organisation bezeichnet) und Gegenstand zahlreicher Legenden.
Die Genossen der JRCL, die wir trafen, waren allerdings ganz normale Arbeiterinnen und Arbeiter und unterschieden sich äußerlich durch nichts von gewöhnlichen Werktätigen Tokios.

Wir tauschten uns mit den JRCL – Genossen vor allem über Arbeitsbedingungen, Rahmenbedingungen der politischen und gewerkschaftlichen Arbeit, Lebensverhältnisse der Arbeiterbevölkerung und aktuelle politische und gewerkschaftliche Kämpfe aus.
Fragen der Einschätzung globaler politischer Ereignisse und politischer Strategien blieben in diesem Gespräch noch unberücksichtigt (zu diesem Thema folgen andere Artikel).

Tokio ist eines der größten und bedeutsamsten Ballungszentren der Welt. Alleine solche Stadtteile Tokios wie Edogawa mit ca. 670 000 Einwohnern oder Koto mit 400 000 Einwohnern übertreffen an Bewohnern selbst mittelgroße deutsche Städte wie Karlsruhe oder Mainz. Wir trafen uns mit den JRCL-Militanten in einem belebten Cafe inmitten bunter Leuchtreklamen und Einkaufszeilen der Warenwelt des Spätkapitalismus in Japan. Stolz präsentierten sie uns die aktuelle Ausgabe ihrer Wochenzeitung Zenshin („Vorwärts“) und machten einen freundlichen, optimistischen und kämpferischen Eindruck.

Alle Gesprächspartner haben langjährige und sehr profunde Erfahrungen in der Gewerkschaftsarbeit in diesem Welt-Ballungszentrum. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad etwa im Bereich des öffentlichen Dienstes im Raum Tokio ist sehr hoch, 90 bis 95 % (und damit erheblich höher als in vergleichbaren deutschen Städten).
Unsere Gesprächspartner vertraten – kaum überraschend – eine „radikale“, „militante“ gewerkschaftliche Orientierung, vor allem angesichts der aus ihrer Sicht der durchweg systemfreundlichen Haltung der Führungen der majoritären grossen Gewerkschaftsverbände; hier ist vor allem der dem deutschen DGB vergleichbare Gewerkschaftsdachverband Rengo zu nennen (die japanische Gewerkschaftsbewegung wurde mehrere Male seit 1945 von oben „umstrukturiert“). Nach Aussagen unserer Gesprächspartner reduziert sich der Widerstand dieser Führungen gegen die aktuelle neoliberale Offensive des Kapitals – wenn überhaupt – allenfalls auf verbale Proteste.
Tatsächlich aber könnten die großen Konzerne ihre neoliberalen Strategien der letzten Jahre, die Lasten der Krise der arbeitenden Bevölkerung aufzuladen, ohne die aktive oder passive Hilfe der Gewerkschaftsführungen gar nicht realisieren.

Die Genossen der JRCL treten daher engagiert für einen Richtungswechsel der Gewerkschaften ein. Unter Bedingungen der neoliberalen Offensive seien die kollaborationistischen Gewerkschaftsführungen nur den Interessen des „big business“ nützlich.

Die Nachgiebigkeit dieser Führungen ist in der derzeitigen Krise teilweise skandalös. So erklärte nach Aussagen unserer Gesprächspartner ein leitender Funktionär der Alljapanischen Prefekturs- und Kommunalarbeiter, Jochiro, öffentlich, Lohnkürzungen von 20 % seien „kein Problem“.

Die Angestellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes sind traditionell „das Rückgrat“ der japanischen Arbeiterbewegung.

Innergewerkschaftliche Oppositionsarbeit

Die Genossen der JRCL arbeiten an der Formierung klassenkämpferischer Strömungen innerhalb der traditionellen Gewerkschaften. Einer unserer Gesprächspartner berichtete, dass er eine Funktionärsposition innerhalb der Gewerkschaft aufgegeben hatte, um als militanter Oppositioneller erneut zu kandidieren, wobei er immerhin 10 % der abgegebenen Stimmen bekam. Es gelang ihm gerade aktuell, ein gutes Dutzend seiner Kollegen zu gewinnen, zu der Kundgebung am 1.11.2009 zu kommen (wir berichteten….).

Arbeitsbedingungen unter dem Zeichen der Privatisierung des öffentlichen Dienstes

Eine Genossin berichtete von dem Widerstand gegen die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Dienstes. Sie arbeitete ursprünglich als staatliche Altenpflegerin, bis dieser Bereich privatisiert wurde, woraufhin sie „umorganisiert“ wurde. Die in ihrer Gewerkschaft hegemoniale KPJ blieb trotz einem rhetorischen Nein zu den Privatisierungen passiv, d.h. Kampfmaßnahmen wurden weder angedroht noch durchgeführt.

In diesem Zusammenhang erfuhren wir, dass das Monatsgehalt eines Altenpflegers/ einer Altenpflegerin rund 100 000 Yen im Monat brutto beträgt, was angesichts durchschnittlicher Mieten in Tokio (ca. 50 000 Yen für 2 ZK ohne Bad, ca 20 qm Wohnfläche) wirklich wenig ist.

Im öffentlichen Dienst seien auch bereits Bibliotheken und „Essen auf Rädern“ privatisiert worden. Hierbei wurden durchweg reguläre Arbeitsverhältnisse durch prekäre ersetzt (z.B. Zeitarbeit).

Die Kollegen im öffentlichen Dienst berichteten von sogenannten „Tätigkeitsberichten“ zu denen Arbeiter im Staatsdienst in jüngster Zeit gezwungen werden. Art und Umfang dieser „Tätigkeitsberichte“ (Stundenzetteln externer Dienstleister vergleichbar) sehen sie als Schikane an, weswegen sie diese boykottieren und zu deren Boykott aufrufen.

Dass japanische Arbeiter im Unterschied zu deutschen Arbeitern kaum Urlaub hätten oder nehmen würden, ist ein gern kolportiertes Gerücht von Kapitalvertretern in Deutschland, die gern die „opferbereiten“ und „genügsamen“ Japaner den „faulen“ und „verwöhnten“ Deutschen gegenüber stellen. Tatsächlich entspricht die Anzahl der Urlaubstage durchaus deutschen Verhältnissen. Allerdings sind 5 Urlaubstage im Sommer und 5 Urlaubstage im Winter obligatorisch zu nehmen. Ansonsten entsprechen Gesamturlaubstage zwischen 23 und 40 durchaus deutschen Arbeitsbedingungen – falls Arbeitgeberverbände mal wieder was anderes behaupten sollten, es ist falsch.

Arbeitshetze, Arbeitsdruck

Was man in Deutschland so über den Arbeitsdruck in Japan hört, entspricht durchaus der Wahrheit. Japanische Arbeiter, gerade im Staatsdienst, haben ein hohes Arbeitsethos und arbeiten öfter mal über ihre Grenzen (der Anblick im Stehen in der U-Bahn oder S-Bahn schlafender Pendler war uns durchaus schon vertraut).
Ein Kollege und Genosse berichtete von einer hohen Zahl erkrankter Kollegen, ca. 240 bei ca. 4000 Beschäftigten in einer Munizipalverwaltung.
Bei der Zerschlagung der japanischen Staatsbahn 1987 begingen 200 Eisenbahner Selbstmord, über 200 000 mussten ihre Arbeitsplätze wechseln im Rahmen drastischer Versetzungen.
Wir hörten von den Genossen auch, dass nach offiziellen Statistiken 30000 Menschen wegen beruflicher und ökonomischer Probleme Selbstmord begingen, davon 8000 Personen in noch bestehenden Arbeitsverhältnissen, aber auch viele Bauern, deren Existenz ruiniert wurde.

Bedingungen politischer Arbeit in Japan

Polizei und Behörden wirken auf ausländische Besucher sehr höflich und überaus zurückhaltend. Gegenüber militanten oppositionellen Kräften wird allerdings sehr rabiat vorgegangen. Die JRCL ist dabei ein beliebtes Objekt gezielter Repression.
Die auf die Polizei bezogenen Gesetze erlauben ein erstaunliches Maß an Willkür. So können Personen insgesamt bis zu 23 Tage vorläufig festgenommen werden (offiziell 3 Tage, was zweimal jeweils um 10 Tage verlängert werden kann), ohne einem Haftrichter vorgeführt zu werden. Hierbei können auch Schuldbekenntnisse erpresst werden.

Uns interessierte die Rolle der Polizei, die ja auch in staatlichen Diensten steht, im Verhältnis zu anderen Staatsangestellten, sowie die Organisationsform der Polizei.

Die Polizei untersteht generell den Prefekturen ( es gibt 47 in Japan), eine lokale bzw munizipale Polizei wie in vielen Ländern der Welt gibt es nicht.
Auf unsere Frage, ob sie die Polizisten eher als Kollegen im öffentlichen Dienst oder eher als Söldner des Kapitals ansehen, antworteten die JRCL – Genossen erwartungsgemäß, dass sie sie eher als Söldlinge des Kapitals ansehen.
Diese Einschätzung ist für eine Arbeiterorganisation, die bevorzugtes Ziel staatlicher Schikanen ist, kaum verwunderlich.

Kollaboration der Gewerkschaftsbürokratie mit imperialistischen Kriegsvorbereitungen

Ein sehr wichtiger Punkt für unsere JRCL-Kontakte ist die Kollaboration der Gewerkschaftsführungen mit imperialistischen Kriegsvorbereitungen und -mobilisierungen. Die Angriffe des großen Kapitals auf die Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung werden vor allem in diesem Zusammenhang gesehen.

Es scheint für diese Kollaboration der Gewerkschaftsbürokratie mit imperialistischen Kriegsvorbereitungen gerade in Japan bedeutsame historische Vorläufer zu geben. Seit Anfang der 30er Jahre des 20 Jahrhunderts führte Japan etwa Krieg in China (Gründung des Marionettenstaates Mandschukuo, bekannt aus dem Film „Der letzte Kaiser“). Ohne die Unterstützung durch die Gewerkschaftsführungen, so die Genossen der JRCL, wäre dieser Krieg, der in einem allgemeinen Eroberungskrieg in Ostasien und schließlich in einer Konfrontation mit den USA mündete, nicht möglich gewesen.
Bis 1936 gab es in Japan legale Gewerkschaften, die mit dem kaiserlich-imperialistischen Staat kollaborierten. Diese liessen sich unter kaiserlicher Regie auch zwangsvereinigen.
Trotzdem gab es selbst unter Kriegsbedingungen auch Streiks einzelner Sektoren der Arbeiterschaft, natürlich gegen den Willen der Gewerkschaftsführungen.

Nach dem Krieg, unter US-Besatzung, gab es 1946 eine breite Streikwelle, die in einem gescheiterten Generalstreik 1947 mündete. Hier sprachen die JRCL-Genossen von einem Verrat der Kommunistischen Partei Japans an diesem Streik.
Die damaligen US-Militäradministration unter dem Kriegsverbrecher Douglas MacArthur (Hauptverantwortlicher für den Koreakrieg 1950-53 und die dabei begangenen Kriegsverbrechen) ging mit gewaltsamen, militärischen Mitteln gegen diesen Streik vor.
Die Staatsangestellten bildeten das Rückgrat der japanischen Arbeiterbewegung. Dieses Rückgrat sollte durch ein neues Gesetz 1949 gebrochen werden, der den Staatsangestellten das Streikrecht entzog.
Unsere japanischen Genossen sehen eine kontinuierliche Linie von dieser Nachkriegszeit bis zur Aufteilung und Privatisierung der Japanischen Staatsbahnen ab 1987. Gerade die Arbeiter der (staatlichen) Staatsbahnen waren stets ein sehr kampfstarker Sektor – zugleich sind diese Arbeiter auch technisch und in jeder Hinsicht gut ausgebildet und haben ein hohes Arbeitsethos in diesem Sektor des öffentlichen Dienstes.
Die Zerschlagung der JNR in diesen Jahren (um 1987) wird von den Genossen der JRCL vor allem als ein Angriff auf die organisierte Arbeiterschaft gesehen, die dadurch getroffen werden sollte. Parallel mit der Zerschlagung des britischen Bergarbeiterstreiks durch die Thatcher-Regierung in Großbritannien stellte dies den Auftakt der neoliberalen Offensive dar, so die JRCL – Genossen.

Die JRCL-Genossen sind sehr stark von ihrer „Fundamentalopposition“ gegen den japanischen Imperialismus geprägt. Ein Genosse berichtete uns, dass sein Großvater Kolonialbeamter in Taiwan war, das zeitweise japanisch annektiert war. Sie sind sich der imperialistischen Verbrechen des japanischen Imperialismus vor 1945 sehr bewusst (1894 japanisch-chinesischer Krieg, 1910 Annektion Koreas, 1931 Annektion der Mandschurei).

Eine interessante Frage, die sich uns stellte, ist die, ob die Gewerkschaftspolitik der JRCL (chukakuha) eine Abart der RGO-Politik der KPD in der Weimarer Republik darstellte, da sie ausdrücklich auch die Ausbildung kämpferischer Gewerkschaften wie z.B. Doro-Chiba unterstützt. Bislang konnten wir das nicht verifizieren, den JRCL-Genossen scheint die historische RGO durchaus bekannt und sie distanzieren sich davon.

Studienbedingungen in Japan

Die Bestrebungen des Kapitals, aus universitärer Bildung wieder ein Privileg von wenigen Kindern aus vermögendem Elternhaus zu machen, sind in Japan leider schon sehr fortgeschritten. Tatsächlich sind in Japan Studiengebühren flächendeckend eingeführt. Es gibt auch private Universitäten, und zwar in breiterem Maße als in Deutschland.
An der (privaten) Hosei – Universität kosten 4 Jahre Studium z.B. 7 Millionen Yen (derzeit 1 Euro = ca. 135 Yen), in einer staatlichen Universität 500 000 Yen pro Jahr, d.h. 2 Millionen Yen für 4 Jahre. Die Umwandlung des Bildungssystems in eine Brutanstalt für kapitalistische Eliten ist also schon weit fortgeschritten.
Typische Arbeiterfamilien können es sich daher fast nicht mehr leisten, ihre Kinder auf die Universität zu schicken. Fast alle Studenten müssen nebenher arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren.
In diesem Zusammenhang fragten wir auch, ob in Japan auch alternative Lebensgemeinschaftsmodelle zur Familie gäbe. So gibt es in Deutschland ja typischerweise viele Studenten-WGs. Das scheint schon der Fall zu sein, aber nicht in einem solch breiten Maße wie in Deutschland.
Das Hauptquartier der JRCL stellt allerdings auch eine große Hausgemeinschaft dar, da dort auch einige Dutzend Genossen wohnen.
Die JRCL ging in ihren ersten Jahren in hohem Maße aus der japanischen Studentenorganisation Zengakuren hervor und es gibt bis heute eine aktive Zengakuren-Organisation, die mit der JRCL eng verbunden ist.

Schulsystem in Japan

Das Schulsystem in Japan wirkt im Unterschied zum Universitätssystem wesentlich fortschrittlicher als in Deutschland. Es gibt eine sechsjährige Volksschule, gefolgt von einer obligatorischen dreijährigen Mittelschule. Grundsätzlich freiwillig ist eine dreijährige Oberschule („High School“, Koko), die gleichwohl fást alle Schüler absolvieren.
Daraus ergibt sich eine insgesamt zwölfjährige Normalschulzeit für die meisten japanischen Jugendlichen.
Es existiert eine Ganztagsschule, zu Ferienzeiten tritt allerdings das Problem der „Schlüsselkinder“ auf.
Eine oppositionelle Schülerbewegung scheint es indes in Japan nicht in nennenswertem Umfang zu geben.

Kooperation zwischen Arbeiterrevolutionären und Berufsrevolutionären

Wir interessierten uns natürlich auch für die innere Struktur und Organisation der JRCL, die mehrere tausend Mitglieder in ganz Japan zählt. Als Kaderorganisation reicht ihr Einfluss allerdings erheblich weiter.
Die JRCL besteht nach Auskunft unserer Gesprächspartner aus Arbeiterrevolutionären und Berufsrevolutionären, wobei das Verhältnis etwa 90% zu 10 % ist.
Arbeiterrevolutionäre und Berufsrevolutionäre arbeiten eng zusammen, der hauptamtliche Apparat der Partei steht in vielfältiger Weise im Dienst der Arbeiterrevolutionäre. Die Genossen betonten, dass das Verhältnis beider Mitgliederkategorien kooperatiov und partnerschaftlich sei, und keine Unter- oder Überordnung bestehe, etwa im Sinne der Überordnung der „Hauptamtlichen“.
In der Tat hatten wir den Eindruck, daß der „hauptamtliche“ Teil der Partei vor allem aus organisatorischen Diensten besteht, die den Arbeitermilitanten zur Verfügung stehen: so gibt es Fahrdienste, Druckdienste usw.

Organisatorische Gliederungen

Neben der JRCL gibt es die Marxistische Studentenliga (Zengakuren) und den Marxistischen Jungarbeiterbund, die den jugendlichen Parteinachwuchs organisieren. Schwerpunkt dieser Schwesterorganisationen ist die Arbeit in den Gewerkschaften und Studentenvertretungen (sofern es diese überhaupt gibt).

Zentrale politische Linie der JRCL

Die Genossen bezeichneten die zentrale derzeitige politische Linie der JRCL als „Linie der klassenbasierten Arbeiterbewegung“. Demnach gilt es, eine breite Basis – Opposition gegen die Zusammenarbeit der Gewerkschaftsführungen mit Staat und Kapital zu organisieren, was vielfältige Formen annehmen kann.

Wir konnten nach diesem Gespräch (3.11.) am 5.11.2009 die Zentrale der JRCL in Tokio besuchen (die „rote Festung“) , ein ausgebautes ehemaliges Fabrikgebäude, das u.a. eine leistungsfähige Zeitungsdruckerei, eine Bibliothek etc. beherbergt und in dem auch zahlreiche Parteimitglieder in einer Art großer gut organisierten Hausgemeinschaft wohnen. Es wurde uns klar, dass eine solche politische Infrastruktur nur von einer stabilen, in der Arbéitschaft fest verankerten Partei getragen werden kann.

Written by bronsteyn

4. Januar 2012 at 3:31 am

Veröffentlicht in Japan

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Morenismus

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Das Wort Morenismus ist in Deutschland, nicht ohne Grund, fast unbekannt und nur „trotzkistischen Insidern“ ein Begriff.
In Lateinamerika dagegen ist der Terminus wohl bekannt. Die meisten trotzkistischen Organisationen dort sind aus der „morenistischen Strömung“ hervorgegangen.
Ich will mit diesem kleinen Artikel keine erschöpfende Geschichte dieser Strömung schreiben, das wäre Grund für eine wissenschaftliche Dissertation.
Als ehemaliger Mitbegründer der einzigen „morenistischen“ Gruppe, die es jemals in Deutschland gab, möchte ich doch einiges zu dieser Strömung sagen, die in Deutschland völlig verschwunden ist.
Namensgeber für diese Strömung war Nahuel Moreno, mit richtigem Namen eigentlich Hugo Blessano, dessen Lebensgeschichte in aller Kürze bei wikipedia nachzulesen ist:
http://en.wikipedia.org/wiki/Nahuel_Moreno
(Einen deutschen Eintrag in wikipedia gibt es dazu nicht, wer sollte ihn auch vornehmen?)
spanisch ausführlicher hier:
http://es.wikipedia.org/wiki/Nahuel_Moreno

Über die von Moreno initiierte „morenistische Strömung“ kann man nachgoogeln:
http://www.google.de/#sclient=psy-ab&hl=de&source=hp&q=Morenismus&pbx=1&oq=Morenismus&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=e&gs_upl=0l0l0l3808l0l0l0l0l0l0l0l0ll0l0&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.,cf.osb&fp=59afa5df962a6305&biw=1280&bih=646

Ich möchte nur aus eigener Anschauung und Erfahrung einige Thesen zu diesem Phänomen formulieren und in diesem Blog niederlegen, für alle, die mit dem Begriff etwas anzufangen wissen.

1. Das Lebenswerk Nahuel Morenos ist durchaus beeindruckend. Ergebnis seines Wirkens ist u.a., dass es auf dem lateinamerikanischen Subkontinent heute viele zehntausende Trotzkisten gibt, wo vor 50 Jahren noch ein weisser Fleck in der Landkarte war.
2. Ich schätze Moreno vor allem als revolutionären Pragmatiker, eine Charakterisierung, die ich nicht als abschätzig verstanden wissen will. Gerade unter vielen sich als Trotzkisten bezeichnenden Koriphäen mangelt es aus meiner Sicht erheblich an dem Typus des revolutionären Pragmatikers, ohne den keine Bewegung und keine Organisation wirklich lebendig und wirk-sam sein kann.
3. Sein Erbe besteht aber auch darin, dass die von ihm initiierte und nach ihm benannte Strömung unmittelbar nach seinem Tod (1987) in zahllose Splitter „explodierte“. Dies betraf in erster Linie die von ihm und seinen Leuten aufgebaute MAS in Argentinien (auch die heute noch existierende MAS ging aus dieser „morenistischen“ MAS hervor). Positiv ausgedrückt hatte er ganz offenbar eine starke charismatische und integrative Persönlichkeit. Als diese plötzlich durch Todfall wegfiel, kam es zur „Explosion“, anders ausgedrückt zur Entladung der politischen Widersprüche seiner Strömung.
4. Zu Recht distanzieren sich die meisten Organisationen, die aus dem Morenismus hervorgegangen sind, heute davon, „morenistisch“ zu sein.
5. Ich begründete mit drei anderen Personen 1980 die einzige „morenistische“ Organisation auf deutschem Boden, die Sozialistische Liga. Diese verschwand (nach zwischenzeitlicher Umbenennung in „Mauerspecht“ und dann SL/SI) endgültig spurlos und für immer um das Jahr 2000. Ich hatte mich bereits 1986 spätestens endgültig von dieser Gruppe getrennt. Die Gründe des Versagens und Scheiterns dieser Gruppe hatte ich lange Jahre (während und nach einer langen Phase der politischen Passivität ab 1992) für eine rein deutsche Angelegenheit gehalten. Davon bin ich abgekommen.
6. Ein wichtiger Konfliktfall Anfang der 80er Jahre war der Druck von Seiten der internationalen Leitung (d.h. Moreno selbst), die lambertistische Losung der „bedingungslosen Einheit Deutschlands“ zu adaptieren und sogar mit der damaligen lambertistischen Organisation (die unterdessen verschwunden ist) zu fusionieren.
Was Lambertismus bedeutet?
http://www.google.de/#pq=morenismus&hl=de&cp=12&gs_id=1j&xhr=t&q=Lambertismus&pf=p&sclient=psy-ab&source=hp&pbx=1&oq=Lambertismus&aq=0v&aqi=g-v1&aql=&gs_sm=&gs_upl=&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.,cf.osb&fp=59afa5df962a6305&biw=1280&bih=646
7. Hinzu kam ein befremdlicher Führerkult in der deutschen Gruppe, ein Führerkult, der weniger von Moreno selbst wohl so gewollt war, sondern von ehemaligen Basisaktivisten ausging, die es offensichtlich einfach nicht besser wussten. Die Unselbständigkeit solcher „Unterführer“ ging soweit, dass als Maxime galt „Wir diskutieren nur, wo wir sicher sind“ (d.h. wo wir die Rückendeckung der internationalen Leitung haben). Das war natürlich grotesk ausgerechnet in einem Land wie Deutschland, und so ist es kein Zufall, dass die SL nie die Kopfzahl von 10 Mitgliedern überschritt und nur sehr selten überhaupt erreichte. Doch solche grotesken Randerscheinungen erledigen das Thema „Morenismus“ keineswegs. Solche karrikaturhaften Entwicklungen können bei jeder Strömung auftreten, auch wenn sie für Lateinamerikaner und besonders Argentinier in gewissem Sinne typisch sind.
8. Gravierend dagegen ist ein konzeptionell-theoretisches Erbe des „Morenismus“, das vor allem bei denjenigen Strömungen sehr präsent ist, die sich explizit auf Moreno auch als Säulenheiligen der marxistischen Theorie beziehen. das wird Moreno, der aus meiner Sicht seine Stärken vor allem als revolutionärer Pragmatiker hatte, nicht wirklich gerecht.
9. Dieses verhängnisvolle konzeptionell-theoretische Erbe des „Morenismus“ besteht in der Schematisierung der Kategorien „Februarrevolution“ und „Oktoberrevolution“ und hat zum Hintergrund letztlich sehr spekulative, aber auch sehr naive Annahmen von Automatismen im Verlauf historischer Prozesse.
10. Unter einer „Februarrevolution“ verstand Moreno demokratische Massenaufstände gegen Diktaturen und Regimes analog zur Februarrevolution 1917 in Russland. Diese würden – nach einer gewissen Zeit (in Russland 1917 etwas mehr als ein halbes Jahr) – von „Oktoberrevolutionen“ ergänzt werden. Diese Schematisierung hat durchaus ihren Reiz, aber auch verhängnisvolle Konsequenzen, wenn man sie wirklich schematisch anwendet.
11. Nach „morenistischer Auffassung“ waren die Jahre ab 1980 im Prinzip bis heute durch „großartige revolutionäre Triumpfe“ gekennzeichnet. Diese Triumpfe waren (mit ein wenig Verkürzung); Iran 1979, Nikaragua 1979, der Fall der Berliner Mauer 1989, der Sturz Gorbatschows 1990 und seine Ablösung durch den Restaurations-Säufer Jelzin, die Wende in den ehemaligen Ostblockstaaten usw usf. Da nimmt es auch kein Wunder, wenn 2011 die NATO-Intervention in Libyen als „Sieg der Volksmilizen“ und großer revolutionärer Triumpf gefeiert wurde.
12. Restauration und Konterrevolution kommt bei „morenistischen“ Flachköpfen eigentlich gar nicht vor. Kapitalistische Restauration in Russland war schon vor 1990. Die blutige Konterrevolution im Iran unter den Mullahs war unwesentlich. NATO-Intervention in Libyen – spielte keine Rolle, das waren alles die „Volksmilizen“. Deutschland 1990 – ein einziger Triumpf der Revolution (Restauration? Welche Restauration?)
13. Da die Epigonen immer schlimmer sind als die Säulenheiligen, lässt sich mit gestandenen „Morenisten“ über diese Fragen auch gar nicht diskutieren. Wunschdenken ersetzt jede differenzierte Analyse. Und was das übelste ist: im Unterschied zum verstorbenen Herrn und Meister haben die Epigonen (die durchweg politische Zwerge sind) auch keine Überzeugungskraft, sondern ersetzen im Zweifelsfall Diskussion und Debatte durch Intrigen und Manöver.
14. Am Beispiel der sinnlosen Losung der „bedingungslosen Einheit Deutschlands“ vor 1990 lässt sich der „Objektivismus“ der morenistischen Schemata gut aufweisen. In den 80er Jahren wurde die Relevanz und das revolutionäre Potential dieser Losung so erklärt: das deutsche Proletariat sei geteilt, etwa so wie die beiden Hälften des Kerns einer Atombombe. Wenn das Proletariat also – ohne Vorbedingungen – wieder vereinigt werden würde, so käme es ganz unvermeidlich zur „revolutionären Explosion“ (wegen kritischer Masse und so). Wir erinnern uns: es war doch wirklich eine tolle Atombombenexplosion 1990/91 in Deutschland, nicht wahr? Es ist kein Zufall, dass jede Organisation, die sich jemals auf diese Losung in Deutschland bezog, spurlos verschwunden ist.
15. Der morenistische Schematismus geht tatsächlich implizit davon aus, es sei möglich, dass das Proletariat (wo auch immer) eine sozialistische Revolution machen könne, ohne sich dessen bewusst zu sein (also ohne es selbst zu merken).
16. Das Proletariat erscheint also aus morenistischer Sicht (wie auch der Sicht mancher anderer „trotzkistischer“ Sekten) wie ein großer Automat, an dem „man“ nur die „richtigen“ Knöpfe drücken müsse, um ihn „in Bewegung zu setzen“.
17. Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit wäre demnach auch unnötig, denn es kommt nicht auf das profane Bewusstsein des realen Proletariers, der realen Proletarierin an. Der Weltgeist des Proletariats wird es schon richten.
18. Konsequenterweise wird von Morenisten auch etwa die Verteidigung Kubas gegen eine imperialistische Aggression abgelehnt, sondern vielmehr ein „breites demokratisches Bündnis“ auch mit der kubanischen Exil-Bourgeoisie in Miami angestrebt, um die „einzige kapitalistische Diktatur Amerikas“ zu stürzen. Das ist schon mehr als ein Schritt ins Lager der imperialistischen Konterrevolution.
19.Die Lebensleistung des Menschen Nahuel Moreno aber ist unbestritten. Er war ein aussergewöhnlicher Organisator, Organisator und Propagandist, aber ihn auf eine Stufe mit Marx, Engels, Lenin und Trotzki zu stellen, wie es echte Morenisten tun, ist abwegig und wird ihm in seinen Leistungen nicht wirklich gerecht. Er kann nicht verantwortlich gemacht werden für jede Torheit seiner Epigonen.
20. Morenos Februarrevolution-Oktoberrevolution-Schema ist in dieser allgemeinen Form völlig zu verwerfen. Es gibt keinen Automatismus dieser Art. „Februarrevolutionen“ können sogar sehr schnell in Konterrevolutionen umschlagen, und es ist sinn- und zwecklos, das bestreiten oder schönreden zu wollen (Beispiel: Iran). Dieses „System“ ist ebenso falsch wie die Annahme, dass auf eine Wolke Regen folgt.
21. Der Objektivismus des Morenismus, der den subjektiven Zustand des Klassenbewusstseins fast völlig vernachlässigt, von ihm geradezu abstrahiert, ist für jede Gruppierung, die sich gedanklich darauf einlässt, letal verhängnisvoll. Dies zeigt sich oft daran, dass völlig von morenistischen Gedankenkonstrukten beherrschte Aktivisten – so habe ich es jedenfalls erlebt – das jeweils konkrete Proletariat, mit dem sie es zu tun haben, bisweilen (wenn auch hinter vorgehaltener Hand) glühend hassen und verachten. Das Proletariat ist eben kein Automat.

Written by bronsteyn

3. Januar 2012 at 2:06 am

Jahresreport zu meinem Blog

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https://bronsteyn.wordpress.com/2011/annual-report/
Ich habe bescheidene Ergebnisse, ich weiß.
Aber die Themen waren die Mühe wert, trotzdem.

Written by bronsteyn

2. Januar 2012 at 6:18 pm

Veröffentlicht in in eigener Sache

„scharf-links“ reichweitenstärkstes linkes Online-Medium

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Auch für mich waren diese Informationen auf der Webseite von scharf-links zu Silvester überraschend:
http://www.scharf-links.de/61.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=20920&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=7d86237c92

Nicht nur dass 19,2 Millionen Seitenaufrufe und 2,3 Millionen BesucherInnen für sich sprechen, von Januar (130.000 B.) bis Dezember (260.000 B.) konnte die Reichweite verdoppelt werden. ‚scharf-links’ ist damit weiterhin das reichweitenstärkste, nichtkommerzielle, deutschsprachige, linke Online-Medium.

Während meiner Zeit bei der „Linken Zeitung“ galt „Scharf-Links“ als rivalisierendes Medium, mit der verantwortlichen Herausgeberin von Scharf-Links verband den autokratischen „Chefredakteur“ der LZ eine Art Intim-Feindschaft.
Hervorgegangen war Scharf-Links aus einer Spaltung des sogenannten „Netzwerks Linke Opposition“ und damit der „Linken Zeitung“.
Die genauen Ursachen und der Verlauf dieser Spaltung lässt sich für mich nicht wirklich nachvollziehen.
Wenn jedenfalls der verantwortlichen Redakteurin von Scharf-Links zu Recht Intrigantentum vorgeworfen werden sollte, dann gilt das erst Recht für die Sektierer der „Linken Zeitung“, denn das weiß ich aus eigener Anschauung sehr genau.
Wenn ich irgendwann Zeit dafür erübrigen kann, werde ich den gesamten Vorgang meines Ausschlusses aus der LZ anhand von Mails dokumentieren. Die daran beteiligten Personen haben für mich für alle Zeiten jeden politischen Kredit verloren. Dies betrifft auch und vor allem die Sekte „Arbeitermacht“.
In typisch stalinistischer Anwendung der Technik der „damnatio memoriae“ hat man in der LZ sogar von allen meinen Artikeln, die ich je geschrieben habe, auch noch den Namen entfernt, als ob es sich dabei um „Leistungen“ des cholerischen und intriganten „Chefredakteurs“ oder einer seiner Spezis gehandelt hätte.
In grossen Teilen der Linken ist die Auffassung verbreitet, der politische Wert einer Gruppe oder Organisation würde sich an irgendeiner abstrakten „Richtigkeit“ oder „Falschheit“ von theoretischen Positionen bemessen.
Letztlich ist das ein unmarxistischer Standpunkt.
Denn genau so wenig, wie man ein Individuum danach bemessen sollte, wonach es sich dünkt (klingt wie ein Zitat, nicht wahr?) genau so wenig darf man das bei politischen Organisationen und Gruppen.
Aus Trotzkis Übergangsprogramm der 4. Internationale Losungen zu kopieren und bei jeder Gelegenheit als der Weisheit letzter Schluss zu verkünden, ist kein Garant dafür, dass es sich auch um eine wirkliche revolutionäre und marxistische Organisation handelt.
(Über den Unsinn des selbstgerechten Konzepts einer „5.Internationale“ schweige ich mich mal aus).
Mindestens genau so wichtig wie theoretische Positionen ist nämlich das konkrete Verhalten, die Praxis einer Gruppe oder Organisation.
Verbindet sie sich auf ihr mögliche Art und Weise mit konkreten Klassenkämpfen, praktiziert sie „Danketsu“ oder spielt sie nur den ewigen Besserwisser, wie ein Eunuch, der genau weiß, wie es geht, aber leider leider nicht kann, weil die „Eier“ fehlen (eigentlich ein unbedeutend erscheinender Körperteil, oder?).
Verkörpert sie das historische Ziel der Errichtung einer Räterepublik des Proletariats (der Mehrheit der Bevölkerung), und zwar nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, oder handelt es sich nur um eine wortreiche Staffage, die die eigenen intriganten Neigungen und (völlig aussichtslosen) Hoffnungen auf eine Führerschaft über das Proletariat kaschieren?
Ja, denn jede „revolutionäre“ Gruppe oder Organisation muss genau daran gemessen werden.
Selbsternannte Interessensvertreter des Proletariats gibt es wahrlich genug, wenn man von den Selbstbeschreibungen diverser Sekten ausgeht.
Doch genau diese Selbstbeschreibungen sind eine tückische Kategorie, und sie können und dürfen nicht das einzige und schon gar nicht das entscheidende Kriterium für die Einschätzung sein.
Entscheidend ist aus meiner Sicht vielmehr das, was Lenin einmal so formulierte:

Und da taucht vor allem die Frage auf: wodurch wird die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten? wodurch wird sie kontrolliert? wodurch gestärkt?
Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.
Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletariscben werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.
Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen. Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden.
Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/kap02.html
Jeder Leninist oder Trotzkist hat diese Sätze irgendwann schon einmal gelesen, aber nur Einfaltspinsel können das Primat der revolutionären Praxis in diesen Zeilen überlesen.
Denn
erstens beweist sich Ergebenheit für die Revolution, Ausdauer und Selbstaufopferung letztlich auf praktischem Gebiet; sogar Klassenbewusstsein (Bewusstsein über die Situation und den Entwicklungsstand der Arbeiterklasse und ihre historischen Aufgaben) ist letztlich eine praktische Frage
zweitens kann die Verbindung mit den breitesten (proletarischen und nichtproletarischen) Massen und die Verschmelzung mit ihnen letztlich auch nur eine praktische sein, und nicht eine nur im Kopf vorgestellte
drittens spricht Lenin von einer „verwirklichten“ politischen Führung, die durch die Avantgarde hergestellt wird, und nicht von einer im Kopf vorgestellten oder auf geduldigem Papier propagierten.
Gewiss, kleine Gruppen haben kleine Möglichkeiten, aber die geringen Möglichkeiten können auch nur praktisch, durch Eingreifen in den Klassenkampf (selbst mit äusserst beschränkten Mitteln) genutzt werden, und zwar durch praktische und unmittelbare Solidarität mit den kämpfenden Sektoren der Arbeiterklasse.
Die Genossen der japanischen JRCL (Revolutionär-Kommunistische Liga Japans) fassen das in dem japanischen Wort „Danketsu“ zusammen.

Gemessen an diesen Kriterien hat „Scharf-Links“ durchaus bedeutendes geschaffen, ob die verantwortliche Redakteurin in der Vergangenheit oder auch noch in der Gegenwart falsche Positionen hatte oder nicht, intrigant war oder nicht.
Die Bilanz für die Linke Zeitung dagegen fällt erbärmlich aus. Die erdrückende Mehrzahl der Artikel ist von externen Webseiten übernommen, hauptsächlich von Sekten wie der Arbeitermacht (die wahre Akteurin hinter den Kulissen der LZ) oder wsws.org (die Publikationen dieser in der Praxis ultrasektiererischen Gruppierung haben wenigstens als politische Analysen eine gewisse journalistische Qualität).
Von den tatsächlich noch beteiligten Gruppen oder Pseudo-„Organisationen“ an diesem „strömungsübergreifenden Projekt“ (es handelt sich um genau 3 solcher „Gruppen“) weiß ich aus eigener Anschauung, dass es sich (meiner Meinung nach, versteht sich) um unverbesserliche Sektierer und Intriganten handelt.

Von daher ist die für viele sicherlich überraschende Vorrangstellung von „Scharf-Links“ durchaus erklärbar. „Scharf-Links“ hat sich zu einem attraktiven linken Online-Medium entwickelt, und das bei einer Personaldecke, die sogar formal geringer ist als die der LZ.
Es wird wohl daran liegen, dass „Scharf-Links“ vieles richtig macht, was die Nutzung des Internets zur politischen Agitation und Propaganda angeht.
Den Kampf um Leserschaft und Aufmerksamkeit hat damit eindeutig „Scharf-Links“ gegenüber der „Linken Zeitung“ gewonnen.
8000 Besucher täglich ist in jedem Fall respektabel, und ich weiß sehr wohl, dass dazu einige wichtige Fähigkeiten gehören, zum Beispiel Ausdauer und Regelmässigkeit, Fähigkeit, sich den Massen (Lesern) anzunähern und im gewissen Sinne mit ihnen zu verschmelzen, Plattform zu bieten für dringend notwendige Debatten, lesenswerter Anlaufpunkt zu sein für Menschen, die nicht auf die Einlullungsmaschinerie der konzerngesteuerten Medien angewiesen sein wollen.

Insofern ist der Erfolg von „Scharf-Links“, bei allen möglichen Meinungsverschiedenheiten und Differenzen, durchaus verdient zu nennen.

Written by bronsteyn

2. Januar 2012 at 5:27 pm

Der Guardian vom 26.6.1950

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Written by bronsteyn

2. Januar 2012 at 3:16 am

Veröffentlicht in Geschichte, Korea-Krieg

Gegen die Ausschreibung der Berliner S-Bahn! Nein zu Schuldzuweisungen an die Beschäftigten der S-Bahn!

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Als nächster Schritt der Privatisierung der deutschen Bahn soll die Berliner S-Bahn (Tochter der DB) ausgeschrieben werden. Vulgo: eine essentielle öffentliche Dienstleistung soll privatwirtschaftlichen Profitinteressen zu Frass vorgeworfen werden. Auf Kosten der Interessen der Fahrgäste und der Beschäftigten.
Dagegen wehren sich Berliner S-Bahn-Fahrer.
Die Berliner S-Bahn darf nicht privatisiert werden.
Die Schuldzuweisungen an die S-Bahn-Fahrer wegen Verspätungen und Zugausfällen aufgrund einer (offensichtlich bewusst) verfehlten Personalpolitik müssen zurückgewiesen werden.
Sie erinnern fatal an eine Kampagne der bürgerlichen Medien in den 80er Jahren in Japan, als die Beschäftigten der Eisenbahn für die Defizite der Japanischen Staatsbahn (JNR) verantwortlich gemacht wurden. Dies bildete damals den medialen Auftakt zur Zerschlagung und Privatisierung der JNR. Die Methode, angeblich „faule“ Beschäftigte für bewusst herbeigeführte finanzielle und technische Defizite verantwortlich zu machen, hat zum Ziel, eine De-Solidarisierung zwischen den Bahn-Beschäftigten und der Öffentlichkeit, speziell den Benutzern herbeizuführen.
Diese Management-„Tricks“ sind also weder neu noch originell.
Sowohl die Öffentlichkeit als auch die Beschäftigten werden die Geschädigten sein, wenn die S-Bahn zum Spekulationsobjekt menschenfeindlicher Profitinteressen wird.
Deshalb ist frühzeitig eine breite Solidarität mit den Berliner S-Bahn-Fahrern notwendig.
Solidarität mit dem Aktionsausschuss „100 % S-Bahn“!
Dokumente hierzu:
S-Bahner Beschwerde vom 17.12.
Paula7_aktuell_Nr.30_Kommunikation_zu_Personalmangel_Tf_in_Öffentlichkeit
Silvester ohne S-Bahn?
Sonderinfo des S-Bahn-Betriebsrates
Flugblatt des Aktionsausschusses „100% S-Bahn“

Written by bronsteyn

1. Januar 2012 at 11:17 pm

Veröffentlicht in Arbeiterkämpfe, Deutschland