Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Archive for März 2012

Friedfertiger Spätkapitalismus

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Written by bronsteyn

29. März 2012 at 1:58 pm

Veröffentlicht in US-Imperium

Konzept der Basisgruppen vom Delegiertenrat der Westberliner Betriebsbasisgruppen

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Der Delegiertenrat der Westberliner Betriebsbasisgruppen hat beschlossen, eine Kampagne zum 1. Mai zu beginnen. Ihre Ziele sind

1. die kritische Überprüfung der bisherigen Ansätze zur Basisarbeit (zu diesem Zweck will eine Arbeitsgruppe eine Enquete aller bisher arbeitenden Gruppen anfertigen);

2. der Ausbau und die gezielte Neugründung von Basisgruppen;

3. Ausarbeitung strategischer Perspektiven;

4. verstärkte Organisierung der Zusammenarbeit zwischen Basis- und Universitätsgruppen.

Drei Sektoren der Arbeit haben sich bisher herauskristallisiert:

1. eine Neukonzipierung traditioneller Betriebsarbeit unter dem Begriff der Arbeiterkontrolle;

2. eine Einbeziehung bisher vernachlässigter Bereiche in die Betriebsarbeit, wie spezielle Unterdrückung der weiblichen Arbeiter, familiäre Konflikte, Sexualaufklärung, Arbeiterkommunen;

3. zentralisiertere Möglichkeiten von Arbeiterschulung. Mit der Veröffentlichung eines ersten Diskussionspapiers zur Arbeiterkontrolle möchten die Basisgruppen die Diskussion um eine zukünftige Strategie der Betriebsarbeit eröffnen. Ein Beitrag zur Konzeption einer Sex-Pol-Arbeit im Betrieb folgt in der nächsten Ausgabe der RPK.

Eine Kampagne zum 1. Mai muß zum Ziel haben, die Ansätze einer strategischen Perspektive und Organisierung der Betriebsarbeit weiterzutreiben. Sie ist also nicht an einer kurzfristigen Mobilisierung mit dem Ziel 1. Mai fixiert. Als zentrale strategische Konzeption hat sich in der Diskussion der Westberliner Betriebs-Basisgruppen der Begriff der ARBEITERKONTROLLE herausgestellt. Wichtigste Aufgabe der Kampagne wäre, in Zusammenarbeit zwischen Universitäts- und Basisgruppen das Konzept der ARBEITERKONTROLLE theoretisch zu entfalten und es auf seine konkrete Anwendbarkeit in der Betriebsarbeit zu überprüfen.

Das Konzept der ARBEITERKONTROLLE geht davon aus, daß sich heute der Interessengegensatz zwischen dem Kapital und seinen Beauftragten und den Lohnabhängigen am ehesten in der Herrschaftsstruktur der Betriebe massenhaft bewußt machen läßt. Solange die Ökonomie von privaten Profitinteressen und vom Markt bestimmt ist, kann Teilhabe an der Macht für die Arbeiter nur bedeuten, Mitverantwortung zu übernehmen, wo sie die entscheidenden Regulatoren der Ökonomie (Profitverteilung und Marktmechanismen) nicht kontrollieren können. Wie sich am schlagendsten am Beispiel von Entlassungen zeigt, dient die gegenwärtige institutionalisierte Vertretung der Arbeiter im Betrieb wesentlich dazu, Konflikte im Interesse der Unternehmer nicht offen ausbrechen zu lassen. Ob entlassen wird, richtet sich ausschließlich nach den Interessen des Kapitals; die Arbeitervertreter können lediglich die Modalitäten der Entlassung dämpfend und damit verschleiernd beeinflussen. Sie handeln damit objektiv als Vertreter der Macht der Unternehmer und nicht als Repräsentanten der Arbeitermacht. Die bestehenden Mitbestimmungsinstitutionen sind so konstruiert, daß den Arbeitervertretern, solange sie sich an den legalen Rahmen ihrer Tätigkeit halten, nichts anderes übrigbleibt, als letzten Endes die Logik der kapitalistischen Ökonomie anzuerkennen, nach der Entlassungen aus Profitrücksichten von Zeit zu Zeit eben unumgänglich sind. Die bestehenden Institutionen erlauben es den Arbeitern also nicht, ihre Interessen wirkungsvoll durchzusetzen.

Die in diesem Zusammenhang wichtigsten Bestimmungen des Betriebsverfassungsgesetzes binden den Betriebsrat, den Betriebsfrieden zu wahren, d.h. keine Arbeitskämpfe zu führen. Damit kann bei einem Konflikt zwischen den Interessen der Unternehmer und denen der Arbeiter die Macht der Arbeiter als solidarische Aktion nicht legal ins Feld geführt werden. Dem Betriebsrat ist es außerdem untersagt, wirtschaftliche Informationen gegen den Willen der Betriebsleitung an die Arbeiter weiterzugeben. Es entfällt also die Grundbedingung für jede wirksame Kontrolle der Maßnahmen der Geschäftsleitung, soweit diese mit ökonomischen Notwendigkeiten begründet werden: die umfassende Information der Arbeiter. Da die Betriebsräte auf drei Jahre gewählt und zwischendurch von ihren Wählern nicht abberufen werden können, ist die Möglichkeit äußerst eingeschränkt, sie im Konfliktfall zur kompromißlosen Vertretung der Arbeiterinteressen zu zwingen. Die Bindung der Arbeiter -Vertreter an die Legalität, die von der kapitalistischen Staatsmacht und ihren Institutionen geschützt wird, verfestigt das institutionelle und legalistische Denken bei den Arbeitern und fördert ihre Resignation.

Demgegenüber ist eine Strategie des Betriebskonfliktes notwendig, die dazu beiträgt, das Bewußtsein der Arbeiter von ihrer eigenen Macht zu entwickeln. Der Macht der Unternehmer, im Interesse des Kapitals zu bestimmen, wie die Produktion reguliert und organisiert werden soll, muß systematisch die Macht der Arbeiter entgegengestellt werden, die als Endziel die Organisierung der Produktion im Sinne einer Bedürfnisbefriedigung aller Arbeitenden haben muß. In diesem Sinne bedeutet ARBEITERKONTROLLE den Kampf darum, den Unternehmern ihre alleinige Verfügungsgewalt zu entreißen und sie der Kontrolle der Arbeiter zu unterstellen. Die Resignation und Ohnmacht der Arbeiter, die in Deutschland historisch vor allem durch die Niederlage der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus begründet ist, läßt sich in der Produktion nur dort durchbrechen, wo die unmittelbaren Erfahrungen der Unterdrückung gemacht werden: am Arbeitsplatz. Der Kampf muß deshalb dort ansetzen.

Ein Beispiel für ARBEITERKONTROLLE auf dieser unteren Ebene ist die Forderung nach Wahl der Vorarbeiter durch das Arbeitsteam . Das kann vor allem dort eine mobilisierende Wirkung haben, wo durch das Gruppen-Akkord-System die Vorarbeiter unmittelbaren Einfluß auf Arbeitstempo und Lohnverteilung haben. Mit dieser Forderung würde ein entscheidendes Vorrecht der Unternehmensleitung, die Vorgesetzten zu ernennen, in Frage gestellt.

Der Kampf um ARBEITERKONTROLLE muß ständig ausgedehnt werden, um einer Festlegung auf einen institutionalisierten Rahmen und damit auf Bedingungen der Kapitalbeauftragten zu entgehen. Im obigen Beispiel wäre es denkbar, daß eine „aufgeklärte“ Unternehmensleitung den Arbeitern nach längerem Kampf das Recht auf Wahl der Vorarbeiter zugesteht. Es kommt also darauf an, im Verlauf des Konfliktes bereits weiterführende Forderungen aufzustellen und das Bewußtseinspotential, das im Kampf entstanden ist, für den Kampf auf einer erweiterten Stufe zu nutzen. Dieses Weitertreiben ist Aufgabe der bewußten Kader im Betrieb. Ihre Schulung und Organisierung ist die Hauptaufgabe der Betriebs-Basisgruppen. Ein weiteres Beispiel soll zeigen, wie dieses Weitertreiben aussehen könnte.

In einem Großbetrieb sollen Überstunden gemacht werden. Der Betriebsrat hatte zugestimmt. Eine Gruppe von Arbeitern weigerte sich, der Überstundenregelung zuzustimmen, falls nicht u.a. eine wesentlich höhere Überstundenprämie gezahlt, ein zusätzlicher Jahresurlaub gewährleistet und die Überstundenaktion auf zwei Monate beschränkt würde. Da die Arbeiter meinten, daß die häufig notwendig werdenden Überstunden auf eine Fehlplanung der Geschäftsleitung zurückzuführen sei, forderten sie außerdem eine Kontrolle aller betroffenen Arbeiter über die Arbeitsorganisation. – Die Firmenleitung ging auf diese Forderungen nicht ein, und die Arbeiter verweigerten jegliche Überstunden. Nach einer Woche gestand die Firmenleitung einen Kompromiß zu, wonach eine höhere Prämie gezahlt und die Überstunden auf zwei Monate beschränkt wurden. Bei dem bestehenden Bewußtseinsstand der betroffenen Arbeiter war ein Kampf um die Forderung nach Kontrolle der Arbeitsbedingungen noch nicht konkretisierbar. Es kommt aber trotzdem darauf an, in jedem Konflikt derartige Forderungen zu erheben. Wie das Beispiel englischer Shop Stewards (gewählte Vertrauensleute der Arbeiter) zeigt, führt die Ausdehnung des Kampfes und des Bewußtseinsstandes der Arbeiter dazu, daß derartige Forderungen nach ARBEITERKONTROLLE selbst zum Gegenstand des Kampfes werden.

Um diese ständig weitertreibenden Forderungen klar als Etappen auf dem Weg zum Ziel – einer sozialistischen Gesellschaft – zu erkennen, muß den Kadern dieses Ziel selbst klar sein. Arbeiterkontrolle darf für sie kein Selbstzweck sein, sondern deren strategische Aufgabe besteht in der ständigen Erweiterung des Bewußtseins und der Organisierung der Arbeiterklasse. Errungene Machtpositionen dürfen deshalb nicht legalisiert werden, sondern gerade ihre ausschließliche Fundierung auf der Kampfbereitschaft der Arbeiter schafft das Bewußtsein, das in politischen oder ökonomischen Krisen als Doppelherrschaft im Betrieb realisiert werden kann (was z.B. im Mai 68 in Frankreich den Arbeitern wegen ihres noch von bürokratischen Apparaten gefesselten ökonomistischen Bewußtseins nur in Ansätzen gelungen ist.) Dabei sind im Verlauf des Kampfes um ARBEITERKONTROLLE wesentliche Elemente der Arbeiterdemokratie unumgänglich, um diesen Kampf zu führen: Schaffung einer Öffentlichkeit unter den Arbeitern, Kontrolle und ständige Abberufbarkeit der Beauftragten, direkte Aktion als Kampfinstrument. Arbeiterkontrolle heißt noch nicht Selbstbestimmung der Arbeiter, die erst in einer demokratisch geplanten Ökonomie verwirklicht werden kann, sondern sie ist der Weg dorthin, in dessen Verlauf sich die politische Machtübernahme der Arbeiterklasse als unumgängliche Notwendigkeit ergibt. Im Konzept der ARBEITERKONTROLLE ist die Verbindung zwischen Tageskampf und dem Ziel einer Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische strategisch hergestellt. In jedem simplen Lohnkonflikt läßt die Forderung nach Arbeiterkontrolle die kapitalistische Herrschafts-Struktur als anzugreifendes Ziel hervortreten. Arbeiterkontrolle ist damit im Gegensatz zum verschleiernden Begriff der Mitbestimmung ein Entlarvungsbegriff.

Editorische Anmerkung

Der Artikel erschien in der Roten Pressekonrrespondenz Nr. 5, Westberlin 21.3.1969. S. 1f

OCR-Scan red. trend

Quelle:

http://www.trend.infopartisan.net/trd7810/t067810.html

Hervorhebungen in fett von mir, Bronsteyn

Written by bronsteyn

21. März 2012 at 5:37 pm

Maizeitung des Klassenkämpferischen Blocks Berlin

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Written by bronsteyn

21. März 2012 at 3:12 pm

Veröffentlicht in Klassenkampf Inland

Anhänger des „Bochumer Programms“ sind davon überzeugt, dass Arbeit in der klassenlosen Gesellschaft ein äußerer Zwang bleibt und niemals Genuss wird

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Entgegen der Tatsache, dass Marx in den Grundrissen explizit von der travail attractif als der Selbstverwirklichung des Individuums spricht und Fourier das Verdienst zuspricht,

die Aufhebung nicht der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höhre Form als ultimate object ausgesprochen zu haben

kontruiert Wal Buchenberg einen Gegensatz zwischen Fourier und Engels einerseits und Marx andererseits.

Leider aber hat er die entsprechenden von ihm zitierte Textpassage nicht nur verstümmelt, sondern auch in ihrem Zusammenhang nicht wirklich begriffen.

Marx sagt explizit, dass anziehende Arbeit nicht unbedingt ein Vergnügen, ein Amüsement ist und nennt als Beispiel das Komponieren.

Grundsätzlich aber bejaht er das „letzte Ziel“ der Ersetzung der Zwangsarbeit durch die anziehende Arbeit.

Die Vertreter der „dezentralen Bedarfswirtschaft“ als ultima ratio aber können sich offensichtlich eine auf insgesamt anziehender Arbeit (die nicht unbedingt ein Vergnügen ist) gar nicht vorstellen.

Wie darf man sich dann einen „dezentralen Bedarfs-Arbeitszwang“ vorstellen?

http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=6782

Written by bronsteyn

21. März 2012 at 1:02 pm

Umfrage zur Forderung der Wählbarkeit aller Vorgesetzten in verstaatlichten Betrieben

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Die Frage:
Macht es einen Unterschied, ob die Forderung nach Verstaatlichung (z.B. von Banken) mit dem Zusatz der Wählbarkeit der Vorgesetzten durch die Beschäftigten gestellt wird oder nicht? 

Written by bronsteyn

19. März 2012 at 2:27 pm

Asiatische Produktionsweise – Thesen

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Die folgenden Notizen sind Ausdruck eines Klärungsprozesses bei mir selbst.

Neben Urkommunismus, Sklaverei, Feudalismus und Kapitalismus nennen Marx und Engels an einigen Stellen auch die asiatische Produktionsweise als eine der (jeweils zu Beginn ihrer Zeit) progressiven Epochen der Menschheitsgeschichte.

Speziell die asiatische Produktionsweise ist Gegenstand des Interesses vieler antistalinistischer Marxisten.

Manche versuchen aus der Existenz der asiatischen Produktionsweise in der menschlichen Geschichte auch eine Theorie für den Stalinismus herzuleiten.

Die meisten dieser „Ableitungen“ (z.B. bei Dutschke oder Rizzi) sind aus meiner Sicht fehlerhaft und basieren auf der Unkenntnis der asiatischen Produktionsweise.

Folgende noch vorläufige Thesen zur asiatischen Produktionsweise:

1. Die asiatische Produktionsweise ist in der menschlichen Geschichte keine marginale, sondern flächendeckende Erscheinung. Lediglich in Europa und Japan tritt sie markanterweise nicht auf (oder wenn dann nur mit einigen Überbauphänomenen).

2. Die asiatische Produktionsweise basiert auf dem Gruppen- konkreter Sippeneigentum an Grund und Boden, oder sogar noch auf dem Grundsatz des Gemeineigentums an Grund und Boden, der nur zeitweise an private Gruppen zur Nutzung übergeben wird. Die zahlenmässig und in der Produktion absolut dominierende Klasse sind die Bauern.

3. Die asiatische Produktionsweise ist idealtypisch charakterisiert durch die Existenz einer Kaste von Beamten. Dies kann viele Erscheinungsformen haben, am deutlichsten wird es bei der klassischen Beamtenhierarchie des antiken China.

4. Diese Beamtenhierarchie verdankt ihre Existenz einem gesellschaftlichen Konsens. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Amt. Das ist beispielsweise ein wesentlicher Unterschied zur Sklaverei, da davon ausgegangen werden kann, dass die Sklavenklasse kaum ihre Existenz einem Konsens verdankte, dem sie zugestimmt hatte.

5. Ein weiteres, durchaus auch wesentliches Merkmal der asiatischen Produktionsweise ist die asiatische Despotie, welche in aller Regel sich als eine erbliche Dynastie manifestiert. Obwohl die asiatische Despotie in aller Regel im wesentlichen gewaltsamen und unterdrückerischen Charakter trägt, ist auch ihre Existenz im Grundsatz das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konsenses innerhalb der Bauernklasse.

6. Innerhalb der asiatischen Produktionsweise können sich immer wieder auch mehr oder minder starke Aspekte anderer Produktionsweisen entwickeln, so vor allem Feudalismus (basierend auf dem Grundeigentum an Produktionsmitteln und dem Wachstum einer Sub-Klasse von Großgrundbesitzern), vereinzelt auch Sklaverei, später aber auch bürgerlicher Produktionsweise (Händler, Handwerker).

7. Die Beamtenkaste wurde von einigen marxistischen Theoretikern, die sich mit der Frage beschäftigen, als herrschende Klasse in der asiatischen Produktionsweise bezeichnet. Das ist aber falsch, denn die Beamtenkaste ist KEINE KLASSE im dem Sinne, wie dieser Begriff von Engels und vor allem Marx verwendet wurde. Die Beamtenkaste ist (in aller Regel) nach unten offen und an den Status des Beamten ist direkt auch kein Besitz an Produktionsmittel gebunden. Es ist im Grunde stets eine funktionelle Hierarchie, die nicht durch eine bestimmte Form des Eigentums an Produktionsmitteln gekennzeichnet ist.

8. Grundsätzlich ist nicht jede politisch herrschende organisierte Gruppierung deswegen eine eigene ökonomische Klasse. Es wäre sinnlos, beispielsweise die zeitweise China beherrschenden Eroberer (Mongolen, Mandschus) wegen ihrer politischen Dominanz zu jeweils einer eigenen „neuen Klasse“ zu erklären.

9. Jeder Ansatz, die stalinistische Bürokratie deswegen zu einer „neuen Klasse“ zu erklären, weil die Analogie zur asiatischen Produktionsweise das nahelegen würde, ist deshalb falsch, weil die Bürokratie auch in der asiatischen Produktionsweise KEINE herrschende Klasse war. Sie war gar keine Klasse, sondern ein grundsätzlich auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhender Apparat, ein Amt. Die asiatische Despotie, grundsätzlich ebenfalls (in aller Regel) auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhend, stellte das Leitungsorgan dieses Apparates dar. Die speziell der chinesischen Geschichte innewohnende Tendenz zum „dynastischen Zyklus“ zeigt dies deutlich. Die chinesische Geschichte kennt mehrere erfolgreiche Bauernrevolutionen gegen „entartete“ Dynastien, die stets mit der Einführung einer neuen Dynastie endete. In diesen Prozessen wurden meist die Ansätze zur Feudalisierung (Dominanz des Großgrundbesitzes) wieder rückgängig gemacht.
Ein chinesisches Sprichwort bringt diesen Zusammenhang deutlich zum Ausdruck:

„China wird regiert vom Kaiser durch die Armee, von den Beamten durch die Gesetze, vom Volk durch seine Geheimgesellschaften“.

Um diesen Spruch wirklich zu verstehen, muss man von der überragenden Bedeutung der bäuerlichen Geheimgesellschaften in China wissen, die meistens religiös am Taoismus oder auch am Buddhismus orientiert (Shaolin-Legende) über lange Strecken die chinesischen Geschichte entscheidend prägten.

10. Die Notwendigkeit der asiatischen Despotie rührte daher, dass es der über riesige Räume verteilten Bauernklasse in aller Regel nicht anders möglich war, den eigenen politischen Willen zum Ausdruck zu bringen als durch die Einsetzung einer kontrollierenden Despotie (Dynastie). Hinzu kommen meistens essentielle Aufgaben von Bürokratie und Despotie in der Organisation der Produktion: Vorratsbildung (altes Ägypten), Bewässerungssysteme (hydraulische Gesellschaften), Landesverteidigung.

11. Die asiatische Produktionweise entstand zwar direkt aus der klassenlosen Urgesellschaft, war aber selbst nicht klassenlos. Zum einen entstanden in ihrem Schoss immer wieder Ansätze zum Feudalismus (Großgrundbesitz), zum anderen entstand sie oft aus einem tatsächlichen Klassengegensatz zwischen Ackerbauern und viehzüchtenden Nomaden. Viehzüchtenden Nomaden ist etwa der Gedanke an Grundeigentum völlig fremd, Ackerbauen dagegen kennen bereits das eingeschränkte Eigentum an Grund und Boden, und sei es in Form des Sippeneigentums oder des Kollektiveigentums der gesamten Staatsangehörigen am Grund und Boden (z.B. bei den Inkas).

12. Der Staat in der asiatischen Produktionsweise ist durchaus ein Staat im Sinne von Marx und Engels, eine besondere unterdrückerische Maschine, eine Formation bewaffneter Menschen zur Niederhaltung anderer Menschengruppen. Insbesondere Chinas Geschichte ist von den Abwehrkämpfen der Ackerbauern gegen die räuberischen Nomaden aus dem Norden bestimmt (diese erkannten ja ein Grundeigentum nicht an).

13. Herrschende Klasse in der asiatischen Produktionsweise ist grundsätzlich die Bauernklasse, die ihre Interessen durch die Beamtenhierarchie und die asiatische Despotie zum Ausdruck zu bringen versucht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass auch andere Kräfte immer wieder versuchten, die Beamtenhierarchie und die sie führende Despotie unter Kontrolle zu bringen. Hier sind besonders zu nennen: militärisch überlegen organisierte Eroberer der nördlichen nomadischen Steppenvölker; die immer wieder im Schoß der asiatischen Produktionsweise entstehende Gentry (als Übergangsform) und der Großgrundbesitz. Beiden Kräften gelang es auch immer wieder, den von der Bauernklasse geschaffenen Beamtenapparat durch die Einsetzung eigener Dynastien zumindest zeitweise (durchaus auch manchmal mehrere Generationen lang) unter Kontrolle zu bringen. Doch jede dieser Dynastien wurde regelmässig auch wieder gestürzt, und sehr häufig durch eine Bauernrevolution, die eine neue Dynastie begründete (besonders typisch: der Sturz der Mongolenherrschaft durch bäuerliche Geheimgesellschaften wie den „Weissen Lotos“ und die Begründung der Ming-Dynastie).

14. Aspekte der asiatischen Produktionsweise sind – mit Ausnahme von Europa und Japan – auf der gesamten Welt zu finden und prägten sich unterschiedlich aus. In allen Fällen fand auch eine Überlagerung durch andere Produktionsweisen mit unterschiedlicher Stärke statt, was den Blick auf die grundsätzliche Existenz dieser Produktionsweise im Einzelfall durchaus verstellen kann.
Asiatische Produktionsweise kam so zum Beispiel ausser in China auch in folgenden Gesellschaften vor:
– sehr stark bei den Inkas
– abgeschwächt bei den Aztheken und den Mayas
– in den frühen islamischen Reichen (Kalifate)
– in Indien bis zur Ankunft der englischen Kolonialisten (durchsetzt mit starken feudalen Elementen)
– in Korea (feudal überlagert)
– in Vietnam und gesamt Südostasien (auch hier mit feudalen Elementen)
– in vielen altafrikanischen Hochkulturen
– im alten Ägypten bis zur Überlagerung mit Elementen der Sklavenhaltergesellschaft im Rahmen der römischen Eroberung
– auch das Osmanische Reich war im Kern eine asiatische Despotie auf der Grundlage von Kernelementen der asiatischen Produktionsweise, schloss aber durch seine militärische Macht und seine Ausdehnung weiteste Gebiete anderer Produktionsweisen ein (darunter ausdrücklich auch die Sklaverei)

Written by bronsteyn

18. März 2012 at 1:18 pm

Veröffentlicht in Geschichte

Nachbemerkung zur Forderung der Wählbarkeit der Vorgesetzten in einem verstaatlichten Betrieb

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Eine wichtige Erläuterung zu folgendem Aufsatz:

 https://bronsteyn.wordpress.com/2012/03/14/verstaatlichung-unter-arbeiterkontrolle-konkretisieren/

Die kapitalistische Produktionsweise ist dadurch gekennzeichnet, dass die Organisationsform der Betriebes im wesentlichen auf dem Stabliniensystem basiert.

Stabliniensystem:

http://de.wikipedia.org/wiki/Stabliniensystem

Diese Organisationsform wurde aus dem Militärwesen übernommen, wo sie bereits in der Antike auftauchte.

In der kapitalistischen Produktionsweise löste sie die aus dem Feudalismus stammenden patriarchalen Strukturen wie Z.B. die Manufakturorganisation (Meister-Geselle-Lehrling) ab.

Auch der Stalinismus kannte als seine wesentliche Organisationsform die Stablinienorganisation, nicht nur in der Sphäre der Produktion.

Auch die Bolschewistische Partei (KPdSU) wurde im Zuge des Stalinisiserungs- und Bürokratisiserungsprozesses de facto in eine Stablinienorganisation umgewandelt (in den 30er Jahren vollendet).

In jeder Hinsicht ist eine Stablinienorganisation gekennzeichnet durch den „top-down“-Charakter der sozialen Beziehungen, d.h. übergeordnete Stellen in der Hierarchie geben nach unten Weisungen und Anordnungen, denen Folge geleistet werden muss. Nicht umsonst heissen direkte Vorgesetzte in der reinen Linienorganisation auch „Disziplinarvorgesetzte“, d.h. sie haben die Macht, untere Ebenen nach Vorgaben der oberen Ebenen zu „disziplinieren“.

Mit der Forderung der Wählbarkeit der Vorgesetzten (auf allen Hierarchieebenen) kommt nun wesentlich ein „bottom-up“-Aspekt hinzu. Die Vorgesetzten werden nämlich durch die Untergebenen gewählt.

Dadurch bleibt die top-down-Struktur in fachlicher Hinsicht prinzipiell vorhanden, wo sie sinnvoll ist. Die Interessen aber, die in der Hierarchie zum Ausdruck kommen, ändern aber  „ihre Richtung“, es dominieren nämlich tendenziell die Interessen von unten.

Wenn Lenin von der  Abschaffung des „Kommandierens“ spricht und Engels von der Unterscheidúng in Architekt und Karrenschieder (und die Aufhebung dieser Unterscheidung im Sozialismus), da meinen beide das Stabliniensystem.

Dass sie beide diesen Begriff nicht wörtlich verwendeten, liegt an der schlichten Tatsache, dass dieser Begriff (nicht seine konkrete praktische Erscheinung) erst 1916 zu einem Begriff der kapitalistischen Managementlehre wurde.

http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Fayol

Auf der Ebene der Organisation der Produktion ist die Überwindung der Stablinienorganisation eine zentrale Aufgabe des Sozialismus. Aber auch schon im revolutionären Prozess spielt die Auflösung der Stablinienorganisation eine unverzichtbare Rolle, z.B. bei der Wählbarkeit der Vorgesetzten in einem zerfallenden Militärapparat (1917 Russland, 1918 Deutschland).

Der Stalinismus war zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die Stablinienorganisation zu überwinden, weil sie auch die eigentliche soziale Struktur der eigenen Existenz (als parasitäre bürokratische Kaste) war. Im Gegenteil zwang der Stalinismus dem Arbeiterstaat Russland ab 1929 die Stablinienorganisation erst so richtig und überaus gewaltsam auf.

Die Wiedereinführung von Stablinienorganisationen in der Roten Armee während des Bürgerkrieges war eine den Umständen und Notwendigkeiten dieses Krieges geschuldete Tatsache.

Die Umwandlung des Rätesystems aber in ein faktisches Stabliniensystem (die Parteibürokratie bestimmt von oben die Zusammensetzung der Räte bei rein formaler „demokratischer Akklamation“ von unten) war der  entscheidende Teilprozess der Degeneration (Degeneration= Abweichen vom ursprünglichen Zweck).

Bürokratisch degenerierte und bürokratisch deformierte Arbeiterstaaten sind also wesentlich durch die Fortdauer von Stabliniensystemen geprägt, einer vom Kapitalismus ererbten Struktur.

Zentrales Anliegen einer politischen Revolution z.B. in Kuba muss entsprechend auch die Auflösung der Stablinienorganisation als Organ der politischen Willensbildung sein.

Ich hoffe, ich muss nicht ausführlich erklären, dass z.B. eine Feuerwehr im Einsatz praktischerweise immer als Stablinienorganisation organisiert sein wird.

Written by bronsteyn

18. März 2012 at 11:53 am