Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

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Eine Randnotiz zur Sekte Arbeitermacht und Edith Bartelmus-Scholich

with 2 comments


Bei der Durchsicht der vielen Diskussionsbeiträge zum „NAO“-Diskussionsprozess bin ich auf einen Punkt gestossen, der mir eine Randnotiz wert scheint.

Juli 2011 schrieb Edith Bartelmus-Scholich, die Herausgeberin und leitende Redakteurin von scharf-links, folgende Zeilen:

„Heute erreicht die antikapitalistische Linke, die meisten Menschen kaum und ihre Praxis ist sehr oft wenig anziehend . Noch 17 Jahre nach dem Ende der Systemkonkurrenz und unter den Bedingungen eines neoliberalen Rollback des Kapitalismus wurde keine Programmatik erarbeitet, die wirklich überzeugt. Die Linke hat es in Jahrzehnten nicht geschafft, ein Bild von einer Welt jenseits des Kapitalismus zu entwerfen. … In den Vorbereitungsbeiträgen marxistischer Wissenschaftler zur Konferenz „Marxismus für das 21. Jahrhundert“ in der Jungen Welt wurde heraus gestellt, woran es mangelt: Es fehlt der antikapitalistischen Linken an z.B. einer Theorie der gewaltfreien Konfliktlösung, einer politischen Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft, einem Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie und einer Theorie herrschaftsfreier Institutionen. „(3)
http://www.scharf-links.de/61.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=17550&cHash=3ca23610ce

Auf diese Zeilen bezogen schrieb die Gruppe Arbeitermacht in ihrem Diskussionsbeitrag folgendes:

In der bisherigen Debatte haben wir auch ein Verständnis gefunden, welches recht stark mit unserem kollidiert. Edith Bartelmus-Scholich meint: „Es fehlt der antikapitalistischen Linken an z.B. einer Theorie der gewaltfreien Konfliktlösung, einer politischen Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft, einem Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie und einer Theorie herrschaftsfreier Institutionen.“
An einer gewaltfreien Konfliktlösung sollten wir beim anzustrebenden Bruch mit Kapital und Staat besser gar nicht arbeiten – das tun schon zu viele, die gar nicht dieses Ziel haben. Ebenso müssen wir gegenüber der imperialistischen Anarchie die Planwirtschaft konzeptionell verteidigen – nicht die bürokratisierte, sondern die geplante Wirtschaft nach den Bedürfnissen und Erfordernissen der ProduzentInnen und KonsumentInnen. Ebenfalls sollten wir die „Partizipationsmöglichkeiten“ einer Räterepublik sehr bewusst gegen diese bürgerliche Demokratie stellen und herrschaftsfreie Institutionen überlassen wir dann dem „Verein freier Menschen“ wie Marx mal die klassenlose Gesellschaft, den Kommunismus nannte.

http://arschhoch.blogsport.de/2011/09/07/neue-antikapitalistische-partei-zur-diskussion-in-schoeneberg-und-anderswo/

Das klingt schön revolutionär und orthodox, ist es aber nicht.
Mir geht es hier um ein wichtiges Detail in der Argumentation.

Die gesamten politischen Auffassungen von Edith Bartelmus-Scholich kenne ich nicht und habe auch keinen Anlass, diese in Unkenntnis zu verteidigen. Freilich weiß ich dunkel über die persönlichen Zerwürfnisse speziell zwischen der Gruppe Arbeitermacht und Edith Bartelmus-Scholich Bescheid, aber die will ich gar nicht thematisieren.

Mir fällt die Unredlichkeit der Gruppe Arbeitermacht in ihrer Argumentation auf.

Denn zumindestens in den zitierten Zeilen hat Edith Bartelmus-Scholich ja gar nicht geschrieben, dass sie eine „gewaltfreie Konfliktlösung beim anzustrebenden Bruch mit Kapital und Staat“ befürwortet.

Dieses Detail ist wichtig, denn es offenbart den grundsätzlichen Charakter der Gruppe Arbeitermacht als pseudorevolutionäre Sekte.
Sie unterstellt (wohl motiviert, der „Rivalin“ eins „auszuwischen“), dass sich Edith Bartelmus-Scholich auf das Verhältnis zwischen Arbeiterklasse und Kapital bezieht, also zwischen Klasse und Klasse.

Was sie aber faktisch geschrieben hat, ist dass der antikapitalistischen Linken folgendes fehlt:
– eine Theorie der gewaltfreien Konfliktlösung
– eine politischen Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft
– ein Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie
– eine Theorie herrschaftsfreier Institutionen

Und da hat sie faktisch einfach recht.

Gewiss mag man ihr vorhalten können, dies nicht deutlich genug darauf bezogen zu haben, dass diese Elemente zu einer sozialistischen Übergangsgesellschaft (also einer Gesellschaft, in der die Klassen aufgehoben sind), wesentlich dazu gehören.

Der Reihe nach:

Gewaltfreie Konfliktlösung

Gewaltfreie Kommunikation ist ein Kommunikationskonzept, entwickelt von Marshall Rosenberg.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation
Es handelt sich um eine praktische Methode der Gesprächsführung, die die Kommunikation zwischen Menschen verbessern soll, die grundsätzlich gleiche oder wenigstens ähnliche Interessen haben.
In einer klassenlosen Gesellschaft, aber selbst vorher innerhalb der Klasse des Proletariats im Kampf sind solche Techniken durchaus notwendig und nützlich, wie es umgekehrt beispielsweise auch Kampftechniken gibt.
Kampftechniken zu kennen bedeutet nicht unbedingt, sie anzuwenden, was aber auch für die gewaltfreie Kommunikation gilt.
Für ganz Dumme: wenn ich weiß, wie ich zuschlagen muss, wenn es notwendig ist, dann bedeutet das nicht, dass ich auch zum zuschlagen verpflichtet bin, aber umgekehrt beinhaltet das Wissen über gewaltfreie Kommunikation auch keine Verpflichtung, es jederzeit und überaLL einzusetzen.
Eine psychologische Kommunikationsmethode definiert nicht Verhältnisse zwischen gesellschaftlichen Klassen und es ist auch nicht zwingend, wann sie anzuwenden ist.
Ebenso gut könnte man jeglichen Methoden in Psychologie, allen Wissenschaften oder selbst der Technik zum Vorwurf machen, sie würden ja auch von Kapitalisten in ihrem Interesse angewendet.
Frage an die Sekte Arbeitermacht: Wie hält sie es denn beispielsweise mit dem Gewaltverzicht innerhalb der Arbeiterbewegung?

Politische Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft

Die Frage ist ernster als sie aussieht, vor allem weil die kapitalistische Propaganda die Frage Marktwirtschaft oder Planwirtschaft zu einer Grundsatzfrage Kapitalismus oder „sonst keine Alternative“ gemacht hat.
Ich bin in diesem Aufsatz auf die Frage eingegangen:
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/02/23/faule-arbeiter-karl-eugen-duhring-und-die-ddr-3/
Natürlich kennt die Arbeitermacht das Konzept der anziehenden Arbeit nicht, das Engels gegen einen Eugen Dühring verteidigte, wie auch ihr gesamtes Marxismus-Verständnis sehr dürftig ist und im wesentlichen aus Zitate-Klauberei besteht.
Ich bin ganz und gar dagegen, die Frage einer zentralistischen Planwirtschaft positiv oder negativ zu fetischieren. Sozialismus auch auf der Basis von Räten kann nur eine Übergangsgesellschaft zum Kommunismus sein, und dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die anziehende Arbeit an die Stelle der Zwangsarbeit tritt. Auch eine zentralistische Planwirtschaft kann daher auch nur ein Übergang sein, und insofern hat Edith Bartelmus-Scholich recht.

Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie

Ich habe im oben genannten Aufsatz
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/02/23/faule-arbeiter-karl-eugen-duhring-und-die-ddr-3/
darauf hingewiesen, wie wichtig die Frage nach der Organisation der Produktion nicht nur im Kapitalismus, sondern auch in der Übergangsgesellschaft ist. Dabei unterstellte ich den meisten linken „subjektiven Revolutionären“ eine Fixierung auf die Stablinienorganisation, welche im 19. Jahrhundert aus dem Militärwesen hervorgegangen ist. Eine wichtige Frage ist, ob es Alternativen zum Stabliniensystem gibt, worauf auch Lenin (in „Staat und Revolution“) hinwies:
Engels faßt aber den demokratischen Zentralismus keineswegs in dem bürokratischen Sinne auf, in dem die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologen, darunter auch die Anarchisten, diesen Begriff gebrauchen. Der Zentralismus schließt für Engels nicht im geringsten jene weitgehende lokale Selbstverwaltung aus, die, bei freiwilliger Wahrung der Einheit des Staates durch die „Kommunen“ und Provinzen, jeden Bürokratismus und jedes „Kommandieren“ von oben unbedingt beseitigt.
„Kommandieren von oben“ ist ein Synonym für die Stablinienorganisation, wobei es diesen Begriff als Kategorie der Organisationslehre noch nicht gab, als Lenin diese Zeilen schrieb.
Im 21. Jahrhundert existieren aber sehr wohl Organisationskonzepte jenseits der Stablinienorganisation, z.B. das System überlappender Gruppen von Rensis Likert oder das SEMCO-System.
Eine großmäulige Sekte wie Arbeitermacht glaubt, sich mit solchen Dingen nicht beschäftigen zu müssen.

Theorie herrschaftsfreier Institutionen

Wenn die Sektierer der Arbeitermacht Charles Fourier kennen würden, und den Einfluss, den dieser utopische Sozialist auf das Denken von Marx und Engels hatte, dann wüssten sie, dass diese Frage wichtig ist.

Engels schreibt 1943:
Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (…) daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (…), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken. Er (…) zeigt die Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (….) die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf.

Wie? Was? „Anziehende Arbeit“? Jeder darf „seinen Neigungen folgen“? Was ist denn das für ein Blödsinn?

So reden Menschen, die ausser den Überschriften der Bücher und Kapitel des Marxismus weitgehend unkundig sind, aber meinen, sie müssten der Welt die revolutionäre Botschaft (unter ihrer Führung, versteht sich) verkünden.

Und das kennen die „Herren Marxisten“ bestimmt auch nicht:

Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.
Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet.
Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich – das Ei des Kolumbus“.

Und worum geht es hier bei Engels?

Richtig: um Grundlagen  einer Theorie herrschaftsfreier Institutionen.

Und hier schreibt Engels, dass Fourier „das Ei des Kolumbus“ gefunden hätte.

Nach seiner Übersiedlung nach England klagte Engels, dass auf der Überfahrt sein „gesamter Fourier“ verloren gegangen sei, weswegen sich Engels auch nur noch im Anti-Dührung auf das Konzept der anziehenden Arbeit Fouriers bezieht.
Und beide hatten bis zu ihrem Lebensende wahrlich genug zu tun, um diese Aspekte weiter auszuführen, schließlich war ja sogar die bürgerliche Revolution in Deutschland noch nicht vollendet.

Doch die von Edith Bartelmus-Scholich aufgeworfenen Fragen sind grundsätzlich wichtig, und in der Tat deswegen, weil das Proletariat nur dann zum Sturz der Macht des Kapitals antreten wird, wenn es die Hoffnung auf eine lebenswertere Gesellschaft danach haben kann.

Für eine Sekte wie die Arbeitermacht zählt das alles natürlich nicht, wenn es nur um die Diffamierung einer alten Feindin geht.

Ich beziehe mich im übrigen nur auf die von mir zitierten Sätze von  Edith Bartelmus-Scholich und kann gegenwärtig zu anderen von ihr möglicherweise vertretenen Positionen keine Aussage machen.

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Written by bronsteyn

7. März 2012 um 9:37 pm

2 Antworten

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  1. Your method of explaining all in this piece of writing is genuinely nice, every one can without difficulty be aware of it, Thanks a lot.

    nzb downloaden

    12. März 2012 at 2:10 pm

  2. Sehr informative Bemerkungen gegen die Engstirnigkeit und auch die relative Unwissenheit der Vertreter von linkem Sektierertum.

    Tino P.

    12. März 2012 at 4:39 pm


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