Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Diskussionsbeitrag zum NAO-Prozess

with one comment


Um den folgenden Text zu verstehen, ist es sinnvoll, zuerst folgenden Thread im NAO-Blog zu lesen:

http://arschhoch.blogsport.de/2012/03/09/neue-revolutionaere-organisation-und-die-partei-die-linke/

Dieser Artikel ist eine Antwort auf Manuel Kellner und Thomas.

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@Manuel

@Thomas

„die drehungen und wendungen, die du dann machst – zitate aneinanderreihen –, um manuels argumentation als widersprüchlich erscheinen zu lassen, sind ja hilflos.“

Ich bin in der Tat hilflos, ich gebe es zu, weil ich die innere Logik dieser Anpassung an die hilflosen Sektoren des „transformatorischen Reformismus“ in der PDL nicht nachvollziehen kann, nicht weil ich bewusst und vorsätzlich Widersprüche unterschieben will.

Immerhin ist mir deutlich geworden, dass zumindestens der ISL eine deutsche Ausgabe des NPA-Experimentes vorzuschweben scheint. Das war etwas, was ich zum Beispiel wissen wollte. Jetzt ist es mir aber klar.

Von Vertretern der SIB selbst hatte ich das nämlich anders verstanden, da stellte ich durchaus eine gewisse kritische und nachdenkliche Distanz zur NPA fest.

Die NPA ist denn auch ein wichtiges Anliegen für Manuel Kellner.

Er schreibt:

„Eine eigene Diskussion erfordert die bisherige Bilanz des Aufbaus der NPA, auf die sich die SIB wie der RSB beziehen.

Wie erklären wir uns, dass die NPA inzwischen wahlpolitisch vom Front de Gauche bei weitem überflügelt worden ist, während vor der Lancierung der NPA Olivier Besancenot als der wichtigste Kandidat links von der Sozialdemokratie erschien?

Oder glauben welche, der wahlpolitische Niedergang der NPA ginge einher mit einer mächtigen Erstarkung auf dem Felde der Organisationskraft und der außerparlamentarischen Mobilisierung?

War das Scheitern der gerade gegründeten NPA bei der Europaparlamentswahl vom Juni 2009 nicht ein schwerer Rückschlag (knapp 5 %, aber keine Abgeordneten), obwohl das doch „bloß“ bürgerliche Wahlen waren?

Hat der Verlust des Images – was eines der Markenzeichen der LCR war – für eine breitere linke Einheit zu stehen, der NPA nicht sehr geschadet?

Oder gibt es welche, die ernstlich glauben, das Problem der NPA bestünde darin, dass sie nicht so revolutionär ist, wie die LCR es war?“

Manuel wirft hier Fragen auf, die ich gern hinterfragen und aus meiner Sicht beantworten möchte.

„Wie erklären wir uns, dass die NPA inzwischen wahlpolitisch vom Front de Gauche bei weitem überflügelt worden ist, während vor der Lancierung der NPA Olivier Besancenot als der wichtigste Kandidat links von der Sozialdemokratie erschien?“

Eine interessante Frage!

Rein empirisch – und ich betone nochmals rein: rein empirisch scheint es eine gewisse Korrelation zwischen der zunehmenden  <b>„Breite“</b>  des LCR-Projektes NPA und der sinkenden Bedeutung bei den bürgerlichen Wahlen zu geben.

Ob da ein struktureller Zusammenhang besteht, wird noch zu untersuchen sein.

„Oder glauben welche, der wahlpolitische Niedergang der NPA ginge einher mit einer mächtigen Erstarkung auf dem Felde der Organisationskraft und der außerparlamentarischen Mobilisierung?“

Ich gehöre mit Sicherheit nicht dazu, denn der frappierende Verlust an realem Einfluss der NPA verglichen zur LCR, dem einstigen trotzkistischen Flaggschiff in Europa, ist wohl offenkundig. Aber seltsam die Fragestellung. Meint denn Manuel, dass zwischen Wahlerfolg und außerparlamentarischem Einfluss ein umgekehrt proportionales Verhältnis besteht, wenn er so seltsam fragt? Liegt ein proportionales Verhältnis nicht näher: je mehr außerparlamentarischer Einfluss, desto größer der Wahlerfolg? Und natürlich umgekehrt.

Gewiß, es gibt auch solche, die meinen, je größer der Wahlerfolg, desto grösser auch der ausserparlamentarische Einfluss, aber das lassen wir mal ausser Acht.

Der Hintergrund der seltsamen Frage dürfte in Kontroversen in der ISL und auch der NPA bestehen, auf was das Schwergewicht der Aktivität zu legen sei: auf Wahlbeteiligung und Wahlbündnisse oder auf ausserparlamentarischer Intervention.

„War das Scheitern der gerade gegründeten NPA bei der Europaparlamentswahl vom Juni 2009 nicht ein schwerer Rückschlag (knapp 5 %, aber keine Abgeordneten), obwohl das doch „bloß“ bürgerliche Wahlen waren?“

Aber ja, aber ja.

Ich verweise nochmals auf die ins Auge fallende Koinzidenz, dass die Zunahme an <b>Breite</b>, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Sinken der Wahlergebnisse korreliert.

„Hat der Verlust des Images – was eines der Markenzeichen der LCR war – für eine breitere linke Einheit zu stehen, der NPA nicht sehr geschadet?“

Noch eine seltsame Frage. Für eine breitere linke Einheit zu stehen war also das Markenzeichen der LCR. Sagt Manuel. Nun ist mir sicher bekannt, dass die LCR immer konsequent für Aktionseinheiten eintrat. Wird das unter „breitere linke Einheit“ verstanden, dann war das Prestige der LCR in dieser Hinsicht sicherlich verdient.

Jetzt hat die NPA seit ihrer Gründung aber dieses Image der LCR nicht mehr, und das, obwohl sie viel <b>breiter</b>  sein will als die LCR. Dummerweise hat sie aber genau in diesem Prozess ihr „Image“ verloren.

Ob da ein Zusammenhang besteht?

Ob sich sich gar etwa um verschiedene Arten von <b>Breitheit</b> bzw Breite handelt?

Breite von Einheitsfronten sind etwas anderes als Breite von Wahlvereinigungen.

Offensichtlich hat sich die LCR für eine falsche Art von Breite bzw <b>Breitheit</b> entschieden, die Aufgabe substanzieller Programmpunkte wurde auch von den Wählern nicht honoriert.

„Oder gibt es welche, die ernstlich glauben, das Problem der NPA bestünde darin, dass sie nicht so revolutionär ist, wie die LCR es war?“

Nun, da zeigt sich, dass Manuel und die ISL gar nichts verstehen, mit Verlaub. Denn der Zusammenhang ist wohl offensichtlich.

Die sensationellen 10 % Wählerstimmen von 2002 für Laguiller und Olivier Besancenot waren ganz offensichtlich das, was bürgerliche Wahlanalysten „Protestwähler“ waren. Sie waren auch Ausdruck einer mehr oder minder empfundenen „Fundamentalopposition“ gegen den Kapitalismus dieser Wähler, was zwar noch kein revolutionäres Klassenbewusstsein darstellte, aber auf eine gewisse Erwartungshaltung dieser Wähler der LCR und Lutte Ouvriere gegenüber zum Ausdruck brachte.

Während Lutte Ouvriere seine Arbeitsweise (Betriebsflugblätter plus allgemeine Lobpreisung des Sozialismus) nicht änderte, beschloss die LCR in die <b>Breitheit</b> zu gehen.

Und das Ergebnis?

Dass die Akteure daraus nichts gelernt haben zeigt genau diese Frage:

„Oder gibt es welche, die ernstlich glauben, das Problem der NPA bestünde darin, dass sie nicht so revolutionär ist, wie die LCR es war?“

„Nicht so revolutionär“, also „weniger revolutionär“, <b>breiter</b>.

Dass die NPA das selbst nicht also Problem wahrnimmt, mag ihr Problem sein.

Wie auch immer.

Der Zusammenhang zwischen zunehmender <b>Breitheit</b> und schwindenden Erfolges bei den bürgerlichen Wahlen mag aus empirischen Gründen naheliegend sein, doch die Akteure dieses Prozesses werden sich – aus verständlichen Gründen – gegen jede Vermutung wehren, da könnte ein Zusammenhang bestehen.

Eher werden sie umgekehrt die Schlussfolgerung ziehen, dass die <b>Breitheit</b> noch nicht breit genug war, und in diese Richtung zielen nach meiner Wahrnehmung Manuels Fragen.

Im Verlauf eines solchen Anpassungsprozesses nicht etwa an das Bewusstsein dieses oder jenes Sektors der Arbeiterklasse, nein, Anpassung an die politische Programmatik der nächsten Partei, die zum Fusionspartner ausersehen ist, erodiert natürlich auch die eigene politische Identität, die zugunsten von <b>Breitheit</b> aufgegeben wird.

Ich rede nicht über Abstraktionen.

Ich bitte folgenden Artikel zu lesen:

http://www.wsws.org/de/2012/mar2012/fran-m10.shtml

Ich bin keineswegs ein Anhänger dieser Strömung, die ich vor allem auf die Gewerkschaftsfrage bezogen für eine sektiererische Gruppierung halte.

Aber wenn es stimmt, was in diesem Artikel behauptet wird, dann hat diese <b>Breitheit</b> unterdessen Ausmasse entwickelt, die zwar nicht die Arbeiterklasse erfasst, dafür aber den Imperialismus und seine Kriege mit einschliesst.

Wollen wir darüber reden?

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Written by bronsteyn

10. März 2012 um 12:58 am

Eine Antwort

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  1. Endlich ein informativer Beitrag, vielen Dank. Muss man erstmal verarbeiten. Generell finde ich den Blog leicht zu verstehen und bequem zu lesen.

    Dominik

    22. März 2012 at 5:00 am


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