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Archive for März 18th, 2012

Asiatische Produktionsweise – Thesen

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Die folgenden Notizen sind Ausdruck eines Klärungsprozesses bei mir selbst.

Neben Urkommunismus, Sklaverei, Feudalismus und Kapitalismus nennen Marx und Engels an einigen Stellen auch die asiatische Produktionsweise als eine der (jeweils zu Beginn ihrer Zeit) progressiven Epochen der Menschheitsgeschichte.

Speziell die asiatische Produktionsweise ist Gegenstand des Interesses vieler antistalinistischer Marxisten.

Manche versuchen aus der Existenz der asiatischen Produktionsweise in der menschlichen Geschichte auch eine Theorie für den Stalinismus herzuleiten.

Die meisten dieser „Ableitungen“ (z.B. bei Dutschke oder Rizzi) sind aus meiner Sicht fehlerhaft und basieren auf der Unkenntnis der asiatischen Produktionsweise.

Folgende noch vorläufige Thesen zur asiatischen Produktionsweise:

1. Die asiatische Produktionsweise ist in der menschlichen Geschichte keine marginale, sondern flächendeckende Erscheinung. Lediglich in Europa und Japan tritt sie markanterweise nicht auf (oder wenn dann nur mit einigen Überbauphänomenen).

2. Die asiatische Produktionsweise basiert auf dem Gruppen- konkreter Sippeneigentum an Grund und Boden, oder sogar noch auf dem Grundsatz des Gemeineigentums an Grund und Boden, der nur zeitweise an private Gruppen zur Nutzung übergeben wird. Die zahlenmässig und in der Produktion absolut dominierende Klasse sind die Bauern.

3. Die asiatische Produktionsweise ist idealtypisch charakterisiert durch die Existenz einer Kaste von Beamten. Dies kann viele Erscheinungsformen haben, am deutlichsten wird es bei der klassischen Beamtenhierarchie des antiken China.

4. Diese Beamtenhierarchie verdankt ihre Existenz einem gesellschaftlichen Konsens. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Amt. Das ist beispielsweise ein wesentlicher Unterschied zur Sklaverei, da davon ausgegangen werden kann, dass die Sklavenklasse kaum ihre Existenz einem Konsens verdankte, dem sie zugestimmt hatte.

5. Ein weiteres, durchaus auch wesentliches Merkmal der asiatischen Produktionsweise ist die asiatische Despotie, welche in aller Regel sich als eine erbliche Dynastie manifestiert. Obwohl die asiatische Despotie in aller Regel im wesentlichen gewaltsamen und unterdrückerischen Charakter trägt, ist auch ihre Existenz im Grundsatz das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konsenses innerhalb der Bauernklasse.

6. Innerhalb der asiatischen Produktionsweise können sich immer wieder auch mehr oder minder starke Aspekte anderer Produktionsweisen entwickeln, so vor allem Feudalismus (basierend auf dem Grundeigentum an Produktionsmitteln und dem Wachstum einer Sub-Klasse von Großgrundbesitzern), vereinzelt auch Sklaverei, später aber auch bürgerlicher Produktionsweise (Händler, Handwerker).

7. Die Beamtenkaste wurde von einigen marxistischen Theoretikern, die sich mit der Frage beschäftigen, als herrschende Klasse in der asiatischen Produktionsweise bezeichnet. Das ist aber falsch, denn die Beamtenkaste ist KEINE KLASSE im dem Sinne, wie dieser Begriff von Engels und vor allem Marx verwendet wurde. Die Beamtenkaste ist (in aller Regel) nach unten offen und an den Status des Beamten ist direkt auch kein Besitz an Produktionsmittel gebunden. Es ist im Grunde stets eine funktionelle Hierarchie, die nicht durch eine bestimmte Form des Eigentums an Produktionsmitteln gekennzeichnet ist.

8. Grundsätzlich ist nicht jede politisch herrschende organisierte Gruppierung deswegen eine eigene ökonomische Klasse. Es wäre sinnlos, beispielsweise die zeitweise China beherrschenden Eroberer (Mongolen, Mandschus) wegen ihrer politischen Dominanz zu jeweils einer eigenen „neuen Klasse“ zu erklären.

9. Jeder Ansatz, die stalinistische Bürokratie deswegen zu einer „neuen Klasse“ zu erklären, weil die Analogie zur asiatischen Produktionsweise das nahelegen würde, ist deshalb falsch, weil die Bürokratie auch in der asiatischen Produktionsweise KEINE herrschende Klasse war. Sie war gar keine Klasse, sondern ein grundsätzlich auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhender Apparat, ein Amt. Die asiatische Despotie, grundsätzlich ebenfalls (in aller Regel) auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhend, stellte das Leitungsorgan dieses Apparates dar. Die speziell der chinesischen Geschichte innewohnende Tendenz zum „dynastischen Zyklus“ zeigt dies deutlich. Die chinesische Geschichte kennt mehrere erfolgreiche Bauernrevolutionen gegen „entartete“ Dynastien, die stets mit der Einführung einer neuen Dynastie endete. In diesen Prozessen wurden meist die Ansätze zur Feudalisierung (Dominanz des Großgrundbesitzes) wieder rückgängig gemacht.
Ein chinesisches Sprichwort bringt diesen Zusammenhang deutlich zum Ausdruck:

„China wird regiert vom Kaiser durch die Armee, von den Beamten durch die Gesetze, vom Volk durch seine Geheimgesellschaften“.

Um diesen Spruch wirklich zu verstehen, muss man von der überragenden Bedeutung der bäuerlichen Geheimgesellschaften in China wissen, die meistens religiös am Taoismus oder auch am Buddhismus orientiert (Shaolin-Legende) über lange Strecken die chinesischen Geschichte entscheidend prägten.

10. Die Notwendigkeit der asiatischen Despotie rührte daher, dass es der über riesige Räume verteilten Bauernklasse in aller Regel nicht anders möglich war, den eigenen politischen Willen zum Ausdruck zu bringen als durch die Einsetzung einer kontrollierenden Despotie (Dynastie). Hinzu kommen meistens essentielle Aufgaben von Bürokratie und Despotie in der Organisation der Produktion: Vorratsbildung (altes Ägypten), Bewässerungssysteme (hydraulische Gesellschaften), Landesverteidigung.

11. Die asiatische Produktionweise entstand zwar direkt aus der klassenlosen Urgesellschaft, war aber selbst nicht klassenlos. Zum einen entstanden in ihrem Schoss immer wieder Ansätze zum Feudalismus (Großgrundbesitz), zum anderen entstand sie oft aus einem tatsächlichen Klassengegensatz zwischen Ackerbauern und viehzüchtenden Nomaden. Viehzüchtenden Nomaden ist etwa der Gedanke an Grundeigentum völlig fremd, Ackerbauen dagegen kennen bereits das eingeschränkte Eigentum an Grund und Boden, und sei es in Form des Sippeneigentums oder des Kollektiveigentums der gesamten Staatsangehörigen am Grund und Boden (z.B. bei den Inkas).

12. Der Staat in der asiatischen Produktionsweise ist durchaus ein Staat im Sinne von Marx und Engels, eine besondere unterdrückerische Maschine, eine Formation bewaffneter Menschen zur Niederhaltung anderer Menschengruppen. Insbesondere Chinas Geschichte ist von den Abwehrkämpfen der Ackerbauern gegen die räuberischen Nomaden aus dem Norden bestimmt (diese erkannten ja ein Grundeigentum nicht an).

13. Herrschende Klasse in der asiatischen Produktionsweise ist grundsätzlich die Bauernklasse, die ihre Interessen durch die Beamtenhierarchie und die asiatische Despotie zum Ausdruck zu bringen versucht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass auch andere Kräfte immer wieder versuchten, die Beamtenhierarchie und die sie führende Despotie unter Kontrolle zu bringen. Hier sind besonders zu nennen: militärisch überlegen organisierte Eroberer der nördlichen nomadischen Steppenvölker; die immer wieder im Schoß der asiatischen Produktionsweise entstehende Gentry (als Übergangsform) und der Großgrundbesitz. Beiden Kräften gelang es auch immer wieder, den von der Bauernklasse geschaffenen Beamtenapparat durch die Einsetzung eigener Dynastien zumindest zeitweise (durchaus auch manchmal mehrere Generationen lang) unter Kontrolle zu bringen. Doch jede dieser Dynastien wurde regelmässig auch wieder gestürzt, und sehr häufig durch eine Bauernrevolution, die eine neue Dynastie begründete (besonders typisch: der Sturz der Mongolenherrschaft durch bäuerliche Geheimgesellschaften wie den „Weissen Lotos“ und die Begründung der Ming-Dynastie).

14. Aspekte der asiatischen Produktionsweise sind – mit Ausnahme von Europa und Japan – auf der gesamten Welt zu finden und prägten sich unterschiedlich aus. In allen Fällen fand auch eine Überlagerung durch andere Produktionsweisen mit unterschiedlicher Stärke statt, was den Blick auf die grundsätzliche Existenz dieser Produktionsweise im Einzelfall durchaus verstellen kann.
Asiatische Produktionsweise kam so zum Beispiel ausser in China auch in folgenden Gesellschaften vor:
– sehr stark bei den Inkas
– abgeschwächt bei den Aztheken und den Mayas
– in den frühen islamischen Reichen (Kalifate)
– in Indien bis zur Ankunft der englischen Kolonialisten (durchsetzt mit starken feudalen Elementen)
– in Korea (feudal überlagert)
– in Vietnam und gesamt Südostasien (auch hier mit feudalen Elementen)
– in vielen altafrikanischen Hochkulturen
– im alten Ägypten bis zur Überlagerung mit Elementen der Sklavenhaltergesellschaft im Rahmen der römischen Eroberung
– auch das Osmanische Reich war im Kern eine asiatische Despotie auf der Grundlage von Kernelementen der asiatischen Produktionsweise, schloss aber durch seine militärische Macht und seine Ausdehnung weiteste Gebiete anderer Produktionsweisen ein (darunter ausdrücklich auch die Sklaverei)

Written by bronsteyn

18. März 2012 at 1:18 pm

Veröffentlicht in Geschichte

Nachbemerkung zur Forderung der Wählbarkeit der Vorgesetzten in einem verstaatlichten Betrieb

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Eine wichtige Erläuterung zu folgendem Aufsatz:

 https://bronsteyn.wordpress.com/2012/03/14/verstaatlichung-unter-arbeiterkontrolle-konkretisieren/

Die kapitalistische Produktionsweise ist dadurch gekennzeichnet, dass die Organisationsform der Betriebes im wesentlichen auf dem Stabliniensystem basiert.

Stabliniensystem:

http://de.wikipedia.org/wiki/Stabliniensystem

Diese Organisationsform wurde aus dem Militärwesen übernommen, wo sie bereits in der Antike auftauchte.

In der kapitalistischen Produktionsweise löste sie die aus dem Feudalismus stammenden patriarchalen Strukturen wie Z.B. die Manufakturorganisation (Meister-Geselle-Lehrling) ab.

Auch der Stalinismus kannte als seine wesentliche Organisationsform die Stablinienorganisation, nicht nur in der Sphäre der Produktion.

Auch die Bolschewistische Partei (KPdSU) wurde im Zuge des Stalinisiserungs- und Bürokratisiserungsprozesses de facto in eine Stablinienorganisation umgewandelt (in den 30er Jahren vollendet).

In jeder Hinsicht ist eine Stablinienorganisation gekennzeichnet durch den „top-down“-Charakter der sozialen Beziehungen, d.h. übergeordnete Stellen in der Hierarchie geben nach unten Weisungen und Anordnungen, denen Folge geleistet werden muss. Nicht umsonst heissen direkte Vorgesetzte in der reinen Linienorganisation auch „Disziplinarvorgesetzte“, d.h. sie haben die Macht, untere Ebenen nach Vorgaben der oberen Ebenen zu „disziplinieren“.

Mit der Forderung der Wählbarkeit der Vorgesetzten (auf allen Hierarchieebenen) kommt nun wesentlich ein „bottom-up“-Aspekt hinzu. Die Vorgesetzten werden nämlich durch die Untergebenen gewählt.

Dadurch bleibt die top-down-Struktur in fachlicher Hinsicht prinzipiell vorhanden, wo sie sinnvoll ist. Die Interessen aber, die in der Hierarchie zum Ausdruck kommen, ändern aber  „ihre Richtung“, es dominieren nämlich tendenziell die Interessen von unten.

Wenn Lenin von der  Abschaffung des „Kommandierens“ spricht und Engels von der Unterscheidúng in Architekt und Karrenschieder (und die Aufhebung dieser Unterscheidung im Sozialismus), da meinen beide das Stabliniensystem.

Dass sie beide diesen Begriff nicht wörtlich verwendeten, liegt an der schlichten Tatsache, dass dieser Begriff (nicht seine konkrete praktische Erscheinung) erst 1916 zu einem Begriff der kapitalistischen Managementlehre wurde.

http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Fayol

Auf der Ebene der Organisation der Produktion ist die Überwindung der Stablinienorganisation eine zentrale Aufgabe des Sozialismus. Aber auch schon im revolutionären Prozess spielt die Auflösung der Stablinienorganisation eine unverzichtbare Rolle, z.B. bei der Wählbarkeit der Vorgesetzten in einem zerfallenden Militärapparat (1917 Russland, 1918 Deutschland).

Der Stalinismus war zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die Stablinienorganisation zu überwinden, weil sie auch die eigentliche soziale Struktur der eigenen Existenz (als parasitäre bürokratische Kaste) war. Im Gegenteil zwang der Stalinismus dem Arbeiterstaat Russland ab 1929 die Stablinienorganisation erst so richtig und überaus gewaltsam auf.

Die Wiedereinführung von Stablinienorganisationen in der Roten Armee während des Bürgerkrieges war eine den Umständen und Notwendigkeiten dieses Krieges geschuldete Tatsache.

Die Umwandlung des Rätesystems aber in ein faktisches Stabliniensystem (die Parteibürokratie bestimmt von oben die Zusammensetzung der Räte bei rein formaler „demokratischer Akklamation“ von unten) war der  entscheidende Teilprozess der Degeneration (Degeneration= Abweichen vom ursprünglichen Zweck).

Bürokratisch degenerierte und bürokratisch deformierte Arbeiterstaaten sind also wesentlich durch die Fortdauer von Stabliniensystemen geprägt, einer vom Kapitalismus ererbten Struktur.

Zentrales Anliegen einer politischen Revolution z.B. in Kuba muss entsprechend auch die Auflösung der Stablinienorganisation als Organ der politischen Willensbildung sein.

Ich hoffe, ich muss nicht ausführlich erklären, dass z.B. eine Feuerwehr im Einsatz praktischerweise immer als Stablinienorganisation organisiert sein wird.

Written by bronsteyn

18. März 2012 at 11:53 am

Ein Radio-Interview von Radio-Z (Nürnberg) mit Nobuo Manabe, dem Sprecher des Internationalen Arbeitersolidaritätskomitees von Doro-Chiba

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Ein Radio-Interview von Radio-Z (Nürnberg) mit Nobuo Manabe, dem Sprecher des Internationalen Arbeitersolidaritätskomitees von Doro-Chiba.
Doro-Chiba ist eine kämpferische und klassenorientierte Eisenbahner-Gewerkschaft in der Prefektur Chiba / Japan (östlich von Tokio).
Doro-Chiba ist als Gewerkschaft nicht nur Vorkämpferin gegen die Privatisierung der Japanischen Staatsbahn, gegen Zeitarbeit, Outsourcing und Prekarisierung, sondern auch aktiv für die Abschaltung aller Atomkraftwerke weltweit.
In Japan hat sich seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima eine immer breiter werdende Bewegung gegen die Atomkraftwerke gebildet. Eine besonders aktive Rolle spielt die „Nationalkonferenz für die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerde“ (NAZEN).

Nobuo Manabe beantwortet Fragen der Interviewerin von Radio-Z zur Haltung des AKW-Betreibers TEPCO, der Regierung und von ihr abhängiger Wissenschaftler, zum Stand der Anti-AKW-Bewegung in Japan und zum Projekt eines alternativen Gesundheitszentrums in der Katastrophenregion Fukushima.
Die Eisenbahner von Doro-Chiba unterstützen das genannte Projekt energisch und rufen zur weltweiten Solidarität mit diesem Vorhaben auf.

Das Video ist von Nemetico.

Written by bronsteyn

18. März 2012 at 2:07 am

Veröffentlicht in Japan