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„travail attractif“ – anziehende Arbeit

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Vorbemerkung

Folgender Aufsatz bezieht sich auf eine Diskussion im Marx-Forum einer Gruppe, die eine neue umwälzende Konzeption des Marxismus entwickelt zu haben behauptet.

http://marx-forum.de

Ursprünglich fand das „Bochumer Programm“ dieser Gruppe von meiner Seite und der meiner Genossen ein gewisses Interesse, weil es den Aspekt der Kommunalisierung betonte, den ich auch für wichtig halte.

http://www.marx-forum.de/sozialismus/Bochum.pdf

Dass aber dieses Programm die Kommunalisierung zum Allheilmittel erklärt, fiel mir recht schnell auf, ebenso wie die rein invektive  Handhabung von Begriffen etwa wie Planung, Planwirtschaft, Zentralisierung usw, während umgekehrt die „Kommunalisierung“ die Aufhebung der Lohnarbeit geradezu zwangläufig mit sich bringen würde (wozu die Verfasser aber jeden Beweis schuldig bleiben).

Doch nicht auf das gesamte „Bochumer Programm“ will ich hier eingehen, das spare ich mir auf und lasse mir Zeit. Ein anderes Thema erscheint mir gerade wichtiger.

Ich war zum ersten Mal in diesem Forum und mir fiel ein Thread auf, der folgende Eingangsfrage hatte:

» Hallo,  ich hätte eine Verständnisfrage zur Arbeit in der klassenlosen » Gesellschaft. Man sagt doch die Dichotomie von Arbeit und Leben sei in dieser Gesellschaft abgeschafft. Sehe ich das richtig? Wie genau soll man sich das vorstellen?

Die Antwort von Wal Buchenberg:

» Marx hielt diese Vorstellung für eine Illusion, für einen Traum. Man könnte noch weitergehen, und sagen: Es handelt sich um einen Albtraum.

Das war auch noch überschrieben mit der aus meiner Sicht haarsträubenden These:

Arbeit in der klassenlosen Gesellschaft bleibt ein äußerer Zwang und wird niemals Genuss 

Wohlgemerkt: hier wird von JEDER Arbeit gesprochen.

Auf mein erstes Posting in diesem Forum, wo ich Wal Buchenberg riet, sich doch mit Charles Fouriers Einfluss auf Marx und Engels zu beschäftigen, erhielt ich folgende Antwort:

» ich darf dich nochmals auf die Diskussionsregel im Marx-Forum hinweisen: [b]“Sich zur Sache äußern, nicht zur Person“.[/b]  Dazu zählen auch persönliche Ratschläge.  Bitte respektiere das.

Aha.

Ich antwortete dann also ganz ganz vorsichtig mit der These:

Kommunismus = Gesamtgesellschaftliches System der anziehenden Arbeit

Und belegte es mit einem Engels-Zitat.

Die Antwort von Wal Buchenberg:

» Marx war da anderer Ansicht als Engels und Fourier:[b] „Die Arbeit kann nicht Spiel werden, wie Fourier will.“[/b] K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 599f.

Da mir dieser Text durchaus bekannt war und ich wusste, dass Wal Buchenberg hier ein Textfragment aus dem Zusammenhang reißt, antwortete ich mit dem vollständigen Marx-Zitat im Zusammenhang:

Warum zitierst du die betreffende Stelle nicht vollständig und im Zusammenhang, sondern aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt, Wal?  In der entsprechenden Textstelle setzt sich Marx mit Adam Smith auseinander.

Der vollständige Text:

Du sollst arbeiten im Schweiß deines Angesichts! war Jehovas Fluch, den er Adam mitgab.[281] Und so als Fluch nimmt A. Smith die Arbeit. Die „Ruhe“ erscheint als der adäquate Zustand, als identisch mit „Freiheit“ und „Glück“. Daß das Individuum „in seinem normalen Zustand von Gesundheit, Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, Gewandtheit“ auch das Bedürfnis einer normalen Portion von Arbeit hat und von Aufhebung der Ruhe, scheint A. Smith ganz fernzuliegen. Allerdings erscheint das Maß der Arbeit selbst äußerlich gegeben, durch den zu erreichenden Zweck und die Hindernisse, die zu seiner Erreichung durch die Arbeit zu überwinden. Daß aber diese Überwindung von Hindernissen an sich Betätigung der Freiheit – und daß ferner die äußren Zwecke den Schein bloß äußrer Naturnotwendigkeit abgestreift erhalten und als Zwecke, die das Individuum selbst erst setzt, gesetzt werden – also als Selbstverwirklichung, Vergegenständlichung des Subjekts, daher reale Freiheit, deren Aktion eben die Arbeit, ahnt A. Smith ebensowenig. Allerdings hat er recht, daß in den historischen Formen der Arbeit als Sklaven-, Fronde-, Lohnarbeit die Arbeit stets repulsiv, stets als äußre Zwangsarbeit erscheint und ihr gegenüber die Nichtarbeit als „Freiheit und Glück“. Es gilt doppelt: von dieser gegensätzlichen Arbeit und, was damit zusammenhängt, der Arbeit, die sich noch nicht die Bedingungen, subjektive und objektive, geschaffen hat (oder auch gegen den Hirten- etc. Zustand, der sie verloren hat), damit die Arbeit travail attractif203, Selbstverwirklichung des Individuums sei, was keineswegs meint, daß sie bloßer Spaß sei, bloßes amusement204, wie Fourier [, p. 245-252] es sehr grisettenmäßig naiv auffaßt. Wirklich freie Arbeiten, z.B. Komponieren, ist grade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung.

Worin besteht dein Denkfehler, dein Fehler beim Lesen und Verstehen?

Richtig!

Es geht um die travail attractif.

Kannst du französisch, Wal?

travail attractif bedeutet anziehende Arbeit.

Davon war bei mir oben die Rede, von ziehender Arbeit.

Worauf Marx hier hinweist ist, dass anziehende Arbeit nicht unbedingt blosser Spaß, blosses Amusement sein muss.

Er sagt es – auch für für ganz unverständige überdeutlich:

Wirklich freies Arbeiten, z.B. Komponieren, ist grade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung.

Noch deutlicher kann er es ja nicht sagen, oder?

Freies Arbeiten (das heisst anziehende Arbeit) ist nicht unbedingt ein Vergnügen. Grosse Komponisten, und daran erinnert Marx in diesen Zeilen, ringen mit ihrem selbstgesteckten Vorhaben, dem Gegenstand ihrer anziehenden Arbeit, und das kann eben verdammtester Ernst und intensive Anstrengung sein, was aber am Charakter der Tätigkeit als grundsätzlich anziehende Arbeit nichts ändert.

Wie aber Menschen, die sich für Marxisten halten, selbst über wesentliches hinweglesen, es unterschlagen können (ich nehme mal an, unbewusst, im Eifer dessen, seine eigene Position zu beweisen), zeigen folgende Sätze, aus dem du, Wal, ja ein Teilstück hinausgeklaubt hast:

Daß übrigens die unmittelbare Arbeitszeit selbst nicht in dem abstrakten Gegensatz zu der freien Zeit bleiben kann – wie sie vom Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie aus erscheint –, versteht sich von selbst. Die Arbeit kann nicht Spiel werden, wie Fourier [, p. 245-252] will, dem das große Verdienst bleibt, die Aufhebung nicht der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höhre Form als ultimate object31 ausgesprochen zu haben.

Hast du das wirklich genau gelesen und verstanden, Wal?

Daß übrigens die unmittelbare Arbeitszeit selbst nicht in dem abstrakten Gegensatz zu der freien Zeit bleiben kann – wie sie vom Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie aus erscheint –, versteht sich von selbst.

Ich weiß nicht, Wal, ist dieser Satz so schwierig zu verstehen, dass er erklärt werden muss?

Marx stellt in diesem Satz explizit in Frage, was du oben als ewiges Naturgesetz verkündet hast.

Er sagt nichts anderes aus als dass der Widerspruch (Gegensatz) zwischen unmittelbarer Arbeitszeit und freier Zeit auch aufgehoben werden kann (für dich ja ein Alptraum).

Nun zu dem Satz, aus dem du aus dem Zusammenhang gerissen hast, was dir gerade in den Sinn kam, und das wesentliche vergessen bzw übersehen bzw nicht verstanden hast:

Die Arbeit kann nicht Spiel werden, wie Fourier [, p. 245-252] will, dem das große Verdienst bleibt, die Aufhebung nicht der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höhre Form als ultimate object31 ausgesprochen zu haben.

Wir haben oben gesehen, dass Marx den Begriff anziehende Arbeit nicht auf blosses Spiel, auf blosses Amusement reduziert sehen will und nennt als Beispiel dafür das Komponieren.

Klar hast du dich eifrig auf die Floskel „Die Arbeit kann nicht Spiel werden, wie Fourier [, p. 245-252] will“ gestürzt, weil sie ja scheinbar die Richtigkeit deiner These beweist, dass es auch in der „dezentralen Bedarfswirtschaft“ Zwangsarbeit geben muss, weil sie ja ein ewiges Naturprinzip ist.

Das war jetzt ein wenig polemisch, ich gebe es zu.

Ich frage dich, Wal, was meint Marx denn damit, wenn er Fourier bescheinigt, das grosse Verdienst erworben zu haben,

die Aufhebung nicht der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höhre Form als ultimate object31

ausgesprochen zu haben.

Hallo Wal, verstehst du, was Marx da meint?

Was ist denn unter Aufhebung der Produktionsweise selbst in höhre Form als höchstes Ziel zu verstehen?

Dazu muss man Fourier kennen und auch Marx kennen.

Dieses höchste Ziel besteht in der Ablösung der Zwangsarbeit durch ein gesamtgesellschaftliches System anziehender Arbeit.

Und Marx hat in diesen Stellen nichts anderes gesagt als dass anziehende Arbeit nicht unbedingt (oberflächliches, einfaches) Spiel und blosses Amusement ist, sondern grade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung..

Ich danke dir, Wal, für die Aufspürung dieser Textstellen, die mir sogar noch im Gedächnis waren, aber ihren Standort nicht mehr wusste.

Sie liefern nämlich zusätzliche Belege dafür, dass Marx und Engels den Kommunismus als ein gesamtgesellschaftliches System der anziehenden Arbeit auffassten, wobei anziehende Arbeit nicht unbedingt ein Vergnügen ist, sondern grade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung sein kann.

Aber wer die Systematik der menschlichen Leidenschaften bei Fourier kennt (die 12+1), der hätte das auch so gewusst. Auch Fourier war sich letztlich darüber durchaus im klaren, unbedachter einzelner Worte von ihm zum Trotz. Tatsächlich war „Die Arbeit wird zum Vergnügen“ ein geflügeltes Zitat von Fourier. Marx ging es aber darum, sein Konzept der anziehenden Arbeit zu verteidigen, u.a. gegen Adam Smith.

Tatsächlich nahm Marx in diesen Zeilen nämlich (wie sonst auch) Fourier in Schutz gegen seine Kritiker, da einzelne seiner Äusserungen sich polemisch auch gegen ihn verwendet werden konnten, weswegen er auch als „Narr“, „durchgeknalltester aller Utopisten“ bezeichnet wurde.

Für Marx und Engels aber hatte er „das Ei des Kolumbus der Sozialphilosophie“ gefunden, und ich teile ihre Ansicht gegen die aller Pseudomarxisten.

Pseudomarxismus ist für mich jeder Versuch der Entkernung des Marxismus von seiner Ausrichtung auf die Schaffung einer kommunistischen Gesellschaft, die die Produktionsweise selbst in höhre Form als ultimate object (durch die Verwirklichung der anziehende Arbeit) aufhebt.

Dein Versuch, einen Gegensatz in dieser Frage zwischen Engels und Marx zu konstruieren, ist im übrigen nicht sinnvoll.

(Das ich wiedereinen „Rüffel“ bekam wegen „persönlicher Ansprache“, das nur am Rande).

Der gesamte Thread ist hier nachzulesen:

http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=6782

„Charles Fourier über die künftige Arbeit – eine schlechte Utopie“ von Wal Buchenberg

Wal Buchenberg ging nun scheinbar zum „Generalangriff“ gegen die offensichtlich ihm verhasste Konzeption der „travail attractif“ vor mit folgendem Thread:

http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=6882

Im Wortlaut:

Charles Fourier: Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen. Hsrg von Theodor W. Adono. EVA Frankfurt 1966.

„Die Zivilisierten (der heutigen Gesellschaft w.b.) haben meist nur drei bis vier vorherrschende Neigungen. Man wird ihnen also eine große Zahl neuer Bedürfnisse entwickeln müssen und in jedem Einzelnen zehnmal mehr Leidenschaften wecken, als er heute besitzt. Um zu diesem Ziel zu gelangen, müssen wir eine Methode wählen, … (die) darin besteht, die Arbeit attraktiv zu machen, so dass sie, die heute auf dem Lande und in der Manufaktur nur unter Zwang mit Abscheu geleistet wird, mit Vergnügen ausgeführt würde.“ …

„…. bei der Arbeit, die in der neuen Gesellschaftsordnung ebenso attraktiv sein wird wie bei uns das Festessen und andere Genüsse. Wenn in einer Gruppe von zwanzig Mitgliedern jeder Einzelne ein Amt hat, so werden Tatenlust und Wetteifer nur um so größer sein, ohne dass ein Pfennig ausgegeben werden müsste, außer für die Abzeichen, durch die sie sich unterscheiden, denn die Serie (das Arbeitsteam, w.b.), das in Leidenschaft für die Aufgabe entbrannt ist, die sie vereint, gibt ihren Offizieren (Chefs, w.b.) keine Entlohnung. Zwei Motive bewegen sie, ihre Leidenschaft, die sie zu der Serie (zur Arbeit im Team, w.b.) treibt, und das Ansehen des Ranges, der sie auszeichnet.“

 „Wenn man aber … einen Kanton mit ungefähr einhundertvierzig Serien (=Arbeitsteams, w.b.) gründet, für Bodenkultur, Manukfakturen, Künste und Wissenschaften, wenn man sie regelrecht gegeneinander ausspielt, kann man so reizvolle Wettkämpfe, so viel Interesse an den verschiedenen Arbeiten entfachen, dass alle diese Serien (=Arbeitsteams, w.b.) unter den Einfluss der allgemeinen Attraktivität geraten, dass sie einander zu wunderbaren Leistungen hinreißen, ohne dass der Gewinn der Anreiz wäre. Nur das Feuer ihrer Leidenschaften, nur eine blinde Vorliebe für ihre Lieblingsbeschäftigungen treibt sie an. Ihre Begeisterung wird so groß sein, dass der Millionär und luxuriöse Weichling von heute, sich vor Tagesanbruch erheben wird, um persönlich die Arbeit des Teams, dem er angehört, zu beleben und mitzuhelfen. Tagsüber wird er sich abmühen wie ein Galereensklave, weil er durch sein Beispiel seine Gruppen und seine Lieblingsteams anfeuert, und wird nach aller Plage darüber klagen, dass man die Länge des Tages nicht verdoppeln kann, um die Mühe zu verdoppeln, die ihn glücklich macht. All seine Mitarbeiter, ob reich, ob arm, werden seine Begeisterung teilen, und darum werden die Arbeitsteams der Leidenschaft wertvolle Ernten von einem Boden einbringen, um den sich die Zivilisierten vergeblich bemühen.“

Aus: Kleine Bibliothek des Wissens und des Fortschritts. Band I. Zweitausendeins, Frankfurt.

Mein Kommentar dazu:

1. Das ist schlechte Psychologie.

2. Das ist eine Herrschafts- und Wachstumgsideologie, die die Arbeitenden mittels angestachelter „Leidenschaften“ manipulieren will, um sie zu maximaler Verausgabung ihrer Arbeitskraft zu bewegen.

3. Das ist schlechte Utopie.

Wer behauptet, dieses Konzept der „attraktiven Arbeit“ sei identisch mit der Einsicht in die Notwendigkeit in einer selbstbestimmten Gesellschaft (K. Marx), der kennt weder Karl Marx noch Charles Fourier.

Wal Buchenberg, der sich oft (und durchaus auch oft zu Recht) über einen rein invektiven (=beleidigenden, herabsetzenden) Diskussionsstil beklagt, hat also zum Thema der „travail attractiv“ ausser „Ich bin anderer Meinung“ nichts anderes als Invektive (Abwertungen ohne Inhalt) zur Antwort.

Schön. Dann ist es eben so.

Eigentlich erübrigt sich damit jede weitere Diskussion, die prinzipiellen Differenzen mit dieser Gruppe sind offenkundig gravierend.

Da aber allgemein bei politischen Aktivisten, die sich auf den Marxismus beziehen, generell eine Unkenntnis zu diesen Fragen beobachten ist, sehe ich es trotzdem für sinnvoll an, auf den rein invektiven Thread sorgfältig und gründlich zu anworten.

Die Aufarbeitung der Fourierschen Motivationstheorie sehe ich als ein zentrales und sehr wichtiges Element der Erneuerung des Marxismus und seiner Befreiung von stalinistischen Schlacken an.

Zur Erläuterung der aus jeglichem logischen Zusammenhang gerissenen und doch sehr vielsagenden Fourier-Zitate

Ich werde zuerst auf die aus ihren Zusammenhängen gerissenen Fourier-Zitate in ihren Zusammenhängen erläutern und dann auf die suggestiven Invektive von Wal Buchenberg eingehen.

Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Fourier auch nach Marx und Engels ein „Genie“ war, was ich – ohne Böses im Sinn zu haben – von Wal Buchenberg nicht behaupten würde:

„Wenn sich unsere deutschen halb und ganz kommunistischen Dozenten nur die Mühe gegeben hätten, die Hauptsachen von Fourier, die sie doch so leicht haben konnten wie irgendein deutsches Buch, etwas anzusehen, welch eine Fundgrube von Material zum Konstruieren und sonstigen Gebrauch würden sie da entdeckt haben! Welche Masse von neuen Ideen – auch heute noch neu für Deutschland – hätte sich ihnen da dargeboten!“

(Friedrich Engels in  „Deutsches Bürgerbuch für 1846“)

Beklemmend, dass das auch noch für das Jahr 2012 gilt.

Die gelehrten Herren Deutschen, die so eifrig auf dem „wilden Lebermeer“ der grundlosen Theorie umhersegeln und vor allem nach „dem Prinzip“ des „Sozialismus“ fischen, mögen sich an dem commis marchand <Kaufmannsgehilfen> Fourier ein Exempel nehmen. Fourier war kein Philosoph, er hatte einen großen Haß gegen die Philosophie und hat sie in seinen Schriften grausam verhöhnt und bei dieser Gelegenheit eine Menge Sachen gesagt, die unsere deutschen „Philosophen des Sozialismus“ wohltäten, sich zu Herzen zu nehmen. Sie werden mir freilich entgegnen, daß Fourier ebenfalls „abstrakt“ war, daß er mit seinen Serien Gott und die Welt trotz Hegel konstruierte, aber das rettet sie nicht.

(Friedrich Engels in  „Deutsches Bürgerbuch für 1846“)

Nun, so ganz würde ich Friedrich Engels nicht zustimmen, denn Fourier war in seinen gedanklichen Beispielen sehr konkret und anschaulich, allerdings aus der Perspektive seiner Zeit.

Die immer noch genialen Bizarrerien Fouriers entschuldigen nicht die ledernen sogenannten Entwicklungen der trockenen deutschen Theorie. Fourier konstruiert sich die Zukunft, nachdem er die Vergangenheit und Gegenwart richtig erkannt hat; die deutsche Theorie macht sich erst die vergangene Geschichte nach ihrem Belieben zurecht und kommandiert dann ebenfalls der Zukunft, welche Richtung sie nehmen soll.

(Friedrich Engels in  „Deutsches Bürgerbuch für 1846“)

Und schließlich noch ein Zitat, wo Friedrich Engels mir so richtig aus vollem Herzen spricht, auch und gerade in Anbetracht der Utopie der „Bochumer Kommune“:

Ich will diesen weisen Herren ein kleines Kapitel von Fourier vorhalten, woran sie sich ein Exempel nehmen können. Es ist wahr, Fourier ist nicht aus der Hegelschen Theorie hervorgegangen und hat deshalb leider nicht zur Erkenntnis der absoluten Wahrheit, nicht einmal zum absoluten Sozialismus kommen können; es ist wahr, Fourier hat sich durch diesen Mangel leider verleiten lassen, die Methode der Serien an die Stelle der absoluten Methode zu setzen, und dadurch ist er dahin gekommen, die Verwandlung des Meeres in Limonade, die couronnes boréale und australe <nördlichen und südlichen Korona>, den Anti-Löwen und die Begattung der Planeten zu konstruieren, aber wenn es so sein muß, will ich doch lieber mit dem heitern Fourier an alle diese Geschichten glauben, als an das absolute Geisterreich, wo es gar keine Limonade gibt, an die Identität von Sein und Nichts und die Begattung der ewigen Kategorien.

Der französische Unsinn ist wenigstens lustig, wo der deutsche Unsinn morose und tiefsinnig ist. Und dann hat Fourier die bestehenden sozialen Verhältnisse mit einer solchen Schärfe, einem solchen Witz und Humor kritisiert, daß man ihm seine auch auf einer genialen Weltanschauung beruhenden, kosmologischen Phantasien gerne verzeiht.

Die Leidenschaft, die Passion ist die nach seinem Gegenstand energisch strebende Wesenskraft des Menschen

Fourier (mit sachlich richtiger Klammerbemerkung von W.B.):

 „Die Zivilisierten (der heutigen Gesellschaft w.b.) haben meist nur drei bis vier vorherrschende Neigungen. Man wird ihnen also eine große Zahl neuer Bedürfnisse entwickeln müssen und in jedem Einzelnen zehnmal mehr Leidenschaften wecken, als er heute besitzt. Um zu diesem Ziel zu gelangen, müssen wir eine Methode wählen, … (die) darin besteht, die Arbeit attraktiv zu machen, so dass sie, die heute auf dem Lande und in der Manufaktur nur unter Zwang mit Abscheu geleistet wird, mit Vergnügen ausgeführt würde.“ …

Die vorherrschenden Neigungen der Mehrheit der Menschen sind aufgrund ihrer eingeschränkten Möglichkeiten in der Tat auf wenige reduziert, die sich in der sogenannten Freizeit verwirklichen lassen.

Zum einen geht Fourier davon aus, dass die Leidenschaften die ursächlichen und wirklichen Triebfedern der Menschen sind, zum anderen geht er von der Erweiterung der Leidenschaften aus, die er – durchaus unvollständig – in einem System von 12 plus 1 Leidenschaft erfasst.

Die Leidenschaft, die Passion ist die nach seinem Gegenstand energisch strebende Wesenskraft des Menschen.

Das mag aus der Sicht eines Vulgärmarxisten „schlechte Psychologie“ sein, aber dummerweise ist dieser Satz auch noch von Marx selber, und nicht von Fourier.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1844/oek-phil/3-5_hegl.htm

Sicherlich, nach Auffassung von Vulgärmarxisten mag dieser Satz ein Greuel sein, denn nach ihrer einfältigen Auffassung sind Leidenschaften etwas „subjektives“, was für diese Leute meist gleichbedeutend mit „unwichtig“ ist.

Was ist eine Serie bei Charles Fourier?

Fourier (mit sachlich falscher Klammerbemerkung von W.B.):

 „…. bei der Arbeit, die in der neuen Gesellschaftsordnung ebenso attraktiv sein wird wie bei uns das Festessen und andere Genüsse. Wenn in einer Gruppe von zwanzig Mitgliedern jeder Einzelne ein Amt hat, so werden Tatenlust und Wetteifer nur um so größer sein, ohne dass ein Pfennig ausgegeben werden müsste, außer für die Abzeichen, durch die sie sich unterscheiden, denn die Serie (das Arbeitsteam, w.b.), das in Leidenschaft für die Aufgabe entbrannt ist, die sie vereint, gibt ihren Offizieren (Chefs, w.b.) keine Entlohnung. Zwei Motive bewegen sie, ihre Leidenschaft, die sie zu der Serie (zur Arbeit im Team, w.b.) treibt, und das Ansehen des Ranges, der sie auszeichnet.“

Natürlich schwindelt Wal Buchenberg, wenn er behauptet, Fourier zu „kennen“, denn sonst wüsste er, dass eine Serie etwas anderes ist als ein „Arbeitsteam“. Eine Serie kann ein Arbeitsteam sein, muss aber nicht. Umgekehrt kann ein Arbeitsteam eine Serie sein, muss aber nicht.

Sicher ist nur eines: in der „Bochumer Kommune“ wird es mit Sicherheit keine Serien geben. Aber es wird höchstwahrscheinlich auch nie eine „Bochumer Kommune“ nach dem Muster von Wal Buchenberg geben, weil das Modell einfach zutiefst unattraktiv ist.

Fourier über Serien:

Man hat geglaubt, die Leidenschaften seien der Eintracht feind, man hat sie in tausenden von Bänden, die man vergessen wird, …

…so wie man in wenigen Jahren oder Jahrzehnten schon das Konzept der „Bochumer Kommune“ vergessen wird….

„…bekämpft, und doch fördern die Leidenschaften die Eintracht, fördern die Einheit der Gesellschaft, und nur wir glaubten, sie stünden ihr fern. Sie können aber nur miteinander harmonieren, wenn sie sich in den progressiven oder Serien der Leidenschaften vorschriftsmäßig »entwickeln«.

Fourier rechnete durchaus mit der Begriffsstutzigkeit und Engstirnigkeit vieler Leser.

Es hat keine Eile, diese neue Ordnung bekannt zu machen, der ich den Namen progressive Serien oder Serien von Gruppen oder Serien der Leidenschaften gebe.

Mit diesen Ausdrücken bezeichne ich den Zusammenschluß mehrerer vereinter Gruppen, die sich den verschiedenen Zweigen einer Tätigkeit oder Leidenschaft widmen.

Also ist eine Serie mehr als ein blosses Arbeitsteam, sonst würde er diesen Begriff nicht für fundamental für eine neue Ordnung erklären. Eine Serie ist ein Zusammenschluss aufgrund gemeinsamer Leidenschaft und kann in sich hochkomplex sein, denke man nur an Organisationen von Fussballfans.

Aber es ist eindeutig etwas anderes als etwa ein „Arbeitsteam“ etwa in einer hypothetischen „Bochumer Kommune“, das erklärtermassen ausschließlich aufgrund „äusseren Zwangs“ zustande kommen soll, nach dem Willen der Begründer dieser famosen Utopie.

Ja, ich weiß schon, dass die „Bochumer“ jede Vorstellung, Menschen könnten anders als unter Zwang handeln, nicht nur zuwider, sondern anscheinend sogar verhasst ist, aber das ändert nichts daran, dass dies der Kernpunkt von Fouriers Konzept ist.

Um den Begriff transparent zu machen, ist es sinnvoll, sich etwa menschliche Formationen entlang von sogenannten „Hobbies“ vorzustellen.

Vereine, zu denen sich Menschen (mehrheitlich Proletarier) aufgrund gemeinsamer Hobbies zusammengeschlossen haben, zählen in Millionen und übertreffen Parteien insgesamt und Gewerkschaften um das Mehrfache an Kopfzahl.

Paradoxerweise stellen die Bochumer sogar selbst eine Serie dar, allerdings eine mit ziemlich geringer Anziehungskraft, aber geeinigt durch die gleiche fixe Idee, auch wenn sie sich selbst als solche sicherlich nicht erkennen wollen und können.

Auch scheinbar „egoistische“ Leidenschaften können sinnvoll in ein „gesellschaftliches Konzert“ eingefügt werden

Fourier offenbart seine Methoden (die Friedrich Engels als „meisterlich gehandhabte Dialektik“ bezeichnet) als die des »absoluten Abstands« und des »absoluten Zweifels«.

  • Der absolute Abstand bezeichnet die Distanz, die ihn, den Seher einer neuen Ordnung, von seiner Zeit und ihren Anschauungen trennt.
  • Das Prinzip des absoluten Zweifels (die Cartesianische Methode nachvollziehend), d.h. die Notwendigkeit der Herleitung aller Theorie aus ersten Prinzipien (induktiv statt deduktiv).

Sein besonderer Zorn gilt den Moralaposteln, die die Leidenschaften verdammen und unterdrücken wollen und erläutert das am Beispiel solch „egoistischer“ Leidenschaften wie den Ehrgeiz oder die Lust am Wettstreit.

Der Realität in der Zivilisation stellt er regelmässig ein Gegenbild der Realität in der Harmonie gegenüber, wobei die Zivilisation Stufe 5 der Menschheitsentwicklung und die Zukunftsgesellschaft der Harmonie Stufe 8 darstellen.

In der Zivilisation verdammen die Moralapostel in ihren Lehren zwar den „Egoismus“ vor allem in Form von Konkurrenz, in der Realität aber ist das gesellschaftliche Leben genau von denjenigen Leidenschaften (unkontrolliert und unkultiviert) beherrscht, die die herrschenden Ideologen verdammen.

In der Harmonie, so Fourier, werden auch scheinbar „egoistische“ Leidenschaften sinnvoll in ein „gesellschaftliches Konzert“ zum Nutzen der Gemeinschaft eingefügt und erläutert das am Beispiel des „Wetteifers“.

Fourier (mit sachlich falscher Klammerbemerkung von W.B.):

 „Wenn man aber … einen Kanton mit ungefähr einhundertvierzig Serien (=Arbeitsteams, w.b.) gründet, für Bodenkultur, Manukfakturen, Künste und Wissenschaften, wenn man sie regelrecht gegeneinander ausspielt, kann man so reizvolle Wettkämpfe, so viel Interesse an den verschiedenen Arbeiten entfachen, dass alle diese Serien (=Arbeitsteams, w.b.) unter den Einfluss der allgemeinen Attraktivität geraten, dass sie einander zu wunderbaren Leistungen hinreißen, ohne dass der Gewinn der Anreiz wäre. Nur das Feuer ihrer Leidenschaften, nur eine blinde Vorliebe für ihre Lieblingsbeschäftigungen treibt sie an. Ihre Begeisterung wird so groß sein, dass der Millionär und luxuriöse Weichling von heute, sich vor Tagesanbruch erheben wird, um persönlich die Arbeit des Teams, dem er angehört, zu beleben und mitzuhelfen. Tagsüber wird er sich abmühen wie ein Galereensklave, weil er durch sein Beispiel seine Gruppen und seine Lieblingsteams anfeuert, und wird nach aller Plage darüber klagen, dass man die Länge des Tages nicht verdoppeln kann, um die Mühe zu verdoppeln, die ihn glücklich macht. All seine Mitarbeiter, ob reich, ob arm, werden seine Begeisterung teilen, und darum werden die Arbeitsteams der Leidenschaft wertvolle Ernten von einem Boden einbringen, um den sich die Zivilisierten vergeblich bemühen.“

Ja, Charles, das ist wirklich meisterhaft und genial, zumal du keinen Zweifel daran gelassen hast, dass alle diese Menschen sich aus freien Stücken, freiwillig sich zu diesen Serien zusammengeschlossen haben, um durch ihre Lust am Wettstreit der Gemeinschaft dienlich zu sein.  Für solche Visionen gebührt dir der Titel eines Genie, denn nur ein Genie kann zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich auf solche eine Idee kommen. Generationen in ferner Zukunft werden nicht mehr begreifen können, welcher Stumpfsinn Menschen dazu bringen konnten, in diesen Serien, die willentliche und bewusste Gründungen ihrer Mitglieder sind, „Manipulation“ der „Arbeitenden“ zugunsten irgendwelcher Herrschenden zu sehen, wo es doch in dieser Epoche, wo die Gesellschaft umfassend und vollständig in dynamischen Serien organisiert sein wird, gar keine Herrschende in irgend einem Sinn mehr geben kann. Zu solchem Stumpfsinn brachte sie die verinnerlichte Knechtschaft, so dass sie diese Freiheit sich gar nicht vorstellen konnten.

Über die Grenzen der Zeitalter hinweg ziehe ich meinen Hut vor dir, Charles.

Zur Würdigung der Buchenbergschen Invektiven

Wal Buchenberg bleibt natürlich bei seiner Methode, sich Textfragmente ob bei Marx oder Fourier herauszugreifen und sie bedeutsam und anklagend in den Raum zu stellen, ohne sie wirklich verstanden zu haben.

Das hat er auch nicht nötig, denn sein vordergründiges Motiv ist seine Besessenheit, nachweisen zu wollen, dass Arbeit immer und unter allen Umständen äusserer Zwang und niemals ein Genuss sein wird. Welches die hintergründigen Motive für diese Besessenheit sind, da mag man mutmassen. Vielleicht die Ahnung, dass das „Bochumer Modell“ ohne Arbeitszwang gar nicht funktionieren kann? Nun, eine Ahnung ist das ja nicht, sondern sogar eine Gewissheit, Wal Buchenberg verkündet das ja selbst mit aller Deutlichkeit.

Vom Wesen und Sinn des von ihm erborgten Zitats hat er allerdings rein gar nichts verstanden, wie ich im folgenden ausführen werde.

1. Motivationsforschung als „schlechte Psychologie“

Mein Kommentar dazu:

 1. Das ist schlechte Psychologie.

Als ob ausgerechnet Wal Buchenberg beurteilen könnte, was gute oder schlechte Psychologie sei! Allein schon die Wahl der Kriterien, die ein Wal Buchenberg zu Rate ziehen würde, darf schon in Unkenntnis angezweifelt werden, da die menschlichen Antriebe, die im Grunde das eigentliche Forschungsfeld der Wissenschaft der Psychologie, ihn gar nicht interessieren.

Motivationsforschung ist ein sehr wichtiger und sehr essentieller Teilbereich der Psychologie.

In der „Bochumer Kommune“, wo der Arbeitszwang ein ewiges Gesetz ist, mag man Motivationsforschung zwar nicht benötigen, aber seltsamerweise ist gerade dieser Zweig der Wissenschaft im niedergehenden Spätkapitalismus erblüht wie nie zuvor.

http://de.wikipedia.org/wiki/Motivation

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Charles Fourier tatsächlich ein Vorläufer der modernen Motivationsforschung war, allerdings aus gutem Grund bis heute nicht von der „Fachwelt“ erkannt und anerkannt, da seine Konzeption die implizit überall geltende neoliberale Wissenschaftsdoktrin in Frage stellt.

Trotzdem verdienen die vorläufigen Ergebnisse der Motivationsforschung die Aufmerksamkeit und Würdigung auch und gerade von Revolutionären (wobei ich Vulgärmarxisten davon ausnehmen will, da sie sich für menschliche Motivationen erklärter Massen gar nicht interessieren).

Ich zitiere aus dem Artikel einen unscheinbaren Satz:

Im antiken Griechenland hat man versucht, das menschliche Verhalten und seine Beweggründe mit dem Prinzip des Hedonismus zu erklären. Demnach liegt es in der Natur des Menschen, Vergnügen oder Lust anzustreben und Unlust oder Schmerz zu vermeiden. Der griechische Philosoph Aristippos, Schüler des Sokrates, sah in diesen subjektiven Empfindungen den wichtigsten Erkenntnisgrund für menschliches Verhalten.

Gewiss, „schlechte Psychologie“ schon in der Antike, als Wal Buchenberg noch nicht geboren war.

Ich möchte auf folgende theoretische Ansätze der modernen Motivationspsychologie hinweisen, anhand derer das von Fourier entwickelte System der Leidenschaften aufgegriffen und weiterentwickelt werden könnte und müsste:

http://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Maslow

http://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Faktoren-Theorie_(Herzberg)

http://de.wikipedia.org/wiki/X-Y-Theorie

http://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklung_der_Leistungsmotivation

http://de.wikipedia.org/wiki/Bedürfnispyramide

http://de.wikipedia.org/wiki/ERG-Theorie

Jede weitere Ausführungen würden über die Beschäftigung mit dem Bochumer Stumpfsinn hinausgehen, freilich.

Die Aktualisierung des Fourierschen Systems der Leidenschaften im Lichte der modernsten Erkenntnisse der Motivationsforschung müsste ein Schwerpunkt für alle ernsthaften Marxisten sein.

Dazu aber sind die Vulgärmarxisten des „Bochumer Programms“ allerdings sicherlich die falschen Diskussionspartner.

Wal Buchenberg, der die Menschheit in das scheinbare (und noch nicht einmal verlockende) Paradies einer weltweiten „Bochumer Kommune“ führen und sich und die seinen als geistige Führung der Lohnabhängigen präsentieren will, beschäftigt sich erklärter Massen nicht mit solch profanen Dingen wie menschliche Motivation.

Die „Einsicht in die Notwendigkeiten“ soll es tun. Nun sind aber die Menschen leider nicht immer gleich „einsichtig“, vor allem wenn es um Notwendigkeiten geht.

Was wird in der „Bochumer Kommune“ mit faulen und arbeitsunwilligen Genossenschaftsmitgliedern geschehen (wobei hier unter faul und arbeitsunwillig letztlich alle diejenigen zu subsummieren sind, die nicht zu den gleichen Einsichten wie die Begründer und Führer der „Kommune“ gelangt sind)?

Sie entsprechend ihren Leidenschaften zu motivieren, scheidet nach den „Einsichten“ eines Wal Buchenberg und der anderen dieser Gruppe komplett aus, denn das wäre „schlechte Psychologie“ und sogar „Manipulation“.

Sie haben selbst keine „bessere Psychologie“, sondern gar keine.

Bleiben also nur Zwangsmittel übrig, wenn sich diese faulen Kommunarden von einem Schwall aus dem Zusammenhang gerissener Marx-Zitate (und wehe, jemand traue sich auch noch Engels zu zitieren) nicht zur „Einsicht“ bringen lassen.

Darf man fragen, welcher Art diese Zwangsmittel sein werden?

Oh nein, „Stalinismus-Keule“ jetzt auch noch?

Sorry, das ist die Konsequenz inkonsequenten Denkens.

2. Für den Vulgärmarxismus sind menschliche Leidenschaften nur „Verlockungen der Herrschenden“

 2. Das ist eine Herrschafts- und Wachstumsideologie, die die Arbeitenden mittels angestachelter „Leidenschaften“ manipulieren will, um sie zu maximaler Verausgabung ihrer Arbeitskraft zu bewegen.

„Lasst euch nur vom welschen Satyr nicht verleiten zu Exzessen“ (Heine).

Arbeiter, lasst euch nicht von euren Leidenschaften manipulieren! Denn der Satyr ist es, der an den Leidenschaften die Fäden zieht. Jeder Pfaffe würde dem bedenkenlos zustimmen.

Der Geifer aus den Zeilen ist förmlich zu spüren, jedes Maß ist bei Wal Buchenberg bei seiner Liebe zum Arbeitszwang verloren gegangen. Nach Belegen, wonach Karl Marx Fourier als Agenten des Kapitals verunglimpft hätte, wird Wal Buchenberg vergeblich suchen, er müsste sie sogar erfinden (aber wer weiß, wozu er noch fähig ist).

Dabei müsste ein Wal Buchenberg sogar froh sein, ein Motivationsmittel wie den Ehrgeiz und die Streitlust zu besitzen, das die Menschen in der „Bochumer Kommune“ zum Arbeiten motivieren könnte. Aber nein, in der „Bochumer Kommune“ muss es und wird es der „äussere Zwang“ sein, wie immer der aussehen mag (Ich habe nicht die geringste Lust, es auszuprobieren).

Für alle, die sich fragen, was das ganze soll, sei kurz folgendes erklärt:

Fourier entwickelte aus seinem Kenntnisstand heraus ein komplexes System von Leidenschaften, im Grunde eine Theorie der menschlichen Motivation. Im Kern, so seine Auffassung, ist jede Leidenschaft in ihrer eigentlichen Triebfeder gut und richtig, nur müssten die Leidenschaften gesellschaftlich ausbalaciert und durch gegenläufige Leidenschaften auf höhere, kultiviertere Ebenen gebracht werden.

Hierzu gehören auch zwei Leidenschaften, die laut Fourier von Moralaposteln stets verdammt und unterschätzt wurden, und das sind:

–         Ehrgeiz

–         Streitlust

Es handelt sich um zwei (oft, aber nicht immer kombiniert auftretende) Leidenschaften, die einem Wal Buchenberg und anderen Bochumern durchaus bekannt sein müssten, zumal sie ja förmlich von ihnen besessen sind.

Fourier sagt nun bemerkenswerterweise, dass auch diese in unkontrollierter Form oft abstossenden und „egoistischen“ Leidenschaften auch in ein gesellschaftliches Konzert zum Nutzen aller eingebracht werden können.

Man muss natürlich wissen, dass Fourier davon ausgeht, dass die Leidenschaften in jedem Menschen spezifisch anders verteilt sind. Nicht jeder Mensch ist ehrgeizig, und auch nicht jeder Mensch ist streitsüchtig: Aber es gibt eben auch Ehrgeizige und Streitsüchtige, und Fourier sagt, das ist gut so, sollen sie doch ehrgeizig und wetteifrig sein zum Nutzen der Gemeinschaft.

Der Gedanke ist so einfach wie genial.

Engels schrieb dazu zustimmend:

Die subjektive Konkurrenz, der Wettstreit von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit usw., wird sich unter diesen Umständen auf den in der menschlichen Natur begründeten und bis jetzt nur von Fourier erträglich entwickelten Wetteifer reduzieren, der nach der Aufhebung der entgegengesetzten Interessen auf seine eigentümliche und vernünftige Sphäre beschränkt wird.

(Gewiss, ich weiß, dass Friedrich Engels bei diesen Bochumer Herren „persona non grata“ ist, aber das schert mich nicht, ich habe nicht die geringste Neigung, ihren Kopfgeburten zu folgen).

Engels stimmt also Fourier zu, dass erstens Konkurrenz und Wettstreit auch eine in der menschlichen Natur begründete Leidenschaft ist und zweitens Fourier eine „erträgliche“ Weise gefunden hat, diese zweifellos sehr „egoistische“ Neigung zum Nutzen der Gemeinschaft zu domestizieren.

Wenn wir nur beispielsweise an die riesigen Organisationen des Amateursports denken, deren Mitgliederzahlen in unserer Gesellschaft die jeder Partei und jeder Gewerkschaft weit übertreffen, dann bekommen wir eine Ahnung davon, welches kreative Potential in der Kultivierung dieser Leidenschaft des Wetteifers steckt.

Allerdings sind für Fourier Ehrgeiz und Wetteifer beileibe nicht die einzigen Leidenschaften, die geeignet sind, um anziehende Arbeit möglich zu machen, da gibt es eine ganze Menge anderer. Wer immer Fourier je gelesen hat, und nicht nur Textfragmente aus seinen Texten gerissen, weiß dies wohl. Fourier ersinnt ja etwa sogar „galante Armeen“ für komplexe Bauvorhaben wie etwa Strassenbrücken.

Wal Buchenberg aber hat den obigen Textteil natürlich deswegen ausserhalb des dargestellten Zusammenhangs zitiert, weil er damit einen Scheinbeleg für seine abstruse Behauptung (Lichtjahre entfernt von Marx wie Engels), Fourier hätte mit dieser Textstelle den Kapitalisten ein manipulatives Instrumentarium in die Hand geben wollen, die Arbeiter auszubeuten.

Das ist aber eine Verfälschung, und ich fürchte nach den bisherigen Erfahrungen mit Wal Buchenbergs Umgang mit Zitaten, eine bewusste.

Fourier stellt in obigem Zitat die kreative Nutzung dieser Leidenschaften in einer Zukunftsgesellschaft an einem Beispiel dar.

Er redet nirgends davon, dass Menschen zur Konkurrenz gezwungen werden sollen, wie das Wal Buchenberg suggerieren will.

Fourier spricht von Serien, und das ist ein Kernpunkt seiner Lehre, ausschließlich als freiwillige Zusammenschlüsse aufgrund gemeinsamer Leidenschaften und Neigungen, was Wal Buchenberg hier wohlweislich unterschlagen hat (Serien wären einfach „Arbeitsteams“), um Fourier zum heimtückischen Agenten kapitalistischer Verwertungsinteressen erklären zu können.

Natürlich ist das demagogisch, denn Wal Buchenberg bleibt kein anderes Mittel als solche Demagogie.

In den leidenschaftlichen Serien der Ehrgeizigen und Wetteiferer sind nämlich nach Fourier diejenigen Menschen organisiert, die ehrgeizig und wetteifernd sein wollen, ein wichtiger und entscheidender Unterschied, nicht nur zu den „Arbeitsteams“ in der öden „Bochumer Kommune“, deren „Teams“ offensichtlich nach allen nur möglichen Kriterien zusammengestellt werden, nur nicht nach gemeinsamer Neigung.

So interessant und aussagekräftig die zitierte Fourier-Textstelle, so deutlich auch Wal Buchenbergs philisterhafter Kommentar: er hat offensichtlich rein gar nichts bei Fourier verstanden.

3. Die Furcht der schlechten Utopisten vor „travail attractif“

 3. Das ist schlechte Utopie.

Schlecht? Schlecht für wen?

Schlecht für die „Bochumer Kommune“?

Die einzig schlechte Utopie, von der in diesem Zusammenhang die Rede sein kann, ist die reaktionäre Utopie der „Bochumer Kommune“, von der schon jetzt ihre Begründer sagen, dass in ihr „Arbeit stets ein äusserer Zwang und niemals Genuss“ sein wird.

Jede nähere Betrachtung dieses monströsen Konzepts ergibt, dass es auf der Verewigung des Arbeitszwangs beruht, wobei die Verfasser klugerweise sich dabei zurückhalten zu erklären, welche Art von Zwangsmitteln sie sich vorstellen, um die Bewohner ihrer Kommune künftig zur „Einsicht in die Notwendigkeiten“ zu zwingen.

 Wer behauptet, dieses Konzept der „attraktiven Arbeit“ sei identisch mit der Einsicht in die Notwendigkeit in einer selbstbestimmten Gesellschaft (K. Marx), der kennt weder Karl Marx noch Charles Fourier.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: wer weder Karl Marx noch Fourier verstanden hat, für den ist „travail attractif“ (Karl Marx) ein Greuel, und nach meiner Recherche teilen die „Bochumer“ einschließlich Robert Schlosser den Glauben an die Ewigkeit des Arbeitszwangs.

Wal Buchenberg mag sich noch so sehr hinter einer behaupteten Kompetenz (die vor allem in Zitateschaufelei inhaltlich unbegriffener Textstellen besteht) verstecken. Dreh und Angelpunkt der Utopie der „Bochumer Kommune“ basiert auf dem Lehrsatz:

Arbeit wird in der klassenlosen Gesellschaft in der Bochumer Kommune immer äusserer Zwang sein, niemals Genuss.

Ja, da trennen uns prinzipielle Differenzen, und das schöne Marx-Zitat am Kopf des „Schemas“ ist was das „Bochumer Projekt“ angeht schlicht Makulatur.

Die Utopie der „Bochumer Kommune“ ist von daher eine reaktionäre Utopie, weil sie selbst hinter die kulturellen Errungenschaften des Spätkapitalismus zurückfällt, denn selbst in der neoliberalen Phase des Kapitalismus gibt es immer noch Menschen, sogar Lohnabhängige, denen die Arbeit skandalöserweise Spaß und Genuss bereitet: sogenannte „Workoholics“, was freilich nur für eine Minderheit der Lohnabhängigen der Fall ist. In der „Bochumer Kommune“ wird diesen Menschen mit Sicherheit ein solcher Genuss gründlich ausgetrieben werden, durch „Einsicht“, versteht sich.

Ich möchte schließen mit der persönlichen Feststellung, dass es sich meines Erachtens bei der „Bochumer Kommune“ – sogar eingestandenerweise – um eine abstossende, äusserst unattraktive Zukunftsvorstellung für Proletarier  handelt, von den himmelschreienden Ungereimtheiten des Konzeptes in den ökonomischen und organisatorischen Details mal ganz abgesehen.

Ja, ich weiß, ich ahne zumindestens, dass es sich bei den Verfechtern des Bochumer Programms um ehemalige beinharte Stalinisten handeln muss, die irgendwie einen Kern ihrer alten Überzeugungen bewahren wollen, nachdem sie so viel an geistigem Rüstzeug haben wegwerfen müssen.

Epilog: Warum auch schon für Stalin „Marx der Todfeind der utopischen Sozialisten“ war

„Marx war der Todfeind der utopischen Sozialisten“, schrieb und fabulierte Stalin einst in einem vor Hass schäumenden Aufsatz, und er meinte ganz ganz offensichtlich vor allem diesen Fourier (mit Saint Simon und Owen hätte er sich ja inhaltlich noch durchaus anfreunden können).

Das immerhin ist im Wesenskern ihrer Überzeugungen wohl übrig geblieben aus der „alten Zeit“:

Menschen sind eben  faul und müssen zur Arbeit gezwungen werden.

Aber sie sollen es gefälligst „einsehen“, das ist dann „kommunistisch“.

(Davon, dass die Lohnarbeit in der Bochumer Kommune gar nicht aufgehoben sein kann, davon in anderen Texten, wenn ich mich dazu überwinden kann)

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Written by bronsteyn

3. April 2012 um 6:47 pm

6 Antworten

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  1. […] (1) das konzept der attraktiven arbeit bei Fourier. da gibt es von bronsteyn bereits sehr entwickelte vorarbeiten(vergl. https://bronsteyn.wordpress.com/2012/04/03/%E2%80%9Etravail-attractif-anziehende-arbeit/) […]

  2. […] danke an bronsteyn für den hinweis auf Fourier  […]

  3. […] war. ich selber bin mit Fourier nicht vertraut, aber begriffe wie “leidenschaft” und “attraktive arbeit” erwecken in mir sofort das gefühl, dass sich das stimmig […]

  4. […] bin dem genossen bronsteyn sehr dankbar, dass er den begriff ‘LEIDENSCHAFTEN’ des utopischen sozialisten Charles […]


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