Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Ein Diskussionsbeitrag, der auf dem Marx-Forum nicht mehr erscheinen durfte.

with one comment


Antwort auf: Wal Buchenberg (03.04.2012, 10:24) und Kim B.

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Autor – Meno Hochschild (Veröffentlichung nicht im Forum, sondern hier):
Über das bürgerliche Menschenbild

Eine erstaunliche Debatte, die inzwischen die Administration des Karl-Marx-Forums veranlaßt hat, die ärgsten Kritiker des Bochumer Kommunismusverständnis auszusperren und das bisher im Hinblick auf Schreibrechte öffentliche Forum zu schließen. Dennoch möchte ich gewisse Aspekte von Wal Buchenbergs Antwort auf meinen Beitrag nicht einfach so stehen lassen und veröffentliche meine Erwiderung eben außerhalb des Forums zum Nachlesen.

Zitat von W. Buchenberg: die Überlegungen von Fourier sind vor allem im Sowjetsystem „ernst genommen“ worden. Da hat man „sozialistische Wettbewerbe“ veranstaltet.

Mit Verlaub: Das Sowjetsystem mit all seinen bürokratischen Entstellungen und Arbeitsformen hatte mit Fourier rein gar nichts zu tun, viel eher schon mit im Kapitalismus abgekupferten verzerrten Wettbewerbsmodellen, die vielfach nach außen Anlaß für Satire boten. Im Ernst: Wie kann man in Anbetracht von GULAGs zu Stalins Zeiten (bis hin zu mitunter tödlicher Zwangsarbeit) nur entfernt an Fouriers Modell der anziehenden Arbeit denken??? Ein empörender Vergleich.

Buchenbergs Ausführungen zu Wettstreits …

Ein „Wettstreit“ hat Teilnehmer, das sind nach deiner Vorstellung die Arbeitenden. Aber jeder „Wettstreit“ hat auch welche, die die Ziele setzen. Die nehmen selber an dem „Wettstreit“ gar nicht teil. Und dann hat jeder „Wettstreit“ auch (Schieds)Richter, die über richtig und falsch oder gut und böse richten. Auch diese sind keine Teilnehmer. Jeder Wettstreit ist für die Teilnehmer eine Zwangsjacke. Den Sportlern/Teilnehmern ist nicht erlaubt, sich zusammenzutun und die Regeln ihres Wettkampfes zu ändern und zu bestimmen. Die linken Utopisten von Fourier bis zu dir sehen sich alle in der Rolle der Richter, nicht in der Rolle der Teilnehmer. Nur so kann man den Wetteifernden ein Glücksgefühl andichten. Jeder Wettstreit und jeder sportliche Wettkampf ist ein Abbild von entfremdeter Arbeit, wo andere die Ziele setzen, die die Teilnehmer erreichen sollen, und um die sie mit anderen „wetteifern“. Da gibt es erstens die Zielbestimmer (Planbürokraten oder Kapitalisten), zweitens gibt es die Schiedsrichter (Manager) und drittens die Malocher (Teilnehmer).

… sind längliche Betrachtungen des Wettstreits, wie er in seiner schlimmsten Form im Kapitalismus als Farce vorkommen kann. Aber leider mangelt es hier W. Buchenberg an Phantasie. Es kommt ihm nicht entfernt in den Sinn, daß sich die Teilnehmer eines Wettstreits auch selbst Regeln und gemeinsame Übereinkünfte geben können. Man denke nur an Fußball und andere sportliche Wettkämpfe. Von Zwang kann da keine Rede sein. Niemand MUSS Fußball spielen, Sportverbände hin oder her, aber mit Sicherheit wirkt der sportliche Wettstreit motivierend. Warum nicht auch in der kommunistischen Gebrauchswertproduktion?

Und was sagt Buchenberg zur Arbeit? Das kommunistische Arbeitsleben ist selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt. Selbstbestimmt heißt zuallerst, dass die Arbeitenden ihre Ziele und Zwecke selbst bestimmen und sich nicht durch „Leidenschaften“ und „Wettbewerbe“ von irgendwelchen „Zielebestimmern“ zum Arbeiten verführen und manipulieren lassen. Ganz in diesem Tenor lästert Wal Buchenberg auch über die Fourier’sche Spaßgesellschaft als Gegenstück zur Bochumer Kommune. In letzterer ist Arbeit also ohne Leidenschaft, nur mit stocknüchternem Verstand zu verrichten. Wie traurig und phantasielos! Quasi Roboterarbeit. Übrigens: Was passiert mit denjenigen, die aus der Reihe tanzen und sich nicht in dieses Korsett zwängen lassen? Forenausschluss. Zu mehr reicht die Macht der Bochumer Kommune glücklicherweise nicht.

Und weiter sagt Buchenberg provokativ in Verletzung der von ihm selbst verantworteten Forenregeln (-Vermeidung persönlicher Ansprache-): Und was ist mit allen notwendigen Arbeiten, die erst die natürliche Basis für freies Arbeiten schaffen? Freies Programmieren ist für dich der Kommunismus. Okay. Aber wer beschafft dir was zum Anziehen? Wer beschafft dir was zu Essen? Wer unterhält deine Wohnung? Wer putzt deinen Clo? Wer klärt deine Scheiße weg, die du den Clo runterspülst? Wer beseitigt deinen Müll, den du produzierst? Das sind alles Tätigkeiten, die durch äußere Zwänge anfallen, und die im Kommunismus nicht verschwinden werden.

Ich kann Wal Buchenberg beruhigen. Selbstverständlich besorge ich mir selber meine Kleidung, kann mich auch selbst anziehen, gehe täglich einkaufen, nicht nur für mich allein. Nein, auch für eine größere Familie, beteilige mich an der Hausarbeit, Müllbeseitigung usw. Im Ernst, das sind alles Tätigkeiten des alltäglichen Lebens, die noch nicht in die Sphäre der kapitalistischen Warenzirkulation und -produktion fallen, aber ebensowenig auch in die Sphäre der kommunistischen Gebrauchswertproduktion in einer kommunistischen Gesellschaft. Das Thema der Debatte ist ein anderes: Gesellschaftliche notwendige Arbeit und was daraus im Kommunismus werden kann. Hausfrauen- oder Hausmannsarbeit gehören nicht dazu.

Zweitens: Die von Buchenberg vorgenommene starre Trennung in notwendige und freie Arbeit wird im Kommunismus selbstverständlich so nicht existieren. Siehe dazu auch Bronsteyns hervorragende Ausführungen über die komplexe zusammengesetzte Arbeit. Oder bei Engels: Ein Architekt kann auch mal die Karre schieben. Im übrigen ist auch Universitätsdozenten und Studenten zumutbar, z.B. 2-3 mal im Jahr ein Klo auf der Uni zu putzen – als Mitbenutzer des Klos und Voraussetzung für eine attraktive Dozenten- oder Studientätigkeit. Und was das freie Programmieren in meinem Fall angeht: Es kommen dabei Teiltätigkeiten vor, die für mich alles andere als spaßig, ja öde sind. Trotzdem bleibt es eine meiner Leidenschaften, besonders dann, wenn ich schwierige Probleme lösen kann. Andererseits kann das für viele Zeitgenossen wie der blanke Horror erscheinen, sogar schlimmer als Kloputzen, zum Beispiel, wenn es um höhere Mathematik geht. Freie Arbeit muß also nicht für jeden gleichermaßen attraktiv sein, ebensowenig wie notwendige Arbeit für jeden gleichermaßen unattraktiv ist. Und was den ach so starren unversöhnlichen Gegensatz zwischen notwendiger und freier Arbeit angeht: Meine notwendige Arbeit bzw. mein Brötchenerwerb besteht ebenfalls aus Programmieren. Ich würde allerdings auch sagen, im Kommunismus wäre meine jetzige notwendige Arbeit zu mindestens 95% überflüssig, während meine jetzige freie Arbeit weitaus nützlicher wäre. Soviel als persönliche Fußnote zum Thema Produktivkräfteentwicklung und Charakter und Bedeutung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit im Kommunismus. Es ist vor diesem Hintergrund wirklich nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Aufhebung der Entfremdung der Arbeit im Kommunismus gehen kann.

Ich deutete in meinem vorherigen Beitrag die fatale Möglichkeit von Aufsehern an: Wie will die Bochumer Kommune dafür sorgen, daß notwendige Zwangsarbeit verrichtet wird, wenn freiwillige Arbeit nicht in Frage kommen soll? Von Buchenberg selbst kommt da praktisch nur Schweigen im Walde. Ein anderer Genosse namens Kim B. wird hier deutlicher. Er schreibt in einem Disput mit Bronsteyn: Die Anwendung des Verstandes ist die einzige Möglichkeit, Gewalt und Zwang zu verhindern. Der Verstand? Das passt zu Buchenbergs Definition der Arbeit als zweckbestimmte Problembeseitigung. Eine merkwürdige Argumentation für einen, der sich zum (materialistischen) Marxismus bekennt. Sind Menschen wirklich durch irgendwie über den Menschen schwebende Vernunftsprinzipien statt durch eigene soziale Interessen und Leidenschaften geleitet? Um das von Kim B. bemühte Beispiel der Altenpflege in einem seiner Beiträge zu bemühen: Jeder soll sich rein rational sagen (zwingen?), daß die mühsame Pflege der eigenen Großmutter notwendig sei (warum eigentlich? – vielleicht um selber im Alter besser behandelt zu werden – ein eigennütziges Motiv). Natürlich, Leidenschaft, Mitgefühl und Fürsorge gelten nicht (oder sind bestenfalls von nebensächlicher Bedeutung). Es muß die „Vernunft“ regieren. Aber halt, ist die notwendige Arbeit in der Bochumer Kommune nicht ewiger unverhinderbarer Zwang? Ja, genau das schreibt Kim B. in einem vorherigen Beitrag:

Weil sich aus rationalen Gründen nie ein gesunder Mensch aus freien Stücken um das Scheiße wegschaffen bemühen wird, ergibt sich zwingend, dass im Kommunismus niemand die Scheiße wegschaffen wird, sie also im Plumpsklo, hinterm haus oder sonstwo in der Natur landen wird.

Der Widerspruch ist offenkundig. Derselbe Verstand bzw. die rationalen Gründe gebieten nach Kim B. es, die unangenehmen menschlichen Hinterlassenschaften nicht freiwillig zu beseitigen. Was nun? Wenn es nicht einmal der Verstand schafft, wer oder was sorgt dann dafür, daß notwendige Zwangsarbeit verrichtet wird? Vielleicht wird es doch Aufseher in der Bochumer Kommune geben.

Das Menschenbild dieser Bochumer Kommune kommt mir irgendwie bekannt vor. Unangenehme Tätigkeiten werden angeblich nie freiwillig angenommen, mit anderen Worten: Menschen sind von Natur aus faul. Wo haben wir das schon mal gehört? Richtig! Die Kapitalisten und ihre bürgerlichen Medien sagen es tagtäglich. Arbeiter müssen zur Lohnarbeit gezwungen werden. Mithin erscheinen sie aus kapitalistischer Perspektive als tendenziell faul (wollen nicht mehr arbeiten), egoistisch und eigennützig (fordern zu viel). Gut, das sagen vielleicht nur hartgesottene Konservative und denken es nicht immer so laut. Etwas klügere bürgerliche Vertreter sagen wie auch sehr viele Arbeiter: Ja Kommunismus ist eine schöne Utopie, nur leider nicht möglich, weil die Menschen von Natur aus eben faul, egoistisch etc. wären. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Projektion der herrschenden Klassenverhältnisse in die menschliche biologische Natur. Es ist aber der ideologische Widerhall der kapitalistischen Lohnarbeit, die notwendig Zwangscharakter hat. Ich fürchte, die Vertreter der Bochumer Kommune sitzen leider auch diesem bürgerlichen Menschenbild auf. Stimmen kann dieses Bild aus proletarischer Perspektive ohnehin nicht. Beispiel Altenpflege: Viele junge Arbeiter entscheiden sich aus freien Stücken für den Ausbildungsberuf der Altenpflege, wohl wissend, daß dazu auch übelriechende Tätigkeiten wie das Abwischen eines Hinterns gehören. Einen Zwang der Berufswahl gibt es nicht. Und die eher schlechte Bezahlung kann als Motivation nur eine untergeordnete Rolle spielen. Vielmehr sind offensichtlich soziale und fürsorgerische Motive für ihre Berufswahl von Bedeutung – auch das sind wichtige Fourier’sche Leidenschaften.

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Written by bronsteyn

6. April 2012 um 8:30 pm

Eine Antwort

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  1. Vielen Dank !
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    10. Mai 2012 at 9:41 am


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