Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Archive for April 9th, 2012

Karl Marx und die Irokesen

leave a comment »


Über Marx und Engels schreibt der Verfasser folgendes:

 http://libcom.org/library/karl-marx-iroquois-franklin-rosemont

Sie wurden besonders durch die  außerordentlichen Arbeiten ergriffen vom inspiriertesten und mutigsten aller Utopisten, Charles Fourier, der 1837 gestorben waren und für den sie eine profunde Bewunderung  ihr  gesamtes Leben behielten.

Schwerpunkt des Artikels von Franklin Rosemont ist das „Ethnologische Notizbuch“ von Karl Marx, in dem er sich mit der Zivilisationskritik des Lewis Henry Morgan beschäftigte.

Morgan:

„Seit dem Eintritt der Zivilisation ist das Wachstum des Reichtums so ungeheuer geworden, …, dass dieser Reichtum dem Volk gegenüber eine nicht zu bewältigende Macht geworden ist. Der Menschengeist steht ratlos und gebannt da vor seiner eigenen Schöpfung. … Die bloße Jagd nach Reichtum ist nicht die Endbestimmung der Menschheit, …. Die Auflösung der Gesellschaft steht drohend vor uns als Abschluss einer geschichtlichen Laufbahn, deren einziges Endziel der Reichtum ist; denn eine solche Laufbahn enthält die Elemente ihrer eigenen Vernichtung.“ .[1]

Friedrich Engels übernahm diese Theorie von Morgan und verfeinerte sie.

 Ich beabsichtigte anfangs, die brillante Kritik der Zivilisation, die sich in den Werken Charles Fouriers zerstreut vorfindet, neben diejenige Morgans und meine eigne zu stellen. Leider fehlt mir die Zeit dazu. Ich bemerke nur, daß schon bei Fourier Monogamie und Grundeigentum als Hauptkennzeichen der Zivilisation gelten und daß er sie einen Krieg des Reichen gegen den Armen nennt. Ebenfalls findet sich bei ihm schon die tiefe Einsicht, daß in allen mangelhaften, in Gegensätze gespaltenen Gesellschaften Einzelfamilien (les familles incohérentes) die wirtschaftlichen Einheiten sind. 

(Engels, Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates)

Advertisements

Written by bronsteyn

9. April 2012 at 11:16 pm

Trotzki über Charles Fourier 1923

with one comment


Zu den „Marxisten“, die den Marxismus durch Verbannung der „fourieristischen“ Konzepte (vor allem des Konzepts der anziehenden Arbeit) kastrieren und eines seiner wichtigsten Wesenskerne berauben, gehören auch viele, die sich als „Trotzkisten“ bezeichnen.

Doch auf Trotzki selbst können sie sich dabei nicht berufen.

Trotzki: Fragen des Alltagslebens, 1923

Der große französische Utopist Fourier baute seine Phalansteren (Zukunftskommunen) – als Gegengewicht zur christlichen Askese und der Unterdrückung der Natur des Menschen  – auf der richtigen und vernünftigen Ausnützung und Kombination der menschlichen Instikte und Leidenschaften auf. Das ist ein tiefer Gedanke. Der Arbeiterstaat ist weder ein geistlicher Orden noch ein Kloster. Wir nehmen die Menschen so, wie die Natur sie geschaffen und wie sie die alte Gesellschaft zum Teil erzogen, zum Teil verstümmelt hat. Wir suchen nach Stützpunkten in diesem lebendigen Menschenmaterial, um unseren Parteihebel und revolutionär-staatlichen Hebel anzusetzen. Das Bestreben, sich aufzuheitern, sich zu zerstreuen, zuzuschauen und zu lachen, ist das berechtigste Streben der menschlichen Natur. Wir können und müssen diesem Bedürfnis eine Befriedigung von immer höherer künstlerischer Qualität gewähren und zugleich das Vergnügen zum Werkzeug der kollektiven Erziehung, ohne pädagogische Bevormundung, ohne aufdringliches Hinlenken auf die Bahn der Wahrheit machen.

Das Bestreben, sich aufzuheitern und zu lachen bezeichnet Trotzki also als „berechtigstes Streben der menschlichen Natur“ und zieht sogar im dunklen Jahr 1923, als die junge Sowjetrepublik gerade den schweren Bürgerkrieg überlebt hat, ganz unmittelbare praktische Konsequenzen für die revolutionäre Kulturarbeit. Das Vergnügen wird hier zum Werkzeug der kollektiven Erziehung erklärt, und Trotzki bezieht sich vor allem auf das damals noch völlig neuartige Medium des Kinos.

Und das in einer Gesellschaft, die sogar nach Lenins Meinung noch nicht als wahrhaft sozialistische Gesellschaft angesehen werden konnte, weil die Klassen noch nichtaufgehoben waren und „unser gesamter Apparat nichts taugt“.

Die kommunistische (nach-sozialistische) Zukunft aber basiert nach Trotzkis Auffassung  auf der richtigen und vernünftigen Ausnützung und Kombination der menschlichen Instinkte und Leidenschaften.

Sonst würde er das zweifellos nicht als einen „tiefen Gedanken“ Fouriers bezeichnen.

Written by bronsteyn

9. April 2012 at 3:09 pm

Wal Buchenberg – „Thema erledigt“

leave a comment »


http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=6952

Ist dazu nicht alles Wesentliche gesagt?

verfasst von Wal Buchenberg, 08.04.2012, 14:25

Zum Beispiel hier.

Wozu noch ein Thread zu einem Thema, das schon in drei Threads diskutiert wurde?
Jeder hat seinen Standpunkt erläutert, auch Du.

Im übrigen nervt es, wenn nach dieser verzweigten Diskussion immer noch so getan wird, als wären in diesem Punkt gar keine Differenzen möglich und als müssten hier alle und jeder einer einzigen Meinung sein.

Gruß Wal
Thread gesperrt

Ich stimme insofern zu, als das Thema Wal Buchenberg damit wirklich erledigt ist.

———————————————————————-

Nachtrag:

Interessante Beiträge noch von zwei anderen Teilnehmern im marx-forum (private Webseite von Wal Buchenberg), die Beachtung finden sollten:

———————————————————————-

Der tiefere Sinn dieser Spaßgesellschaft….

verfasst von Uwe, 08.04.2012, 23:49

» Der tiefere Sinn dieser Spaßgesellschaft, die hier propagiert wird, ist
» der, dass mittels Spaßtheorie die verknöcherte Form der Arbeitsteilung
» erhalten bleiben kann. Da die Menschen verschieden sind, hat jeder an
» anderem Spaß. Die einen lieben es eben Klos zu putzen und Dreck zu
» schippen, die anderen lieben es mehr zu programmieren, zu komponieren und
» zu kommandieren. So bekommt ein jeder, was er möchte, die Wirtschaft blüht
» und gedeiht und das Leben ist schön. Und für alle Zeiten gibt es
» Staplerfahrer und Manager, Kloputzer und Sesselfurtzer, Maurer und
» Architekten, Programmierer und Knöpfedrücker, Ärzte und Arzthelferinnen,
» weil es eben jedem von ihnen so Spaß macht.

Das oben gesagte ist falsch, wurde so z.B. von mir nicht geschrieben und steht so nicht bei Fourier. Lesen würde helfen. Eine kleine Anekdote. Als Kind nahm mich mein Onkel mit zu seiner Arbeitsstätte. Er zeigte mir, wie alles wunderbar funktioniert und war stolz wie … auf seine Arbeit. Ich wollte nur weg. Es stank fürchterlich. Er arbeitete im Klärwerk.

» Diesen Spaßtheoretikern muss „es allerdings als eine Ungeheuerlichkeit
» erscheinen, dass es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von
» Beruf mehr geben soll und dass der Mann, der eine halbe Stunde lang als
» Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt,
» bis seine Tätigkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird.

Wieviel Zeit? Der Dreh- und Angelpunkt besteht doch gerade darin. Wie lange und für wieviele Stunden wird welche Funktion von welchem Menschen wahrgenommen? Bis sie erfuellt ist? Kann das auch mal länger dauern? Und warum sollte man dieses für z. B. was unterbrechen? Ballspielen? Musizieren? Malen? Tanzen? Wo ist hier die von Dir verortete Spassgesellschaft und wer will diese implementieren?

Ein
» schöner Sozialismus, der die Karrenschieber von Beruf verewigt!“ F.
» Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 186.

Und was gehört dazu, um nicht nur architektonische Meisterwerke zu erschaffen, sondern sich ebenso genügend Kondition und Fertigkeit anzueignen, dass die Karre nicht zur Seite kippt?

» Oder Marx: „In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler,
» sondern höchstens Menschen, die unter anderem auch malen.“ K. Marx,
» Deutsche Ideologie, MEW 3, 379.

Maler als Beruf oder malen wie Rembrandt? Was hat Marx hier wohl gemeint?

»
» Deshalb klingt es den Spaßtheoretikern schrill in den Ohren, wenn Marx
» feststellt: „Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder Mensch ein
» Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine Klasseneigenschaft zu
» sein.“ K. Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 342.

Richtig, jeder Mensch ein Arbeiter. Doch was bedeutet das aus damaliger oder heutiger Sicht? Warum schrieb er nicht, dass jeder Mensch ein Rembrandt oder Mozart werden wird?

»
» „Jeder ein Mensch Arbeiter“? Das ist doch kein Kommunismus, der Spaß
» macht!

Doch Wal, genau das meinten Bronsteyn, Fourier etc.. Wo in diesem Zitat sind die „sechs Stunden täglich“ versteckt?

» Denn in der Spaßtheorie beginnt der (soziale) Zwang genau dort, wo der
» Spaß aufhört. Spaßtheoretiker können sich nur vorstellen, dass Arbeiten,
» die vielleicht keinen Spaß machen, aber nötig sind, nur mittels sozialer
» Zwangsmaßnahmen erledigt werden können.

So wie Kim B., die wirklich ungern bestimmte Dinge wegmachen will, wie wir hier lesen konnten. Während nun Einige meinen, dass sämtliche menschlichen Tätigkeiten von den Menschen erledigt werden und zwar rund um die Uhr, abwechselnd von jedem, egal wann, eben, weil es menschliche Tätigkeiten sind, meinen andere, das schafft Mensch nur sechs Stunden am Tag und dann beginnt die wahre Freiheit. Und die Mittel dazu sind was?

Siehe meine kleine Anekdote oben. Menschen, denen ihre Arbeit Spass macht können sich auch heute schon auch nur schwer vorstellen, dass dies anderen nicht so geht (Chirurgen, Gerichtsmediziner, Straßenkehrer, Programmierer, Stahlwalzwerker, Bergarbeiter).

»
» Hinter dem Spaßvorhang lugt noch die kritische Frage, was denn passiere,
» wenn sich nicht ausreichend Spaßgesellen finden, um anfallende unspaßige
» Aufgaben zu erledigen. Nun, dann wird dem Spaß eben nachgeholfen werden
» durch allerlei Spaßspiele, Spaßpreise, Spaßauszeichnungen,
» Spaßbeförderungen und Spaßuniformen.

Nein Wal, auch das wurde geschrieben. Sicherlich heute ziemlich schwer vorstellbar, dass der entfremdete Mensch irgendwann zu den für sein menschliches Leben notwendigen Tätigkeiten zurückfinden wird; so dass sie ihm zu inhärenten Eigenschaften Tätigkeiten oder was auch immer werden. Manche z.B., wenn sie Kinder haben und das Kind die Windel voll hat, machen sie das selber weg, aber in einer Zwangsgesellschaft kann man das auf andere abwälzen.

»
» Wer wirklich Spaß haben will, der bekommt ihn. Nachzulesen bei Fourier,
» Freud, Marcuse und den Beatles.
»

Doch wohl eher bei Wal Buchenberg, denn bei Fourier, Marx etc. gehts um rotierende Arbeiten, menschliche Arbeiten, die der Mensch ausführt, weil sie ihn nicht mehr abstoßen. Bei Wal Buchenberg aber ist die ganze zum über- und weiterleben notwendige menschliche Tätigkeit reduziert auf sechs Stunden täglich. Und dann, die restlichen Stunden lebt er sich voll aus, kann tanzen, saufen, lachen, fröhlich sein. Aber nicht vorher, die sechs Stunden täglich, denn das ist Muss und nicht Mensch. Kann er das nicht rund um die Uhr? Ist es nicht egal wie lange er wofür braucht? Was, wenn er länger braucht? Was, wenn er schneller fertig ist?

Nach Meiner Meinung steht Wal Buchenberg auf dem Kopf und zetert mit seinem Spiegelbild

Uwe

—————————————————————————————————————-

Arbeit und Leben

verfasst von Yuniel, 08.04.2012, 11:56

Hallo,

Ich möchte nochmal die Frage nach der Ausschließung von Arbeit und Leben stellen, die Lola aufgeworfen hat:

„Man sagt doch die Dichotomie von Arbeit und Leben sei in dieser Gesellschaft abgeschafft. Sehe ich das richtig?“

(„Dichotomie“ = entzweigeschnitten sein, getrennt sein, eine sich gegenseitige Ausschließung)

Die Frage war also nicht, ob Arbeit (Aktivität zum Überleben und zur Verbesserung des Lebens) im Kommunismus notwendig sei. Selbstverständlich ist sie auch im Kommunismus notwendig. Ich glaube, dieser Punkt muss nicht diskutiert werden.

Vielmehr zielt die Frage doch dahin, ob Arbeit in der kommunistischen Gesellfschaft eben nicht im Gegensatz zur Freude am Leben, individueller Selbstverwirklichung und subjektiver Motivation steht. Es geht also um die Frage, ob die „Notwendigkeit der Arbeit“ eine Sonderzone gegenüber von Freizeit und Selbstverwirklichung bleibt – wie eben im Kapitalismus – oder ob dieser Gegensatz grundsätzlich aufgehoben und eben nicht nur minimiert werden kann.

Wenn der Arbeiter die Maschine anwendet und nicht die Maschine den Arbeiter, dann würde es dem Arbeiter – aus meiner Sicht – wenig nützen, wenn er dies aus einer Situation eines notwendigen Übels tut, das gegenüber dieser abgetrennten Sphäre der Freizeit minimiert werden muss, damit er sich dann endlich verwirklichen kann. Der Unterschied zur kapitalistischen Dichotomie zwischen „Arbeit“ und „Freizeit“ wäre nur nominell, und die Wertproduktion durch das Abarbeiten des Plansolls ersetzt.

Das Verhältnis von „Mensch“ zu „Natur“ und „Notwendigkeit“ ist ja auch nicht nur durch technologischen Fortschritt und Prokuktivitätsstand bestimmt, sondern das alles bildet ein Ganzes innerhalb seiner Welchselbeziehung. Diese soll verändert werden. So verstehe ich den Begriff der „Aufhebung“.

Yuniel

(Thread wurde von Wal Buchenberg gesperrt. )

———————————————————————————————————–

Wer wählt, verändert die Partei, die er wählt, nicht die Verhältnisse. Gilt das nicht auch für Gewerkschaften?

verfasst von Yuniel, 08.04.2012, 19:39

Hallo Wal,

Sind Gewerkschaften systemimmanent, ähnlich wie Parteien?

…Das wäre mein nächster Diskussionspunkt, nachdem du eigenmächtig eine weitere Diskussion über das Thema Dichotomie von Arbeit und Leben durch Sperrung des Threads verhinderst. Wenn „alles gesagt wurde“, braucht ja niemand zu antworten.

Grüße

Yuniel

——————————————————————————————————-

Written by bronsteyn

9. April 2012 at 2:18 am

Veröffentlicht in Humor

Antwort auf die Frage von Hans-Dieter Wege

with 2 comments


Leserbrief von Hans-Dieter Wege zu „travail attractif“ – anziehende Arbeit an „Scharf-Links“

06.04.12 Leserbriefe

—-

Es kann durchaus angehen, dass ich nicht Alles aus diesem sehr langen Beitrag auch richtig verstanden habe.

Ich stelle mir nur eine einzige Frage hierzu: „Wie soll eine Gesellschaft ihre eigene Reproduktion garantieren können, wenn alle Menschen damit beginnen würden sich mit anziehender Arbeit zu beschäftigen, wie in dem Artikel beispielhaft gebracht dem Komponieren?“

Bestimmt würde das ja auch für das Malen, das Singen oder für allen anderen Musen gelten.

In meinen Augen wird wohl in jedem System das Recht auf die individuelle Freiheit zumindest so weit beschnitten werden müssen, wenn die persönlich Freiheit damit beginnt die Freiheit der Gesellschaft und deren Reproduktion zu gefährden.

Und wohl niemand wird sich, sollte sich die anziehende Arbeit wirklich nur auf diese Musen beziehen, davon satt werden können, würden sich alle Menschen die Freiheit nehmen sich ausschließlich dieser Arbeit zu widmen.

Wie schon oben geschrieben, ich muss es auch nicht unbedingt richtig verstanden haben, aber dieses wäre meine Meinung hierzu, falls doch?

Freundliche Grüße

Hans-Dieter Wege

—————————————————–

„Wie soll eine Gesellschaft ihre eigene Reproduktion garantieren können, wenn alle Menschen damit beginnen würden sich mit anziehender Arbeit zu beschäftigen, wie in dem Artikel beispielhaft gebracht dem Komponieren?“

Zunächst vielen Dank für den anregenden Diskussionsbeitrag.

Ich bitte um Nachsicht für die sofort harte Kritik an dieser Frage, aber ich will es auf den Punkt bringen: sie haben offensichtliche die Ausgangshypothese im Hinterkopf, dass anziehende Arbeit bedeutet, auf notwendige Arbeit keine Rücksicht mehr zu nehmen.

Die „Marxologen“ des „Bochumer Programms“ sind gewiss auch dieser Meinung, was nichts daran ändert, dass es sich um verinnerlichte neoliberale Prograganda handelt.

Die Kernbotschaft dieser Propaganda ist: Wenn die Masse der Lohnabhängigen ihre persönlichen Bedürfnisse nicht über jede Schmerzgrenze hinaus einschränken, dann „bricht die Wirtschaft zusammen“.

Ein Charles Fourier konstatierte für die frühkapitalistische Wirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon, dass zwei Drittel aller Menschen keine nützliche oder sogar schädliche Arbeit leisteten, und das gilt für die von Überproduktionskrisen geschüttelte Weltwirtschaft von heute erst recht.

Der Spätkapitalismus heute platzt schier vor lauter materiellem Überfluss, welcher aber deswegen nicht etwa an die Massen der Lohnabhängigen verteilt wird. Dieses System leistet sich den Überfluss, weltweit dutzende von Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit darben zu lassen. Es leistet sich den Luxus ständiger Kriege, der Vergeudung von Milliarden für Spekulationswetten usw.

Gemessen an dem allem, Herr Wege, mit Verlaub, ist ihre obige Frage naiv.

Die Epoche der menschlichen Entwicklung vor den Klassengesellschaften war durch anziehende Arbeit und „ungeordnete Serien“ gekennzeichnet.

Jahrhundertausende lebten Menschen in Horden zusammen, welche letztlich nichts anderes als freiwillige Zusammenschlüsse darstellten. Gewiss wurde man immer in eine Horde hinein geboren, aber das völlig unstrittige Recht, dieselbe auch zu verlassen, war gegeben.

Selbst ein geachteter Stammesführer oder eine geachtete Stammesführerin hatte keine direkte Kommandogewalt über diejenigen, die ihn oder sie als charismatische Persönlichkeit ansahen.

Sie beschäftigen sich doch intensiv mit der Kultur der Indianer, Herr Wege.

Ist Ihnen dabei nicht aufgefallen, dass gerade sie Steppenlandindianer Nordamerikas im Grunde in Serien im Sinne Fouriers organisiert waren?

Die Ethnologie spricht von sogenannten „Bands“ (wörtlich „Banden“), in die die nach Erblinien strukturierten Stämme immer wieder auseinanderfallen. Diese bildeten sich immer wieder um einzelne charismatische Personen.

Die betraf auch die wirtschaftliche Organisation, denn eine solche „band“ war es letztlich, die einer Herde jagbarer Büffel folgte, um sich, marxistisch ausgedrückt, zu reproduzieren.

Ich will jetzt keine unterstützenden Marx- und Engels-Zitate anführen, wie es für Pseudo“Marxisten“ typisch ist. Es genügt, wenn man den Inhalt etwa von „Ursprung der Familien, des Privateigentums und des Staates“ von Engels gelesen und verstanden hat.

Einem intelligenten Menschen muss das reichen, um von dort aus selbständig weiter zu denken.

Was ich einfach sagen will: die „bands“ der nordamerikanischen Steppenland-Indianer praktizierten also anziehende Arbeit, ohne dass dadurch die Reproduktion der Gesellschaft in Gefahr gewesen wäre. Diese Reproduktion kam erst in Gefahr, als die weissen Einwanderer zu tausenden die Büffel abschlachteten und diese noch nicht einmal zur Ernährung benötigten, denn ausschließlich am Tauschwert in Geld der Felle waren sie interessiert.

Was ich über die nordamerikanischen Steppenland-Indianer sagte, gilt im Prinzip für alle gentilen Gesellschaften.

Als die spanischen Kolonisatoren „Amerika entdeckten“, lebten schon Menschen dort. Speziell in der Karibik handelte es sich um das Volk der Tainos, eines Teil der amerikanischen Ethnie der Arawaks. Diese begrüßten Kolumbus und seine Mannschaften sehr freundlich mit überreichlichen Geschenken.

Die Arawaken lebten in dörflichen Kommunen und bauten über eine entwickelte Agrarkultur unter anderem Getreide, Süßkartoffeln und Maniok an. Sie konnten z.B. Spinnen und Weben..

http://de.wikipedia.org/wiki/Arawak

Das klingt durchaus nach einer Gesellschaftsordnung, die auch Überfluss erwirtschaften konnten. Und dieser Überfluss wurde noch nicht von einer herrschenden Klasse angeeignet, denn wie könnten sonst solche Gebräuche zu erklären sein:

Im Logbuch beschrieb er sie als naiv und großzügig, „Sie bieten jedem [ihre Güter] an zu teilen“

http://de.wikipedia.org/wiki/Arawak

Ist Ihnen klar, Herr Wege, dass diese Arawak bei allem was sie hinsichtlich der Nahrungsmittelproduktion taten, anziehende Arbeit verrichteten? Denn Zwangsmittel, um Menschen zu Arbeit zu zwingen, gab es bei den Tainos/Arawaks definitiv nicht.

Vielleicht werden nun irgendwelche Leute sagen: Jaaaaa, aaaaber es wird die Not des Hungers gewesen sein, die die Tainos zum Arbeiten zwang.

So ist eben die Vorstellungswelt von Menschen, die den Arbeitszwang durch die herrschenden Klassen verinnerlicht haben.

Tatsächlich deutet nichts darauf hin, dass die Tainos hungrig gewesen wären. Bei Tauschakten mit den Kolonialisten akzeptierten sie sogar Glasperlen als Tauschmittel, einfach weil die ihnen so gut gefielen. So tauscht niemand, der ständige Hungersnot kennt.

Freilich, die Tainos wehrten sich mit allen Kräften, als sie von den Spaniern zur Arbeit in der Landwirtschaft (und zwar auf den Gütern der Kolonisatoren) gezwungen werden sollten.

Die Taíno waren durch Versklavung, Verfolgung, Raub des Agrarlandes und Besitzübergang zu spanischen Großgrundbesitzern und eingeschleppte Krankheiten bereits nach hundert Jahren spanischer Conquista ausgerottet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Arawak

Ich erinnere nochmals daran, dass es sich um eine Gesellschaft handelte, in der die anziehende Arbeit von Natur verwirklicht war und offenkundig die Reproduktion dieser Gesellschaft erst durch die Ankunft der Spanier tödlich bedroht wurde, und nicht dadurch, dass sie sich mit anziehender Arbeit beschäftigten, was nämlich der Fall war.

Weiter (ohne Marx/Engel-Zitate, nur mit gesicherten Fakten laut wikipedia):

Erste Begegnungen mit dem Seefahrer in spanischen Diensten Christoph Kolumbus 1492 verliefen friedlich, die Arawaken boten den Seefahrern laut dem Logbuch von Kolumbus unter anderem Baumwolle an und die Seefahrer tauschten unter anderem Glasperlen ein. Kolumbus betrachtete sie aber immer als zukünftige Untertanen oder gar als Sklaven.

Kurz darauf nahmen die Spanier Arawaken fest und befragten diese nach Goldvorkommen. Ebenso wurden Arawaken als Sklaven für sexuelle Zwecke und Arbeitszwecke von den spanischen Siedlern festgenommen. Die Aufgabe, Gold zu finden, konnte von den Sklaven nicht erfüllt werden, so dass Kolumbus anstatt Gold (welches er dem Herrscherhaus Spaniens versprochen hatte) notgedrungen Sklaven nach Spanien brachte. Die Arawaken versuchten sich zu wehren, waren jedoch waffenmäßig den spanischen Siedlern deutlich unterlegen. Es kam aufgrund der aussichtslosen Lage auch zum Massensuizid unter den Arawaken.

„Notwendige Arbeit“ war eben für die spanischen Kolonialisten etwas anderes als für die Tainos. Für einen Kolumbus bestand „notwendige Arbeit“ eben darin, die Kosten des Entdeckungsunternehmens hereinzuwirtschaften und noch einen kräftigen Überschuss für das spanische Königshaus und die diversen Gönner, deren Gunst der „Geschäftsmann“ sich natürlich erhalten wollte.

Für die Tainos war aber all das, sexuelle Nötigung, Gold, Zwangsarbeit auf Feldern, deren Früchte ihnen nicht gehörten, natürlich KEINE „notwendige Arbeit“ in ihrem Sinne.

Für die Bochumer „Marxologen“, für die ja jede Arbeit gleich „notwendige Arbeit“ ist und ausserhalb dieser nichts verdient, so genannt zu werden, ist das genau so wenig zu erkennen und zu verstehen.

Aber Sie, Herr Wege, sollten es doch verstehen.

Der Massensuizid der Tainos, durchaus in verschiedenen Quellen verbürgt, war wohl vor allem auf den Arbeitszwang zurückzuführen, etwas, das diese Tainos überhaupt nicht kannten. Ein Leben unter Arbeitszwang war den Massen der Tainos so unerträglich und lebensunwert, dass sie den Suizid vollzogen.

So können nur Menschen handeln, denen die anziehende Arbeit Lebenszweck und Gewohnheit ist.

Ehre dem Andenken der Tainos, die aus den Reihen der Menschheit ausgerottet wurden!

Herr Wege, Sie schreiben in Facebook:

Die Vorstellungen der Indianer finde ich gut. Sie verehren alle Lebewesen, selbst die, die sie töten um zu überleben. Zumindest früher war es ja wohl so! Weitgehender Einklang mit der Natur!

Das zeigt mir, dass Sie kein abgestumpfter Mensch sind, der blind Ideologien inhaliert. Ich respektiere ihre Bewunderung der Religiösität der Indianer. Erkennen Sie bitte aber auch, auf welcher Basis eine solche Religiosität nur erblühen konnte. Es handelte sich um eine hochentwickelte gentile Gesellschaft, deren Wirtschaft nach dem Prinzip der anziehenden Arbeit organisiert war.

Die Vorstellung, dass es bei den Tainos versteckte Aufseher gegeben hätte, die die „persönliche Freiheit“ ihrer Stammesgenossen beschnitten hätten, damit „die Gesellschaft“ und „ihre Reproduktion“ nicht gefährdet war, ist völlig irrig, es gibt nicht den leisesten Hinweis auf solche Aufseher.

Aber diese „primitive“ Gesellschaft war durchaus in der Lage, Baumwolle und andere hochwertige Güter zu produzieren.

Ihr Untergang kam nicht durch die eigene anziehende Arbeit, sondern durch die Kolonialisten.

Gewiss, diese waren technologisch überlegen.

Der Kanone und der Muskete konnten die Tainos nichts entgegensetzen.

Und die Gesellschaften, die nach ihnen kamen, waren selbst bei höherer Technologie für die Mehrheit der Menschen eine wahre Hölle.

Oder etwa nicht?

In Haiti musste die erste erfolgreiche Sklavenrevolution der Geschichte durchgeführt werden, um wenigstens die Menschen in den Vorhof der Hölle zu führen.

Die aus Afrika herangeschafften schwarzen Sklaven waren herbeigeschafft worden, weil sie aus Sicht der Sklavenhalter „robuster“ waren als die durch anziehende Arbeit „verwöhnten“ Arawaks.

Übrigens: Sie kennen doch sicher den Film

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_mit_dem_Wolf_tanzt

oder

http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Mann,_den_sie_Pferd_nannten

Beides Hollywood, gewiss. Weniger bekannt aber ist, dass in der historischen Wirklichkeit tatsächlich einzelne Weisse, die in Gefangenschaft von Indianern gerieten, meist nicht mehr zurückkehren wollten in die „Zivilisation“.

Dieses Phänomen finden Sie ja selbst bei dem historisch verbürgten Fall der Meuterei auf der Bounty.

http://de.wikipedia.org/wiki/Meuterei_auf_der_Bounty

War es etwa der niedrigere Stand der Technologie bei den Wilden, der Sehnsüchte dieser Art hervorrief? Kaum anzunehmen. Es war die Sehnsucht nach der auf anziehender Arbeit begründeten „wilden“ Gentilgesellschaft.

In meinen Augen wird wohl in jedem System das Recht auf die individuelle Freiheit zumindest so weit beschnitten werden müssen, wenn die persönliche Freiheit damit beginnt die Freiheit der Gesellschaft und deren Reproduktion zu gefährden.

Bei allem Respekt, Herr Wege, das ist pure bürgerliche Ideologie, schlimmer noch: bürgerliche Propaganda, an die das Bürgertum selbst nicht glaubt. Auch könnten Sie mit diesem Satz jederzeit alle Zwangsarbeitslager von Wladiwostok über Workuta bis ins Kambodscha des Pol Pot legitimieren. Ich will Ihnen nicht unterstellen, dass Sie das wollen.

Sie bescheinigen aber den kapitalistischen Apparaten dieser Welt also das Recht, die Lohnabhängigen zu Arbeiten zu den schlechtesten Bedingungen zu zwingen, weil ansonsten „die Gesellschaft“ (die unsrige ist eine kapitalistische) und „deren Reproduktion“ gefährdet wäre.

Möglich, dass Sie das so nicht gemeint haben, Herr Wege, aber so haben Sie es geschrieben.

Bitte denken Sie doch noch einmal über diesen Satz und seine Konsequenzen nach.

Der entscheidende Punkt. Zur Reproduktion dieser Gesellschaft (nämlich des Spätkapitalismus) ist tatsächlich die Unterdrückung der Freiheit der Mehrheit der Menschen (nämlich der proletarischen Klasse) notwendig.

(Die persönliche Freiheit, von der die neoliberalen Propagandisten – auch eine nutzlose Berufssparte – reden, ist lediglich die Freiheit der Kapitalbesitzer).

Zur „notwendigen Arbeit“ im Sinne der Kapitalisten gehört nämlich auch die Unterhaltung von Millionenarmeen bis an die Zähne bewaffneter Menschen (die so eine Menge Geld kosten). Hinzu kommen Abermillionen Menschen, die direkt oder indirekt für den Schutz oder die Garantie des Privateigentums arbeiten (vom Bodyguard über den Versicherungsfritzen bis hin zum Journalisten, der nach den Vorgaben von „Atlantikbrücke“ etc Hirnwichse im Sinne der Herrschenden produzieren muss, usw, usf).

Notwendige Arbeit ist für Kapitalisten etwas anderes als für Lohnabhängige.

Ebenso wie notwendige Arbeit für die spanischen Konquistadoren etwa anderes war als für die Arawaks.

Notwendige Arbeit im Sinne des Proletariats würde die wirklich „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ auf weit unter eine Stunde pro Mensch weltweit reduzieren.

Wenn Sie das verstanden haben, Herr Wege, und das ist wirklich wichtig, dann lassen Sie uns weiter diskutieren.

Written by bronsteyn

9. April 2012 at 1:49 am