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Basis-Konzepte für eine sozialistische Wirtschaft im 21. Jahrhundert

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Mit diesem Artikel möchte ich die modernsten und fortgeschrittensten Management- Konzepte des 21. Jahrhunderts vorstellen und aufweisen, wie sie nach Modifikationen und Erweiterungen zu strukturellen Basiskomponenten einer sozialistischen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sein könnten.

Die hier vorgestellten Texte entstammen rundweg nicht einer innerlinken Diskussion oder gar einem Diskurs innerhalb einer revolutionären Linken, sondern von Organisationspsychologen und Organisationstheoretikern, die im weitesten Sinne an bürgerlichen Eigentumsformen orientiert sind.

Lenin nannte 1917 (in „Staat und Revolution“) als ein Beispiel  für die Organisierung der sozialistischen Wirtschaft die deutsche Reichspost, welche in dieser Zeit als der fortgeschrittenste Ausdruck einer effizienten Ökonomie angesehen werden konnte. Das ist rund 100 Jahre her, und heutzutage finden sich nicht wenige „Besserwisser“, die der Meinung sind, dass genau darin der „Kardinalfehler“ der russischen Revolution bestanden hätte. Lenin-Bashing ist immer noch „modern“ in einer Linken, die insgesamt weder in der Lage ist, eine sozialistische Gesellschaft zu beschreiben noch eine eine wirklich glaubwürdige Alternative zur „There is no alternative“-Propaganda des Neoliberalismus zu präsentieren.

Extremstes Beispiel sind Konzeptionen, die in einer strikten Ablehnung jeder Form von Planwirtschaft und der Propagierung einer Dezentralisierung und Kommunalisierung um jeden Preis für eine solche Alternative halten. Die Wirtschaftsorganisation einer sozialistischen Zukunftsgesellschaft muss aber aus den entwickeltesten Konzeptionen des Spätkapitalismus heraus entwickelt werden, und das kann nicht mehr die deutsche Reichspost sein, weil es diese (durch de facto Privatisierung der deutschen Post)  gar nicht mehr gibt.

Zunächst möchte ich eine Lehrpräsentation von Dr. Niclas Schaper  vorstellen, „Einführung in die Organisationspsychologie“.

scha-Einfuehrung_AO_09-05-06

In dieser Lehrpräsentation werden zwei Ansätze der  modernen Organisationspsychologie vorgestellt:

– die humanistische Managementtheorie nach Douglas MacGregor (X- und Y- Theorie)

– die Theorie der 4 Führungssysteme und das System der überlappenden Gruppen von Rensis Likert

Wieso ist das relevant für eine Sozialismus-Konzeption im 21. Jahrhunderts?

Ganz einfach: die deutsche Reichspost (von Lenin als Beispiel genannt) entsprach nach Douglas MacGregor der X-Theorie und nach Rensis Likert einer der beiden Varianten eines autoritären Führungssystems, und das unabhängig von der Eigentumsfrage.

Verstaatlichte Betriebe wurden bisher im Kapitalismus nicht anders geführt als privatkapitalistische. Dieser Umstand verführte und verführt auch viele pseudolinke Narren  dazu, es für gleichgültig zu halten, ob ein Unternehmen in privatem Eigentum ist oder Gemeineigentum darstellt.

Bis zum 2. Weltkrieg waren Stab-Linien-Organisationen in privater Wirtschaft, in der Staatsverwaltung und im Militär absolut vorherrschend, eine Struktur, die aus dem Militärwesen entlehnt wurde und dort seit 2000 Jahren seine Ausprägung erfuhr. Zumindest gedanklich wurde diese absolute Vorherrschaft der Stab-Linien-Organisation von Rensis Linkert durch sein Linking-Pin-Model durchbrochen.

Das sieht schon nicht mehr nach einem gewöhnlichen Organigramm aus, das nur Unter- und Überordnung von Personen und entsprechende Weisungs-Linien darstellt. Hier bei Likert spielt das Team eine zentrale Rolle: jedes Dreieck stellt ein Team dar.

In diesem System überlappender Gruppen gibt es Personen, die mehr als nur einem Team angehören, die Linking Pins.

Gewiss: in dieser Darstellung bleiben die Menschen auf der untersten Ebene einfache Weisungsempfänger. Doch Likerts System lässt sich auch erweitern und modifizieren.

Angenommen, dass in diesem Linking Pin Modell alle Vorgesetzten von dem Basis- Team gewählt und delegiert werden, dem sie angehören, dann ergibt sich eine völlig andere Dynamik des Modells. Dann dient es nämlich nicht mehr zur partizipativen Integration der Beschäftigten in die Interessen der Unternehmensspitze (die ja in aller Regel vom Eigentümer gestellt wird), sondern der Selbstorganisation der Beschäftigten in einer Organisation.

Dies möchte ich noch etwas verdeutlichen.

Likert ging vom Standpunkt des Unternehmens (und damit des Eigentümers) aus, um ein Management-Modell vorzuschlagen, das im Prinzip die traditionelle Stab-Linien-Organisation zugunsten eines Meta-Systems aufzuheben,  das auf Partizipation setzt.

Meta-System deshalb, weil es durchaus in der Lage ist, auch diese Stab-Linien-Organisationen mit ihrer hierarchischen Ordnung darzustellen:

Linking Pin Model in hierarchischer Form

Es ist aber ebenso gut in der Lage, eine Netzwerk aus im Prinzip gleichberechtigten Teams zu konstruieren:


Einen weiteren interessanten Text, der die aktuellen Grundkonzepte der Arbeits- und Organisations psychologie darstellt, ist dieser hier:

Vertiefungskurs „Theorien der Organisation“

Folien_VO_Theorien

Hier bitte beachten, welche wichtige Rolle die Likertsche Unterteilung der Management-Systeme spielt. Der von Likert preferierte Stil ist der des kooperativen partizipativen (von ihm als „System 4“ bezeichnet).

Unter den Bedingungen des Privateigentums an Produktiobsmitteln und einer insgesamt kapitalistischen Wirtschaft würde Likerts „System 4“ natürlich bestenfalls nur auf eine für die Beschäftigten besonders erträglich und deshalb besonders effiziente   Ausbeutung der Lohnarbeit hinauslaufen. Aber des Bild ändert sich, wenn wir von einer Gesellschaft ausgehen, in der die Schlüsselindustrien in Gemeineigentum übergegangen sind.

Hinzugenommen das Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten durch die Beschäftigten haben wir dann ein Baismodell für eine sozialistische Wirtschaft.

Ein weiteres Script von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien gibt nochmal einen Überblich über  Wirtschaftspsychologie I: Arbeits- und Organisationspsychologie

Wirtschaftspsychologie I: Arbeits- und Organisationspsychologie

Wirtschaftspsychologie-1-Zusammenfassung

Einen weiteren interessanten Text habe ich hier:

Die_Kreativen_Kraefte_der_Selbstorganisation

Hier taucht der Begriff „GEWALTFREIE STEUERUNG (FÜHRUNG)“ auf. Gewaltfetischisten (von denen es unter vorgeblichen Revolutionären nicht wenige gibt) und unverbesserliche Sektierer mögen aufschreien bei dem Begriff „gewaltfrei“. Allerdings: es geht hier ganz und gar nicht um Beziehungen zwischen Klassen, sondern…:

Betrachten wir eine Gruppe Arbeitnehmer. Wenn sie gemeinsam daran arbeiten, ein Produkt
oder eine Dienstleistung zu erstellen, dann nennen wir dieses Verhalten organisiert. Wir würden
ihr Verhalten als selbstorganisiert betrachten, wenn sie im Team arbeiten und sich irgendwie
gegenseitig verstehen würden ohne Anordnungen von außen.

Die Verfasser präsentieren ihr Konzept natürlich so:

Neue Entdeckungen in der Systemtheorie geben uns neue, klarere Einsichten in das Phänomen der
Selbstorganisation. Einsichten, die Managern machtvolle Instrumente an die Hand geben, um die
Produktivität zu steigern.

Natürlich. Im Kapitalismus geschieht nichts ohne den Zwang zur Profitmaximierung, was dann als „Steigerung der Produktivität“ angesehen wird. Doch von dieser geistigen Beschränkung der Verfasser abgesehen liefern sie wertvolle Hinweis auf die mögliche Organisation der Wirtschaft im Sozialismus.

Die Verfasser schreiben:

 Kurz nach dem zweiten Weltkrieg fasste der bekannte amerikanische Sozialpsychologe Rensis
Likert umfassende empirische sozialwissenschaftliche Forschung in einem Konzept
zusammenzufassen: dem “System 4”. Seine Ideen, die sowohl das nach oben gerichtete Feedback
unterstützen, als auch die Wichtigkeit von Hierarchien anerkennen, waren sehr einflussreich.
Einige jüngere amerikanische Unternehmensgründungen, insbesondere Joint Ventures mit
japanischen Firmen, wurden nach dem “System 4”- Konzepten aufgebaut. Vor seinem Tod 1981
hatte Likert begonnen Ideen für ein “System 5” darzulegen, die auch solche Konzepte einbezogen,
wie die Übertragung größere Managementautorität an die Arbeitnehmer. Professor Robert Ackoff von der Wharton School of Business schlug in den frühen 1980er Jahren eine ähnliche Idee vor.
Er stellte einen Entwurf zur Errichtung eines Unternehmenslangzeitplans durch ein mehrstufiges
Mehrheitsstimmrecht unter Beteiligung des Management und der Arbeitnehmer vor.

Gut. Wir gehen darüber hinaus: Wir gehen von dem in Gemeineigentum überführten Betrieb aus, dessen Dienste gesamtgesellschaftlich in ihren Kennzahlen definiert werden und dessen Vorgesetzten von den Beschäftigten gewählt werden. 

Wenn schon kreative Kräfte der Selbstorganisation, dann richtig.

Unter diesem Blickpunkt sind auch in diesem Text wichtige Anregungen zu finden.

Um so „profane“ Dinge wie Organisation eines Betriebes im Sozialismus hat sich die „revolutionäre Linke“ bislang überhaupt nicht gekümmert. Die Sozialismus-Konzepte sind daher durchweg mehr als dürftig und näher besehen auch nicht anziehend.

Im Grunde lässt sich das Elend der „revolutionären Linken“ im Verständnis vom Sozialismus auf zwei gedankliche Irrwege reduzieren:

– eine (wie auch immer geartete) Räterepublik übernimmt die Leitung der Schlüsselbetriebe und setzt, wie bisher die Kapitalisten auch, die Leitungs- und Führungspersonen ein, die ihrerseits sich eine Weisungs-Hierarchie (Stab-Linien-Organisation)  schaffen . Darauf laufen die meisten Sozialismus-Konzepte im weitesten Sinn leninistisch orientierter Gruppen hinaus, aber nicht deswegen, weil Lenin  daran schuld wäre, sondern weil sie geistig im Jahre 1917 stehen geblieben sind, vor allem was die Organisation de Produktion angeht. (Beispiel: die Spartakisten und andere „orthodoxe“ Trotzkisten).

– jeder „Zentralismus“ und jede Planwirtschaft wird verworfen, Lenin für schuldig am Stalinismus erklärt, und grosspurig eine Rückkehr zu Konzepten des 19. Jahrhunderts (Dezentralisierung und Kommunalisierung als Prinzip) verkündet. Solche Konzepte entpuppen sich bei näherem Hinsehen oft als letztlich bürokratische Utopien („Bedürfnisbürokratie“)  unter Bedingungen erheblicher technologischer und organisatorischer Rückschritte. (Beispiel:  das „Bochumer Programm“)

Beide Konzepte sind völlig ungenügend, um eine sozialistische Bewegung zu initiieren, die auf die Mehrheit der Bevölkerung anziehend, attraktiv wirkt.

Ich rufe alle ernsthaften Revolutionäre auf, sich ernsthaft mit den modernsten kapitalistischen Managementtheorien zu beschäftigen, um aus ihnen Basis-Konzepte für eine sozialistische Wirtschaft der Zukunft zu gewinnen.

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Written by bronsteyn

22. April 2012 um 9:50 am

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