Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Projekt “Wärmestrom” – Zur Kritik der Waffen der Kritik

with one comment


Von systemcrash

http://systemcrash.wordpress.com/2012/05/04/projekt-warmestrom-zur-kritik-der-waffen-der-kritik/

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[MATERIALIEN ZUR METHODISCHEN NEUBEWAFFNUNG DER REVOLUTIONÄREN LINKEN]

Vorbemerkung

der gen. Bronsteyn von der MI und ich sind uns einig, dass die radikale linke neben der nüchternen analyse der gesellschaftlichen verhältnisse eine zukunftsweisende utopie braucht, die die ebene der gefühle, hoffnungen und träume “breiter Massen” anspricht. wir haben uns für die darstellung dieser “zweiten ebene” drei themenkomplexe herausgesucht, die wir als zentral für dieses vorhaben ansehen.

(1) das konzept der attraktiven arbeit bei Fourier. da gibt es von bronsteyn bereits sehr entwickelte vorarbeiten(vergl. https://bronsteyn.wordpress.com/2012/04/03/%E2%80%9Etravail-attractif-anziehende-arbeit/)

(2) die begriffe “kältestrom/wärmestrom” in der philosophie von Ernst Bloch. die will bronsteyn für die (organisations)debatte der radikalen linken fruchtbar machen (noch in planung, vergl. dazu: http://systemcrash.wordpress.com/2012/04/30/analyse-und-hoffnung/)

(3) der versuch, psychoanalyse und marxismus miteinander zu verbinden in der arbeit von Wilhelm Reich. zu dem punkt möchte ich einige beiträge leisten. (siehe auch: http://systemcrash.wordpress.com/2011/12/06/wilhelm-reich-was-ist-klassenbewusstsein/)

im moment befinden wir uns noch — mit der löblichen ausnahme von punkt (1) — in der phase der materialsammlung. ich veröffentliche den text trotzdem, damit mögliche anregungen, einwände und kritikpunkte mit in die ausarbeitung ggfls. einfliessen können.

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DIE VERBINDUNG VON PSYCHOANALYSE UND MARXISMUS IN DER ARBEIT VON WILHELM REICH UND IHRE IMPLIKATIONEN FÜR DIE ORGANISATIONSDEBATTE DER RADIKALEN LINKEN

A. Thesen für eine erweiterte politische Methodik (“Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse”)

der name von Wilhelm Reich steht für den versuch, marxismus und psychoanalyse miteinander zu verbinden. es gibt zwar auch andere autoren und denkschulen, die ähnliches versucht haben, aber Reich war wohl der einzige, der BEIDE bereiche auch kompetent handhaben konnte. natürlich gibt es von beiden seiten erhebliche politische und weltanschauliche bedenken. schon Reich musste sich damit auseinandersetzen und er zitierte den marxistischen historiker (und china kenner)

Wittfogel:

“einzelne marxistische kritiker – die ‘bilderstürmer’ – machen es sich bei der beurteilung der heute bestehenden wissenschaft sehr leicht. sie murmeln mit einer zusammenfassenden geste: ‘bürgerliche wissenschaft!’, und damit ist für sie die ganze wissenschaft abgetan, das problem erledigt. (…) der dialektiker weiss, dass eine kultur nicht einheitlich ist, wie ein scheffel erbsen, sondern dass jede gesellschaftsordnung ihre widersprüche hat und dass in ihrem schoße die ausgangspunkte neuer gesellschaftsepochen keimhaft vorbereitet sind. für den dialektiker ist also keineswegs schon alles, was im bürgerlichen zeitalter von bürgerlichen händen geschaffen wurde, minderen wertes und für die zukunftsgesellschaft unverwendbar.” (Wittfogel, zit nach Reich, Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse)

worum es also geht, ist den wissenschaftlichen gehalt der psychoanalyse für den marxismus fruchtbar zu machen, und nicht das “bürgerliche” weltbild oder andere philosophischen überzeugungen einzelner analytiker zum ausgangspunkt der kritik zu machen (was übrigens selbst eine ‘idealistische’ herangehensweise wäre). überhaupt scheint es über den angeblichen gegensatz von materialismus und idealismus in der linken zu viele anhänger des vugärmaterialismus zu geben.

hierzu marx in den ökonomisch-philosophischen manuskripten:

” Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; (man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.”

nach marx ist also der “gegensatz von materialismus und spiritualismus” kein theoretischer (oder erkenntnismässiger) sondern abhängig vom gesellschaftlichen zustand und seine überwindung eine “wirkliche lebnsaufgabe” und keine philosophische oder weltanschauliche. jeder anhänger einer nondualen weisheitslehre (z b ZEN) würde marx hier absolut zustimmen.

auch friedrich engels hat sich schon über die vulgärmaterialistische verballhornung der marxschen lehre aufgeregt:

“Nach materialistischer Anschauung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und die Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig Bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfes und seine Resultate -, Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw., Rechtsformen und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politischen, juristische und philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zum Dogmensystem, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch all die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so unerreichbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten und vernachlässigen können) als notwendig sich die ökonomische Bewegung durchsetzt. Sonst wäre die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.”

man sieht, das sein bestimmt zwar das bewusstsein, aber das bewusstsein wirkt eben auch wieder auf das sein zurück. das ganze wird noch dadurch komplizierter, dass die gesellschaftliche lage nicht automatisch ein entsprechendes bewusstsein erzeugt. sondern beides kann schroff auseinderfallen; und dies ist sogar der normalfall. wenn es anders wäre, würde es in der geschichte nur so wimmeln von revolutionen. dem ist aber nicht so, und die ursache dafür ist genau dieses auseinanderfallen von gesellschaftlichem sein und bewusstsein.

genau an dieser stelle kommt die psychanalyse ins spiel. ist ist nämlich ein scharnier zwischen den endpunkten “ökonomische struktur der gesellschaft” und “ideologischer überbau”, dadurch dass sie das seelenleben des VERGESELLSCHAFTETEN menschen untersucht. marx kannte noch keine psychologie, aber er wusste sehr wohl, das geschichtliche abläufe sowohl von äusseren als auch INNEREN faktoren abhängig sind:

“Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständlicheTätigkeit.”

“Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.

Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.” (thesen über feuerbach)

man sieht, bei marx gibt es keinen “weltanschaulichen” gegensatz von materiellen bedingungen und bewusstseinsstrukturen, sondern er synthetisiert diesen dualismus im begriff der “revolutionären praxis” (hebt ihn im hegelschen sinne auf), die sowohl die umstände als auch den menschen mit diesen umständen durch ihre und in ihrer selbstaktivität verändert. beides sind also sich gegenseitig bedingende und wechselwirkende prozesse, wo es keinen “primat” gibt (wie beim dilemma von henne und ei), sondern beides ist eben EINS (natürlich ist dies der idealfall. unter konkreten historischen bedingungen klafft immer eine lücke zwischen theorie und praxis, die aber annäherungsweise immer mehr geschlossen wird)

um diese lücke zu schliessen, benötigt die radikale linke sowohl die analyse der ökonomischen struktur als auch die psycho analyse des seelenlebens des vergesellschafteten menschen, um theorie und praxis auf EINEN begriff zu bringen: revolutionäre (theoretische) praxis !

B. Kritik am “Fetisch Politik” (“Was ist Klassenbewusstsein?“)

Reich kritisierte die falsche politik der KPD angesichts des heraufziehenden hitlerismus und zeigte auf, das sie es nicht verstand zu verstehen, “was in den Massen vorgeht”. sie blieb quasi auf der ebene des “kältestroms” und konnte dadurch den bereits latenten sympathien für den nazismus nichts adäquates entgegensetzen (ich sehe hier durchaus schnittpunkte zwischen Reich und trotzkis schriften über deutschland). so wie es Ernst Bloch sinngemäss zusammenfasste: die linken sagten die wahrheit, aber die nazis erreichten die herzen der menschen (quelle ?)

im grunde haben wir es beim “fetisch politik” mit einem ganz simplem phänomen zu tun, was symbolhaft im märchen “des kaisers neue kleider” schon ausgedrückt wurde. man lässt sich beindrucken von den “hohen” formen der politik, diplomatie, unverständliche sprache, symbolen der nationalen “Macht und Würde” etc und wendet sich entweder ab oder macht diesen mummenschanz mit. beim ersten fall befindet man sich im widerspruch, das man leuten, die man für halunken hält, die politischen geschäfte überlässt, die einen auch durchaus selbst betreffen. im zweiten fall macht man sich zum bestandteil des systems und kann keine revolutionäre alternative mehr “denken” (es handelt sich in der tat um ein “denktabu” ab einem bestimmten grad politischer degeneration). dass ein kind sagte “der kaiser ist ja nackt!” ist das symbol dafür, dass wir relativ von diesen kulturellen vordeformierungen (anpassungsdruck, gehorsamkeitskult) unbeleckt sein müssen, um den baum vor lauter wald noch sehen zu können und einfache wahrheiten auch einfach und klar aussprechen zu können. “LAND BROT FRIEDEN!” der bolschewiki konnte selbst wahrscheinlich ein analaphetischer bauer verstehen, die diplomatischen noten der berufspolitiker sollen bewusst nicht von den breiten Massen verstanden werden. demagogie und bewusst verschleiernde sprache sind immer ein zeichen dafür, dass eigene interessen im spiel sind. die wahrheit der revolutionäre braucht keine demagogie, sie ist einfach und klar und appeliert bewusst an das kritische selbstvermögen breitester “volksmassen”, um diese im eigenen, wohlverstandenen interesse zur “selbstermächtigung” zu mobilisieren.

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Written by bronsteyn

4. Mai 2012 um 11:08 am

Eine Antwort

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  1. Nachtrag: Grundprinzipien politischer Organisierung nach dem Wärmestrom

    1) alle politischen positionen aus den bedürfnissen heraus entwickeln. die bedürfnisse und das privatleben sind politisch und daher für die politische theorie und bewegung fruchtbar zu machen. die anknüpfungspunkte zwischen sozialer lage des einzelnen und politischen lösungen sind besonders deutlich und verständlich herauszuarbeiten.

    2) klassenbewusstsein ist keine akademische lehre, sondern muss konkret erlebbar sein. wichtig sind insbesondere formen solidarischer zusammenarbeit und unterstützungsarbeit bei klassenkämpfen und anderen politischen konflikten (z b antirepressionsarbeit).

    3) genauso wichtig wie die inhalte sind die wirkungen. vertrauen herstellen durch klare sprache und eingeständnis der eigenen grenzen und schwächen; zugeben, wenn man mal etwas nicht weiss, ist keine schande sondern ehr-lich. keine falsche autoritätsgläubigkeit bedienen durch nachahmung der formen des bürgerlichen politikbetriebes (spektakel)

    4) die arbeitsteilung zwischen “führung” und “basis” so gering wie möglich halten. so viel innerparteiliche demokratie wie möglich, so wenig administrative entscheidungen wir nötig. schwerpunkte setzen auf selbstqualifikation und schulung der mitglieder und interner konsolidierung. aussenwirkung wird wachsen wenn innenwirkung wächst.

    5) wer eine eigene initiative entwickelt, übernimmt verantwortung für sich und seine einstellungen und muss bereit sein, auch die konsequenzen zu ziehen. nur so kann ein stamm wirklicher “kader” herangebildet werden, die nicht nach dem “gehorsamkeits-” oder “schuld”-prinzip” (aussensteuerung) funktionieren, sondern menschen mit leidenschaften und überzeugungen sind, die selbsteuernd und kritisch mit sich und ihrer arbeit (politisch und beruflich) sind und die die fähigkeit haben, (privat)leben und politik gut miteinander zu integrieren. (innensteuerung)

    6) “lieber weniger, dafür besser” (lenin)

    systemcrash

    4. Mai 2012 at 3:42 pm


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