Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Die Wärmestrom-Seite Lenins

with one comment


Im NAO-Blog hat Systemcrash eine Debatte um den Begriff „Wärmestrom“ angestossen.

http://www.nao-prozess.de/blog/projekt-warmestrom-zur-kritik-der-waffen-der-kritik/

Kältestrom und Wärmestrom sind gesellschaftsanalytische Begriffe in „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch:

  • mit Kältestrom ist die nüchterne exakte Gesellschaftsanalyse als Kritik der politischen Ökonomie gemeint;
  • mit dem Wärmestrom eine Gesellschaftsanalyse, die von den Erwartungen (Hoffnungen) der Menschen ausgeht.

Stellt die Berücksichtigung der Wärmestrom-Seite revolutionärer Politik nun gar eine Revision etwa der „Leninistischen Parteikonzeption“ dar?

Zunächst einmal möchte ich die These aufstellen, dass ein Großteil dessen, was seit Jahrzehnten als „leninistische Parteikonzeption“ verkauft wird, Teil der „Bolschewismus-Legende“ ist, die ab 1921 von G. Sinowjew entwickelt wurde, von Stalinismus begeistert aufgenommen und zu einem absurden Konstrukt ausgebaut wurde und in seiner Starrheit dafür veranwortlich ist, dass revolutionäre Kerne, die sich dieser mythischen Abstraktion verschrieben, politisch erfolglos blieben.

Aber daran ist aus meiner Sicht Lenin weitgehend unschuldig.

Wenn es eine wirklich prägnante Zusammenfassung von Lenins grundsätzlichem Verständnis einer revolutionären Arbeiterpartei gibt, dann findet sie sich in seiner Schrift „Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit des Kommunismus“, im 2. Kapitel.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/kap02.html

Der zentrale Absatz dieses Kapitels ist derjenige, in dem Lenin folgende Frage aufwirft:

Sollte man nicht lieber die der Sowjetmacht und den Bolschewiki gezollten Beifallskundgebungen häufiger mit einer sehr ernsten Analyse der Ursachen verknüpfen, die bewirkten, daß die Bolschewiki die für das revolutionäre Proletariat notwendige Disziplin schaffen konnten?

Und da taucht vor allem die Frage auf: wodurch wird die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten? wodurch wird sie kontrolliert? wodurch gestärkt?

Vulgär“leninistische“ Plattköpfe würden an dieser Stelle ihren Vorstellungen entsprechend natürlich jetzt Ausführungen Lenins über „demokratischen Zentralismus“ und „Kader“-Bildung erwarten.

Doch dieser Text ist von Lenin selbst und nicht von irgendeinem Epigonen, der von der Sinowjewschen Bolschewismus-Legende befangen ist.

Lenin war nämlich ein Genie.

Zwar kannte er die Unterscheidung der Ebene Kältestrom – Wärmestrom (Bloch) in der Form noch nicht, aber er hatte stets beide Ebenen in Blick, wobei, wie ich zeigen werden, die Ebene des Wärmestroms ihm die entscheidende und wichtige in der praktischen Politik war.

Lenins Antwort auf die selbst gestellte Frage zu Disziplin lautete:

Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletariscben werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Ich möchte an allen drei Punkten herausarbeiten, worin die Wärmestrom-Seite an Lenins wirklicher Parteikonzeption bestand.

Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Klassenbewusstsein der proletarischen Avantgarde kann man durchaus als Kältestrom – Aspekt auffassen. Aber alle anderen von Lenin genannten Punkte sind Wärmestrom-Aspekte: Ergebenheit für die Revolution, Ausdauer, Selbstaufopferung, Heroismus. Ist es ein Zufall, dass es sich im wesentlichen um emotionale Faktoren handelt? Keineswegs.

Es sind auch keine Faktoren, die sich künstlich schaffen liessen, sondern ihre Basis in den Leidenschaften und Überzeugungen der Akteure besitzen müssen.

Ein Mensch, der nicht durchdrungen ist von der realen und konkreten Utopie der Schaffung einer vergesellschafteten, menschenwürdigen Gesellschaft, kann weder Ergebenheit, Ausdauer noch Heroismus aufbringen. Ein treffender zusammenfassender Ausdruck wäre auch Begeisterung.

Vulgärleninisten reduzieren diesen Satz gern auf „Klassenbewusstsein“ und verballhornen diesen Begriff zusätzlich noch dadurch, dass sie ihn auf abstrakte Kritik der Lohnarbeit und des Wertgesetzes reduzieren. Damit ist aber Lenins Satz weitgehend inhaltlich entkernt.

Die Kritik des Kapitalismus kann nur Kopf der Leidenschaften sein, und darf nicht blosse Leidenschaft des Kopfes sein, denn solches ist nicht anziehend.

Die von Lenin benannten Wärmestrom-Aspekte sind allerdings aus nach aussen anziehend, überzeugend, wenn sie von wirklicher Begeisterung getragen werden.

Dass sich unter diesen Voraussetzungen Disziplin ganz anders darstellt als ein Postulat, eine Forderung, versteht sich von selbst.

Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Auch dieser Satz wird immer wieder zitiert und selten in seiner ganzen Wahrheit verstanden. Nämlich auch hier gibt es einen deutlichen und klaren Wärmestrom-Aspekt.

Die Fähigkeit der Annäherung an die werktätigen Massen, der Verschmelzung bis zu einem gewissen Grade mit ihnen, setzt eine Qualität voraus, die man als Einfühlungsvermögen beschreiben kann und die nach heutigem Stand der Wissenschaft der sogenannten emotionalen Intelligenz zuzuordnen ist. Ohne dieses Einfühlungsvermögen in das subjektive Bewusstsein derjenigen Sektoren der Massen, mit denen man es zu tun hat, ist diese „Annäherung“ im besten Falle eine oberflächliche Maskerade, die schnell durchschaut wird.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Auch dieser Satz wird oft zitiert und meistens in seiner vollen Tragweite nicht wirklich verstanden. Alle möglichen speziell trotzkistischen Sekten reduzieren und entkernen diesen Satz zu etwas, was ich Eunuchen-Trotzkismus nennen möchte. Ein Eunuche weiß genau, wie es richtig geht, ist aber für immer unfähig, es selbst zu tun. Aus diesem falschen Verständnis heraus rührt das verbreitete Besserwissertum vieler Sekten, wenn sie glauben, durch Kritikastertum irgendwen davon zu überzeugen, dass sie die „richtige politische Führung“ wären.

Das war aber nicht das, was Lenin hier zum Ausdruck bringen wollte. Lenin war kein Trottel, sondern ein Genie. Was er hier sagt, ist unmittelbar praktisch zu verstehen, denn er spricht von einer „verwirklichten“ politischen Führung, und keiner im Kopf eingebildeten.

Kein Eunuchen-Trotzkismus kann sich hier auf ihn stützen.

Er spricht von der Richtigkeit einer „verwirklichten“ politischen Führung, von deren Richtigkeit sich die Massen „durch eigene Erfahrung“ überzeugen. Und hier ist auch ganz offensichtlich auch eine wirkliche „eigene Erfahrung“ zu verstehen, und keine, die sich Sektenmitglieder in ihren eigenen Köpfen vorstellen.

Und was den Wärmestrom-Aspekt angeht: wovon Lenin hier spricht ist der Aufbau von Vertrauen.

Aufbau von Vertrauen ist etwas, das auch entscheidend mit der Ebene der Gefühle und Emotionen zu tun hat.

Aufbau von Vertrauen – das ist Lichtjahre entfernt von der Neigung vieler Sekten zu Intrigen und Manövern, eine geradezu grassierende Pest in vielen Gruppen subjektiver Revolutionäre. Wo Vertrauen nicht in der praktischen Zusammenarbeit untereinander aufgebaut werden kann, da kann es auch nicht „mit den Massen“ aufgebaut werden.

Ich darf also zusammenfassen, worin aus meiner Sicht auf der Wärmestrom-Ebene die wirkliche Leninsche Parteikonzeption besteht:

Erstens in der Formierung von Kernen begeisterter, überzeugter Kommunisten im ursprünglichen Sinn.

Zweitens in der Entwicklung von praktischem Einfühlungsvermögen dieser Kerne in die Sektoren der Massen, in die sie praktisch und solidarisch einwirken.

Drittens in der Fähigkeit, Vertrauen zwischen sich selbst und diesen Sektoren aufzubauen, wodurch sich erst auch das eigene personelle Wachstum ergeben kann.

Unter diesen Voraussetzungen ist das Thema der Disziplin (Verbindlichkeit) eines, das sich von selbst löst.

Lenin schließt seine Ausführungen zu dieser Frage ab mit den Worten:

Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.

Wenn ich hier die Wärmestrom-Seite Lenins hervorgehoben habe, dann nicht deswegen, weil ich die „kalte“ rationale Kältestrom-Seite deswegen unter den Tisch kehren wollte.

Aber die aus meiner Sicht groteske Überausrichtung vieler Strömungen auf die blosse Kritik des Kapitalismus ohne die bewusste Schaffung einer revolutionären Hoffnung, die an den Erwartungen der Menschen anknüpft, ist aus meiner Sicht eine Hauptursache für die gesellschaftliche Isolation der revolutionären Linken.

Die Zersplitterung in dutzende, ja hunderte von Kleinstgruppen ist ein Ausdruck davon.

Das muss überwunden werden.

Advertisements

Written by bronsteyn

7. Mai 2012 um 1:28 am

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: