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Vorhuterei – Aufruf zur Überwindung des Trottel-Trotzkismus

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In den 70er Jahren entwickelte sich in der GIM der Kampf zweier Linien.

Auf welche „Avantgarde“, auf welche „Vorhut“ sollte man sich orientieren?

Eine Mehrheitstendenz propagierte die „Verschmelzung mit der neuen Massenavantgarde“.

Was war unter dieser „neuen Massenavantgarde“ zu verstehen? Im wesentlichen der aus der Studentenrevolte hervorgegangene Wust von linken Organisationen, damals K-Gruppen genannt und vorwiegend mao-stalinistischer Organisationen (KBW, KB, diverse KPDs und KPD-MLs).

Dieser Kurs wurde später mit der Fusion mit der KPD/ML (Roter Morgen) zur „Vereinigten Sozialistischen Partei“ zur praktischen Vollendung gebracht. Er war in der Gesamtbilanz im wesentlichen durch Erfolglosigkeit gekennzeichnet.

Aus diesem Flügel der alten GIM ging letztlich die heutige isl hervor. Diese hat heute eine andere „Avantgarde“, eine andere „Vorhut“ im Visier, mit der sie sich gerne verschmelzen möchte. Es handelt sich um den Parteiapparat der Linkspartei.

Ein weiteres Debakel dieser Art, Politik zu machen, wird bei den Landtagswahlen in NRW bevorstehen. Denn die „Verschmelzung“ mit der „Vorhut“ eines reformistischen Parteiapparates ist dort vollendet und perfekt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Zimmermann_(Die_Linke)

Eine andere Tendenz in der alten GIM war die „Kompass-Tendenz“. Diese propagierte in Opposition zum Mehrheitskurs die Verschmelzung mit der „neuen Arbeitervorhut“.

Was war unter dieser „neuen Arbeitervorhut“ zu verstehen? Es war die Annahme (aufgrund einiger konkreter Streikbewegungen), dass eine neue militante Führungsschicht unter den ungelernten Arbeitern in Großbetrieben entstanden wäre. Analog zur Orientierung auf die neuen Massenavantgarde (im wesentlichen die mao-stalinistischen K-Gruppen) sollte die Verschmelzung mit dieser im wesentlichen zurecht phantasierten Vorhut die Aufgabe des Parteiaufbaus lösen.

Die aus der „Kompass-Tendenz“ hervorgegangene „Proletarische Fraktion“ ging in allen Ortsgruppen, wo sie Einfluss hatte, mit grosser Konsequenz an die Aufgabe heran, indem sämtliche Ansätze von Vorfeldstrukturen der GIM (damals vor allem im Schüler- und Studentenbereich) vollständig liquidiert wurden. Studenten, auch wenn sie aus Arbeiterfamilien kamen, wurden als Kleinbürger angesehen. Eine Praxis der „Umsetzungen“ (Studenten gaben ihr Studium auf und „proletarisierten“ sich) vollendete die Selbstliquidation der eigenen Organisation.

Diese Ausrichtung, die die verhängnisvolle Vorhuterei der Mehrheitstendenz wie ein Schatten begleitete, war von völliger Erfolgslosigkeit gezeichnet.

In gewissem Sinn stellt der RSB heute die Fortsetzung dieser Richtung dar.

Die Selbstliquidation der alten GIM war ein gemeinsames (und durchaus erfolgreiches) Werk beider scheinbar gegensätzlichen Tendenzen. Von der einstmals an die 600 Mitglieder starken GIM sind heute isl und RSB übrig geblieben (Immerhin: es gibt noch Überbleibsel, das ist positiv).

Beide stehen vor den Trümmern einer 40jährigen völlig verfehlten Politik.

(Im wesentlichen sind das die gleichen Leute wie 1975, nur sind die Reihen erheblich gelichtet und wo man damals nur unter jungen Leuten war, so heute nur unter „alten Deppen“ – ich zähle mich selbst dazu).

Was aber war der Fehler?

Im Unterschied zu vielen anderen trotzkistischen Kritikern meine ich, dass der zentrale politische Fehler beider Tendenzen nicht in erster Linie in „falschen Positionen“ und Einschätzungen begründet liegt, sondern in der Methode.

Ich will sie „Vorhuterei“ nennen.

Das Konzept ist nämlich jedes Mal gewesen, eine zu gewinnende „Vorhut“ zu identifizieren und zu glauben, durch Verschmelzung mit dieser jeweiligen „Vorhut“ erledige sich der konkrete Parteiaufbau. Diese „Verschmelzung“ beinhaltet gewöhnlich aber praktisch bisher meistens politische Selbstaufgabe.

Wie ist es möglich, dass eine historisch und programmatisch eigentlich erledigte politische Strömung wie die DKP, die vor der deutschen Vereinigung in Berlin noch gar nicht existierte, heute mit ca 150 Mitgliedern in Berlin die stärkste Strömung darstellt?

Ist es denn etwa notwendig, eine falsche politische Linie zu haben, um personell zu wachsen und sich zu verankern?

Ich richte meine Frage an die hier lesenden Mitglieder von isl und RSB.

Haben die deutschen Trotzkisten einfach rundum praktisch versagt?

150 organisierte Trotzkisten in Berlin wären heute sicher ein qualitativer Sprung in der Geschichte des Trotzkismus.

Warum dominieren heute links von der Linkspartei immer noch klaustrophobische stalinistische Sekten, deren Anziehungskraft auf die Mehrheit des Proletariats der eines Klärbeckens entspricht?

Liegt es an irgendeiner falschen abstrakten politischen Linie oder liegt es an grundlegenden Fehlern in der Arbeitsmethode?

Gewiss, es gibt eine Menge trotzkistischer Kleingruppen, die „den Pablismus“ des Vereinigten Sekretariats der 4. Internationale für dieses abgrundtiefe Versagen der deutschen Trotzkisten verantworlich macht.

Aber auch diese darf ich fragen; wie steht es denn mit euch selbst?

Der Aufstieg der SAV beispielsweise von einer ursprünglich klitzekleinen Gruppe um eine Zeitung „Voran“ zeigt, dass es offensichtlich auch möglich ist, mit falschen politischen Linien das praktisch richtige zu tun, nämlich neue Aktivisten zu gewinnen und in eine politische Praxis einzubinden. Und die Linie der SAV, durch Entrismus in die Linkspartei den Apparat und die passiven Mitglieder dieser Partei nach links „zu drücken“ ist offenkundig ebenso falsch wie die Linie der Verschmelzung mit dem Apparat, wie es die isl praktiziert.

Trotzdem machte aber die SAV trotz einer falschen politischen Linie einiges doch „richtiger“ als die anderen, denn sie darf als die stärkste trotzkistische Gruppierung derzeit gelten.

Gewiss: auch diese Strömung hat es geschafft, ihren einstmals durchaus hohen politischen Kredit aus WASG-/BASG-Zeiten zu verspielen (Hintergrund war anscheinend, dass ein Beschluss der internationalen Leitung der CWI die SAV zwang, sich mit einem Großteil des kritischen WASG-Potentials zu überwerfen und in die Linkspartei zu entrieren).

Damit wären wir bei den zahlreichen trotzkistischen Kleingruppen, die wortreich sowohl die isl, als auch den RSB, als auch die SAV mit „richtigen politischen Linien“ kritisieren.

Diese Gruppen möchte ich gern unter dem Begriff „Eunuchen-Trotzkismus“ subsummieren.

Was ist ein Eunuche?

Ein Eunuche weiß genau, wie es richtig geht, ist aber selbst völlig unfähig, es auch zu tun.

(Hintergrund: Eunuchen im alten China und im Orient hatten ursprünglich die zentrale Aufgabe, den asiatischen Despoten in Sachen sexueller Befriedigung der umfangeichen Harems zu beraten und entsprechende Vergnügungen desselben zu organisieren)

Wer es selbst nicht kann, kann aber immerhin anderen vorhalten, es nicht zu tun. Das ist durchaus schlau und nützlich. Da die eigene Praxisunfähigkeit dadurch bestens kaschiert wird und zudem die kritischen Kritiker sich in dem Licht sonnen können, es immer besser zu wissen als alle anderen, hat man sich dadurch auch eine lauschige Nische im Sumpf der „linken Szene“ gesichert.

Zwar können nur Trottel ernsthaft annehmen, man könne die eigene Mitgliederzahl vor allem und im wesentlichen dadurch erhöhen, indem man in allen nur denkbaren Varianten die anderen Gruppen der Fehler bezichtigt, die man selbst unfähig ist, auch nur ansatzweise zu machen, aber um die Lösung der Führungskrise des Proletariats geht es dabei auch gar nicht so sehr.

Eine Gruppe braucht eine Gruppenidentität, und in Ermangelung eigener programmatischer und strategischer Klarheit ist die Kritik der kritischen Kritik immer die naheliegende Wahl.

Da man selbst diese Fehler gar nicht machen kann, kommt man auch gar nicht erst in die Versuchung, sie auch selber zu machen. Wer etwas tut, macht Fehler. Wer nichts tut, macht aber keine Fehler. Wer aber nichts anderes tut, als anderen Fehler vorzuhalten, braucht auch nichts weiter zu tun, um sich gefahrlos wichtig zu machen.

Ein typischer Vertreter solcherart Typs von Eunuchen-Trotzkismus ist sicherlich die Spartacist-Arbeiterpartei, die selbst dann wohl verhasst wären, wenn ihre Losungen „Nachts ist der Himmel dunkel“ oder „Wasser fliesst gemäß der Schwerkraft von bergauf nach bergab“ lauten würden. Aber es sind nicht die allseits isolierten Sparts allein, so gut wie jede andere kleinere trotzkistische Gruppe ist da mehr oder weniger hinzuzuzählen, auch diejenigen, die meinen, mit einer tollen „Mutterorganisation“ irgendwo im Ausland würde sich das Problem der Praxis vor Ort von selber lösen.

Worin aber liegt der Kardinalfehler?

Er liegt darin, dass es gar keine wirkliche revolutionäre Praxis gibt.

Die Praxis einer revolutionären Organisation ist die Mobilisierung und Organisierung des Proletariats entlang seiner sozialen Interessen bis zur Machtergreifung.

Praxis besteht insofern in 1.) Aufklärung 2.) Organisierung und 3.) Mobilisierung.

Die Praxis von revolutionären Kommunisten muss in dieser Hinsicht im Grunde in der ständigen Kommunikation mit Menschen bestehen, die es noch nicht sind.

Dies würde eigentlich bedeuten, sich mit Fragen wie dem Aufbau von Vorfeldstrukturen, der Organisierung von Basisinitiativen am Arbeitsplatz oder am Wohnort beschäftigen zu müssen.

Aber seltsamerweise geschieht das nicht, auch nicht in NAO-Prozess.

Warum nicht?

Wenn es eine Einheit der subjektiven Revolutionäre herbeizuführen gilt, dann muss das vor allem in der Praxis sein. In Rahmen einer gemeinsamen Praxis, einer wirklichen Praxis, können erst Differenzen in den Positionen geduldig geklärt werden.

Die Frage aber, ob diversen „richtigen“ trotzkistischen Positionen gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß die Trotzkistin, der Trotzkist die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines/ihres Denkens beweisen. Der Streit über die Richtigkeit oder Nichtrichtigkeit von Losungen und Forderungen  – der von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.

(Irgendwo habe ich das so ähnlich schon einmal gelesen? Nur wo?)

Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch.

Alle Mysterien, welche den Trotzkismus zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.

In diesem Sinne rufe ich Trottel-Trotzkisten (die sich mit Vorhuten fangen und mit ihr verschmelzen beschäftigen) und Eunuchen-Trotzkisten (die alles besser wissen, aber nichts können) auf, über diese Thesen nachzudenken und mit mir in den Austausch zu treten.

Ja: auch ich zähle mich sowohl zu den Trottel-Trotzkisten als auch den Eunuchen-Trotzkisten und suche nach jenen, die den bestehenden Zustand überwinden und an den konkreten Parteiaufbau gehen wollen.

Wer sich ob positiv oder negativ von diesem Text angesprochen fühlt, den bitte ich, sich mit mir in Verbindung zu setzen, um uns dazu auszutauschen.

Bronsteyn[at]gmx.de

Nachtrag:

Ich blicke persönlich auch auf eine lange Kette von vielen Misserfolgen und wenigen Erfolgen zurück. Die geäusserte Kritik habe ich insofern auch an mir selbst geübt.

Wenn ich aber zusammenzufassen versuche, worin das „Geheimnis“ meiner wenigen Erfolge lag, dann war es folgendes:

Leitfaden zur Gewinnung von Aktivisten

  • Unbedingte Vermeidung des Eindrucks seminarmarxistischen Besserwisser-Tums
  • Erstens: Würdigung des Gesprächspartners
  • Zweitens: Konkretes Angebot einer konkreten gemeinsamen Praxis (welche auch immer)
  • Drittens: (und erst hier) im Rahmen der Zusammenarbeit geduldige Diskussion der bestehenden Differenzen
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Written by bronsteyn

10. Mai 2012 um 12:01 pm

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