Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

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Zur Diskussion E 1: Vorschlag zur Ausformulierung des Essentials zum “revolutionären Bruch” im NAO-Blog

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Ich beziehe mich auf folgenden Artikel:
http://www.nao-prozess.de/blog/e-1-vorschlag-zur-ausformulierung-des-essentials-zum-revolutionaeren-bruch/

DGS schrieb:

In der Tat werden wir die Essentials in nächster Zeit gemeinsam ausformulieren müssen. Dafür hatte ich vor ein paar Wochen – zunächst intern – einen Vorschlag vorgelegt, der innerhalb der SIB wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Der Hinweis von Bronsteyn ist vielleicht eine gute Gelegenheit, damit zu beginnen, den Vorschlag nach und nach auch öffentlich zur Diskussion zu stellen. Ich veröffentliche daher an dieser Stelle zunächst meinen Vorschlag zur Ausformulierung des Essentials zum revolutionären Bruch.

1. Die Revolution als Prozeß mit Bruch

Wir müssen uns darauf einstellen, daß jedenfalls herrschende Klassen in aller Regel nicht freiwillig auf die Vorteile, die sie aus der Ausübung ihrer Herrschaft ziehen, verzichten. (Zumindest einige von uns sind überzeugt, daß im Falle der herrschenden Rasse, der Weißen, und des herrschenden Geschlechts, der Männer, kaum mehr Anlaß zu Optimismus hinsichtlich freiwilligen Machtverzichts angeraten ist.)

Wir sind daher überzeugt, daß es jedenfalls zur Überwindung des Kapitalismus eines revolutionären Bruchs bedarf. Dies heißt nicht, daß wir die antikapitalistische Revolution auf einen einmaligen Akt reduzieren würden. Vielmehr heißt es, daß der revolutionäre Prozeß einen Bruchpunkt – einen Moment zugespitzter Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis der Umkehrung des Kräfteverhältnisses – umfassen muß.

Allein über Reformen oder die sukzessive Ausweitung von Szene-Freiräumen wird es keine „Transformation“ geben, wobei wir den Kampf für (wirkliche) Reformen weder ablehnen noch gering achten. Wir sagen nur, daß Reformen und Freiräume den revolutionären Bruch nicht ersetzen können.

Ein schrittweiser und friedlicher (meist parlamentarischer) Weg zum Sozialismus hat sich bisher immer als Desaster herausgestellt. Eine Revolution wird umso unblutiger verlaufen, je besser die revolutionären Kräfte und alle Beherrschten und Ausgebeuteten auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Repressionsinstrumenten der Herrschenden und Ausbeutenden vorbreitet sind.

Der Artikel wurde in zahlreichen Kommentaren diskutiert.

Nach über 70 Diskussionsbeiträgen zog DGS folgendes Resümee:

Zwischenresümee zur Diskussion über das Essential E 1 – Revolutionärer Bruch

1. Mir scheint, die Positionen von ‘Bochum’ (einschl. Richard) und ‘NaO’ sind weiterhin so unvereinbar, wie im vergangenen Herbst.
2. Nach den Diskussionsbeiträgen von Bronsteyn, Mattte und systemcrash möchte ich nun folgende Formulierung des Essentials vorschlagen:

Wir müssen uns darauf einstellen, daß jedenfalls herrschende Klassen in aller Regel nicht freiwillig auf die Vorteile, die sie aus der Ausübung ihrer Herrschaft ziehen, verzichten. Wir streben deshalb an, die – auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und der organisatorischen Kontrolle über den Produktionsprozeß beruhende – ökonomische und technologische der Macht der kapitalistischen Klasse zu brechen sowie den bürgerlichen Staatsapparat, in dem sich die politische Macht der kapitalistischen Klasse verkörpert, zu zerschlagen. (Zumindest einige von uns sind überzeugt, daß im Falle der herrschenden Rasse, der Weißen, und des herrschenden Geschlechts, der Männer, kaum mehr Anlaß zu Optimismus hinsichtlich freiwilligen Machtverzichts angeraten ist.)

Wir sind daher überzeugt, daß es jedenfalls zur Überwindung des Kapitalismus eines revolutionären Bruchs bedarf. Dies heißt nicht, daß wir die antikapitalistische Revolution auf einen einmaligen Akt reduzieren würden. Vielmehr dürfte notwendig und damit zu rechnen sein, daß einem revolutionären Bruch auf betrieblicher und lokaler Ebene die Herausbildung von räteartigen Strukturen der oder von Teilen der bisher Beherrschten und Ausgebeuteten vorausgeht, die aber nur dann dauerhaften Bestand haben werden, wenn sie in einem gesamtgesellschaftlichen Bruchpunkt – einen Moment zugespitzter Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis der Umkehrung des Kräfteverhältnisses – münden, und so die Phase der temporären Doppelmacht beendet und revolutionär vereindeutigt wird.

Allerdings wird auch danach die Gefahr einer Konterrevolution fortbestehen. Einige von uns sind der Ansicht, daß es nach einem revolutionären Bruch sogleich möglich ist, zu einer kommunistischen Gesellschaft ohne Staat, Geld und Warenförmigkeit der Produkte und Arbeitskraft überzugehen und die Ergebnisse der Revolution zu verteidigen und auszubauen. Andere von uns sind der Ansicht, daß es dafür vielmehr eines – an seinem eigenen Absterben arbeitenden – sozialistischen Übergangsstaates bedarf sowie Geld und Warenwirtschaft nicht auf einen Schlag abzuschaffen sind.

Alle gemeinsam sind wir aber überzeugt, daß allein über Reformen oder die sukzessive Ausweitung von Szene-Freiräumen oder betrieblicher “ArbeiterInnenkontrolle” es keine „Transformation“ geben wird – wobei wir den Kampf für (wirkliche) Reformen weder ablehnen noch gering achten; wir sagen nur, daß Reformen und Freiräume den revolutionären Bruch nicht ersetzen können.

Ein schrittweiser und friedlicher (meist parlamentarischer) Weg zum Sozialismus hat sich bisher immer als Desaster herausgestellt. Eine Revolution wird umso unblutiger verlaufen, je besser die revolutionären Kräfte und alle Beherrschten und Ausgebeuteten auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Repressionsinstrumenten der Herrschenden und Ausbeutenden vorbereitet sind.

Darauf schrieb ich folgenden Kommentar:
—————————————

Lieber DGS,

ja, ich würde das auch “unterschreiben”, aber worum geht es bei der “Unterschrift”?
Eine Unterschrift unter die 5 Essentials?
Meinetwegen.

Ich schätze deine Bemühungen um eine Einigung und Klarheit in diesen Punkten sehr hoch, DGS.

Ich stimme auch zu, dass “Bochum” und “Richard” in ihrer Diffusität und Konfusion ausserhalb dieses Kontextes stehen (was eine praktische Zusammenarbeit nicht ausschließen würde, wenn sich eine solche ergeben würde).
Sonst kann man vor lauter Streben nach Breitheit auch gleich die Afa (SPD) und die CDU-Sozialausschüsse mit einschliessen. Auch Heiner Geißler ist “gegen den Kapitalismus” und hält ihn für “verkehrt” und “überholt”!
Das kapitalistische Wirtschaftssystem habe keine Zukunft mehr, sagt Geißler im ZDF
“Wir brauchen eine Art Revolution!”

(Aber was heisst das schon?)

Trotzdem wäre ein organisatorischer Zusammenschluss der NAO-Gruppen bestenfalls ein linkszentristisches Projekt.
Ich hoffe ich habe deutlich machen können, dass “Zentrismus” für mich nicht die Bezeichnung für ein “politisches Verbrechen” oder so ist, sondern eine politische Standortbestimmung.

Dieser politische Standort des Zentrismus ist historisch (Vor-WK-I-SPD, USPD, SAP usw.) das Schwanken zwischen revolutionären und reformistischen Konzeptionen und Zielen.
(Explizit: die Vor-Weltkrieg-I-SPD war insgesamt eine zentristische Massenpartei).
Die Bedeutung der USPD (von der in Wirklichkeit der sogenannte “Spartakus-Aufstand” 1919 ausging), brauche ich wohl nicht zu betonen. Erst durch den Zusammenschluss mit dem linken Flügel der USPD wurde die schwächliche KPD 1920 zu einer Partei mit Masseneinfluss.

In Anbetracht der politischen Situation nach 1990 sehe ich in der Herausbildung einer zentristischen Strömung unbedingt einen Fortschritt.
Das ist zunächst einmal wichtig.

Und je weniger konfus und blinder “Breitheit” verfallen eine solche Strömung wäre, desto weniger zentristisch wäre sie letztlich.

Erhebt sich die Frage, worin der revolutionäre Pol bestehen müsste, als Gegenpol zu den reformistisch-(pseudo)gradualistischen Linien?

Für mich ist die Perspektive einer Räterepublik zentral, weswegen ich sie immer wieder und unablässig propagieren werde.

Allein für die Staatsfrage ist das entscheiden, da war auch letztlich historisch die politische Scheidelinie etwa zwischen den KPD und der USPD 1917-1920.
Gegen Räte war noch nicht einmal die Mehrheits-SPD, aber regieren (also Macht ausüben) sollten sie nicht, nach dem Willen der SPD, die ursprünglich sogar noch die Monarchie retten wollten.

DGS, du schreibst:
“Vielmehr dürfte notwendig und damit zu rechnen sein, daß einem revolutionären Bruch auf betrieblicher und lokaler Ebene die Herausbildung von räteartigen Strukturen der oder von Teilen der bisher Beherrschten und Ausgebeuteten vorausgeht, die aber nur dann dauerhaften Bestand haben werden, wenn sie in einem gesamtgesellschaftlichen Bruchpunkt – einen Moment zugespitzter Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis der Umkehrung des Kräfteverhältnisses – münden, und so die Phase der temporären Doppelmacht beendet und revolutionär vereindeutigt wird.”

Die Phase der temporären Doppelmacht kann aber nur in einer Räterepublik beendet werden.
Und das bedeutet:
– auf allen betrieblichen und lokalen Ebenen wird die Staatsmacht durch jederzeit abwählbare Räte der Beschäftigten bzw. Bewohner ausgeübt.
– die Schlüsselindustrien, Banken, Transport, Verkehr usw sind in gesellschaftliches Eigentum überführt (juristisch) und werden nach dem Prinzip der Wählbarkeit aller Vorgesetzten von ihren eigenen Beschäftigten verwaltet, gelenkt und geführt.

Eine wirklich revolutionäre Organisation braucht mindestens diese Art von Klarheit.
Sonst ist sie eben bestenfalls zentristisch.

Man könnte ja nun sagen, da gibt es ja eine ganze Menge von “Anwärtern”, die eine revolutionäre Organisation/Partei aufbauen wollen.
Leider handelt es sich bei den meisten von ihnen um Organisationen vom Typ RKO.
RKOs (revolutionäre Klugscheisser-Organisationen) verstehen es zwar hervorragend, auf dem Papier oder in den Pixeln im Internet sich als revolutionäre “Avantgarden” zu produzieren, aber die sektiererische Praxis sieht ganz anders aus.

Ein wesentlicher Prüfstein für mich sind dabei die 13 Punkte für eine klassenorientierte Arbeiterbewegung.
Diese ermöglichen eine gemeinsame Praxis “subjektiver Revolutionäre” auch bei vorhandenen Differenzen theoretischer und programmatischer Art vor allem in dem Sinne, organisierend zu intervenieren.
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/06/24/an-die-menschen-des-nao-prozesses-und-ander-interessierte/

Jeder politisch-organisatorischen Einigung muss notwendigerweise eine Phase der praktischen vertrauensbildenden Zusammenarbeit vorausgehen (und da scheiden die meisten RKOs bislang völlig aus).

Das, liebe DGS, darf nicht vergessen werden.
Da helfen auf die Dauer auch keine einigenden Kompromiss-Formeln.
Selbst wenn ich sie derzeit “unterschreiben” könnte.
Aber was heisst das schon?

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Written by bronsteyn

8. Juli 2012 um 1:33 pm

3 Antworten

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  1. “Jeder politisch-organisatorischen Einigung muss notwendigerweise eine Phase der praktischen vertrauensbildenden Zusammenarbeit vorausgehen (und da scheiden die meisten RKOs bislang völlig aus).”
    “Da helfen auf die Dauer auch keine einigenden Kompromiss-Formeln.”

    lieber bronsteyn

    wie immer beeindruckst du durch tiefschürfende überlegungen. aber wieso muss es unbedingt eine REIHENFOLGE in diesem prozess geben?
    warum ERST vertrauen und zusammenarbeit und DANN programmatische einigung?
    warum kann es nicht auch UMGEKEHRT klappen: erst programmatische klarheit und DANN organisatorischer aufbau. immerhin war das die position von J P Cannon, dem historischen führer des us amerikanischen trotzkismus (“program first”). auch wenn ich die übertriebene verehrung von Cannon durch die sparts gewiss nicht teile, aber IN diesem punkt stimme ich ihnen zu.

    oder vlt ist es auch ein wechselwirkender prozess und vertrauensvolle zusammenarbeit UND programmatische einigung gehen hand in hand.

    wir sollten uns davor hüten, lebendige menschliche prozesse vorschnell in bestimmte (theoretische) prokrustesbetten zu packen. die wirklichkeit ist immer vielfältiger als unser denken. wir sollten also offen bleiben für verschiedene entwicklungsmöglichkeiten.

    ich musste im laufe des NAO prozesses so manche ideologische scheuklappe überwinden und bin froh, dadurch — wie ich meine — zu fundierteren einsichten gekommen zu sein.
    wenn ich das konnte und kann, können es auch alle anderen mit gutem willen – und vlt gelingt uns tatsächlich das wunder, eine bescheidene umgruppierung auf revolutionärer grundlage hinzubekommen, aber dazu gehört auch, kritik fair und sachlich zu entfalten. “RKO” entspricht vlt deinen persönlichen erfahrungen, lieber bronsteyn, und die kritik mag sogar im einzelfall berechtigt sein, aber du selbst hast mir immer wieder gesagt, dass pejorativer diskussionsstil nicht weiter bringt.
    vlt versuchst du mal deinen “hass” auf gruppen wie SPAD, PSG, GAM oder IBT auf eine etwas konstruktivere ebene zu heben.
    nach allem, was ich von dir gelesen habe, bin ich sicher, dass auch du in der lage bist, über deinen schatten zu springen (sprung durchaus im dialektischen doppelsinn), wenn es der “proletarischen sache” dient.

    und dass du der proletarischen revolution ergeben bist, daran habe ich nicht den geringsten zweifel.

    systemcrash

    8. Juli 2012 at 2:00 pm


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