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Wie weiter im NAO-Prozess?

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Zum folgendem Artikel von DGS (SIB)
http://www.nao-prozess.de/blog/wie-weiter-im-nao-prozess/

Habe ich folgende Stellungnahme geschrieben:
————————————————————————-

4. August 2012 um 13:11

andere (khs [2]ist da prominent, auch – aber anders akzentuiert – bronsteyn [3]) sehen den schwerpunkt bei der entwicklung einer gemeinsamen “praxis”, über die dann auch die theoretische annäherung erfolgen soll.

Ich sehe da verschiedene Ebenen.
Die eine Ebene ist die der Organisation der Revolutionäre, eine andere die der Organisation der Arbeiter/innen. Eine andere Ebene ist die, ob es diese Unterscheidung überhaupt geben kann/darf/muss/soll.
Damit zusammen hängt auch die Frage ob und inwieweit die Klassenorientierung, d.h. die Orientierung an der Klasse des Proletariats beibehalten/aufgegeben/aufgeweicht/zugunsten einer allgemeinen “Antagonismus”-Orientierung aufgehoben werden soll/kann/muss/darf.
Noch eine ganz andere Ebene ist die des Verständnisses davon, was genau unter “Leninismus” zu verstehen ist und ob oder ob nicht es etwas von Lenin zu lernen/ zu übernehmen gilt oder auch nicht. Hinzu kommt die Ebene des Verhältnisses von Theorie und Praxis beim Organisierungsprozess revolutionärer Kerne.
Und alle diese Ebenen haben zudem noch eine theoretische und eine praktische Seite.
Ganz schön verwickelt.
Einige Stellungsnahmen von mir dazu:
1. Grundsätzlich gehe ich durchaus von einer “Program first”-Orientierung aus. Das revolutionäre Programm muss aus meiner Sicht folgende Essentials beinhalten:
– Klassenorientierung (an die proletarische Klasse)
– Räterepublik als politisches Ziel
– Methode des Übergangsprogramms
2. Die Herausbildung eines solchen Pols wird nach meiner Einschätzung nur sehr sehr langsam vor sich gehen und kann nur im Zusammenhang mit gemeinsamer Praxis der beteiligten Gruppen und Kerne vor sich gehen (wer da dazu gehört bzw. dazu gehören will, ist zudem für mich noch offen).
3. Im Zusammenhang mit einer gemeinsamen Praxis diskutieren sich programmatische Fragen und Differenzen ganz anders als ohne, die entsprechenden Diskussionen verlieren so ihren drohenden scholastischen Charakter.
4. Wenn ich von der proletarischen Klasse bzw. der Arbeiter/innen/klasse spreche, dann meine ich damit jene 70-80% der deutschen Bevölkerung, die nichts besitzen als allenfalls ihr Auto (an nennenswertem “Kapital”). Proletariat in diesem Sinne durch “Lohnabhängige” zu ersetzen, lehne ich auf der theoretischen Ebene völlig und auf der praktischen (propagandistischen) Ebene weitgehend ab, vor allem deswegen, um dieser Bevölkerungsmehrheit ihre Existenz als “schlafender Riese” zu vermitteln.
5. Ich befürworte entschieden den unnachgiebigen Kampf gegen rassistische Diskriminierung und Unterdrückung und meine auch, dass dieser Kampf in konkreten Situationen sogar Priorität vor allem anderen haben kann (und insofern nicht “Nebensache” ist), aber ich lehne es ab, von einem Kampf der “schwarzen Rasse” gegen die “weisse Rasse” zu sprechen, weil das eine Mystifikation ist.
6. Ich sehe das meiste, was von “Leninisten” wie von “Antileninisten” als “Leninismus” verkauft wird, als Ausfluss der Sinowjewschen Bolschewismus-Legende an. Ich würde die 22 Punkte von DGS diesbezüglich durchaus befürworten, sehe aber noch als Leninsches Esssential seine Ausführungen über die Disziplin der bolschewistischen Partei im “Linken Radikalismus” an. Hier formuliert er in 3 Punkten die Grundzüge einer erfolgreichen revolutionären Organisation, ohne sich mit auch nur einer Silbe in Appelle an rein formaler Disziplin, “DemoZent” oder ähnliches zu ereifern, was ihm auch zu diesem Zeitpunkt noch völlig fremd war (erst die Sinowjewsche Bolschewismus-Legende schuf den Pseudo-”Leninismus”, wie er später verstanden wurde).
7. Die Unterscheidung in Sandschipper und Ärmelschoner-Träger gibt für das Verständnis dessen, was Proletariat ist, nicht viel her. Über 50% aller Arbeitsplätze sind heute PC-Arbeitsplätze, ohne dass die Menschen, die dahinter sitzen, deswegen weniger proletarisch (besitzlos an Produktionsmitteln) wären.
Fliessbandarbeiter, die Schrauben festdrehen müssen (wie in “Moderne Zeiten”) gibt es deswegen kaum noch, weil es dafür CNC-gesteuerte Maschinen, Industrieroboter gibt.
Trotzdem ist das Proletariat insgesamt gewachsen und stellt die erdrückende Mehrheit der Weltbevölkerung.
8. Theoretisch-programmatische Annäherungen lassen sich nicht erzwingen, weder durch Apelle noch durch rhetorische Tricks. Dies gilt sowohl für die Rassenkampf-Enthusiasten als auch die Kämpfer für Genderisierung. Und schon gar nicht helfen da Hinweise, wonach sich an irgendwelchen “aktuellen Diskussionsprozessen” in irgendwelchen Sub-Szenen zu orientieren sei, ansonsten man das Maul halten solle.
9. Ich halte daran fest, dass politische Gruppen nicht nur und auch nicht in erster Linie an dem zu beurteilen und zu messen sind, wonach sie sich selber dünken, also welche programmatischen Stellungnahmen sie von sich geben. Das steht nicht im Widerspruch zu meiner “Program first”-Orientierung. Grundlage für eine revolutionäre Organisation ist eine klare revolutionäre Programmatik, ohne die läuft nichts, nicht wirklich.
Aber nicht jede Gruppe ist auch das, was sie von sich behauptet.
Sonst müsste ich ja beispielsweise unter allen Gruppen der GAM am nächsten stehen, deren Aktionsprogramm von 2011 ich durchaus (mit Ausnahme des Konstruktes der “5.Internationale”) zustimmen könnte. Der Gruppe konkreter Menschen aber, aus denen die GAM unabhängig ihrer Deklarationen besteht, misstraue ich aber aus guten Gründen und Erfahrungen gründlichst. Deswegen meine ich, dass eine wirkliche programmatische Annäherung auch nur im Zusammenhang mit einer vertrauensbildenden Praxis erfolgen kann. Umgekehrt kenne ich viele ehrliche und sehr fähige Aktivisten, die in Organisationen und Gruppen mit sehr verwaschenen programmatischen Grundlagen “herumhängen”. Auch hier kann nur eine vertrauensbildende Praxis auch eine programmatische Annäherung (eher:Klärung) bringen.
10. Ich stimme khs in einem für mich wesentlichen Punkt (nicht unbedingt auch in den anderen) zu: Revolutionäre Politik darf nicht nur in Kampagnen bestehen, sondern muss als unbedingtes Standbein die “proletarisch-revolutionäre Organisierung” vorranbringen.

khs:

Während erstere als Beispiel dafür stehen, Kampagnenpolitik verbreitern und effektiver gestalten zu wollen, stehen die Basisgruppen für das Konzept, mit dem Voluntarismus von Kampagnenarbeit zu brechen und eine proletarisch-revolutionäre Organisierung voranzubringen.

. Hier spreche ich mich für die Schaffung von low-lewel-Organisationen (Ebene der Organisation der Arbeiter) aus, historisch als “Vorfeldstrukturen” bezeichnet oder “Arbeitervereinigungen” aufgrund gemeinsamer Interessen. In diese Strukturen muss die Organisation der Revolutionäre (wenn sie denn existiert) hineinwirken, sich als ihr organisatorisches und politisch.programmatisches Rückgrat verstehen (ohne jeden Ultimatismus).

So würde ich mich derzeit “verorten”.
Abhängig von der Ebene stehe ich also in einigen Punkten DGS durchaus sehr nahe, in anderen khs.

Mit UG (= „Ums Ganze“ – Bündnis) kann ich noch wenig anfangen. Mich stört bei denen vor allem die völlig undifferenzierte Handhabung eines Leninismus-Begriffs, der eindeutig der Sinowjewschen Bolschewismus-Legende zuzuorden ist (in ihrer Negation), was ihre sonstigen durchaus interessanten Ideen fast völlig entwertet.

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Written by bronsteyn

10. August 2012 um 2:24 am

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