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Archive for Dezember 2012

Die Anziehungen sind proportional zu den Bestimmungen – Charles Fourier und der Kommunismus

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Charles Fourier
Mit diesem Aufsatz möchte ich die zentralen Ideen Charles Fourier darstellen. Sie sind – nicht zuletzt durch die Entstellung des Marxismus durch den Stalinismus – fast völlig in Vergessenheit geraten, doch sie waren es, die Marx und Engels entscheidend inspirierten und zur Abkehr („Die deutsche Ideologie“) vom Junghegelianismus bewegten.
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„Die Anziehungen sind proportional zu den Bestimmungen“.
Dieser Satz steht auf dem Grabstein des großen utopischen Sozialisten auf dem Montmatre.
Charles Fourier war (nicht nur) meiner Meinung nach der größte aller utopischen Sozialisten, sondern mit eherner Konsequenz auch der letzte.
Er war es, der in den Jungeheglianern Marx und Engels ab 1842 durch seine Schriften eine tiefgreifende geistige Wende auslöste, deren sichtbares Ergebnis die „Thesen über Feuerbach“ waren.

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im „Wesen des Christenthums“ nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der „revolutionären“, der „praktisch-kritischen“ Tätigkeit.“
(Fassung von 1854)

What the hell means „sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis“ ?

Doch bevor ich auf Charles Fouriers zentrale Gedanken zu sprechen komme, möchte ich einen Auszug der „Ode an Charles Fourier“ von Andre Breton voranstellen.

Fourier
hell hebt sich ab
vom trüben Grau des heutigen Denkens und Trachtens
dein Licht

Es klärt den Durst nach einem besseren Dasein
und birgt ihn vor allem was seiner Reinheit schaden könnte

auch wenn ich’s (was der Fall ist) für erwiesen hielte
daß die Verbesserung des menschlichen Schicksals
nur sehr langsam und in Schüben sich vollzieht
um den Preis von platten Forderungen und kalten Kalkulationen

so bleibt doch ihr wahrer Hebel
die Kraft des aberwitzigen Glaubens
an den Aufbruch in eine paradiesische Zukunft
und letztlich ist sie auch die einzige Hefe der Generationen
deine Jugend

Fourier war allein insofern schon ein außergewöhnlicher Utopist, weil seiner Utopie der normative Ansatz der meisten Utopien vor ihm völlig fehlte. Fourier war ein Gegner jeder Vereinheitlichung durch Zwang, seine Vorstellungen sind weit weg von der Monokultur vieler anderer sozial-revolutionärer Modelle (z.B. Morus „Utopia“, Campanellas „Sonnenstadt“).
Er war aber auch kein Romanautor, sondern formulierte Denkschriften, in denen er die Zustände seiner Zeit anprangerte und die Zustände einer zukünftigen Gesellschaftsordnung (die er Harmonie nannte) verdeutlichend und polemisch gegenüber stellte.

Der Mensch ist von Leidenschaften bestimmt

Dieses Axiom Fouriers ist wirklich grundlegend. Und es hält auch jeder Überprüfung stand. Warum bewegt sich ein Mensch, warum handelt er? Aus „Einsicht“ etwa? „Einsicht“ kann nur ein sekundärer Faktor sein, denn auch eine „Einsicht“ führt nicht unbedingt zum Handeln.

Leidenschaften aber drängen immer zum Handeln.

Gewiß „bewegt“ sich ein Mensch auch aus Notwendigkeit, oder sogar aus Zwang.
Ein drohendes Maschinengewehr oder drohende Hungersnot kann einen Mensch schon zu einem bestimmten Handeln „bewegen“.
Aber treibende Kraft dahinter sind immer die Leidenschaften des Menschen, selbst wenn sie sich nur dahingehend äussern, Schmerz, Not, Tod oder andere Nachteile zu erleiden.

Fourier sieht auch konsequent nur den von Leidenschaften bewegten Menschen als glücklichen Menschen an. Ein nur von Notwendigkeit (oder sogar Zwang) bewegter Mensch kann nicht glücklich sein.

Jede Leidenschaft, die unterdrückt wird, treibt ihr Unwesen dann im Verborgenen.
„Der Hang zu Greueltaten ist nichts anderes als das Ergebnis angestauter Leidenschaften“
(Fourier)

Aber nicht die regellose und zusammenhanglose Auslebung aller individuellen Leidenschaften kann die Lösung sein. Vielmehr müssen einander wiederstrebende Leidenschaften „ausbalanciert“ und durch gegenlaufende reguliert werden.

Gesellschaftliche Harmonie (völlig unabhängig von der konkreten Gesellschafts- und Eigentumsordnung) entsteht nicht durch Unterdrückung von Leidenschaften, sondern durch das Ausleben der verschiedenen, in jedem Individuum anders konzentrierten Anziehungs- oder Assoziationskräfte.
Fourier sieht den glücklichen Menschen als ein durch Leidenschaften bewegtes und gesteuertes Wesen.
Er ist der Auffassung, dass die Leidenschaften durch „gegenlaufende“ Leidenschaften integriert werden können. Sie können so zu sozialen Triebfedern in einem harmonischen, förderlichen Ganzen integriert werden (Bild von einem „gesellschaftlichen Orchester“).

Der Mensch kann nur kraft vielfacher Beziehungen seine Bestimmung finden. Als Einzelner ist er nicht in der Lage, sich zu entfalten. Diese Beziehungen werden durch Anziehungskräfte („attractions“) zwischen Menschen hergestellt. Am deutlichsten wird das natürlich bei der Sexualität. Durch „Attraktion“ (welcher Art auch immer) entstehen Beziehungen, wie lang- oder kurzfristig und welcher Art sie auch sein mögen.
Doch natürlich reduziert Fourier das nicht auf die Sexualität, sondern formuliert generell, dass Beziehungen durch Anziehungskräfte hergestellt werden, was auch auf alle anderen nur denkbaren Leidenschaften zutrifft.

Die acht Gesellschaftsepochen

Fourier war aber weit davon entfernt, diese Prinzipien der Ausbalancierung und Kultivierung aller menschlichen Leidenschaften für sofort umsetzbar zu halten.
Vielmehr ging er von acht Geschichtsepochen in der Entwicklung der Menschheit aus.

1.Ungeordnete Serien
2.Wildheit
3.Patriarchat
4.Barbarei
5.Zivilisation (Fouriers HEUTE)
6.Garantismus („genossenschaftliche Ordnung“)
7.Unvollständige Serien („Soziantismus“)
8.Harmonie

Marx und Engels übernahmen dieses grobe Schema der Geschichtsepochen, wie Belesene unschwer erkennen können.
Die „Zivilisation“ wird von ihnen als „bürgerliche Gesellschaft“ bezeichnet, und natürlich ist die „Harmonie“ ein Synonym für Kommunismus.
Zwar kritisieren sie (zu Recht) Fouriers unklare und widersprüchliche Auffassungen zur Ökonomie, aber Fourier, der sein Leben lang Kaufmannsgehilfe war, hasste bekanntlich den Handel und die Ökonomie wie die Pest und beschäftigte sich mit diesen Dingen nur sehr sehr ungern.
Dieses Defizit wurde in der Tat durch Karl Marx gründlich behoben.

Fouriers Aufmerksamkeit aber gilt der sozialen Organisation, und vor allem der Organisation der Arbeit und der Liebe.

Der Weg zur Harmonie (Kommunismus) führt nach Fouriers Auffassung also über „Übergangsgesellschaften“, von denen die nächste die „Genossenschaftliche Ordnung“ wäre, ein Begriff, den Lenin übrigens genau in diesem Sinn in seiner letzten großen Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ verwendete.

Die zwei Säulen der „Harmonie“

Kommunismus – dieses Wort weckt neben Assoziationen, die durch den Stalinismus erzeugt wurden (Arbeitslager, Einheitspartei usw.) kaum konkrete Assoziationen und ist bei den meisten „revolutionären Linken“ ein Sammelsurium von Abstraktionen, die kaum jemand versteht.

Nicht so bei Fouriers Harmonie. Fourier schreibt sehr anschaulich, und er geht bisweilen sogar so weit, dass er den konkreten Tagesablauf in einem harmonischen „Phalansterium“ (eine Großkommune mit 1000-2000 Bewohnern) genau beschreibt, um seine Gedanken anschaulich und deutlich zu machen.
Gewiss lesen sich diese Passagen, die vor dem Hintergrund der technologischen und kulturellen Rahmenbedingungen Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden, aus heutigen Augen teilweise wunderlich oder sogar grotesk.
Doch die grundlegenden Strukturprinzipien der „harmonischen“ Gesellschaft werden dem aufmerksamen Leser trotzdem mühelos deutlich.

Die Zukunftsgesellschaft der Harmonie basiert demnach auf zwei wesentlichen Säulen:
1. Freiheit in der Liebe („libertee amorouse“)
2. Anziehende Arbeit („travail attractif“)

Darüber hinaus hat Fourier auch eine Menge über Kindererziehung, über Kosmologie und sogar über Religion geschrieben, wovon vieles erwähnenswert wäre oder auch nicht, was ich aber mal beiseite lasse, um diese zwei fundamentalen Säulen deutlich zu machen.

Freiheit in der Liebe

Aus gegebenen Anlässen ziehe ich den Punkt „Freiheit in der Liebe“ vor.

„Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet.“

Fourier war sowohl der Wortschöpfer des Begriffes „freie Liebe“ als auch Erschaffer des Wortes „Feminismus“, und wäre aus heutiger Perspektive in sozialer Hinsicht ein Verfechter des Gleichheitsfeminismus zu nennen.
Die Beschränkung der Frau auf „Küche und Kochtopf“ ist in seiner Harmonie durch die Alltagsorganisation des Phalansteriums aufgehoben, welches auch Speisesäle und Kinderkrippen beinhaltet.

Von ihm stammt auch folgender, gemeinhin Friedrich Engels zugeschriebener Satz:

„Allgemein läßt sich die These aufstellen: der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau“.

In der Frage der Liebesbeziehungen aber übertrifft Fourier alles an Radikalität, was bis damals und selbst bis heute dazu geschrieben worden ist.

Noch harmlos wirken diese Sätze:

„Das heutige System, das den Zusammenschluß der Menschen infolge der Isolierung der Haushalte auf ein Minimum beschränkt, hat die Menschheit auf den Gipfel der Verderbtheit geführt.“

Seine Kritik ist zentral zunächst eine Kultur-Kritik:

„Die Zivilisation bewirkt, daß der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist“.

Vor allem kritisiert Fourier die Kleinfamilie:

„In der Zivilisation kann die Liebe (…) keinen freien Aufflug nehmen, denn sie ist in der Ehe gefangen“.

Er ist nämlich striktester Gegner jeder Normierung des Sexualverhaltens. So beschreibt er das Liebesleben im Phalansterium:

„Jeder Mann und jede Frau werden völlig frei sein, nach eigenem Gutdünken zu handeln und ihren Geschmack zu wechseln, wann immer es ihnen gefällt; aber sie sind verpflichtet, sich der Gruppe anzuschließen, die ihre vorherrschende Leidenschaft pflegt“.

Die Verpflichtung, so geht aus dem Zusammenhang hervor, beruht auf dem Bestreben der Gesellschaft, die passenden Partner zusammenzuführen, was eine Registrierung erforderlich machte aus Fouriers Sicht. Klar, er kannte die Möglichkeiten des Internet nicht, wo jede/r das selbst tun könnte.

Doch die Prinzipien der „Harmonischen Liebe“ sind klar zu erkennen:

„Bei der Berechnung der Anziehung muß sich alles um das Vergnügen drehen, alles muß auf die Garantie der Vergnügungen zielen.“

Das Recht des Menschen auf Glück, auf Vergnügen war mal in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben und wurde nie erfüllt.

„In der Harmonie, wo großer Überfluß und eine ungeheure Vielfalt von Vergnügungen herrscht und wo das harmonische Leben allgemeine Eintracht verlangt, muß der religiöse Kult die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird.“

Fourier war, das sollte erwähnt werden, kein Atheist, sondern „Pantheist“. „Gott“ war für ihn das, was sich in den menschlichen Leidenschaften offenbart. Das hat nichts mit einer christlichen oder sonstigen partriarchal-dogmatischen Religion zu tun.

„Die Polygamie, bei den Zivilisierten und Barbaren ein Auswurf der Leidenschaft, wird in der Harmonie eine hochherzige Beziehung sein (….)“.

Skandalös zu seiner Zeit sein Bekenntnis zum Recht auf Polygamie, wenn die Menschen das so wollen.

„Mit gutem Grund darf ich verheißen, daß die Harmonie Keime der freiheitlichen Liebe hervorbringen wird, die in der entgegengesetzten Richtung wie unsere (heutigen) Bräuche und (….) eine hochherzige und heilige Trunkenheit, eine erhabene Wohllust bescheren wird, die unserem heutigen Egoismus weit überlegen ist.“

Sexualität und Liebe nicht als Mittel zur Fortpflanzung, sondern als soziales Regulativ, zumindest ab den Säugetieren, wie es die Erkenntnis der modernen Anthropologie ist.

„Wir werden (….) zeigen, daß die unbeständige Liebe in der Harmonie die höchsten sozialen Tugenden hervorbringt.“

Die „Unbeständigkeit in der Liebe“, d.h. in der erotischen Anziehung, ist eine Erkenntnis, mit der Fourier seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war.

„Die Unbeständigkeit birgt keine Gefahren mehr und ist nützlich, wenn sie freundschaftliche Beziehungen hinterläßt.“

Eifersucht, so Fourier, wird „absterben“, weil sie schlicht „überflüssig“ wird in einer Welt der Harmonie.

„Die offen geübte Unbeständigkeit hat nichts Lasterhaftes an sich, zumal dann nicht, wenn sie auf gegenseitigem Einverständnis beruht“.

Das gegenseitige Einverständnis, die Einvernehmlichkeit ist der Dreh- und Angelpunkt von Fouriers Sexualmoral einer harmonischen Zukunft.

Fouriers Bekenntnis zur Liebe als eine der stärksten Anziehungskräfte zwischen Menschen entbehrt jeder oberflächlichen Sentimentalität, die sonst bei diesem Wort zu erwarten wäre:

„Die Liebe ist die mächtigste Triebkraft der leidenschaftlichen Annäherung, selbst bei antipathischen Charakteren. Darum ist die Liebe diejenige Leidenschaft, die am geeignetesten ist, Beziehungen zwischen Menschen zu knüpfen.“

Die Verheissung für die Zukunftsgesellschaft der Harmonie lautet dementsprechend:

„In der Harmonie, wo niemand arm und für jedermann bis ins hohe Alter die Liebe zugänglich ist, widmet ein jeder dieser Leidenschaft einen bestimmten Teil des Tages; die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung

Homosexualität bezeichnet Fourier als „unisexuell“, allerdings nicht wie später Freud als „Abirrung“.
Gegenüber der „Knabenliebe“ der Antike verhehlt er seine „Nachsicht“ nur schlecht. Er weiß um die Homosexualität bei antiken Autoren wie Lykurg, Sokrates, Platon, Cäsar (kennt Plutarch sehr gut), aber auch um das Lesbiertum und heißt das alles gut (Jede Leidenschaft ist in ihrer Triebfeder richtig).

Das brachte ihm wütenste Anwürfe von „Revolutionären“ ein, z.B. von Proudhon, der Fourier „Päderastie“ (=Homosexualität) unterstellte und deswegen das Verbot der „phalansterischen Schule“ forderte.
Diesbezüglich hat sich nicht viel geändert bis ins 21. Jahrhundert. Auch ich wurde schon aller nur möglichen „sexuellen Abirrungen“ bezichtigt, nur weil ich diese Gedanken Fouriers darstellte, und das von Leuten, die sich selbst als „Marxisten“ oder ähnliches bezeichnen.
Das beweist nur das faschistoide Unterbewusstsein solcher Pseudo-Revolutionäre.
Mit Fourier bin ich der Meinung, dass ALLE sexuellen Orientierungen „richtig“ sind, sofern sie nur auf Einvernehmlichkeit basierten.
Was Fourier anbetrifft, so war Fourier bei aller engagierter Verteidigung der Homosexualität gar nicht schwul, sondern ließ in einem Nebensatz mal seine Leidenschaft für lesbische Frauen erkennen.
Da Fourier schon lange tot ist, kann das ja heute offenbart werden, zumal es in der „linken Szene“ wahrscheinlich sogar als „politisch korrekt“ angesehen wird.

Doch es ist wichtig zu begreifen, dass Fourier nicht eine bestimmte sexuelle Orientierung verteidigte, sondern sie ALLE für gleichrangig und „richtig“ ansah, völlig unabhängig davon, ob er sie selbst teilte oder nicht. Fourier war eben ein Genie und kein pseudorevolutionärer Schwätzer mit faschistoidem Unterbewusstsein.

In der Harmonie werden nach Fourier also „unisexuelle Orgien“ ihren Raum ebenso bekommen wie alle anderen auch.

Doch Fouriers Parteinahme für die sexuellen Leidenschaften geht noch viel weiter, und es scheint, als habe er diese Vielfalt auch wissenschaftlich studiert. Er zählt sexuelle Orientierungen auf, die ihm bekannt sind, deren Existenz allein schon in der damaligen Zeit entweder nicht anerkannt oder deren Wesen als „krankhaft“ angesehen wurde.

Kostproben:

„Einige melancholisch veranlagte Männer finden Gefallen daran, von ihren Schönen (….) geschlagen und mißhandelt zu werden (….)“

„…die Frau, die sie (die Peitsche) schwang, versicherte mir, daß sie mit aller Kraft auf ihre Opfer einschlage (…) und daß es überaus glücklich sei ob dieser ritterlichen Liebkosung“.

„Ich habe (…) einen Mann gekannt, dem es Lust bereitete, wenn seine Geliebte sich vor seinen Augen mit einem anderen vergnügte; dennoch liebte er diese Frau und war durchaus imstande, sie zufriedenzustellen“

„(…) als einzigen Lohn begnügte er sich damit, (…) am Fußende ihres Bettes zu sitzen und der Dame die Fußsohlen zu kitzeln“

„Ein anderer liebt es, sich als kleines Kind verkleiden und behandeln zu lassen (….)“

Sexuelle Orientierungen, die nicht zu gewohnten Vorstellungen passen, nennt Fourier allgemein und zusammenfassend „Zwiespältigkeiten“, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie an kein Schema anzupassen sind. Diese Kategorie bei ihm ist universal, und – nur nebenbei bemerkt – auf kein Geschlecht festgelegt.

Sogenannte „Zwiespältigkeiten“ oder „Absonderlichkeiten“ werden laut Fourier „in der Harmonie den Aufflug der sozialen Tugenden ungemein begünstigen“, sie sind „unendlich kostbar“, „für die Einheit des Systems der Bewegung wahrhaft unerläßlich“, „wie die Zapfen und Fugen in einem Gebälk“.

„Die Natur will in den Vergnügungen eine ungeheure Vielfalt“.

Fourier schreibt selbst, dass er sicherlich nur einen Teil der denkbaren oder möglichen Neigungen kennt, dehnt dieses Prinzip der Freiheit der Liebe auch auf alle ihm unbekannten Spielarten und Variationen aus.
Er nimmt als Beispiel eine fiktive Neigung oder Orientierung, die auf der ganzen Welt nur 40 AnhängerInnen hätte.
Selbst wenn also nur vierzig Menschen auf der ganzen Welt einer solchen Neigung nachgehen, „dann wird man sich bemühen, diese 40 Sektierer zusammenzubringen“, deren Zusammenkünfte eine „Pilgerfahrt“ sein würden, die „ebenso heilig ist wie die Reise nach Mekka“.
Es ist die Aufgabe der Harmonie, deren Anhänger „zum Schutze dieser Art von Lustbarkeit zusammenzuschließen“.
In der Harmonie wird man sich „des Zwiespältigen bedienen“, die zweispältigen Neigungen werden sich „in Tugenden wandeln“, das Zwiespältige dient, wie alle anderen Leidenschaften auch, dem guten Fortgang des „gesellschaftlichen Konzerts“.

Anziehende Arbeit

Das Prinzip der anziehenden Arbeit bei Fourier wird von keinem geringeren als Friedrich Engels folgendermassen auf den Punkt gebracht.

„Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (…) daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (…), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken. Er (…) zeigt die Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (….) die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf. (…)“
(Engels)

Warum arbeitet ein Mensch?
Gewiss doch, in den bisherigen Gesellschaftszuständen meist aus Notwendigkeit. Aus der Notwendigkeit wird, wenn andere Menschen im Spiel sind, sehr schnell auch Zwang.

Somit sind Arbeit aus Zwang und anziehende Arbeit ein Gegensatzpaar. Marx und Engels brachten es auf auf die einprägsame Formel „Reich der Notwendigkeit“ und „Reich der Freiheit“.

Charles Fouriers Menschenbild ist also positiv und optimistisch. Kein Mensch, der nicht mit irgendeiner Neigung, mit irgendeiner Leidenschaft geboren wäre. Also gibt es auch keinen Grund, ihn zur Arbeit zu zwingen.
Insofern ist die „gegenwärtige Gesellschaftsordnung“ (der Kapitalismus) nach Engels Worten also vernunftwidrig.

Aber Engels schreibt noch mehr. Er schreibt, dass Fourier auch gezeigt, wie die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein sollte: nämlich ein Vergnügen, bei dem alle ihren eigenen Neigungen folgen dürfen. Da die Verteilung der Leidenschaften bei jedem Menschen unterschiedlich ist, sind auch für jede notwendige Arbeit genügend passende Neigungen vorhanden.

Für solche Ausführungen erntete ich schon die wütensten Haßausbrüche von Seiten vorgeblicher „Marxisten“, die nicht das geringste verstanden haben von dem, was sie an Zitaten reichlich und in Fülle absondern. Die Zukunft der Menschheit: Arbeit ohne Zwang, sondern als Vergnügen, wobei alle ihren (verschiedenen) Neigungen folgen können.
Das darf nicht sein!
Denn Arbeit ohne Zwang, das ist für diese geistigen Kretins nicht denkbar.
Aber genau das war der Kern der Kommunismus-Vorstellungen von Marx und Engels.

„Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.
Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet.
Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich – das Ei des Kolumbus“.

(Zitate: Engels in „Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent 1843“)

Das „Ei des Kolumbus“!
Das „Ei des Kolumbus“ des Kommunismus. Nichts anderes bringt Engels hier zum Ausdruck.

Klar, starker Toback für die Kleingeister jener Epoche, die sich keine andere Gesellschaftsordnung vorstellen können als die, der sie sich angepasst haben.

„In der Harmonie ist alles frei“ – die Zukunft basiert auf der Freiwilligkeit und der (gemeinsamen) Kultivierung der (unterschiedlichen) Leidenschaften.

Marx und Engels übersetzten diese Vorstellung in die bekannte Kommunismus-Formel:
„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“

Aber wie wird das alles organisiert sein?

Die Leidenschaftlichen Serien: Organisationsform der Zukunft

Fouriers Vorstellungen von den Organisationsformen einer harmonischen/kommunistischen Zukunft sind keineswegs so abstrakt wie man meinen könnte.

Er hat einen Namen für diese Organisationsform: die leidenschaftlichen Serien.

Sie ist nach Fouriers Auffassung eine Organisationsform, die auch in der Natur anzutreffen ist.
Sie ist nach Fourier auch die natürliche Organisationsform des Menschen: Sorgfältig zusammengestellte Einheit von Gruppen unterschiedlichen Alters, Besitzes, Intelligenz, die eine mehr oder weniger starke gemeinsame Neigung für eine bestimmte Leidenschaft haben.

Fourier hat dazu ein System der menschlichen Leidenschaften entwickelt, das in vielem ein genialer Vorgriff auf moderne Motivationstheorien erscheint.
Er zählt dazu nicht nur die sinnlichen Leidenschaften, die mit den entsprechenden Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren) verbunden sind, sondern auch solche Dinge wie Familien- oder Gruppensinn, Ehrgeiz, Freundschaft und individuelle Liebe (ob sexuell oder nicht).
Weitere Leidenschaften sind die „Flatterlust“ (Streben nach Abwechslung und „Zerstreuung“), die Streitlust und die Übereinstimmungslust (kann auch Gemeinschafts-Lust oder „Begeisterung“ benannt werden).

Über Fouriers Streitlust (auch Wetteifer) schreibt Engels etwa, dass Fourier „der einzige ist“, der diese Leidenschaft „erträglich entwickelt“ habe.

Die Krönung des Systems der Leidenschaften Fouriers aber ist der „Unitismus“, die „Neigung des Individuums, sein Glück mit dem Glück aller anderen in Einklang zu bringen“. Diese Leidenschaft wird die „Pivotale“ der künftigen harmonisch-kommunistischen Gesellschaft sein. Die Verwirklichung des Unitismus bedeutet „kollektiven Aufflug aller Leidenschaften“.

Diese Leidenschaften verzweigen sich baumartig, ausgehend von Haupt – Ästen, sich „in eine Fülle von Nuancen verzweigend“.

Wenn wir uns das konkret vorstellen wollen, dann müssen wir nur an menschliche Vereinigungen denken, zu denen Menschen sich zusammenschliessen, nicht um Geld zu verdienen, sondern um einer gemeinsamen Leidenschaft zu frönen.

Das fängt beim Amateursport und den entsprechenden Vereinigungen an, geht weiter etwa über die sogenannten Reenactment-Vereine, die zum Beispiel Mittelalter oder Antike bei ihren Zusammenkünften nachspielen, oder etwa den Vereinigungen von Eisenbahn-Freunden, deren Mitglieder teilweise hohe Geldsummen bezahlen, um Lokführer oder Heizer auf einer Dampflokomotive zu sein.

Ist das System der leidenschaftlichen Serie einmal verstanden, dann hört die Kette der Beispiele überhaupt nicht mehr auf. Von Kleintierzüchter-Verein über Schrebergärtner weiter über Teams, die gemeinsam strategische Online-Spiele übers Internet spielen.
Natürlich gehören hier auch Swingerclubs, Kirchenchöre und poststrukturalistische Diskussionszirkel dazu.
Die Menschen scheinen geradezu süchtig danach zu sein, ihre Leidenschaften zu leben.

Vulgärmarxisten sehen in allen diesen Dingen natürlich nur Erscheinungen, mit denen der Kapitalismus die Menschen in das System der immerwährenden Kapitalreproduktion und Mehrwertvermehrung integrieren, und ganz falsch ist das auch nicht.

Der Mechanismus des Kapitalismus („Wertgesetzt“) holt Profit raus aus allem, was nur geht.

Aber die Triebfeder all dieser Dinge, deren Organisationsumfang den der traditionellen Gewerkschaften und Parteien weit übersteigt, sind die unterschiedlichen Leidenschaften der Menschen, auf deren Grundlage sie sich eben zu diesen Vorläufern der fourierschen Serien zusammenschliessen.

Auf die Dauer ist natürlich die Sehnsucht der meisten Menschen, ihre Leidenschaften zu verwirklichen, im Kapitalismus nicht zu verwirklichen, und für die Mehrheit der proletarischen Klasse sowieso.

Doch statt in den Leidenschaften der Menschen die entscheidende Kraft zu sehen, die mit den vom Kapitalismus gesetzten Grenzen kollidieren und mithin auch in der Lage wären, diese zu sprengen, werden die „unpolitischen“ Leidenschaften von den „Revolutionären“ meistens verachtet und als blosser Ausdruck der Manipulationsfähigkeit des Kapitalismus gesehen.

Fourier: Ende und Vollendung des utopischen Sozialismus

Herbert Marcuse griff 1967 in seinem Vortrag „Das Ende der Utopie“ auf die Kerngedanken von Fourier zurück.
Charles Fourier, so Marcuse damals, habe die wirkliche Differenz zwischen einer freien und einer unfreien Gesellschaft erstmals deutlich gemacht, indem er (utopisch) eine Gesellschaft in Aussicht stellte, „in der selbst gesellschaftlich notwendige Arbeit im Einklang mit den befreiten, eigenen Bedürfnissen der Menschen organisiert werden kann“.
„Das Ende der Utopie“ als Titel bezieht sich darauf, dass tatsächlich mit Charles Fourier das Ende der Utopie, das Ende auch des utopischen Sozialismus gekommen war.
Weil mit Charles Fouriers Utopie von der Harmonie wirklich und tatsächlich die Gattung der utopischen Utopien zur Vollendung gekommen ist.

Charles Fouriers Utopie ist perfekt.

Sie ist, wie Engels sehr treffend schrieb, nicht bloße „Sozialpoesie“, sondern wirkliche Sozialwissenschaft zu nennen („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“).

Es kann daher nach Fourier keine soziale Utopie mehr geben, die Fouriers Utopie übertrifft.

Sie ist in ihren Wesenkernen kristallrein, eindeutig und konkret (vorstellbar), wenn auch unter radikal veränderten technologischen Vorzeichen. Von den Möglichkeiten des Internets und automatisierter Massenproduktion konnte selbst das Genie Fourier nichts ahnen.

Es ist völlig nachzuvollziehen, dass Marx und Engels nach ihrer Fourier-Lektüre zu dem Schluß kamen, daß es nun darauf ankäme, eine „reale Bewegung“ zu schaffen, die „den bestehenden Zustand aufhebt“.

Warum noch Zeit mit utopischen Entwürfen und Konzepten verbringen, wenn die Grundstrukturen der künftigen Gesellschaftsordnung klar ist?
Sichtbares Ergebnis dieser Wende waren die „Thesen über Feuerbach“.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“


Fouriers Vision von einer Gesellschaftsordnung mit einer auf dem Prinzip der anziehenden Arbeit basierenden vergesellschafteten Ökonomie und einer nach dem Prinzip der unbedingten Freiheit der Liebe in allen nur denkbaren Varianten und Schattierungen ausrichteten Sozialstruktur ist ultimativ und nicht zu übertreffen.
Und das Organisationsprinzip dieser Zukunftsgesellschaft ist auch klar: es sind die leidenschaftlichen Serien, die freiwilligen Zusammenschlüsse von Menschen aufgrund ihrer vielfältigen und individuell verschiedenen Leidenschaften.

Jetzt gibt es eigentlich nur noch praktisch zu tun, um diese Gesellschaftsordnung, die letztlich im Interesse aller Menschen liegen muss, zu verwirklichen.

Dem stehen freilich die durch den Kapitalismus geschaffenen Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen entgegen, die letztlich und in letzter Konsequenz den Leidenschaften der Menschen entgegengesetzt sind, da sie den Menschen die volle Entfaltung ihrer Leidenschaften nicht mehr garantieren können, sondern die Möglichkeiten immer mehr einschränken.

Nach einem Vortrag über Fourier vor sehr unpolitischen (d.h. an der konkreten „Politik“ desinteressierten) Menschen kamen Teilnehmer zum Referenten und bedankten sich dafür, „endlich den Kommunismus verstanden zu haben“.

Jemand sagte: „Wie kann man denn nur gegen so etwas sein? So jemand müsste ja geisteskrank sein!“
Solch eine Überzeugungskraft kann der Kommunismus haben!

Die „revolutionäre Linke“ in Deutschland ist nicht auf diesem Stand.

Ihre Kommunismus-Vorstellungen sind reine Abstraktionen ohne wirklichen Gehalt, ohne Bezug zu den Leidenschaften der Menschen und deswegen ohne jegliche Anziehungskraft.

Und die meisten der heute diskutierten „revolutionären Strategien“ basieren nur auf neuen Normierungen und Unterdrückungen, ohne jegliche wirkliche Aussicht darauf, dass Menschen sich letztlich gegen ihre eigenen Leidenschaften mobilisieren lassen.

Ich schließe mit der „Ode an Charles Fourier“ von Andre Breton

Ich grüße dich aus dem Versteinerten Wald
der menschlichen Kultur
In dem alles am Boden liegt
Durch den aber große kreisende Lichter streifen
Sie rufen dazu auf das Laubwerk und den Vogel zu erlösen

Aus deinen Fingern quillt der Saft der blühenden Bäume
weil du im Besitz des Steins der Weisen
Nur deiner ersten Regung folgtest
die dir eingab
ihn den Menschen hinzustrecken
Doch zwischen dir und ihnen kein Vermittler
Kein Tag verging an dem du nicht eine Stunde lang
voller Vertrauen
In den Gärten des Palais-Royal auf ihn gewartet hättest

Die Anziehungen sind proportional den Bestimmungen
Weswegen ich heute zu dir komme
Ich grüße dich

Auch ich grüsse dich, Charles, aus dem gleichen versteinerten Wald wie Andre Breton. Ich werde dir für immer dankbar sein dafür, dass du mir den Glauben und die Hoffnung an eine kommunistische Zukunft zurückgegeben hast, den pseudo-marxistische und pseudo-kommunistische Sekten mir schon fast genommen hatten.

Und durch dich wird mir nichts und niemand diese Hoffnung jemals wieder nehmen können.

Solange es Menschen geben wird, werden diese auch ihre Leidenschaften leben wollen, allen Widerständen zum Trotz.

Und solange es so sein wird, so lange wird es die Hoffnung auf den Kommunismus geben, als eine Gesellschaft, in der alle alle in der Verwirklichung ihrer jeweiligen Leidenschaften unterstützen werden und alle Widersprüche der gegenwärtigen Gesellschaftsformation des niedergehenden Kapitalismus aufgehoben sein werden.

Und wer genügend Vorstellungskraft hat, der weiß auch, dass der Kommunismus einbe hochdynamische Gesellschaft sein wird, in der sich alle menschlichen Leidenschaften in heute noch ungeahnter Weise ausdifferenzieren und weiterentwickeln werden.

„Darin zeigt sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil.
Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist.“

August Bebel, Charles Fourier – Sein Leben und seine Theorien.

http://www.gutenberg.org/files/19596/19596-h/19596-h.htm
Charles Fourier

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Written by bronsteyn

5. Dezember 2012 at 10:55 pm

Tokio November 2012

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Videos von
– Kundgebung und Demonstration der Doro-Chiba-Strömung am 4.11.2012 in Tokio
Teil 1

Teil 2

– Redebeitrag eines deutschen Teilnehmers mit Grussbotschaften vom Berliner Aktionsausschuss 100% S-Bahn und anderen Gruppen und Initiativen

– der verbotenen Demonstration am 11.11.2012 im Regierungsviertel von Tokio. Es waren rund 100 000 Teilnehmer/inn/en

Written by bronsteyn

3. Dezember 2012 at 12:08 am

Veröffentlicht in Japan

Absage an den „autonom-feministischen Poststrukturalismus“

with one comment


Folgender Text entstand als Antwort auf eine Mail von Systemcrash
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Lieber Systemcrash,

ich habe die ganze Diskussion beiläufig verfolgt, aber mich bisher mit einer Stellungnahme völlig zurückgehalten, einfach weil ich zur Zeit ganz andere Prioritäten habe.

Aber trotzdem erlaube ich mir jetzt einige Bemerkungen dazu.

Hast du jetzt verstanden, worauf dieser „Poststrukturalismus“ hinausläuft?
Richtig, auf Mobbing als politische Strategie.

Das war schon früher erkennbar. Ich erinnere mich noch sehr gut an Erzählungen von Frauen aus den frühen 90er Jahren, die sich als „Macker-Frauen“ von diesen Fanatikern gemobbt fühlten.
„Macker-Frauen“ waren nach dieser Lesart nicht nur Frauen, die sich in Beziehungen mit Männern befanden, sondern alle, die auch nur solche anstrebten.
Entsprechende politische Zusammenhänge platzten natürlich auseinander.

So wundert das ganze Szenario mich nicht im geringsten.

Trotzdem noch einige Bemerkungen zu dieser gesamten Konstruktion (denn etwas anderes ist es nicht), was sich „Poststrukturalismus“ nennt.

Ja, diese Leute sind wirklich der Meinung, die Realität liesse sich über die Sprache verändern.
Das ist des „Pudels Kern“.
Wenn Sprache nach dieser Theorie schon Realität schafft (was eine völlig absurde Annahme ist und den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft in keiner Weise entspricht), dann kommt man natürlich auf die „Idee“, die Realität durch Sprache zu verändern. Genauer gesagt, verändern zu wollen.

Reglementierung der Sprache soll also die Befreiung von „Herrschaftsverhältnissen“ bringen.
So wird nach dieser Logik durch die Einführung des Binnen-i das „Patriarchat“ „aufgebrochen“.
Was machen da nur die armen Chinesen, Japaner und Koreaner, deren Sprachen gar keinen Genus (kein Geschlecht) kennen?
Entweder diese Regionen waren dann niemals dem Patriarchat unterworfen, oder aber, sie müssen ewig in patriarchaler Verdammnis schmachten.
Nicht besser ergeht es den Basken in Europa, deren Sprache auch keinen Genus kennt.

Schließlich wurde ja auch durch die Abschaffung des Wortes „Neger“ auch der Rassismus abgeschafft, nicht wahr?
(Wer Ironie darin findet, darf sie behalten)

Aber hier geht es ja um mehr.

Du warst so unklug (auch das ist ironisch), dich „aus dem Bauch heraus“ zu äussern.
Tut man das denn, Systemcrash?
Wo kämen wir da hin, wenn das jeder täte?

Jetzt wird es aber ernst.
Ja, diese Leute meinen tatsächlich, nicht nur durch Reglementierung der Sprache die Realität verändern zu können, sondern, mehr noch, durch Reglementierung der (einvernehmlichen) menschlichen Sexualität.
Das ist ja jetzt glücklicherweise wie von selbst deutlich geworden.

Ja, ich spreche von menschlicher Sexualität, nicht nur von der von Männern.
Gerade habe ich das bekannte Buch „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ von 1985 vorliegen und überfliege die Überschriften der Kapitel (das entsprechende Gegenstück „Die sexuellen Phantasien der Männer“, gleiche Autorin, ist mir leider verloren gegangen).
Welch ein Abgrund von politisch inkorrektem Sex!

Erschütternd.
Die notwendige Umerziehungsarbeit durch poststrukturalistische Aufklärungsaktivisten wird in die Jahrtausende gehen!

Es betrifft ja nicht nur die politisch völlig inkorrekte Konstellation (sexuell) dominanter Mann – (sexuell) submissive Frau.
Umgekehrt ist es ja auch ein Greuel, denn es handelt sich schließlich dabei nur um die kompensatorische Umkehrung der HERRschenden Machtverhältnisse, nicht wahr?

Zwar sagen einige mir bekannte Untersuchungen in dieser Hinsicht (sexuelle Phantasien und Wunschvorstellungen) zwar, dass die Verteilung von submissiver und dominanter sexueller Orientierung überhaupt nicht geschlechtsspezifisch ist, sondern tendenziell bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich verteilt ist (mehrheitlich submissiv, da hast du tatsächlich recht), aber was tut das schon zur Sache?

Ein Großteil der vielfältigen sexuellen Orientierungen hat mit dem zu tun, was die Sexualpsychologie als „Machtgefälle“ bezeichnet.

Aber… das ist alles pfui bäh!
Denn es ist, so wird dir jeder Poststrukturalist erklären, ja nichts anderes als die Wiederspiegelung von gesellschaftlichen HERRschaftsverhältnissen.
Nicht nur die Wiederspiegelung, sondern auch deren beständige Reproduktion.
Also alles pfui bäh, was mit Machtgefällen in sexuellen Phantasien und einvernehmlichen Praktiken zu tun hat.

Aber nicht nur diese sind anzugreifen!

Wie ist es zum Beispiel mit der Polarität Voyeurismus und Exhibitionismus?

Lax gesprochen könnte man sagen: „Exhibitionist-inn-en machen Voyeur-in-nen eine Freude und umgekehrt“.
Poststrukturalistisch betrachtet ist das alles ganz anders.

Ist ein Mann ein Voyeur und die Frau Exhibitionistin (z.B. beim sogenannten Strp-Tease), so ist das ohnehin zutiefst verwerflich und verdorben.
Aber wie ist es, wenn ein Mann Exhibitionist ist und eine Frau Voyeurin.
Solche Shows gibt es ja auch!
Ich hoffe, ich muss nicht ausführen, dass die Zurschaustellung eines zuckenden Unterleibs durch einen Mann vor den Augen einer Frau zutiefst frauenverachtend ist, auch wenn die Frau das ausdrücklich genau so will (sie hat eben das Patriarchat internalisiert).

Erdmutterfantasien (Nancy Friday) fallen da natürlich auch als verwerflich und verdorben flach, denn das reproduziert patriarchale Rollenmuster, das wird dir jeder Postrukturalist genau erklären, auch wenn er von Mythologie keinen blassen Schimmer hat.
Über Prostitution als sexuelle Fantasie von manchen Frauen (auch Nancy Friday) brauchen wir wohl gar nicht zu reden.

Sagen wir es ganz einfach: so ziemlich 90 % aller bekannten Spielarten der Sexualität, aller sexuellen Orientierungen (unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit sowohl als sex als auch als gender) sind demnach pfui bäh und müssen verändert werden. Möglicherweise sogar „ausgemerzt“.

Gewiss, gewiss, es fehlen den Poststrukturalisten leider die Machtmittel, um ihre Regelmentierung der menschlichen Sexualität zugunsten eines höheren Ziels auch praktisch durchzusetzen (und ich bin guter Hoffnung, dass sie niemals über diese Machtmittel verfügen werden).

Fragt sich, was dieses höhere Ziel denn wohl ist.

Jedenfalls ist eines poststrukturalistisch klar: sind mal Sprache und Sexualität der Menschen ordentlich gesäubert, dann wird alles gut.

Das höhere Ziel soll also „Herrschaftsfreiheit“ sein, Freiheit von „jeder Unterdrückung“.

Unterdrückung? Unterdrückung von was?
Darf die Frage auch mal gestellt werden?

Mir fallen da einige passende Sätze vom großen utopischen Sozialisten Charles Fourier ein.

„Die Moralisten wollen die Leidenschaften in eine Richtung lenken, die ihrer Natur widerspricht. Was haben sie nicht alles während zweitausend Jahren gepredigt, um die sinnlichen Triebe zu zügeln und zu verändern, um uns einzureden, der Diamant sei ein wertloser Stein, das Gold ein wertloses Metall, Zucker und Gewürze seien wertlose, verächtliche Erzeugnisse und die Hütte, die einfache rohe Natur sei dem Palast des Königs vorzuziehen? So versuchten die Moralisten, das Feuer der Leidenschaften zu löschen.“

„Die Leidenschaften, die man für Feinde der Eintracht gehalten und in Tausenden von Büchern bekämpft hat, die in Vergessenheit geraten werden, diese Leidenschaften fördern im Gegenteil die Eintracht, die gesellschaftliche Einheit, von der wir sie so weit entfernt wähnten. Sie werden aber nur dann miteinander harmonieren können, wenn sie sich in progressiven, aus Gruppen bestehenden Serien regelmässig entwickeln. Außerhalb dieses Mechanismus sind die Leidenschaften wie losgelassene Tiger, unfassbare Rätsel. Darum sagen die Philosophen, man müsse sie bändigen: eine doppelt unsinnige Anschauung, denn erstens kann man sie nicht bändigen, und zweitens würde die Zivilisation, wenn jeder seine Leidenschaften bändigte, rasch zurückfallen.“

„Die genossenschaftliche Ordnung, die auf die zivilisierte Zusammenhanglosigkeit folgen wird, läßt weder Mäßigung, noch Gleichheit, noch irgendeine der philosophischen Meinungen zu; sie verlangt nach glühenden und verfeinerten Leidenschaften.“

„Zur Einführung guter Sitten bedarf es einer Gesellschaftsordnung, die es versteht, dem Feuer der Leidenschaften gerecht zu werden und ihrem indirekten und schädlichen Aufflug vorzubeugen, nämlich der nach rückwärts gerichteten, verdrängenden Bewegung, einem Grundübel der Zivilisation in allen ihren Phasen.“

Ja, somit ist der Poststrukturalismus ein typisches Produkt der Grundübel der ZIvilisation, wobei für Zivilisation hier nach Auffassung von Friedrich Engels auch „bürgerliche Gesellschaft“ stehen könnte.

Denn Marx und Engels waren bekanntlich von Charles Fourier so begeistert, dass Engels sogar davon sprach, Fourier habe das „Ei des Kolumbus der Sozialwissenschaften gefunden“.

Zurück zum Poststrukturalismus und seinen Bestrebungen zur Gründung einer „Jugendliga gegen die Sexualität“ (aus „1984“ von George Orwell).

Ja, du hast völlig recht, dieser „feministisch-autonome“Poststrukturalismus ist völlig unvereinbar mit marxistischen Politikansätzen.

Er hält selbst nicht ein, was er verspricht, kann es auch nicht einhalten, weil sein Wesen (von einzelnen diskutablen Ansätzen abgesehen) im Grunde repressiv und reaktionär ist, gerichtet gegen die Leidenschaften der Menschen.

Denn wenn wir von Unterdrückung sprechen, so können wir allen Ernstes nur von Unterdrückung von Leidenschaften sprechen, denn Leidenschaften sind die Triebfeder ALLER Menschen jenseits aller Klassifizierungen und „Zuweisungen“.

Sowohl die Unterdrückungsverhältnisse, die unmittelbar auf dem Kapitalverhältnis beruhen, als auch die auf rassistische oder sexuelle Diskriminierung begründete sind letztlich Unterdrückung der Leidenschaften der betreffenden Menschen.

Hier positioniert sich der „autonom-feministische Poststrukturalismus“ eindeutig auf der Seite der Unterdrückung der Leidenschaften, und zwar in einem Maße, das weit über Repression durch Diktaturen und neoliberalen Angriff auf den Lebensstandards der grossen Mehrheit der Bevölkerung hinausgeht.
Ihr Trachten reicht bis zur „Korrektur“ sexueller Phantasien Und Wunschvorstellungen von Menschen im Sinne ihrer politischen Linie.
Nur mit dem Unterschied, dass diesen Leuten leider leider die erforderlichen Machtmittel fehlen.

Ihnen bleibt nur die Sprache.
Mit der wollen sie also die Realität verändern.

Nicht nur das Mittel ist untauglich, auch das Ziel ist widerwärtig.

Ich schrieb mal, mir würde „die janze Richtung nicht passen“.

Ich ergänze: ich finde sie auch absolut widerwärtig.

Das ändert nichts daran, dass ich Judith Butler meinen höchsten Respekt bekunde für ihre Parteinahme für die Palästinenser und Foucault zugute halte, dass er sehr kluge Dinge über „Verrücktheit“ geschrieben hat.

Dixi et salvavi animam meam.
(Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet)

Sonst möchte ich mich zu dem Thema nicht mehr äussern.

B.I.Bronsteyn

Written by bronsteyn

2. Dezember 2012 at 9:59 pm