Bronsteyns Agentur für Augenöffnung und kreative Weltveränderung

Volksmedien für Journalismus von unten

Absage an den „autonom-feministischen Poststrukturalismus“

with one comment


Folgender Text entstand als Antwort auf eine Mail von Systemcrash
——————————————————————-
Lieber Systemcrash,

ich habe die ganze Diskussion beiläufig verfolgt, aber mich bisher mit einer Stellungnahme völlig zurückgehalten, einfach weil ich zur Zeit ganz andere Prioritäten habe.

Aber trotzdem erlaube ich mir jetzt einige Bemerkungen dazu.

Hast du jetzt verstanden, worauf dieser „Poststrukturalismus“ hinausläuft?
Richtig, auf Mobbing als politische Strategie.

Das war schon früher erkennbar. Ich erinnere mich noch sehr gut an Erzählungen von Frauen aus den frühen 90er Jahren, die sich als „Macker-Frauen“ von diesen Fanatikern gemobbt fühlten.
„Macker-Frauen“ waren nach dieser Lesart nicht nur Frauen, die sich in Beziehungen mit Männern befanden, sondern alle, die auch nur solche anstrebten.
Entsprechende politische Zusammenhänge platzten natürlich auseinander.

So wundert das ganze Szenario mich nicht im geringsten.

Trotzdem noch einige Bemerkungen zu dieser gesamten Konstruktion (denn etwas anderes ist es nicht), was sich „Poststrukturalismus“ nennt.

Ja, diese Leute sind wirklich der Meinung, die Realität liesse sich über die Sprache verändern.
Das ist des „Pudels Kern“.
Wenn Sprache nach dieser Theorie schon Realität schafft (was eine völlig absurde Annahme ist und den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft in keiner Weise entspricht), dann kommt man natürlich auf die „Idee“, die Realität durch Sprache zu verändern. Genauer gesagt, verändern zu wollen.

Reglementierung der Sprache soll also die Befreiung von „Herrschaftsverhältnissen“ bringen.
So wird nach dieser Logik durch die Einführung des Binnen-i das „Patriarchat“ „aufgebrochen“.
Was machen da nur die armen Chinesen, Japaner und Koreaner, deren Sprachen gar keinen Genus (kein Geschlecht) kennen?
Entweder diese Regionen waren dann niemals dem Patriarchat unterworfen, oder aber, sie müssen ewig in patriarchaler Verdammnis schmachten.
Nicht besser ergeht es den Basken in Europa, deren Sprache auch keinen Genus kennt.

Schließlich wurde ja auch durch die Abschaffung des Wortes „Neger“ auch der Rassismus abgeschafft, nicht wahr?
(Wer Ironie darin findet, darf sie behalten)

Aber hier geht es ja um mehr.

Du warst so unklug (auch das ist ironisch), dich „aus dem Bauch heraus“ zu äussern.
Tut man das denn, Systemcrash?
Wo kämen wir da hin, wenn das jeder täte?

Jetzt wird es aber ernst.
Ja, diese Leute meinen tatsächlich, nicht nur durch Reglementierung der Sprache die Realität verändern zu können, sondern, mehr noch, durch Reglementierung der (einvernehmlichen) menschlichen Sexualität.
Das ist ja jetzt glücklicherweise wie von selbst deutlich geworden.

Ja, ich spreche von menschlicher Sexualität, nicht nur von der von Männern.
Gerade habe ich das bekannte Buch „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ von 1985 vorliegen und überfliege die Überschriften der Kapitel (das entsprechende Gegenstück „Die sexuellen Phantasien der Männer“, gleiche Autorin, ist mir leider verloren gegangen).
Welch ein Abgrund von politisch inkorrektem Sex!

Erschütternd.
Die notwendige Umerziehungsarbeit durch poststrukturalistische Aufklärungsaktivisten wird in die Jahrtausende gehen!

Es betrifft ja nicht nur die politisch völlig inkorrekte Konstellation (sexuell) dominanter Mann – (sexuell) submissive Frau.
Umgekehrt ist es ja auch ein Greuel, denn es handelt sich schließlich dabei nur um die kompensatorische Umkehrung der HERRschenden Machtverhältnisse, nicht wahr?

Zwar sagen einige mir bekannte Untersuchungen in dieser Hinsicht (sexuelle Phantasien und Wunschvorstellungen) zwar, dass die Verteilung von submissiver und dominanter sexueller Orientierung überhaupt nicht geschlechtsspezifisch ist, sondern tendenziell bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich verteilt ist (mehrheitlich submissiv, da hast du tatsächlich recht), aber was tut das schon zur Sache?

Ein Großteil der vielfältigen sexuellen Orientierungen hat mit dem zu tun, was die Sexualpsychologie als „Machtgefälle“ bezeichnet.

Aber… das ist alles pfui bäh!
Denn es ist, so wird dir jeder Poststrukturalist erklären, ja nichts anderes als die Wiederspiegelung von gesellschaftlichen HERRschaftsverhältnissen.
Nicht nur die Wiederspiegelung, sondern auch deren beständige Reproduktion.
Also alles pfui bäh, was mit Machtgefällen in sexuellen Phantasien und einvernehmlichen Praktiken zu tun hat.

Aber nicht nur diese sind anzugreifen!

Wie ist es zum Beispiel mit der Polarität Voyeurismus und Exhibitionismus?

Lax gesprochen könnte man sagen: „Exhibitionist-inn-en machen Voyeur-in-nen eine Freude und umgekehrt“.
Poststrukturalistisch betrachtet ist das alles ganz anders.

Ist ein Mann ein Voyeur und die Frau Exhibitionistin (z.B. beim sogenannten Strp-Tease), so ist das ohnehin zutiefst verwerflich und verdorben.
Aber wie ist es, wenn ein Mann Exhibitionist ist und eine Frau Voyeurin.
Solche Shows gibt es ja auch!
Ich hoffe, ich muss nicht ausführen, dass die Zurschaustellung eines zuckenden Unterleibs durch einen Mann vor den Augen einer Frau zutiefst frauenverachtend ist, auch wenn die Frau das ausdrücklich genau so will (sie hat eben das Patriarchat internalisiert).

Erdmutterfantasien (Nancy Friday) fallen da natürlich auch als verwerflich und verdorben flach, denn das reproduziert patriarchale Rollenmuster, das wird dir jeder Postrukturalist genau erklären, auch wenn er von Mythologie keinen blassen Schimmer hat.
Über Prostitution als sexuelle Fantasie von manchen Frauen (auch Nancy Friday) brauchen wir wohl gar nicht zu reden.

Sagen wir es ganz einfach: so ziemlich 90 % aller bekannten Spielarten der Sexualität, aller sexuellen Orientierungen (unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit sowohl als sex als auch als gender) sind demnach pfui bäh und müssen verändert werden. Möglicherweise sogar „ausgemerzt“.

Gewiss, gewiss, es fehlen den Poststrukturalisten leider die Machtmittel, um ihre Regelmentierung der menschlichen Sexualität zugunsten eines höheren Ziels auch praktisch durchzusetzen (und ich bin guter Hoffnung, dass sie niemals über diese Machtmittel verfügen werden).

Fragt sich, was dieses höhere Ziel denn wohl ist.

Jedenfalls ist eines poststrukturalistisch klar: sind mal Sprache und Sexualität der Menschen ordentlich gesäubert, dann wird alles gut.

Das höhere Ziel soll also „Herrschaftsfreiheit“ sein, Freiheit von „jeder Unterdrückung“.

Unterdrückung? Unterdrückung von was?
Darf die Frage auch mal gestellt werden?

Mir fallen da einige passende Sätze vom großen utopischen Sozialisten Charles Fourier ein.

„Die Moralisten wollen die Leidenschaften in eine Richtung lenken, die ihrer Natur widerspricht. Was haben sie nicht alles während zweitausend Jahren gepredigt, um die sinnlichen Triebe zu zügeln und zu verändern, um uns einzureden, der Diamant sei ein wertloser Stein, das Gold ein wertloses Metall, Zucker und Gewürze seien wertlose, verächtliche Erzeugnisse und die Hütte, die einfache rohe Natur sei dem Palast des Königs vorzuziehen? So versuchten die Moralisten, das Feuer der Leidenschaften zu löschen.“

„Die Leidenschaften, die man für Feinde der Eintracht gehalten und in Tausenden von Büchern bekämpft hat, die in Vergessenheit geraten werden, diese Leidenschaften fördern im Gegenteil die Eintracht, die gesellschaftliche Einheit, von der wir sie so weit entfernt wähnten. Sie werden aber nur dann miteinander harmonieren können, wenn sie sich in progressiven, aus Gruppen bestehenden Serien regelmässig entwickeln. Außerhalb dieses Mechanismus sind die Leidenschaften wie losgelassene Tiger, unfassbare Rätsel. Darum sagen die Philosophen, man müsse sie bändigen: eine doppelt unsinnige Anschauung, denn erstens kann man sie nicht bändigen, und zweitens würde die Zivilisation, wenn jeder seine Leidenschaften bändigte, rasch zurückfallen.“

„Die genossenschaftliche Ordnung, die auf die zivilisierte Zusammenhanglosigkeit folgen wird, läßt weder Mäßigung, noch Gleichheit, noch irgendeine der philosophischen Meinungen zu; sie verlangt nach glühenden und verfeinerten Leidenschaften.“

„Zur Einführung guter Sitten bedarf es einer Gesellschaftsordnung, die es versteht, dem Feuer der Leidenschaften gerecht zu werden und ihrem indirekten und schädlichen Aufflug vorzubeugen, nämlich der nach rückwärts gerichteten, verdrängenden Bewegung, einem Grundübel der Zivilisation in allen ihren Phasen.“

Ja, somit ist der Poststrukturalismus ein typisches Produkt der Grundübel der ZIvilisation, wobei für Zivilisation hier nach Auffassung von Friedrich Engels auch „bürgerliche Gesellschaft“ stehen könnte.

Denn Marx und Engels waren bekanntlich von Charles Fourier so begeistert, dass Engels sogar davon sprach, Fourier habe das „Ei des Kolumbus der Sozialwissenschaften gefunden“.

Zurück zum Poststrukturalismus und seinen Bestrebungen zur Gründung einer „Jugendliga gegen die Sexualität“ (aus „1984“ von George Orwell).

Ja, du hast völlig recht, dieser „feministisch-autonome“Poststrukturalismus ist völlig unvereinbar mit marxistischen Politikansätzen.

Er hält selbst nicht ein, was er verspricht, kann es auch nicht einhalten, weil sein Wesen (von einzelnen diskutablen Ansätzen abgesehen) im Grunde repressiv und reaktionär ist, gerichtet gegen die Leidenschaften der Menschen.

Denn wenn wir von Unterdrückung sprechen, so können wir allen Ernstes nur von Unterdrückung von Leidenschaften sprechen, denn Leidenschaften sind die Triebfeder ALLER Menschen jenseits aller Klassifizierungen und „Zuweisungen“.

Sowohl die Unterdrückungsverhältnisse, die unmittelbar auf dem Kapitalverhältnis beruhen, als auch die auf rassistische oder sexuelle Diskriminierung begründete sind letztlich Unterdrückung der Leidenschaften der betreffenden Menschen.

Hier positioniert sich der „autonom-feministische Poststrukturalismus“ eindeutig auf der Seite der Unterdrückung der Leidenschaften, und zwar in einem Maße, das weit über Repression durch Diktaturen und neoliberalen Angriff auf den Lebensstandards der grossen Mehrheit der Bevölkerung hinausgeht.
Ihr Trachten reicht bis zur „Korrektur“ sexueller Phantasien Und Wunschvorstellungen von Menschen im Sinne ihrer politischen Linie.
Nur mit dem Unterschied, dass diesen Leuten leider leider die erforderlichen Machtmittel fehlen.

Ihnen bleibt nur die Sprache.
Mit der wollen sie also die Realität verändern.

Nicht nur das Mittel ist untauglich, auch das Ziel ist widerwärtig.

Ich schrieb mal, mir würde „die janze Richtung nicht passen“.

Ich ergänze: ich finde sie auch absolut widerwärtig.

Das ändert nichts daran, dass ich Judith Butler meinen höchsten Respekt bekunde für ihre Parteinahme für die Palästinenser und Foucault zugute halte, dass er sehr kluge Dinge über „Verrücktheit“ geschrieben hat.

Dixi et salvavi animam meam.
(Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet)

Sonst möchte ich mich zu dem Thema nicht mehr äussern.

B.I.Bronsteyn

Advertisements

Written by bronsteyn

2. Dezember 2012 um 9:59 pm

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: