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Eunuchen – Klassenkämpfer

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Eunuchen hatten im antiken China nicht nur die Aufgabe, die Konkubinen der Kaiser zu bewachen, sondern auch, dem erlauchten Kaiser beizubringen, wie mit ihnen umzugehen war. Von daher der geflügelte Spruch: Eunuchen wissen ganz genau, „wie es geht“, aber sie sind leider leider völlig unfähig, es selbst zu tun.
Aus diesem geflügelten Spruch hatte ich unlängst den Begriff „Eunuchen-Trotzkisten“ geschaffen.
Die Analogie: Viele Trotzkisten (oder „Trotzkisten“) wissen ganz genau, „wie es geht“, sind aber leider leider völlig unfähig, es auch zu tun.
Dies beziehe ich auf eine verbreitete Unart speziell im europäischen Nachkriegstrotzkismus, nämlich die eigene Praxis auf die Propagierung von Losungen, konkret sogenannten Übergangsforderungen, zu reduzieren.
Von dieser Sorte gibt es eine ganze Menge Schattierungen und Strömungen.
Was dabei gern vergessen wird: Losungen sind nicht abstrakt, im Ozean der Abstraktionen, „richtig“ oder „falsch“, sondern nur und ausschließlich im Zusammenhang mit einer konkreten Bewegung.
Eine Losung ist immer nur so viel wert, wie sie Menschen „in Bewegung setzt“, zu einer Aktion vereint.

Doch das Eunuchentum ist keineswegs auf Trotzkisten beschränkt, die deutsche Linke ist reichlich gesegnet mit Leuten, die „genau wissen“, wie es richtig geht und wie das „richtige Bewusstsein“ auszusehen hat.
Ein Beispiel ist dieser Kommentar, der es deswegen verdient, gewürdigt so werden, weil er so verdammt symptomatisch ist:
http://www.nao-prozess.de/blog/solidaritaet-mit-dem-streik-bei-edeka-nordbayern/#comment-94648
Ich hatte mich bisher eines Kommentares zum Kommentar dieses Gerion enthalten, und zwar aus folgendem Grund: Die Kolleg/inn/en von Edeka aus Nordbayern hatten natürlich sämtliche Links verfolgt, die auf ihren Arbeitskampf hinwiesen. Auf meinem eigenen Block stiegen die Zugriffszahlen kurzfristig dramatisch an, und zwar genau auf diesen Artikel. Und dass die Kolleg/inn/en im NAO-Blog mitgelesen haben, brauche ich wohl nicht zu beweisen.
http://www.nao-prozess.de/blog/solidaritaet-mit-dem-streik-bei-edeka-nordbayern/#comment-94665
Noch Fragen?
Gratulation, NAO-Prozess, wenn das das „hohe theoretische Niveau“ deines Fussvolkes ist!
Was soll man darauf antworten?
Etwa auf einem „hohen theoretischen Niveau“ die Bedeutung von Praxis erklären?
Mir fehlen wirklich die Worte.
Aber wer unbedingt ein Zitat braucht, um das zu begreifen, bitte, hier ist eins:

“Die Taktik der Einheitsfront ist das Angebot des gemeinsamen Kampfes der Kommunisten mit allen Arbeitern, die anderen Parteien oder Gruppen angehören, und mit allen parteilosen Arbeitern zwecks Verteidigung der elementarsten Lebensinteressen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie. Jeder Kampf um die kleinste Tagesforderung bildet eine Quelle revolutionärer Schulung, denn die Erfahrungen des Kampfes werden die Werktätigen von der Unvermeidlichkeit der Revolution und der Bedeutung des Kommunismus überzeugen.
Eine besonders wichtige Aufgabe bei der Durchführung der Einheitsfront ist die Erreichung nicht nur agitatorischer, sondern auch organisatorischer Resultate. Keine einzige Gelegenheit darf verpaßt werden, um in der Arbeitermasse selbst organisatorische Stützpunkte (Betriebsräte, Kontrollkommissionen aus Arbeitern aller Parteien und Parteilosen, Aktionskomitees usw. zu schaffen.
Das Wichtigste in der Taktik der Einheitsfront ist und bleibt die agitatorische und organisatorische Zusammenfassung der Arbeitermassen. Der wirkliche Erfolg der Einheitsfronttaktik erwächst von „unten“, aus den Tiefen der Arbeitermasse selbst.”

Das ist aus den Leitsätzen der Kommunistischen Internationale zur Einheitsfront der Arbeiter.

Solche Überlegungen sind vielen in diesem NAO-Prozeß völlig fremd, man hat sich ja auch teilweise vom „Leninismus“ (was immer darunter verstanden wird) verabschiedet.
Stattdessen wird viel von „Bewusstsein“ geredet, das man in der deutschen Arbeiterklasse „schaffen“ will. Tatsächlich wird auf die profane Realität der wirklichen deutschen Arbeiterklasse verächtlich herabgeschaut, stattdessen sollen „Generalstreiks“ in Griechenland oder Spanien die Erlösung bringen.

(Wie realistisch solche „Generalstreiks“ derzeit noch sind, lasse ich mal unerörtert. Dort leben auch mehrheitlich Menschen wie du und ich, die so „unbewusst“ und „gewöhnlich“ sind wie die Kolleg/inn/en von Edeka in Nordbayern)

Solche Details wie dieser Kommentar von diesem Gerion beleuchten viel greller und deutlicher die tatsächliche gegenwärtige Realität des NAO – Prozesses, nämlich der völlig praxisferne Zustand des Bewusstseins vieler Akteure.
Leider ist es so.

Das Eunuchentum ist also nicht nur vielen Trotzkisten zu eigen.
Darüber hinaus gibt es offensichtlich auch die Kategorie „Eunuchen – Klassenkämpfer“ oder „Eunuchen – Revolutionär“, der genau weiß, dass der bürgerliche Staat „zerschlagen“ werden muss.
Das ist auch in einer „breiten NAO“ nicht viel anders, nur eben „breiter“.

Für verständigere Leserinnen und Leser füge ich noch etwas hinzu, da ich nicht nur stänkern will.
Ohne eine vertrauensbildende Praxis des „gemeinsam kämpfens“ mit den „profanen“ und „gewöhnlichen“ Arbeiterinnen und Arbeitern wird es weder eine NAO, noch eine Revolution, noch eine Räterepublik, noch irgend etwas sonst geben (außer der fortdauernden kapitalistischen Realität).

Wer unter den „revolutionären Linken“ aber hat auf seinem hohen theoretischen Ross schon die praktische Reife dafür? Das ist keine Frage der numerischen Stärke, denn selbst mit kleinen Dingen läßt sich viel bewirken.

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Written by bronsteyn

5. Juni 2013 um 1:38 am

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