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Archive for the ‘Diskussion in der deutschen revolutionären Linken’ Category

Eunuchen – Klassenkämpfer

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Eunuchen hatten im antiken China nicht nur die Aufgabe, die Konkubinen der Kaiser zu bewachen, sondern auch, dem erlauchten Kaiser beizubringen, wie mit ihnen umzugehen war. Von daher der geflügelte Spruch: Eunuchen wissen ganz genau, „wie es geht“, aber sie sind leider leider völlig unfähig, es selbst zu tun.
Aus diesem geflügelten Spruch hatte ich unlängst den Begriff „Eunuchen-Trotzkisten“ geschaffen.
Die Analogie: Viele Trotzkisten (oder „Trotzkisten“) wissen ganz genau, „wie es geht“, sind aber leider leider völlig unfähig, es auch zu tun.
Dies beziehe ich auf eine verbreitete Unart speziell im europäischen Nachkriegstrotzkismus, nämlich die eigene Praxis auf die Propagierung von Losungen, konkret sogenannten Übergangsforderungen, zu reduzieren.
Von dieser Sorte gibt es eine ganze Menge Schattierungen und Strömungen.
Was dabei gern vergessen wird: Losungen sind nicht abstrakt, im Ozean der Abstraktionen, „richtig“ oder „falsch“, sondern nur und ausschließlich im Zusammenhang mit einer konkreten Bewegung.
Eine Losung ist immer nur so viel wert, wie sie Menschen „in Bewegung setzt“, zu einer Aktion vereint.

Doch das Eunuchentum ist keineswegs auf Trotzkisten beschränkt, die deutsche Linke ist reichlich gesegnet mit Leuten, die „genau wissen“, wie es richtig geht und wie das „richtige Bewusstsein“ auszusehen hat.
Ein Beispiel ist dieser Kommentar, der es deswegen verdient, gewürdigt so werden, weil er so verdammt symptomatisch ist:
http://www.nao-prozess.de/blog/solidaritaet-mit-dem-streik-bei-edeka-nordbayern/#comment-94648
Ich hatte mich bisher eines Kommentares zum Kommentar dieses Gerion enthalten, und zwar aus folgendem Grund: Die Kolleg/inn/en von Edeka aus Nordbayern hatten natürlich sämtliche Links verfolgt, die auf ihren Arbeitskampf hinwiesen. Auf meinem eigenen Block stiegen die Zugriffszahlen kurzfristig dramatisch an, und zwar genau auf diesen Artikel. Und dass die Kolleg/inn/en im NAO-Blog mitgelesen haben, brauche ich wohl nicht zu beweisen.
http://www.nao-prozess.de/blog/solidaritaet-mit-dem-streik-bei-edeka-nordbayern/#comment-94665
Noch Fragen?
Gratulation, NAO-Prozess, wenn das das „hohe theoretische Niveau“ deines Fussvolkes ist!
Was soll man darauf antworten?
Etwa auf einem „hohen theoretischen Niveau“ die Bedeutung von Praxis erklären?
Mir fehlen wirklich die Worte.
Aber wer unbedingt ein Zitat braucht, um das zu begreifen, bitte, hier ist eins:

“Die Taktik der Einheitsfront ist das Angebot des gemeinsamen Kampfes der Kommunisten mit allen Arbeitern, die anderen Parteien oder Gruppen angehören, und mit allen parteilosen Arbeitern zwecks Verteidigung der elementarsten Lebensinteressen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie. Jeder Kampf um die kleinste Tagesforderung bildet eine Quelle revolutionärer Schulung, denn die Erfahrungen des Kampfes werden die Werktätigen von der Unvermeidlichkeit der Revolution und der Bedeutung des Kommunismus überzeugen.
Eine besonders wichtige Aufgabe bei der Durchführung der Einheitsfront ist die Erreichung nicht nur agitatorischer, sondern auch organisatorischer Resultate. Keine einzige Gelegenheit darf verpaßt werden, um in der Arbeitermasse selbst organisatorische Stützpunkte (Betriebsräte, Kontrollkommissionen aus Arbeitern aller Parteien und Parteilosen, Aktionskomitees usw. zu schaffen.
Das Wichtigste in der Taktik der Einheitsfront ist und bleibt die agitatorische und organisatorische Zusammenfassung der Arbeitermassen. Der wirkliche Erfolg der Einheitsfronttaktik erwächst von „unten“, aus den Tiefen der Arbeitermasse selbst.”

Das ist aus den Leitsätzen der Kommunistischen Internationale zur Einheitsfront der Arbeiter.

Solche Überlegungen sind vielen in diesem NAO-Prozeß völlig fremd, man hat sich ja auch teilweise vom „Leninismus“ (was immer darunter verstanden wird) verabschiedet.
Stattdessen wird viel von „Bewusstsein“ geredet, das man in der deutschen Arbeiterklasse „schaffen“ will. Tatsächlich wird auf die profane Realität der wirklichen deutschen Arbeiterklasse verächtlich herabgeschaut, stattdessen sollen „Generalstreiks“ in Griechenland oder Spanien die Erlösung bringen.

(Wie realistisch solche „Generalstreiks“ derzeit noch sind, lasse ich mal unerörtert. Dort leben auch mehrheitlich Menschen wie du und ich, die so „unbewusst“ und „gewöhnlich“ sind wie die Kolleg/inn/en von Edeka in Nordbayern)

Solche Details wie dieser Kommentar von diesem Gerion beleuchten viel greller und deutlicher die tatsächliche gegenwärtige Realität des NAO – Prozesses, nämlich der völlig praxisferne Zustand des Bewusstseins vieler Akteure.
Leider ist es so.

Das Eunuchentum ist also nicht nur vielen Trotzkisten zu eigen.
Darüber hinaus gibt es offensichtlich auch die Kategorie „Eunuchen – Klassenkämpfer“ oder „Eunuchen – Revolutionär“, der genau weiß, dass der bürgerliche Staat „zerschlagen“ werden muss.
Das ist auch in einer „breiten NAO“ nicht viel anders, nur eben „breiter“.

Für verständigere Leserinnen und Leser füge ich noch etwas hinzu, da ich nicht nur stänkern will.
Ohne eine vertrauensbildende Praxis des „gemeinsam kämpfens“ mit den „profanen“ und „gewöhnlichen“ Arbeiterinnen und Arbeitern wird es weder eine NAO, noch eine Revolution, noch eine Räterepublik, noch irgend etwas sonst geben (außer der fortdauernden kapitalistischen Realität).

Wer unter den „revolutionären Linken“ aber hat auf seinem hohen theoretischen Ross schon die praktische Reife dafür? Das ist keine Frage der numerischen Stärke, denn selbst mit kleinen Dingen läßt sich viel bewirken.

Written by bronsteyn

5. Juni 2013 at 1:38 am

Besuch japanischer Aktivisten und Gewerkschafter in Berlin

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Vom 14. bis zum 18.6.2013 weilt eine Delegation japanischer Aktivisten in Berlin.
Sie vertreten
– das Internationale Arbeiter-Solidaritätskomitee von Doro-Chiba (IASK-DC), repräsentiert durch Nobuo Manabe
– die Nationalkonferenz für den weltweiten sofortigen Stopp aller Atomkraftwerke (NAZEN), repräsentiert durch Yosuke Oda
– die Gruppe „Frauen aus Fukushima gegen Atomkraftwerke“, repräsentiert durch Chieko Shiina.
029[2]_2012-07-16-18-07-37-687
Am 15.6.2013 wird eine Veranstaltung in Berlin mit unseren Gästen stattfinden (Ort und genaue Zeit stehen noch nicht fest). Vom 15.6. – 17.6. gibt es zahlreiche Gelegenheiten für einen intensiven Gedankenaustausch zwischen deutschen Aktivisten und den japanischen Besuchern.
Doro-Chiba ist eine unabhängige Eisenbahner-Gewerkschaft, entstanden 1979 im Rahmen des Kampfes gegen den Bau des Großflughafens Narita, ein Kampf, den sie unterstützte, und gegen die Privatisierung der Japanischen Staatsbahn JNR.
Seit damals leistete sie konsequent Widerstand gegen die Zerschlagung der Japanischen Staatsbahn JNR – und auch nach ihrer Zerschlagung durch den Staat – gegen die neoliberale Welle der Privatisierung, des Outsourcing, der Prekarisierung, nicht nur der Eisenbahnen, sondern aller Sektoren der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Dieser kämpferische Verband ist nicht nur auf die Interessen der japanischen Eisenbahner ausgerichtet. Er ist die treibende Kraft einer wachsenden klassenkämpferischen und klassenorientierten Arbeiterbewegung über die Grenzen der Branchen und Verbandszugehörigkeiten hinweg.
Ein wichtiges Anliegen des Internationalen Arbeitersolidaritätskomitees von Doro-Chiba ist der Aufbau weltweiter Kontakte zu klassenorientierten und klassenkämpferischen Aktivisten, wie er bereits seit Jahren nach Korea und an die Westküste der USA besteht. Seit 2009 gibt es auch zunehmend Kontakte nach Deutschland.
NAZEN ist die „Nationalkonferenz für den sofortigen und weltweiten Stopp aller Atomkraftwerke“ und entstand im Rahmen der wachsenden Anti-AKW-Bewegung nach der Reaktorhavarie von Fukushima. NAZEN stellt in dieser Bewegung den „harten Kern“ dar und trägt die Ziele des Kampfes gegen AKWs in breiteste Bevölkerungskreise hinein. Naturgemäß ist diese Koalition vor allem in der Region Fukushima stark.
Die „Frauen von Fukushima“ entstanden als Gruppe aus Anwohnerinitiativen der von der Havarie betroffenen Region (Präfektur Fukushima und die umliegenden). Sie machten durchaus auch international von sich reden durch einen Dauer-Sitzstreik in Zelten vor dem japanischen Ministerium für Technologie, Wissenschaft und Wirtschaft (METI). Sie waren wesentliche Trägerinnen des Projektes eines selbstverwalteten (und kostenlosen) Gesundheitszentrums in Fukushima-Stadt, wo es den Anwohnern möglich ist, sich auf radioaktive Belastung untersuchen und prüfen zu lassen.
Für den Besuch der japanischen Gäste und die Veranstaltung am 15.6.2013 haben zahlreiche Gruppen und Initiativen in Berlin schon ihre Unterstützung zugesagt. Für praktische Beiträge und Unterstützung bei Organisation und Mobilisierung sind wir sehr dankbar.
Internationale Solidarität darf sich nicht nur auf papierne Deklarationen beschränken. Der Aufbau persönlicher und direkter Kontakte ist ebenso unumgänglich wie die Suche nach Aktionsformen praktischer Solidarität über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg, weltweit.
Wir laden alle angesprochenen Gruppen und Initiativen, alle Leserinnen und Leser dieses Textes dazu ein, dazu beizutragen, und bitten um Rückmeldung an die unten angegebene Mailadresse.
Es lebe die internationale Solidarität!

Danketsu! (Solidarität, Zusammenhalt)
Ganbaro! (Kämpfen wir gemeinsam)

"Danketsu". Japanisches Schriftzeichen, steht für "Solidarität, starken Zusammenhalt". „Danketsu“. Japanisches Schriftzeichen, steht für „Solidarität, starken Zusammenhalt“.

Danketsu Blog (Berlin)

Web: danketsu.twoday.net
E-Mail: danketsu[at]gmx.de
Internationale Kurznachrichten zu Arbeits- und Arbeiterkämpfen. Inspiriert von der japanischen Eisenbahnergewerkschaft Doro-Chiba
„Danketsu“= Solidarität, unbedingter Zusammenhalt

Written by bronsteyn

30. Mai 2013 at 4:59 pm

Was ist eigentlich Kommunismus?

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Mein Kommentar zu folgendem Artikel:

http://www.nao-prozess.de/blog/warum-der-sozialismus-kein-etappenziel/

Rein formal würde ich folgendem Satz unbedingt zustimmen:

Weil nun aber der Sozialismus keine eigenständige Produktionsweise ist, sondern sozialistische Gesellschaftsformationen eine widersprüchliche Kombination von Elementen der kapitalistischen und der kommunistischen Produktionsweise darstellen (…)
sollten wir, selbst wenn wir eine sozialistische / proletarisch-dikatorische Übergangsgesellschaft für notwendig halten nicht den Sozialismus zum strategischen Etappenziel erklären, nicht den Kommunismus vom Sozialismus her denken,
sondern den Sozialismus vom Kommunismus her denken

Aber!
Was ist eigentlich Kommunismus?
Wenn Kommunismus nicht nur ein inhaltsloses sprachliches Konstrukt sein soll, sondern eine reale anzustrebende und vermittelbare Gesellschaftsordnung, dann gilt es zu überprüfen, wie “Kommunisten” (also Menschen, die sich als solche bezeichnen), zu folgenden zwei strukturellen Merkmalen des Kommunismus stehen (so wie Marx, Engels und Lenin ihn verstanden haben):

1. Attraktive Arbeit
2. Freiheit in der Liebe

Aus beiden Strukturmerkmalen folgt auch das organisatorische Prinzip der Serie (Fourier), dem Zusammenschluß von Menschen entlang ihrer Leidenschaften. Dieses organisatorische Prinzip wurde von Marx und Engels immer wieder inhaltlich aufgegriffen durch z.B. folgende Formulierungen:
“Freie Assoziation der Produzenten”
“Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen”
usw.
Diese beiden Kriterien haben sich für mich insofern als völlig hinreichend erwiesen, die Selbstzuweisung von Menschen als “Kommunisten” zu überprüfen.
Für mich ist klar, dass Menschen, die dekretieren, dass Arbeit auch im Kommunismus ein äusserer Zwang sein wird (ausgeübt durch wen?) keine Kommunisten im Sinne von Marx und Engels sind.
Das zum einen.
Wie aber ist es mit Menschen, die das Strukturprinzip der Freiheit in der Liebe direkt oder indirekt ablehnen (und mithin das sexuelle Selbstbestimmungsrecht des Menschen – immerhin eine juristische Errungenschaft der vollendeten bürgerlichen Gesellschaft) und stattdessen die Sexualität der Menschen (in ihrer von Kleingeistern kaum zu erfassenden Vielfalt) verändern und in ihrem Sinne normieren wollen (wenn auch mit dem völlig untauglichen Mittel der verbalen Nötigung, da ja schließlich der Mensch ohnehin nur ein “sprachliches Konstrukt” sei)?
Nun, ich sage, diese Differenz ist prinzipiell und keine bloß taktische oder strategische.

Written by bronsteyn

2. Januar 2013 at 3:41 pm

Über das geistige Elend des Poststrukturalismus

with one comment


Dieser Text ist eine Antwort auf:
http://www.nao-prozess.de/blog/absage-an-den-autonom-feministischen-poststrukturalismus/#comment-28700

Auf den Text von Richard (RSB) wurde vollständig und auch in der Originalreihenfolge eingegangen.
—————————
Lieber Richard (RSB),

zu deinem Kommentar meine Antwort.

Sie richtet sich nicht nur an dich persönlich, sondern an alle Leser, die sich – aus welchen Gründen auch immer – mit diesem „Poststrukturalismus“ – ob aus Passion oder gezwungenermaßen – auseinandersetzen.

Also MEIN Verständnis des Poststrukturalismus ist, dass mensch versucht, über Sprache Bewusstsein zu schaffen.

Oh Tücken der Sprache!
Der Mensch versucht also über Sprache Bewusstsein zu schaffen? Weil etwa „der Mensch ein sprachliches Konstrukt ist“ (bekanntes logozentrisches Axiom des Poststrukturalismus,
siehe http://www.die-grenze.com/post_einsteiger.html) ?
Ach nein, so ist es wohl nicht gemeint. Gemeint ist wohl „Also MEIN Verständnis des Poststrukturalismus ist, dass man versucht, über Sprache Bewusstsein zu schaffen.“
Das geschlechtlich unbestimmte Indefinitpronomen „man“ ist übrigens wesentlich älter als die Zuweisung Mann = Mensch männlichen Geschlechts und ist mit dieser etymologisch überhaupt nur verwandt durch die ursprüngliche Bedeutung der Wurzel „man“ = Mensch ohne nähere Bezeichnung eines Geschlechts (Im Englischen noch erkennbar). Insofern stellt auch die Ersetzung des Indefinitpronomens „man“ durch das von Dekonstruktivisten konstruierte Indefitipronomen „mensch“ keine wirkliche Errungenschaft dar. Aber mit Sprachgeschichte und Geschichte überhaupt steht der Poststrukturalismus in seiner pseudofeministischen Variante ohnehin auf Kriegsfuss: Er „feiert“ schließlich den „Tod der Geschichte“.
Warum sollte man sich also mit etwas beschäftigen, was ohnehin „tot“ ist?
Nette Hirnakrobatik, aber leider ohne jede Bedeutung (echt poststrukturalistisch-dekonstruktivistisch).
Aber ich verstehe, was mit deinem Satz gemeint ist und will jetzt nicht dekonstruktivistisch-poststrukturalistischer tun, als ich tatsächlich bin.
Du meinst, du versuchst, über Sprache Bewusstsein zu schaffen, und so hast du den Poststrukturalismus verstanden.
Verstehe.
Anders ausgedrückt: Poststrukturalisten sind der Auffassung, dass sie über Sprache Bewusstsein schaffen können (bei anderen).

Frage: haben diese anderen kein Bewusstsein?
Jedenfalls nicht das „richtige“, versteht sich.
Wie lässt sich mit („postrukturalistischem“) „richtigen“ Bewusstsein das „falsche“ Bewusstsein der „anderen“ -hm- verändern oder verdrängen?
Nun, es müsste wohl überzeugend sein. Überzeugungskraft aber hat nicht nur etwas mit Sprache zu tun, sondern auch etwas mit Attraktivität (=Anziehungskraft), was wiederum mit Leidenschaften zu tun hat
Leidenschaften sind ja nun etwas, was für den Poststrukturalismus überhaupt nicht existiert, sondern allenfalls Ausdruck von „Machtpraktiken“ (poststrukturalistisch „korrekt“: „Machtpraxen“) ist. Jeder Mensch ist nach den umwälzenden Erkenntnissen des Poststrukturalismus schließlich nur ein sprachliches Konstrukt -Barthes, Derrida- oder ein Konstrukt diskursiver und nicht-diskursiver Machtpraktiken -Foucault-.
Woraus stringent folgt, dass sie – die Poststrukturalisten – gern an der Sprache mit-konstruieren möchten.
Ist ja nur konsequent.
Nun, eine naheliegende Methode (und eine bessere ist den Poststrukturalisten wohl noch nicht eingefallen) ist Mobbing als politische Strategie. Sie nennen es verschleiernd „maximaler Veränderungsdruck“, wobei noch zu untersuchen sein wird, in welche Richtung dieser „maximale Veränderungsdruck“ (=politische Strategie des Mobbing) „führen“ soll.
Nur eines ist mir dabei längst klar geworden: es geht definitiv NICHT in Richtung Kommunismus.

Das mit dem Mobbing und so erscheint mir recht absurd, denn auch wenn das die Konsequenz von poststrukturalem Vorgehen sein kann, so ist dies sicherlich nicht intendiert.

Mobbing als politische Strategie der „Schaffung von Bewusstsein“ IST absurd, in der Tat.
Ob es von den Wortführern des Poststrukturalismus aber gar nicht intendiert wäre, da hege ich meine Zweifel. Auch wenn diese Leute alle Menschen (also auch sich selbst) zu blossen sprachlichen Konstrukten erklären, so heisst das – zumindest für mich – nicht, dass sie deshalb im Lebermeer der grundlosen Theorie umhersegeln, sondern auch in ihnen manifestieren sich – wie könnte es anders sein? – handfeste Interessen. Und auch sie HABEN Interessen, die von ihrer Sprache unabhängig sind und in ihrem „Sprechen“ (parole) nicht zum Vorschein kommt, sondern verschleiert wird.
Aber diese Leute gehen ja ohnehin davon aus, dass der Mensch ein „Konstrukt von Machtpraktiken“ ist, was liegt also näher, als ihnen meinerseits zu unterstellen, selbst Machtpraktiken konstruieren zu wollen?
Oder?
Also: ich gehe sehr wohl davon aus, dass dieses Mobbing als politische Strategie sehr wohl intendiert ist (es wird sprachlich aber natürlich nicht als solches dargestellt, sondern „revolutionär“ beschönigt, was es aus meiner Sicht konsequent zu dekonstruieren gilt).
Basta.

Doch zurück zur umwälzenden Philosophie des Poststrukturalismus, welcher entdeckt hat, dass der Mensch ja nur ein sprachliches Konstrukt ist, und den „Tod der Geschichte“ „feiert“.
Übrigens habe ich dazu ein schönes passendes Zitat von Engels gefunden:

Die gelehrten Herren Deutschen, die so eifrig auf dem „wilden Lebermeer“ der grundlosen Theorie umhersegeln und vor allem nach „dem Prinzip“ des „Sozialismus“ fischen, mögen sich an dem commis marchand Fourier ein Exempel nehmen. Fourier war kein Philosoph, er hatte einen großen Haß gegen die Philosophie und hat sie in seinen Schriften grausam verhöhnt und bei dieser Gelegenheit eine Menge Sachen gesagt, die unsere deutschen „Philosophen des Sozialismus“ wohltäten, sich zu Herzen zu nehmen. Sie werden mir freilich entgegnen, daß Fourier ebenfalls „abstrakt“ war, daß er mit seinen Serien Gott und die Welt trotz Hegel konstruierte, aber das rettet sie nicht.
Die immer noch genialen Bizarrerien Fouriers entschuldigen nicht die ledernen sogenannten Entwicklungen der trockenen deutschen Theorie. Fourier konstruiert sich die Zukunft, nachdem er die Vergangenheit und Gegenwart richtig erkannt hat; die deutsche Theorie macht sich erst die vergangene Geschichte nach ihrem Belieben zurecht und kommandiert dann ebenfalls der Zukunft, welche Richtung sie nehmen soll.
(…)
Und mit dieser Langeweile will man Deutschland revolutionieren, das Proletariat in Bewegung setzen, die Massen denken und handeln machen?
Wenn sich unsere deutschen halb und ganz kommunistischen Dozenten nur die Mühe gegeben hätten, die Hauptsachen von Fourier, die sie doch so leicht haben konnten wie irgendein deutsches Buch, etwas anzusehen, welch eine Fundgrube von Material zum Konstruieren und sonstigen Gebrauch würden sie da entdeckt haben! Welche Masse von neuen Ideen – auch heute noch neu für Deutschland – hätte sich ihnen da dargeboten!

(Friedrich Engels 1846)
http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_604.htm
Mit den „genialen Bizarrerien“ meinte Engels übrigens solche Dinge wie die Meere aus Limonade, den Anti-Löwen, die boreale Krone, das Angelikat und die Kopulation der Gestirne, und nicht etwa Fouriers Grundkonzepte von der anziehenden Arbeit und der Freiheit in der Liebe, die Engels viele Male engagiert gegen alle Kritiker verteidigte.
Na, ist das kein Grund, sich mal näher mit Fourier zu befassen?
Er ist so verdammt hochaktuell, mehr denn je, und was Engels da 1846 über Fourier schreibt, das trifft aus meiner Sicht sogar auch auf 2013 zu.
Doch weiter Richard (RSB):

Bleibt also nur noch die Frage nach dem Sein und dem Bewusstsein, denn dass Sprache nicht (direkt) die Realität verändern kann, ist eine Aussage, auf die wir uns in dieser Allgemeinheit sicher einigen können. Dass die Realität unser Bewusstsein (und damit auch unser Denken und Handeln sowie unsere Sprache) formt, ist etwas, das recht wesentlich für die uns eigene Methode des historischen Materialismus ist, steht also auch nicht in Frage. Kann aber das Bewusstsein auch die Realität ändern? Ich sage ja, denn unser Bewusstsein bestimmt unser Handeln und dieses beeinflusst die Realität.

Natürlich ist es völlig richtig, dass Handeln die Realität beeinflusst bzw. beeinflussen kann. Auf das Handeln wiederum kann das Bewusstsein einwirken.
„Das Bewusstsein“ ist aber nach heutiger hegemonialer Auffassung in der Psychologie derjenige Teil der Psyche, der sich für „das Bewusstsein“ hält und meistens meint, er hätte die Kontrolle „über das ganze“, was aber eine alberne Vorstellung ist und messbar nicht stimmt; die Mehrzahl aller täglichen Handlungen ist nämlich un-bewusster Art.
Bewusstsein wiederum hat sicher auch etwas mit Sprache zu tun. Ja.
Aber dass „unser Bewusstsein unser Handeln bestimmt“ (und nicht etwa nur beeinflusst), ist schon eine sehr kühne Aussage.
Genau genommen ist diese Annahme sogar anmaßend, aber ich will jetzt kein neues Fass aufmachen, vielleicht mal hier nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstsein
(Ich will jetzt nicht auch noch mit Ken Wilbers Bewusstseinsstufen kommen, das wäre zu starker Toback jetzt)
Ganz langsam zum Notieren: das UNBEWUSSTE bestimmt mindestens in gleichem Maße wie das „Bewusstsein“ das Handeln.
Und das Unbewusste setzt sich zu einem ganz wesentlichen Teil aus dem zusammen, was man „Leidenschaften“ nennen könnte (französisch „passion“).
Das ist etwas, was zweifellos allen Poststrukturalisten völlig fremd ist oder höchstens als eine durch Sprache (wodurch sonst?) konstruierte „Bedürfnisstruktur“ aufgefasst wird, durch Sprache natürlich manipulierbar, denn schließlich ist der Mensch ja nur „ein sprachliches Konstrukt“ (So lautet ja der Fundamentalsatz der poststrukturalistischen Ideologie).

Die Menschen handeln aber im wesentlichen nach ihren Leidenschaften, mein lieber Richard.
Egal ob ihnen diese Leidenschaften bewusst sind oder nicht.
Ich meine natürlich (als überzeugter Fourierist), dass es besser wäre, wenn alle Menschen ihre eigenen Leidenschaften kennen würden. Und wenn sie auch wissen würden, dass diese Leidenschaften in den Menschen völlig ungleich in ihrer Ausprägung und Stärke verteilt sind, aber insgesamt aber auch alle gemeinsam sind.
Das ist in einer kapitalistischen Welt nicht die Regel. Und in einem poststrukturalistischen Kapitalismus wäre es erst recht nicht so.

Aber dass nur das Bewusstsein – ein relativ kleiner und beschränkter Teil unserer Psyche – das eigene Handeln bestimmen würde, ist eine höchst fatale Annahme, denn der wichtigste und entscheidenste Faktor für das menschliche Handeln wird dabei völlig übersehen: es sind die Leidenschaften, deren psychische Repräsentanz gemeinhin das Gefühl oder auch die Emotion genannt wird.

Aber dann ist doch die Konsequenz, neben dem eigenen Handeln bei anderen Menschen Bewusstsein zu schaffen, um sie zum Handeln zu bewegen.

Die Frage, wie ein Mensch einen anderen zu einem Handeln (in seinem/ihrem Sinne) bewegen kann, ist durchaus interessant und verdient nähere Betrachtung.

Die Frage ist wesentlich komplexer als sie auf den ersten Blick aussschaut.
Schon ein Kleinkind beschäftigt sich – auch wenn es noch wenig „Bewusstsein“ hat – mit der Frage, wie es andere Menschen dazu bewegen kann, zu tun, was es gern hätte (es schreit, wenn es etwas will z.B.).

Die Annahme, indem man anderen Menschen „Bewusstsein verschafft“, würde man sie zu einem bestimmten Handeln entsprechend dem eigenen Willen „veranlassen“, ist in dieser allgemeinen Form zumindest naiv.
Aber es ist immerhin eine Naivität, die dem gesamten poststrukturalistischen Denken zugrunde liegt, lieber Richard, und nicht nur deine.

Wer sagt denn, dass andere Menschen kein „Bewusstsein“ haben?
Na, was sagst du zu dieser Frage, mein lieber Richard?

Aber das ist noch nicht alles.
Klar wirst du zugeben, dass auch andere Menschen Bewusstsein haben, so vernagelt kannst du nicht sein, es ihnen abzusprechen.
Was du wahrscheinlich meinst, ist so etwas wie „wahres Bewusstsein“, über den Kapitalismus etwa, oder das Patriarchat, oder den Kampf der „Rassen“.
Es geht also nicht darum, Bewusstsein zu schaffen, denn alle Menschen haben irgendein Bewusstsein. Ja, und sicherlich gibt es auch „falsches Bewusstsein“ (also falsche Annahmen über das eigene Sein).
Sondern du sprichst offensichtlich davon, dass die anderen Menschen das „falsche Bewusstsein“ (warum auch immer falsch) durch „richtiges Bewusstsein“(warum auch immer richtig) ersetzen sollen. Dann handeln sie – deiner Überzeugung nach – sicher auch so, wie du es gerne hättest, nicht wahr?

Eine Vorstellung, die aus meiner Sicht mindestens naiv und verkürzt, tendenziell aber insgesamt falsch ist.

Ich will aber zunächst bei der Frage verbleiben, wie es möglich ist, als Individuum andere Menschen zu einem Handeln zu bewegen, das man selbst von ihnen will.
Ist doch eine interessante Frage, oder nicht?
Allgemein betrachtet lässt sich sagen, dass es zwei Grundvarianten gibt, um andere Menschen zu einem Handeln zu veranlassen, wie man es selbst gern hätte.

Nötigung
Nötigung ist – allgemein gesprochen – jede zielgerichtete Handlung, die ein unangenehmes, schlechtes Gefühl in einem anderen Menschen hervorruft. Zweck (Teleologie) der Handlung ist, den anderen Menschen zu einer Handlung im eigenen Sinne zu bewegen.
Da mag man an eine Peitsche denken oder an ein Maschinengewehr, aber auch jede verbale Drohung (und sei es eine mit Liebesentzug) ist letztlich in diesem Sinn ebenso eine Nötigung, wie ganz allgemein das gezielte Auslösen negativer Emotionen.
Und als Alternative?
(Nein, nicht die „Einsicht“, das ist Blödsinn).

Attraktion (etwas anziehendes)
Schon der geniale Kriegsphilosoph Sun Tse lehrte, dass ein Feind sich lenken läßt, wenn man ihm gezielt Vorteile bietet, um ihn genau so zu bewegen, wie man selbst möchte.
Was für den Krieg und den Feind gilt, das gilt erst recht für den Frieden und den Freund.
Am effektivsten ist es, an den Leidenschaften anderer Menschen anzuknüpfen, das wusste sogar schon Tom Sawyer, als er einen anderen Bub dazu bewegte, an seiner Stelle einen Zaun zu streichen.
Diese einfache und grundlegende Unterscheidung spiegelt sich auch auf höheren Ebenen wieder. So lässt sich Arbeit etwa danach unterscheiden, ob sie durch Arbeitszwang (welcher Art auch immer) oder durch Anziehung motiviert ist.
Kommunismus wäre demnach eine Gesellschaftsordnung, in der die Arbeit für alle Individuen grundsätzlich eine anziehende ist (worauf immer die Anziehung im Einzelfall basieren mag), was durch eine soziale Struktur basierend auf Serien möglich wird.
Du, lieber Richard, und die Poststrukturalisten, ihr wollt also andere Menschen zum Handeln in eurem Sinne bewegen. Indem ihr (so meint ihr jedenfalls) ihr „Bewusstsein verändert“. Und wie das? Durch Sprache, versteht sich. Denn wie alles andere auch ist das Bewusstsein ein „sprachliches Konstrukt“, das „ausserhalb der Sprache“ „keine Wirklichkeit“ hat. Das jedenfalls meint der Poststrukturalismus.
Klingt irgendwie „logisch“, ist aber völliger Unsinn.
Ich habe oben dargelegt, dass es zwei grundlegende Möglichkeiten für einen Menschen gibt, andere Menschen zu irgendetwas im eigenen Sinne zu bewegen.
Die höchste menschliche Organisationsform wäre dann eine solche, wo alle Menschen die Leidenschaften aller jeweils anderen unterstützen und fördern.
Eine auf gemeinsamen Leidenschaften basierende Organisation nennt Fourier eine Serie („Das Ei des Kolumbus der Sozialwissenschaften“ – Friedrich Engels).
Welche Strategie verfolgt der „revolutionäre Poststrukturalismus“?
Nun, er will „maximalen Veränderungsdruck“ erzeugen, was im weitesten Sinne nichts anderes als Nötigung darstellt.
Nicht dass ich aus Prinzip gegen jede Nötigung wäre.

Ich meine durchaus, dass die Klasse des Proletariats (weltweit die große Mehrheit der Menschheit) die Klasse der Kapitalbesitzer (und ihre Helfer) nötigen sollte (mit den geeigneten Mitteln), auf ihr Eigentum zu verzichten, es ihnen „wegnehmen“ und es in öffentliches Eigentum überführen.

Da bin ich unbedingt für Nötigung.

Aber auch den Kapitalbesitzern spreche ich ihre Leidenschaften und Neigungen nicht ab. Wer gern an der Börse zockt und Termingeschäfte unternimmt, wer gern Konzerne aufbaut und Kapitalien scheffelt, der ist bestens bedient durch die zeitgenössischen Aufbauspiele auf dem PC, die sich sogar online spielen lassen. Im Gegenteil, die Leidenschaften der Kapitalisten werden durch ihre Enteignung erst ihre wirkliche Befreiung finden und auf ihren wirklichen Ursprung zurückgeführt werden.
Freien Zugang zum Internet und zu allen nur denkbaren wirtschaftlichen Aufbauspielen, das kann ich den stressgeplagten Kapitalisten heute schon versprechen für die Zeit ihres Ruhestandes. Aber die exklusive Kontrolle über die reale menschliche Wirtschaft muss man dieser Klasse schon mit allen erforderlichen Mitteln der Nötigung wegnehmen wie einem Kind das Jagdgewehr oder Benzinkanister und Feuerzeug.

Also: ich bin nicht gegen Nötigung. Aber wenn schon genötigt wird, dann auch die Frage erlaubt: wozu?

Zur „Abschaffung der Geschlechter“?
Wie ist das zu verstehen?

Etwa im Sinne des Kybele-Kultes der Antike?
http://de.wikipedia.org/wiki/Kybele
Wahrscheinlich nicht, das ist viel zu mysthisch.

Oder im Sinne der Skopzen, die wahrlich wirklich pragmatische Vorläufer des „autonom-feministischen Poststrukturalismus“ genannt werden können?
http://de.wikipedia.org/wiki/Skopzen
Nun, die Skopzen machten im Unterschied zu den Poststrukturalisten wenigstens Nägel mit Köpfen, und ich bezweifle auch in ihrem Fall nicht, dass diese Leute durch ihre Leidenschaften angetrieben wurden (welche auch immer).

Nein, nein, diese „Abschaffung der Geschlechter“ ist nichts anderes als ein „sprachliches Konstrukt“, wie alles andere am Poststrukturalismus auch.
Es handelt sich also um eine Nötigungsstrategie zur Annahme der sprachlichen Konstrukte der Poststrukturalisten.

Als Revolutionärinnen tun wir aber genau das tagein, tagaus (oder sollten es). Naja und in diesem Sinne sehe ich auch den Poststrukturalismus: Als eine Möglichkeit, um Bewusstsein zu schaffen. Als ein Werkzeug, dass die Werkzeuge des Marxismus ergänzt.

Ich habe schon gesagt, dass auch andere Menschen ausser dir und den Poststrukturalisten Bewusstsein haben, ob euch dieses nun gefällt oder nicht.

Der Satz ist also entweder unsinnig oder falsch. Er ist falsch, wenn anderen Menschen ausser den Poststrukturalisten Bewusstsein abgesprochen wird, und er ist unsinnig, wenn er behauptet, dass er überhaupt irgendein Bewusstsein „schafft“, denn der Poststrukturalismus ist selbst bestensfalls ein Bewusstseinsinhalt, in seinen eigenen Worten: „ein sprachliches Konstrukt“.
Im Sinne des heutigen Standes der Psychologie ist es völlig unsinnig, davon zu sprechen, dass Poststrukturalismus „Bewusstsein schafft“. Korrekt und wahrhaftig ist es zu sagen: Poststrukturalisten wollen andere Bewusstseine – vorsichtig ausgedrückt – „verändern“. Das ist etwas anderes als „Bewusstsein schaffen“. In welchem Sinne sie eine Veränderung bewirken wollen, dazu lasse ich mich hier gar nicht aus.
Aber ich weiß, es ist nicht nur eine poststrukturalistische Mode, davon zu sprechen, „Bewusstsein zu schaffen“, wenn es darum geht, anderen Menschen das eigene „Bewusstsein“ aufzureden (höflich ausgedrückt).
Ich weiß, dass auch die 70er-Jahre-“Marxisten“ das gern ähnlich gesehen haben. „Bewusstsein schaffen“: „Arbeiter, du wirst ausgebeutet!“ (Als ob er das nicht selbst wüsste).

Ein Werkzeug, das den Marxismus ergänzt?
Der Meinung bin ich ganz und gar nicht!
Eher ein Werkzeug, den ohnehin schon durch den Stalinismus fast zur Unkenntlichkeit verzerrten Chimären-“Marxismus“ der Nachkriegsära ganz auf den Hund bringt.
Das ist wirklich meine Ansicht und nicht etwa eine momentane polemische Spitze.
Die Annahme der Manipulierbarkeit der Bewusstseine durch Sprache, kombiniert durch die geradezu törichte Reduzierung des Menschen auf ein „sprachliches Konstrukt“ ist aus meiner Sicht geistiges Erbe des Stalinismus.
Dem Poststrukturalismus auch in seinen linken Varianten sind die menschlichen Leidenschaften, die „praktisch-sinnliche Tätigkeit“ völlig fremd und eben lediglich „sprachliche Konstrukte“.
Dadurch bedingt erklärt sich auch die fundamentale Schwäche der „revolutionären Linken“, speziell in Deutschland. Da die revolutionären Linken, umnebelt von den eigenen „sprachlichen Konstrukten“, die Leidenschaften der Menschen nicht kennen, sie mindestens nicht anerkennen und sie allenfalls verändern wollen, haben sie auch keinerlei Zugang zu den Leidenschaften grosser Massen (Gewiss. Diese haben diesen oft selbst nicht).
Da die Leidenschaften der Menschen gar nicht wahrgenommen, geschweige denn angesprochen werden, ermangelt es den Grüppchen „revolutionärer Linker“ vor allem an einem: an Attraktivität nach aussen.

Und da soll ausgerechnet der Poststrukturalismus, der die Leidenschafts-Feindlichkeit auf die Spitze treibt, ein Werkzeug sein, das die Werkzeuge des Marxismus ergänzt?

So wird das ohnehin schon schwerst ramponierte Werkzeug ganz zu Grunde gerichtet: die Axt wird immer stumpfer, der Hammer (bestehend aus zwei Teilen) wird „zweckmässig“ „dekonstruiert“, mit dem Geigerzähler werden Nägel in die Wand geschlagen (schließlich handelt es sich ohnehin nur um ein „sprachliches Konstrukt“).

Nein, nein, nein, das ist kein Marxismus.

Nun ist mir aber auch klar, dass das alles stramme Poststrukturalisten nicht beeindrucken wird, da sie offensichtlich, wie auch immer verformt und denaturiert und unbewusst, ihre (erfolgreich unterdrückten) Leidenschaften leben (die ich oft als Machtbesessenheit wahrnehme).
Sie wollen die Leidenschaften, die Gefühle der Menschen verändern, und das durch „sprachliche Konstrukte“ (wie sie selbst eines sind)!
Nun, sollen sie es doch versuchen!
Das Ziel ist zwar verwerflich, aber schon die angewandten Methoden (verbale Nötigungsversuche) sind zudem auch noch völlig untauglich, also besteht eigentlich kein Grund zur Sorge.

Nur – ich muss dabei doch nicht mitmachen, oder?

Und an alle, die aufgrund ihrer Leidenschaften bewusste Revolutionär/inn/en sind oder sein wollen, folgende Warnung:
Wer sich poststrukturalistischen Denkmustern und Methoden hingibt, dem ist dauerhaft gesellschaftliche Isolierung und Wirkungslosigkeit sicher. Zum Ausgleich aber gibt’s dafür zur Belohnung für die Tapferkeit eine Menge „sprachlicher Konstrukte“.

Klar kann mensch damit alles verwässern, keine Frage.

Wenigstens begreifst du das.

Aber mensch kann auch das genaue Gegenteil tun: Die Widersprüche des Kapitalismus schärfer herausarbeiten.

„Mensch“ (im Sinne eines beliebigen Einzel-Individuums) kann das NICHT, sondern allenfalls die Widersprüche des Kapitalismus besser begreifen. Das ist etwas anderes als „herausarbeiten“. Widersprüche treten zu Tage und werden nicht herausgearbeitet.
Aber von diesem (typisch poststrukturalistischen) sprachhygienischen Einwand mal abgesehen, erkenne ich an diesem Satz wieder diesen fatalen Irrtum vom „Bewusstsein schaffen, um zum Handeln zu bewegen“.
Ohne eine vertrauensbildende Praxis und praktisch-sinnliche Erfahrungen anziehender Art wird das definitiv nicht funktionieren.
Es besteht nicht die geringste Chance, und die Bedeutungslosigkeit der revolutionären Linken in Deutschland ist der beste Beweis dafür.
Ich weiß, daß das für deutsche „revolutionäreLinke“ schwer zu verstehen ist, die ihre eigene Bedeutungslosigkeit längst hinnehmen und sich mit sprachlichen Konstrukten darüber trösten.

Das ist auch der Grund, warum ich zum Beispiel gelegentlich auf das generische Feminin zurückgreife und bewusst etwa von einer Genossin spreche, obwohl ein Mann gemeint ist. Die Leute wundern sich darüber und stellen sich dann vielleicht eher die Frage, ob an dieser Stelle nicht auch eine Frau hätte sitzen können.

Um also die Widersprüche des Kapitalismus herauszuarbeiten, verwendest du das generische Feminin. Aha. Du sprichst von einer Genossin, „obwohl“ ein Mann gemeint ist. Aha. Du erwartest dann, dass „die Leute“ sich dann wundern, ob an dieser Stelle nicht auch eine Frau hätte sitzen können. Im Comic würde man dann eine Glühbirne in der Denkblase über den Leuten aufleuchten sehen, gefolgt von einer Sprechblase: „Danke! Danke! Endlich haben wir es begriffen!“
Also etwa in der Art:
Sprachgebrauch → Wundern → Erkenntnis → Handeln (des/der sich „Wundernden“)

So etwas bezeichne ich – mit Verlaub – als eine Milchmädchenrechnung.

Kennst du die Bedeutung des Wortes „Milchmädchenrechnung“?
Ich erkläre sie gerne.
Ein Bauernmädchen bringt eine Kanne Milch zum Markt. Sie rechnet sich dabei aus, welchen Erlös sie davon erzielen kann und was sie sich dafür kaufen kann. Eine Kuh zum Beispiel, die Milch produziert. Dies erhöht die Erlöse, und das Bauernmädchen malt sich aus, welchen steigenden Wohlstand sie dann erzielen könnte, bis hin dazu, dass sie einen Prinzen heiraten wird.
Bei diesen Phantasien übersieht sie einen Stein auf dem Weg vor sich, stolpert, die schöne Milch kippt aus und mit den schönen Wenn-Dann-Konstrukten ist es vorbei.
Diese kleine Erzählung ist der Hintergrund des geflügelten Wortes von der Milchmädchenrechnung.
Denk mal drüber nach! Diese kleine Geschichte enthält mehr Weisheit als ihr auf den ersten Blick anzusehen ist.

Doch zu dem generischen Feminin noch einige Bemerkungen.
Dieses generische Feminin und seine Verwendung als Hebel, um Realität zu verändern, ist „typisch deutsch“.
Ich erkläre auch gern warum.
Die deutsche Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass der grammatische Genus eine vergleichsweise dominierende Rolle hat (das ist – aber um vieles abgeschwächter – auch im Englischen und den meisten romanischen Sprachen der Fall). Ein Ergebnis davon ist, dass viele, ja die meisten Bezeichnungen für Berufe, sozialen Status usw auch in einer nicht geschlechtsspezifisch gemeinten Form männlichen Genus haben wie z.B. „Bürger“, „Genosse“, „Arbeiter“ usw.
Gewiss ist dies Ausdruck einer ausgehenden Vergangenheit, in der biologische Männer in der gesellschaftlichen Struktur eine dominierende Rolle hatten und teilweise bis heute auch noch haben (=Patriarchat).
Die Annahme aber, dass durch „Feminisierung der Sprache“ gesellschaftliche Realitäten verändert werden können, ist aber sowohl „typisch deutsch“ als auch „typisch poststrukturalistisch“.
Ich bleibe mal beim „typisch deutsch“.

Was machen denn auf dem Wege der „Feminisierung“ dann nur die armen Japaner/innen und die armen Chines/innen/en? Deren Sprachen kennen nämlich überhaupt gar keinen grammatischen Genus, sie können daher gar nicht „feminisieren“.
So heißt Genossin und Genosse gleichermaßen auf Japanisch „doshi“, und will man näher bezeichnen, ob es sich um eine biologische Frau oder einen biologischen Mann handelt, so bedarf es eines entsprechenden Zusatzes.
Armes Japan, es wird wohl für immer von den Segnungen des Poststrukturalismus unberührt bleiben
In der Tat ist allein dieser Begriff in gesamt Ostasien völlig unbekannt; ich verbrachte 2012 eine Stunde damit, die Philosophie des Poststrukturalismus meinen japanischen Genossinnen und Genossen zu erläutern, die das wiederum als eine exotische Sumpfblüte betrachteten und sich meine Erläuterungen durchaus interessiert bis belustigt anhörten. Die japanische JRCL hat sicher noch keine Geschlechterparität erreicht, aber sowohl absolut als auch relativ übertrifft der Frauenanteil den des gesamten NAO-Umfeldes um mindestens ein dutzendfaches. Und das ganz ohne Poststrukturalismus!
Ich werde der JRCL raten, einfach eine interne Kampagne loszutreten, die Männer auffordert, aus ihrem Geschlecht auszutreten und sich zu Ex-Männern zu deklarieren, dann ist die Parität bestimmt schnell erreicht.
(Das war jetzt wieder Ironie).

Grundsätzlich habe ich nichts dagegen einzuwenden, wenn vom Inhalt her geschlechtsunspezifische Bezeichnungen für Menschen sprachlich erprobt werden. Ich verwende durchaus das Binnen-Innen in der Form /inn/en, aber deswegen weil ich Menschen aller Geschlechter ansprechen will, und nicht weil ich mir einbilde, dadurch Realitäten oder auch nur ein Bewusstsein zu ändern.
Aber in der Realität treten Veränderungen in der Sprache erst im Gefolge und in Folge von Veränderungen in der sozialen Realität auf.
Wer mag, soll meinetwegen generisches Feminin zu seiner Leidenschaft machen (Fotokopiererin, Computerin, usw.), aber eine entsprechende Sprachnorm durch selbsternannte „postmoderne“ Sprach-Eliten, für die alles existierende ohnehin nur ein „sprachliches Konstrukt“ ist, werde ich nicht anerkennen, erst recht nicht, wenn diese „Definitionshoheiten“ einfordern.

Interessant ist natürlich die Frage, warum sitzt „an dieser Stelle“ keine Frau?
In der Tat habe ich noch nie eine „linke Szene“ mit einem so niedrigen Frauenanteil erlebt wie in Berlin. Allein in Japan kenne ich bestimmt zehnmal mehr politische Aktivistinnen (persönlich) als in ganz Berlin.
Der eigentümliche Kontrast dazu ist die wortreiche Präsenz von sogenannten „Ex-Männern“ (bisweilen stoppelbärtig).

Als Fourierist würde ich auf obige Frage antworten: nun, es ist wohl so, dass die Mitarbeit in diesen Gruppen nicht attraktiv (d.h. anziehend) ist, und es wäre wichtig, über diese „Attraktionen“ (Anziehungen) mehr zu wissen, um den Hebel (levier) zu finden, an den Leidenschaften (passions) anzuknüpfen und somit Attraktivität zu gewinnen.
Das sind übrigens Fouriersche Begriffe.

Um es für besonders Begriffsstutzige zu erklären. 1917 meldeten sich in Petrograd und Moskau an die 20000 Arbeiter zu den sogenannten Roten Garden. Es gab keinen Zwang dazu, sondern im Gegenteil den erbitterten Widerstand der provisorischen Regierung dagegen. Alle Rotgardisten mussten durchaus mit dem Tod rechnen.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Menschen ihren Leidenschaften folgten und für diese auch bereit gewesen waren, in den Tod zu gehen.

Anziehungen sind eine komplexe Angelegenheit, und auch ein Lenin wusste sehr wohl davon.
Leidenschaften sind nicht einfach nur Vergnügungen (auch nach Fourier), sondern alles, was Menschen wirklich antreibt und zum Handeln bringt. Für ihre Leidenschaften gehen viele Menschen bekanntlicherweise sogar in den Tod.
Attraktivität kann daher nur darin bestehen, die Leidenschaften der Menschen anzusprechen, an ihnen anzuknüpfen, sich den „Massen anzunähern, ja wenn man so will bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen“ (Lenin).
Wie mit allen Menschen, so ist es eben auch mit Frauen.

Was könnte an einer Organisierung in revolutionären Organisationen attraktiv sein?
Etwa für junge Frauen?

So wäre doch die Frage richtig gestellt.
Hat diese mangelnde Attraktivität vielleicht etwas mit dem menschlichen Klima in den Gruppen zu tun? Mit der Art und Weise der (Nicht)Praxis? Mit der allgemeinen „Verkopfheit“ der Szene (ohne jede Klugheit, die der Begriff scheinbar nahelegt)? Mit der in der Szene verbreiteten Leidenschafts-Feindlichkeit?

Aber du bist ja auf den Gedanken gekommen, durch generisches Feminin Abhilfe zu schaffen. Alle Genossen werden Genossinnen und es ist ja auch neuerdings möglich, sich selbst als „Ex-Mann“ zu deklarieren, seitdem es die poststrukturalistische Erleuchtung gibt. Es handelt sich zwar dabei durchweg rein um „sprachliche Konstrukte“, aber es wird den Frauenanteil mit Sicherheit dramatisch erhöhen.
Das war natürlich jetzt Ironie, und da das möglicherweise schwer zu verstehen ist, sage ich das lieber dazu.

Ich bin kurz gesagt der Ansicht, dass die Annahme, durch „Sexismus“-Mobbing (damit meine ich alles, was über den Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts hinausgeht) den Anteil junger Frauen an den unattraktiven, von „Ex-Männern“ beherrschten Gruppen steigern zu können, höchst albern ist, und ich habe keine Lust, das auch noch näher zu begründen.
Möge es die Erfahrung lehren. Wenn überhaupt, dann lernen Menschen nämlich durch Erfahrung (Und am meisten durch anziehende Erfahrung).

Darüber, lieber Richard, empfehle ich dir wirklich, in Ruhe nachzudenken: ob der Poststrukturalismus mit seinem Glauben an die „performative Macht der Sprache“ etwas anderes ist als die (post)moderne Form des Märchens „Ali Baba und die 40 Räuber“.
Da stand Ali Baba vor einem Berg und sprach die Worte:
„Sesam öffne dich!“
Und der Berg öffnete sich und es war ein Schatz darin.

Donnerwetter!
Das ist „performative Macht der Sprache“!
Aber du kannst es ja auch versuchen mit „Mutabor!“ oder „Simsalabim!“ oder „Hokuspokus“.
Der Magier Aleister Crowley empfahl die Silbe „Aumgn“, welche alle Laute des Kosmos integrieren soll.

Das ist alles natürlich kein Widerspruch zu DG, aber sie schreibt mir schon wieder zu viel Text

Natürlich stehst du nicht im Widerspruch zu DG und den Poststrukturalisten, sondern bist ihnen auf den Leim gegangen. Was du nur übersiehst, ist die Tatsache, dass „viel Text“ eben nun einmal zum Poststrukturalismus gehört wie heisse Luft zur Dampflokomotive.
Es gibt eben „keine Wirklichkeit außerhalb der Sprache“ (logozentrische Grundaussage des Poststrukturalismus). Das musst du eben hinnehmen, wenn du eine brave Poststrukturalistin sein willst, oder du hast das ganze nicht verstanden.

Und weil es so schön ist als Schlussworte:
Dixi et salvavi animam meam.
Die Anziehungen sind proportional zu den Bestimmungen!

Written by bronsteyn

2. Januar 2013 at 5:25 am

Die Anziehungen sind proportional zu den Bestimmungen – Charles Fourier und der Kommunismus

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Charles Fourier
Mit diesem Aufsatz möchte ich die zentralen Ideen Charles Fourier darstellen. Sie sind – nicht zuletzt durch die Entstellung des Marxismus durch den Stalinismus – fast völlig in Vergessenheit geraten, doch sie waren es, die Marx und Engels entscheidend inspirierten und zur Abkehr („Die deutsche Ideologie“) vom Junghegelianismus bewegten.
Fourier_37avsam
„Die Anziehungen sind proportional zu den Bestimmungen“.
Dieser Satz steht auf dem Grabstein des großen utopischen Sozialisten auf dem Montmatre.
Charles Fourier war (nicht nur) meiner Meinung nach der größte aller utopischen Sozialisten, sondern mit eherner Konsequenz auch der letzte.
Er war es, der in den Jungeheglianern Marx und Engels ab 1842 durch seine Schriften eine tiefgreifende geistige Wende auslöste, deren sichtbares Ergebnis die „Thesen über Feuerbach“ waren.

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im „Wesen des Christenthums“ nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der „revolutionären“, der „praktisch-kritischen“ Tätigkeit.“
(Fassung von 1854)

What the hell means „sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis“ ?

Doch bevor ich auf Charles Fouriers zentrale Gedanken zu sprechen komme, möchte ich einen Auszug der „Ode an Charles Fourier“ von Andre Breton voranstellen.

Fourier
hell hebt sich ab
vom trüben Grau des heutigen Denkens und Trachtens
dein Licht

Es klärt den Durst nach einem besseren Dasein
und birgt ihn vor allem was seiner Reinheit schaden könnte

auch wenn ich’s (was der Fall ist) für erwiesen hielte
daß die Verbesserung des menschlichen Schicksals
nur sehr langsam und in Schüben sich vollzieht
um den Preis von platten Forderungen und kalten Kalkulationen

so bleibt doch ihr wahrer Hebel
die Kraft des aberwitzigen Glaubens
an den Aufbruch in eine paradiesische Zukunft
und letztlich ist sie auch die einzige Hefe der Generationen
deine Jugend

Fourier war allein insofern schon ein außergewöhnlicher Utopist, weil seiner Utopie der normative Ansatz der meisten Utopien vor ihm völlig fehlte. Fourier war ein Gegner jeder Vereinheitlichung durch Zwang, seine Vorstellungen sind weit weg von der Monokultur vieler anderer sozial-revolutionärer Modelle (z.B. Morus „Utopia“, Campanellas „Sonnenstadt“).
Er war aber auch kein Romanautor, sondern formulierte Denkschriften, in denen er die Zustände seiner Zeit anprangerte und die Zustände einer zukünftigen Gesellschaftsordnung (die er Harmonie nannte) verdeutlichend und polemisch gegenüber stellte.

Der Mensch ist von Leidenschaften bestimmt

Dieses Axiom Fouriers ist wirklich grundlegend. Und es hält auch jeder Überprüfung stand. Warum bewegt sich ein Mensch, warum handelt er? Aus „Einsicht“ etwa? „Einsicht“ kann nur ein sekundärer Faktor sein, denn auch eine „Einsicht“ führt nicht unbedingt zum Handeln.

Leidenschaften aber drängen immer zum Handeln.

Gewiß „bewegt“ sich ein Mensch auch aus Notwendigkeit, oder sogar aus Zwang.
Ein drohendes Maschinengewehr oder drohende Hungersnot kann einen Mensch schon zu einem bestimmten Handeln „bewegen“.
Aber treibende Kraft dahinter sind immer die Leidenschaften des Menschen, selbst wenn sie sich nur dahingehend äussern, Schmerz, Not, Tod oder andere Nachteile zu erleiden.

Fourier sieht auch konsequent nur den von Leidenschaften bewegten Menschen als glücklichen Menschen an. Ein nur von Notwendigkeit (oder sogar Zwang) bewegter Mensch kann nicht glücklich sein.

Jede Leidenschaft, die unterdrückt wird, treibt ihr Unwesen dann im Verborgenen.
„Der Hang zu Greueltaten ist nichts anderes als das Ergebnis angestauter Leidenschaften“
(Fourier)

Aber nicht die regellose und zusammenhanglose Auslebung aller individuellen Leidenschaften kann die Lösung sein. Vielmehr müssen einander wiederstrebende Leidenschaften „ausbalanciert“ und durch gegenlaufende reguliert werden.

Gesellschaftliche Harmonie (völlig unabhängig von der konkreten Gesellschafts- und Eigentumsordnung) entsteht nicht durch Unterdrückung von Leidenschaften, sondern durch das Ausleben der verschiedenen, in jedem Individuum anders konzentrierten Anziehungs- oder Assoziationskräfte.
Fourier sieht den glücklichen Menschen als ein durch Leidenschaften bewegtes und gesteuertes Wesen.
Er ist der Auffassung, dass die Leidenschaften durch „gegenlaufende“ Leidenschaften integriert werden können. Sie können so zu sozialen Triebfedern in einem harmonischen, förderlichen Ganzen integriert werden (Bild von einem „gesellschaftlichen Orchester“).

Der Mensch kann nur kraft vielfacher Beziehungen seine Bestimmung finden. Als Einzelner ist er nicht in der Lage, sich zu entfalten. Diese Beziehungen werden durch Anziehungskräfte („attractions“) zwischen Menschen hergestellt. Am deutlichsten wird das natürlich bei der Sexualität. Durch „Attraktion“ (welcher Art auch immer) entstehen Beziehungen, wie lang- oder kurzfristig und welcher Art sie auch sein mögen.
Doch natürlich reduziert Fourier das nicht auf die Sexualität, sondern formuliert generell, dass Beziehungen durch Anziehungskräfte hergestellt werden, was auch auf alle anderen nur denkbaren Leidenschaften zutrifft.

Die acht Gesellschaftsepochen

Fourier war aber weit davon entfernt, diese Prinzipien der Ausbalancierung und Kultivierung aller menschlichen Leidenschaften für sofort umsetzbar zu halten.
Vielmehr ging er von acht Geschichtsepochen in der Entwicklung der Menschheit aus.

1.Ungeordnete Serien
2.Wildheit
3.Patriarchat
4.Barbarei
5.Zivilisation (Fouriers HEUTE)
6.Garantismus („genossenschaftliche Ordnung“)
7.Unvollständige Serien („Soziantismus“)
8.Harmonie

Marx und Engels übernahmen dieses grobe Schema der Geschichtsepochen, wie Belesene unschwer erkennen können.
Die „Zivilisation“ wird von ihnen als „bürgerliche Gesellschaft“ bezeichnet, und natürlich ist die „Harmonie“ ein Synonym für Kommunismus.
Zwar kritisieren sie (zu Recht) Fouriers unklare und widersprüchliche Auffassungen zur Ökonomie, aber Fourier, der sein Leben lang Kaufmannsgehilfe war, hasste bekanntlich den Handel und die Ökonomie wie die Pest und beschäftigte sich mit diesen Dingen nur sehr sehr ungern.
Dieses Defizit wurde in der Tat durch Karl Marx gründlich behoben.

Fouriers Aufmerksamkeit aber gilt der sozialen Organisation, und vor allem der Organisation der Arbeit und der Liebe.

Der Weg zur Harmonie (Kommunismus) führt nach Fouriers Auffassung also über „Übergangsgesellschaften“, von denen die nächste die „Genossenschaftliche Ordnung“ wäre, ein Begriff, den Lenin übrigens genau in diesem Sinn in seiner letzten großen Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ verwendete.

Die zwei Säulen der „Harmonie“

Kommunismus – dieses Wort weckt neben Assoziationen, die durch den Stalinismus erzeugt wurden (Arbeitslager, Einheitspartei usw.) kaum konkrete Assoziationen und ist bei den meisten „revolutionären Linken“ ein Sammelsurium von Abstraktionen, die kaum jemand versteht.

Nicht so bei Fouriers Harmonie. Fourier schreibt sehr anschaulich, und er geht bisweilen sogar so weit, dass er den konkreten Tagesablauf in einem harmonischen „Phalansterium“ (eine Großkommune mit 1000-2000 Bewohnern) genau beschreibt, um seine Gedanken anschaulich und deutlich zu machen.
Gewiss lesen sich diese Passagen, die vor dem Hintergrund der technologischen und kulturellen Rahmenbedingungen Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden, aus heutigen Augen teilweise wunderlich oder sogar grotesk.
Doch die grundlegenden Strukturprinzipien der „harmonischen“ Gesellschaft werden dem aufmerksamen Leser trotzdem mühelos deutlich.

Die Zukunftsgesellschaft der Harmonie basiert demnach auf zwei wesentlichen Säulen:
1. Freiheit in der Liebe („libertee amorouse“)
2. Anziehende Arbeit („travail attractif“)

Darüber hinaus hat Fourier auch eine Menge über Kindererziehung, über Kosmologie und sogar über Religion geschrieben, wovon vieles erwähnenswert wäre oder auch nicht, was ich aber mal beiseite lasse, um diese zwei fundamentalen Säulen deutlich zu machen.

Freiheit in der Liebe

Aus gegebenen Anlässen ziehe ich den Punkt „Freiheit in der Liebe“ vor.

„Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet.“

Fourier war sowohl der Wortschöpfer des Begriffes „freie Liebe“ als auch Erschaffer des Wortes „Feminismus“, und wäre aus heutiger Perspektive in sozialer Hinsicht ein Verfechter des Gleichheitsfeminismus zu nennen.
Die Beschränkung der Frau auf „Küche und Kochtopf“ ist in seiner Harmonie durch die Alltagsorganisation des Phalansteriums aufgehoben, welches auch Speisesäle und Kinderkrippen beinhaltet.

Von ihm stammt auch folgender, gemeinhin Friedrich Engels zugeschriebener Satz:

„Allgemein läßt sich die These aufstellen: der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau“.

In der Frage der Liebesbeziehungen aber übertrifft Fourier alles an Radikalität, was bis damals und selbst bis heute dazu geschrieben worden ist.

Noch harmlos wirken diese Sätze:

„Das heutige System, das den Zusammenschluß der Menschen infolge der Isolierung der Haushalte auf ein Minimum beschränkt, hat die Menschheit auf den Gipfel der Verderbtheit geführt.“

Seine Kritik ist zentral zunächst eine Kultur-Kritik:

„Die Zivilisation bewirkt, daß der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist“.

Vor allem kritisiert Fourier die Kleinfamilie:

„In der Zivilisation kann die Liebe (…) keinen freien Aufflug nehmen, denn sie ist in der Ehe gefangen“.

Er ist nämlich striktester Gegner jeder Normierung des Sexualverhaltens. So beschreibt er das Liebesleben im Phalansterium:

„Jeder Mann und jede Frau werden völlig frei sein, nach eigenem Gutdünken zu handeln und ihren Geschmack zu wechseln, wann immer es ihnen gefällt; aber sie sind verpflichtet, sich der Gruppe anzuschließen, die ihre vorherrschende Leidenschaft pflegt“.

Die Verpflichtung, so geht aus dem Zusammenhang hervor, beruht auf dem Bestreben der Gesellschaft, die passenden Partner zusammenzuführen, was eine Registrierung erforderlich machte aus Fouriers Sicht. Klar, er kannte die Möglichkeiten des Internet nicht, wo jede/r das selbst tun könnte.

Doch die Prinzipien der „Harmonischen Liebe“ sind klar zu erkennen:

„Bei der Berechnung der Anziehung muß sich alles um das Vergnügen drehen, alles muß auf die Garantie der Vergnügungen zielen.“

Das Recht des Menschen auf Glück, auf Vergnügen war mal in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben und wurde nie erfüllt.

„In der Harmonie, wo großer Überfluß und eine ungeheure Vielfalt von Vergnügungen herrscht und wo das harmonische Leben allgemeine Eintracht verlangt, muß der religiöse Kult die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird.“

Fourier war, das sollte erwähnt werden, kein Atheist, sondern „Pantheist“. „Gott“ war für ihn das, was sich in den menschlichen Leidenschaften offenbart. Das hat nichts mit einer christlichen oder sonstigen partriarchal-dogmatischen Religion zu tun.

„Die Polygamie, bei den Zivilisierten und Barbaren ein Auswurf der Leidenschaft, wird in der Harmonie eine hochherzige Beziehung sein (….)“.

Skandalös zu seiner Zeit sein Bekenntnis zum Recht auf Polygamie, wenn die Menschen das so wollen.

„Mit gutem Grund darf ich verheißen, daß die Harmonie Keime der freiheitlichen Liebe hervorbringen wird, die in der entgegengesetzten Richtung wie unsere (heutigen) Bräuche und (….) eine hochherzige und heilige Trunkenheit, eine erhabene Wohllust bescheren wird, die unserem heutigen Egoismus weit überlegen ist.“

Sexualität und Liebe nicht als Mittel zur Fortpflanzung, sondern als soziales Regulativ, zumindest ab den Säugetieren, wie es die Erkenntnis der modernen Anthropologie ist.

„Wir werden (….) zeigen, daß die unbeständige Liebe in der Harmonie die höchsten sozialen Tugenden hervorbringt.“

Die „Unbeständigkeit in der Liebe“, d.h. in der erotischen Anziehung, ist eine Erkenntnis, mit der Fourier seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war.

„Die Unbeständigkeit birgt keine Gefahren mehr und ist nützlich, wenn sie freundschaftliche Beziehungen hinterläßt.“

Eifersucht, so Fourier, wird „absterben“, weil sie schlicht „überflüssig“ wird in einer Welt der Harmonie.

„Die offen geübte Unbeständigkeit hat nichts Lasterhaftes an sich, zumal dann nicht, wenn sie auf gegenseitigem Einverständnis beruht“.

Das gegenseitige Einverständnis, die Einvernehmlichkeit ist der Dreh- und Angelpunkt von Fouriers Sexualmoral einer harmonischen Zukunft.

Fouriers Bekenntnis zur Liebe als eine der stärksten Anziehungskräfte zwischen Menschen entbehrt jeder oberflächlichen Sentimentalität, die sonst bei diesem Wort zu erwarten wäre:

„Die Liebe ist die mächtigste Triebkraft der leidenschaftlichen Annäherung, selbst bei antipathischen Charakteren. Darum ist die Liebe diejenige Leidenschaft, die am geeignetesten ist, Beziehungen zwischen Menschen zu knüpfen.“

Die Verheissung für die Zukunftsgesellschaft der Harmonie lautet dementsprechend:

„In der Harmonie, wo niemand arm und für jedermann bis ins hohe Alter die Liebe zugänglich ist, widmet ein jeder dieser Leidenschaft einen bestimmten Teil des Tages; die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung

Homosexualität bezeichnet Fourier als „unisexuell“, allerdings nicht wie später Freud als „Abirrung“.
Gegenüber der „Knabenliebe“ der Antike verhehlt er seine „Nachsicht“ nur schlecht. Er weiß um die Homosexualität bei antiken Autoren wie Lykurg, Sokrates, Platon, Cäsar (kennt Plutarch sehr gut), aber auch um das Lesbiertum und heißt das alles gut (Jede Leidenschaft ist in ihrer Triebfeder richtig).

Das brachte ihm wütenste Anwürfe von „Revolutionären“ ein, z.B. von Proudhon, der Fourier „Päderastie“ (=Homosexualität) unterstellte und deswegen das Verbot der „phalansterischen Schule“ forderte.
Diesbezüglich hat sich nicht viel geändert bis ins 21. Jahrhundert. Auch ich wurde schon aller nur möglichen „sexuellen Abirrungen“ bezichtigt, nur weil ich diese Gedanken Fouriers darstellte, und das von Leuten, die sich selbst als „Marxisten“ oder ähnliches bezeichnen.
Das beweist nur das faschistoide Unterbewusstsein solcher Pseudo-Revolutionäre.
Mit Fourier bin ich der Meinung, dass ALLE sexuellen Orientierungen „richtig“ sind, sofern sie nur auf Einvernehmlichkeit basierten.
Was Fourier anbetrifft, so war Fourier bei aller engagierter Verteidigung der Homosexualität gar nicht schwul, sondern ließ in einem Nebensatz mal seine Leidenschaft für lesbische Frauen erkennen.
Da Fourier schon lange tot ist, kann das ja heute offenbart werden, zumal es in der „linken Szene“ wahrscheinlich sogar als „politisch korrekt“ angesehen wird.

Doch es ist wichtig zu begreifen, dass Fourier nicht eine bestimmte sexuelle Orientierung verteidigte, sondern sie ALLE für gleichrangig und „richtig“ ansah, völlig unabhängig davon, ob er sie selbst teilte oder nicht. Fourier war eben ein Genie und kein pseudorevolutionärer Schwätzer mit faschistoidem Unterbewusstsein.

In der Harmonie werden nach Fourier also „unisexuelle Orgien“ ihren Raum ebenso bekommen wie alle anderen auch.

Doch Fouriers Parteinahme für die sexuellen Leidenschaften geht noch viel weiter, und es scheint, als habe er diese Vielfalt auch wissenschaftlich studiert. Er zählt sexuelle Orientierungen auf, die ihm bekannt sind, deren Existenz allein schon in der damaligen Zeit entweder nicht anerkannt oder deren Wesen als „krankhaft“ angesehen wurde.

Kostproben:

„Einige melancholisch veranlagte Männer finden Gefallen daran, von ihren Schönen (….) geschlagen und mißhandelt zu werden (….)“

„…die Frau, die sie (die Peitsche) schwang, versicherte mir, daß sie mit aller Kraft auf ihre Opfer einschlage (…) und daß es überaus glücklich sei ob dieser ritterlichen Liebkosung“.

„Ich habe (…) einen Mann gekannt, dem es Lust bereitete, wenn seine Geliebte sich vor seinen Augen mit einem anderen vergnügte; dennoch liebte er diese Frau und war durchaus imstande, sie zufriedenzustellen“

„(…) als einzigen Lohn begnügte er sich damit, (…) am Fußende ihres Bettes zu sitzen und der Dame die Fußsohlen zu kitzeln“

„Ein anderer liebt es, sich als kleines Kind verkleiden und behandeln zu lassen (….)“

Sexuelle Orientierungen, die nicht zu gewohnten Vorstellungen passen, nennt Fourier allgemein und zusammenfassend „Zwiespältigkeiten“, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie an kein Schema anzupassen sind. Diese Kategorie bei ihm ist universal, und – nur nebenbei bemerkt – auf kein Geschlecht festgelegt.

Sogenannte „Zwiespältigkeiten“ oder „Absonderlichkeiten“ werden laut Fourier „in der Harmonie den Aufflug der sozialen Tugenden ungemein begünstigen“, sie sind „unendlich kostbar“, „für die Einheit des Systems der Bewegung wahrhaft unerläßlich“, „wie die Zapfen und Fugen in einem Gebälk“.

„Die Natur will in den Vergnügungen eine ungeheure Vielfalt“.

Fourier schreibt selbst, dass er sicherlich nur einen Teil der denkbaren oder möglichen Neigungen kennt, dehnt dieses Prinzip der Freiheit der Liebe auch auf alle ihm unbekannten Spielarten und Variationen aus.
Er nimmt als Beispiel eine fiktive Neigung oder Orientierung, die auf der ganzen Welt nur 40 AnhängerInnen hätte.
Selbst wenn also nur vierzig Menschen auf der ganzen Welt einer solchen Neigung nachgehen, „dann wird man sich bemühen, diese 40 Sektierer zusammenzubringen“, deren Zusammenkünfte eine „Pilgerfahrt“ sein würden, die „ebenso heilig ist wie die Reise nach Mekka“.
Es ist die Aufgabe der Harmonie, deren Anhänger „zum Schutze dieser Art von Lustbarkeit zusammenzuschließen“.
In der Harmonie wird man sich „des Zwiespältigen bedienen“, die zweispältigen Neigungen werden sich „in Tugenden wandeln“, das Zwiespältige dient, wie alle anderen Leidenschaften auch, dem guten Fortgang des „gesellschaftlichen Konzerts“.

Anziehende Arbeit

Das Prinzip der anziehenden Arbeit bei Fourier wird von keinem geringeren als Friedrich Engels folgendermassen auf den Punkt gebracht.

„Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (…) daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (…), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken. Er (…) zeigt die Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (….) die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf. (…)“
(Engels)

Warum arbeitet ein Mensch?
Gewiss doch, in den bisherigen Gesellschaftszuständen meist aus Notwendigkeit. Aus der Notwendigkeit wird, wenn andere Menschen im Spiel sind, sehr schnell auch Zwang.

Somit sind Arbeit aus Zwang und anziehende Arbeit ein Gegensatzpaar. Marx und Engels brachten es auf auf die einprägsame Formel „Reich der Notwendigkeit“ und „Reich der Freiheit“.

Charles Fouriers Menschenbild ist also positiv und optimistisch. Kein Mensch, der nicht mit irgendeiner Neigung, mit irgendeiner Leidenschaft geboren wäre. Also gibt es auch keinen Grund, ihn zur Arbeit zu zwingen.
Insofern ist die „gegenwärtige Gesellschaftsordnung“ (der Kapitalismus) nach Engels Worten also vernunftwidrig.

Aber Engels schreibt noch mehr. Er schreibt, dass Fourier auch gezeigt, wie die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein sollte: nämlich ein Vergnügen, bei dem alle ihren eigenen Neigungen folgen dürfen. Da die Verteilung der Leidenschaften bei jedem Menschen unterschiedlich ist, sind auch für jede notwendige Arbeit genügend passende Neigungen vorhanden.

Für solche Ausführungen erntete ich schon die wütensten Haßausbrüche von Seiten vorgeblicher „Marxisten“, die nicht das geringste verstanden haben von dem, was sie an Zitaten reichlich und in Fülle absondern. Die Zukunft der Menschheit: Arbeit ohne Zwang, sondern als Vergnügen, wobei alle ihren (verschiedenen) Neigungen folgen können.
Das darf nicht sein!
Denn Arbeit ohne Zwang, das ist für diese geistigen Kretins nicht denkbar.
Aber genau das war der Kern der Kommunismus-Vorstellungen von Marx und Engels.

„Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.
Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet.
Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich – das Ei des Kolumbus“.

(Zitate: Engels in „Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent 1843“)

Das „Ei des Kolumbus“!
Das „Ei des Kolumbus“ des Kommunismus. Nichts anderes bringt Engels hier zum Ausdruck.

Klar, starker Toback für die Kleingeister jener Epoche, die sich keine andere Gesellschaftsordnung vorstellen können als die, der sie sich angepasst haben.

„In der Harmonie ist alles frei“ – die Zukunft basiert auf der Freiwilligkeit und der (gemeinsamen) Kultivierung der (unterschiedlichen) Leidenschaften.

Marx und Engels übersetzten diese Vorstellung in die bekannte Kommunismus-Formel:
„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“

Aber wie wird das alles organisiert sein?

Die Leidenschaftlichen Serien: Organisationsform der Zukunft

Fouriers Vorstellungen von den Organisationsformen einer harmonischen/kommunistischen Zukunft sind keineswegs so abstrakt wie man meinen könnte.

Er hat einen Namen für diese Organisationsform: die leidenschaftlichen Serien.

Sie ist nach Fouriers Auffassung eine Organisationsform, die auch in der Natur anzutreffen ist.
Sie ist nach Fourier auch die natürliche Organisationsform des Menschen: Sorgfältig zusammengestellte Einheit von Gruppen unterschiedlichen Alters, Besitzes, Intelligenz, die eine mehr oder weniger starke gemeinsame Neigung für eine bestimmte Leidenschaft haben.

Fourier hat dazu ein System der menschlichen Leidenschaften entwickelt, das in vielem ein genialer Vorgriff auf moderne Motivationstheorien erscheint.
Er zählt dazu nicht nur die sinnlichen Leidenschaften, die mit den entsprechenden Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren) verbunden sind, sondern auch solche Dinge wie Familien- oder Gruppensinn, Ehrgeiz, Freundschaft und individuelle Liebe (ob sexuell oder nicht).
Weitere Leidenschaften sind die „Flatterlust“ (Streben nach Abwechslung und „Zerstreuung“), die Streitlust und die Übereinstimmungslust (kann auch Gemeinschafts-Lust oder „Begeisterung“ benannt werden).

Über Fouriers Streitlust (auch Wetteifer) schreibt Engels etwa, dass Fourier „der einzige ist“, der diese Leidenschaft „erträglich entwickelt“ habe.

Die Krönung des Systems der Leidenschaften Fouriers aber ist der „Unitismus“, die „Neigung des Individuums, sein Glück mit dem Glück aller anderen in Einklang zu bringen“. Diese Leidenschaft wird die „Pivotale“ der künftigen harmonisch-kommunistischen Gesellschaft sein. Die Verwirklichung des Unitismus bedeutet „kollektiven Aufflug aller Leidenschaften“.

Diese Leidenschaften verzweigen sich baumartig, ausgehend von Haupt – Ästen, sich „in eine Fülle von Nuancen verzweigend“.

Wenn wir uns das konkret vorstellen wollen, dann müssen wir nur an menschliche Vereinigungen denken, zu denen Menschen sich zusammenschliessen, nicht um Geld zu verdienen, sondern um einer gemeinsamen Leidenschaft zu frönen.

Das fängt beim Amateursport und den entsprechenden Vereinigungen an, geht weiter etwa über die sogenannten Reenactment-Vereine, die zum Beispiel Mittelalter oder Antike bei ihren Zusammenkünften nachspielen, oder etwa den Vereinigungen von Eisenbahn-Freunden, deren Mitglieder teilweise hohe Geldsummen bezahlen, um Lokführer oder Heizer auf einer Dampflokomotive zu sein.

Ist das System der leidenschaftlichen Serie einmal verstanden, dann hört die Kette der Beispiele überhaupt nicht mehr auf. Von Kleintierzüchter-Verein über Schrebergärtner weiter über Teams, die gemeinsam strategische Online-Spiele übers Internet spielen.
Natürlich gehören hier auch Swingerclubs, Kirchenchöre und poststrukturalistische Diskussionszirkel dazu.
Die Menschen scheinen geradezu süchtig danach zu sein, ihre Leidenschaften zu leben.

Vulgärmarxisten sehen in allen diesen Dingen natürlich nur Erscheinungen, mit denen der Kapitalismus die Menschen in das System der immerwährenden Kapitalreproduktion und Mehrwertvermehrung integrieren, und ganz falsch ist das auch nicht.

Der Mechanismus des Kapitalismus („Wertgesetzt“) holt Profit raus aus allem, was nur geht.

Aber die Triebfeder all dieser Dinge, deren Organisationsumfang den der traditionellen Gewerkschaften und Parteien weit übersteigt, sind die unterschiedlichen Leidenschaften der Menschen, auf deren Grundlage sie sich eben zu diesen Vorläufern der fourierschen Serien zusammenschliessen.

Auf die Dauer ist natürlich die Sehnsucht der meisten Menschen, ihre Leidenschaften zu verwirklichen, im Kapitalismus nicht zu verwirklichen, und für die Mehrheit der proletarischen Klasse sowieso.

Doch statt in den Leidenschaften der Menschen die entscheidende Kraft zu sehen, die mit den vom Kapitalismus gesetzten Grenzen kollidieren und mithin auch in der Lage wären, diese zu sprengen, werden die „unpolitischen“ Leidenschaften von den „Revolutionären“ meistens verachtet und als blosser Ausdruck der Manipulationsfähigkeit des Kapitalismus gesehen.

Fourier: Ende und Vollendung des utopischen Sozialismus

Herbert Marcuse griff 1967 in seinem Vortrag „Das Ende der Utopie“ auf die Kerngedanken von Fourier zurück.
Charles Fourier, so Marcuse damals, habe die wirkliche Differenz zwischen einer freien und einer unfreien Gesellschaft erstmals deutlich gemacht, indem er (utopisch) eine Gesellschaft in Aussicht stellte, „in der selbst gesellschaftlich notwendige Arbeit im Einklang mit den befreiten, eigenen Bedürfnissen der Menschen organisiert werden kann“.
„Das Ende der Utopie“ als Titel bezieht sich darauf, dass tatsächlich mit Charles Fourier das Ende der Utopie, das Ende auch des utopischen Sozialismus gekommen war.
Weil mit Charles Fouriers Utopie von der Harmonie wirklich und tatsächlich die Gattung der utopischen Utopien zur Vollendung gekommen ist.

Charles Fouriers Utopie ist perfekt.

Sie ist, wie Engels sehr treffend schrieb, nicht bloße „Sozialpoesie“, sondern wirkliche Sozialwissenschaft zu nennen („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“).

Es kann daher nach Fourier keine soziale Utopie mehr geben, die Fouriers Utopie übertrifft.

Sie ist in ihren Wesenkernen kristallrein, eindeutig und konkret (vorstellbar), wenn auch unter radikal veränderten technologischen Vorzeichen. Von den Möglichkeiten des Internets und automatisierter Massenproduktion konnte selbst das Genie Fourier nichts ahnen.

Es ist völlig nachzuvollziehen, dass Marx und Engels nach ihrer Fourier-Lektüre zu dem Schluß kamen, daß es nun darauf ankäme, eine „reale Bewegung“ zu schaffen, die „den bestehenden Zustand aufhebt“.

Warum noch Zeit mit utopischen Entwürfen und Konzepten verbringen, wenn die Grundstrukturen der künftigen Gesellschaftsordnung klar ist?
Sichtbares Ergebnis dieser Wende waren die „Thesen über Feuerbach“.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“


Fouriers Vision von einer Gesellschaftsordnung mit einer auf dem Prinzip der anziehenden Arbeit basierenden vergesellschafteten Ökonomie und einer nach dem Prinzip der unbedingten Freiheit der Liebe in allen nur denkbaren Varianten und Schattierungen ausrichteten Sozialstruktur ist ultimativ und nicht zu übertreffen.
Und das Organisationsprinzip dieser Zukunftsgesellschaft ist auch klar: es sind die leidenschaftlichen Serien, die freiwilligen Zusammenschlüsse von Menschen aufgrund ihrer vielfältigen und individuell verschiedenen Leidenschaften.

Jetzt gibt es eigentlich nur noch praktisch zu tun, um diese Gesellschaftsordnung, die letztlich im Interesse aller Menschen liegen muss, zu verwirklichen.

Dem stehen freilich die durch den Kapitalismus geschaffenen Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen entgegen, die letztlich und in letzter Konsequenz den Leidenschaften der Menschen entgegengesetzt sind, da sie den Menschen die volle Entfaltung ihrer Leidenschaften nicht mehr garantieren können, sondern die Möglichkeiten immer mehr einschränken.

Nach einem Vortrag über Fourier vor sehr unpolitischen (d.h. an der konkreten „Politik“ desinteressierten) Menschen kamen Teilnehmer zum Referenten und bedankten sich dafür, „endlich den Kommunismus verstanden zu haben“.

Jemand sagte: „Wie kann man denn nur gegen so etwas sein? So jemand müsste ja geisteskrank sein!“
Solch eine Überzeugungskraft kann der Kommunismus haben!

Die „revolutionäre Linke“ in Deutschland ist nicht auf diesem Stand.

Ihre Kommunismus-Vorstellungen sind reine Abstraktionen ohne wirklichen Gehalt, ohne Bezug zu den Leidenschaften der Menschen und deswegen ohne jegliche Anziehungskraft.

Und die meisten der heute diskutierten „revolutionären Strategien“ basieren nur auf neuen Normierungen und Unterdrückungen, ohne jegliche wirkliche Aussicht darauf, dass Menschen sich letztlich gegen ihre eigenen Leidenschaften mobilisieren lassen.

Ich schließe mit der „Ode an Charles Fourier“ von Andre Breton

Ich grüße dich aus dem Versteinerten Wald
der menschlichen Kultur
In dem alles am Boden liegt
Durch den aber große kreisende Lichter streifen
Sie rufen dazu auf das Laubwerk und den Vogel zu erlösen

Aus deinen Fingern quillt der Saft der blühenden Bäume
weil du im Besitz des Steins der Weisen
Nur deiner ersten Regung folgtest
die dir eingab
ihn den Menschen hinzustrecken
Doch zwischen dir und ihnen kein Vermittler
Kein Tag verging an dem du nicht eine Stunde lang
voller Vertrauen
In den Gärten des Palais-Royal auf ihn gewartet hättest

Die Anziehungen sind proportional den Bestimmungen
Weswegen ich heute zu dir komme
Ich grüße dich

Auch ich grüsse dich, Charles, aus dem gleichen versteinerten Wald wie Andre Breton. Ich werde dir für immer dankbar sein dafür, dass du mir den Glauben und die Hoffnung an eine kommunistische Zukunft zurückgegeben hast, den pseudo-marxistische und pseudo-kommunistische Sekten mir schon fast genommen hatten.

Und durch dich wird mir nichts und niemand diese Hoffnung jemals wieder nehmen können.

Solange es Menschen geben wird, werden diese auch ihre Leidenschaften leben wollen, allen Widerständen zum Trotz.

Und solange es so sein wird, so lange wird es die Hoffnung auf den Kommunismus geben, als eine Gesellschaft, in der alle alle in der Verwirklichung ihrer jeweiligen Leidenschaften unterstützen werden und alle Widersprüche der gegenwärtigen Gesellschaftsformation des niedergehenden Kapitalismus aufgehoben sein werden.

Und wer genügend Vorstellungskraft hat, der weiß auch, dass der Kommunismus einbe hochdynamische Gesellschaft sein wird, in der sich alle menschlichen Leidenschaften in heute noch ungeahnter Weise ausdifferenzieren und weiterentwickeln werden.

„Darin zeigt sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil.
Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist.“

August Bebel, Charles Fourier – Sein Leben und seine Theorien.

http://www.gutenberg.org/files/19596/19596-h/19596-h.htm
Charles Fourier

Written by bronsteyn

5. Dezember 2012 at 10:55 pm

Absage an den „autonom-feministischen Poststrukturalismus“

with one comment


Folgender Text entstand als Antwort auf eine Mail von Systemcrash
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Lieber Systemcrash,

ich habe die ganze Diskussion beiläufig verfolgt, aber mich bisher mit einer Stellungnahme völlig zurückgehalten, einfach weil ich zur Zeit ganz andere Prioritäten habe.

Aber trotzdem erlaube ich mir jetzt einige Bemerkungen dazu.

Hast du jetzt verstanden, worauf dieser „Poststrukturalismus“ hinausläuft?
Richtig, auf Mobbing als politische Strategie.

Das war schon früher erkennbar. Ich erinnere mich noch sehr gut an Erzählungen von Frauen aus den frühen 90er Jahren, die sich als „Macker-Frauen“ von diesen Fanatikern gemobbt fühlten.
„Macker-Frauen“ waren nach dieser Lesart nicht nur Frauen, die sich in Beziehungen mit Männern befanden, sondern alle, die auch nur solche anstrebten.
Entsprechende politische Zusammenhänge platzten natürlich auseinander.

So wundert das ganze Szenario mich nicht im geringsten.

Trotzdem noch einige Bemerkungen zu dieser gesamten Konstruktion (denn etwas anderes ist es nicht), was sich „Poststrukturalismus“ nennt.

Ja, diese Leute sind wirklich der Meinung, die Realität liesse sich über die Sprache verändern.
Das ist des „Pudels Kern“.
Wenn Sprache nach dieser Theorie schon Realität schafft (was eine völlig absurde Annahme ist und den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft in keiner Weise entspricht), dann kommt man natürlich auf die „Idee“, die Realität durch Sprache zu verändern. Genauer gesagt, verändern zu wollen.

Reglementierung der Sprache soll also die Befreiung von „Herrschaftsverhältnissen“ bringen.
So wird nach dieser Logik durch die Einführung des Binnen-i das „Patriarchat“ „aufgebrochen“.
Was machen da nur die armen Chinesen, Japaner und Koreaner, deren Sprachen gar keinen Genus (kein Geschlecht) kennen?
Entweder diese Regionen waren dann niemals dem Patriarchat unterworfen, oder aber, sie müssen ewig in patriarchaler Verdammnis schmachten.
Nicht besser ergeht es den Basken in Europa, deren Sprache auch keinen Genus kennt.

Schließlich wurde ja auch durch die Abschaffung des Wortes „Neger“ auch der Rassismus abgeschafft, nicht wahr?
(Wer Ironie darin findet, darf sie behalten)

Aber hier geht es ja um mehr.

Du warst so unklug (auch das ist ironisch), dich „aus dem Bauch heraus“ zu äussern.
Tut man das denn, Systemcrash?
Wo kämen wir da hin, wenn das jeder täte?

Jetzt wird es aber ernst.
Ja, diese Leute meinen tatsächlich, nicht nur durch Reglementierung der Sprache die Realität verändern zu können, sondern, mehr noch, durch Reglementierung der (einvernehmlichen) menschlichen Sexualität.
Das ist ja jetzt glücklicherweise wie von selbst deutlich geworden.

Ja, ich spreche von menschlicher Sexualität, nicht nur von der von Männern.
Gerade habe ich das bekannte Buch „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ von 1985 vorliegen und überfliege die Überschriften der Kapitel (das entsprechende Gegenstück „Die sexuellen Phantasien der Männer“, gleiche Autorin, ist mir leider verloren gegangen).
Welch ein Abgrund von politisch inkorrektem Sex!

Erschütternd.
Die notwendige Umerziehungsarbeit durch poststrukturalistische Aufklärungsaktivisten wird in die Jahrtausende gehen!

Es betrifft ja nicht nur die politisch völlig inkorrekte Konstellation (sexuell) dominanter Mann – (sexuell) submissive Frau.
Umgekehrt ist es ja auch ein Greuel, denn es handelt sich schließlich dabei nur um die kompensatorische Umkehrung der HERRschenden Machtverhältnisse, nicht wahr?

Zwar sagen einige mir bekannte Untersuchungen in dieser Hinsicht (sexuelle Phantasien und Wunschvorstellungen) zwar, dass die Verteilung von submissiver und dominanter sexueller Orientierung überhaupt nicht geschlechtsspezifisch ist, sondern tendenziell bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich verteilt ist (mehrheitlich submissiv, da hast du tatsächlich recht), aber was tut das schon zur Sache?

Ein Großteil der vielfältigen sexuellen Orientierungen hat mit dem zu tun, was die Sexualpsychologie als „Machtgefälle“ bezeichnet.

Aber… das ist alles pfui bäh!
Denn es ist, so wird dir jeder Poststrukturalist erklären, ja nichts anderes als die Wiederspiegelung von gesellschaftlichen HERRschaftsverhältnissen.
Nicht nur die Wiederspiegelung, sondern auch deren beständige Reproduktion.
Also alles pfui bäh, was mit Machtgefällen in sexuellen Phantasien und einvernehmlichen Praktiken zu tun hat.

Aber nicht nur diese sind anzugreifen!

Wie ist es zum Beispiel mit der Polarität Voyeurismus und Exhibitionismus?

Lax gesprochen könnte man sagen: „Exhibitionist-inn-en machen Voyeur-in-nen eine Freude und umgekehrt“.
Poststrukturalistisch betrachtet ist das alles ganz anders.

Ist ein Mann ein Voyeur und die Frau Exhibitionistin (z.B. beim sogenannten Strp-Tease), so ist das ohnehin zutiefst verwerflich und verdorben.
Aber wie ist es, wenn ein Mann Exhibitionist ist und eine Frau Voyeurin.
Solche Shows gibt es ja auch!
Ich hoffe, ich muss nicht ausführen, dass die Zurschaustellung eines zuckenden Unterleibs durch einen Mann vor den Augen einer Frau zutiefst frauenverachtend ist, auch wenn die Frau das ausdrücklich genau so will (sie hat eben das Patriarchat internalisiert).

Erdmutterfantasien (Nancy Friday) fallen da natürlich auch als verwerflich und verdorben flach, denn das reproduziert patriarchale Rollenmuster, das wird dir jeder Postrukturalist genau erklären, auch wenn er von Mythologie keinen blassen Schimmer hat.
Über Prostitution als sexuelle Fantasie von manchen Frauen (auch Nancy Friday) brauchen wir wohl gar nicht zu reden.

Sagen wir es ganz einfach: so ziemlich 90 % aller bekannten Spielarten der Sexualität, aller sexuellen Orientierungen (unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit sowohl als sex als auch als gender) sind demnach pfui bäh und müssen verändert werden. Möglicherweise sogar „ausgemerzt“.

Gewiss, gewiss, es fehlen den Poststrukturalisten leider die Machtmittel, um ihre Regelmentierung der menschlichen Sexualität zugunsten eines höheren Ziels auch praktisch durchzusetzen (und ich bin guter Hoffnung, dass sie niemals über diese Machtmittel verfügen werden).

Fragt sich, was dieses höhere Ziel denn wohl ist.

Jedenfalls ist eines poststrukturalistisch klar: sind mal Sprache und Sexualität der Menschen ordentlich gesäubert, dann wird alles gut.

Das höhere Ziel soll also „Herrschaftsfreiheit“ sein, Freiheit von „jeder Unterdrückung“.

Unterdrückung? Unterdrückung von was?
Darf die Frage auch mal gestellt werden?

Mir fallen da einige passende Sätze vom großen utopischen Sozialisten Charles Fourier ein.

„Die Moralisten wollen die Leidenschaften in eine Richtung lenken, die ihrer Natur widerspricht. Was haben sie nicht alles während zweitausend Jahren gepredigt, um die sinnlichen Triebe zu zügeln und zu verändern, um uns einzureden, der Diamant sei ein wertloser Stein, das Gold ein wertloses Metall, Zucker und Gewürze seien wertlose, verächtliche Erzeugnisse und die Hütte, die einfache rohe Natur sei dem Palast des Königs vorzuziehen? So versuchten die Moralisten, das Feuer der Leidenschaften zu löschen.“

„Die Leidenschaften, die man für Feinde der Eintracht gehalten und in Tausenden von Büchern bekämpft hat, die in Vergessenheit geraten werden, diese Leidenschaften fördern im Gegenteil die Eintracht, die gesellschaftliche Einheit, von der wir sie so weit entfernt wähnten. Sie werden aber nur dann miteinander harmonieren können, wenn sie sich in progressiven, aus Gruppen bestehenden Serien regelmässig entwickeln. Außerhalb dieses Mechanismus sind die Leidenschaften wie losgelassene Tiger, unfassbare Rätsel. Darum sagen die Philosophen, man müsse sie bändigen: eine doppelt unsinnige Anschauung, denn erstens kann man sie nicht bändigen, und zweitens würde die Zivilisation, wenn jeder seine Leidenschaften bändigte, rasch zurückfallen.“

„Die genossenschaftliche Ordnung, die auf die zivilisierte Zusammenhanglosigkeit folgen wird, läßt weder Mäßigung, noch Gleichheit, noch irgendeine der philosophischen Meinungen zu; sie verlangt nach glühenden und verfeinerten Leidenschaften.“

„Zur Einführung guter Sitten bedarf es einer Gesellschaftsordnung, die es versteht, dem Feuer der Leidenschaften gerecht zu werden und ihrem indirekten und schädlichen Aufflug vorzubeugen, nämlich der nach rückwärts gerichteten, verdrängenden Bewegung, einem Grundübel der Zivilisation in allen ihren Phasen.“

Ja, somit ist der Poststrukturalismus ein typisches Produkt der Grundübel der ZIvilisation, wobei für Zivilisation hier nach Auffassung von Friedrich Engels auch „bürgerliche Gesellschaft“ stehen könnte.

Denn Marx und Engels waren bekanntlich von Charles Fourier so begeistert, dass Engels sogar davon sprach, Fourier habe das „Ei des Kolumbus der Sozialwissenschaften gefunden“.

Zurück zum Poststrukturalismus und seinen Bestrebungen zur Gründung einer „Jugendliga gegen die Sexualität“ (aus „1984“ von George Orwell).

Ja, du hast völlig recht, dieser „feministisch-autonome“Poststrukturalismus ist völlig unvereinbar mit marxistischen Politikansätzen.

Er hält selbst nicht ein, was er verspricht, kann es auch nicht einhalten, weil sein Wesen (von einzelnen diskutablen Ansätzen abgesehen) im Grunde repressiv und reaktionär ist, gerichtet gegen die Leidenschaften der Menschen.

Denn wenn wir von Unterdrückung sprechen, so können wir allen Ernstes nur von Unterdrückung von Leidenschaften sprechen, denn Leidenschaften sind die Triebfeder ALLER Menschen jenseits aller Klassifizierungen und „Zuweisungen“.

Sowohl die Unterdrückungsverhältnisse, die unmittelbar auf dem Kapitalverhältnis beruhen, als auch die auf rassistische oder sexuelle Diskriminierung begründete sind letztlich Unterdrückung der Leidenschaften der betreffenden Menschen.

Hier positioniert sich der „autonom-feministische Poststrukturalismus“ eindeutig auf der Seite der Unterdrückung der Leidenschaften, und zwar in einem Maße, das weit über Repression durch Diktaturen und neoliberalen Angriff auf den Lebensstandards der grossen Mehrheit der Bevölkerung hinausgeht.
Ihr Trachten reicht bis zur „Korrektur“ sexueller Phantasien Und Wunschvorstellungen von Menschen im Sinne ihrer politischen Linie.
Nur mit dem Unterschied, dass diesen Leuten leider leider die erforderlichen Machtmittel fehlen.

Ihnen bleibt nur die Sprache.
Mit der wollen sie also die Realität verändern.

Nicht nur das Mittel ist untauglich, auch das Ziel ist widerwärtig.

Ich schrieb mal, mir würde „die janze Richtung nicht passen“.

Ich ergänze: ich finde sie auch absolut widerwärtig.

Das ändert nichts daran, dass ich Judith Butler meinen höchsten Respekt bekunde für ihre Parteinahme für die Palästinenser und Foucault zugute halte, dass er sehr kluge Dinge über „Verrücktheit“ geschrieben hat.

Dixi et salvavi animam meam.
(Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet)

Sonst möchte ich mich zu dem Thema nicht mehr äussern.

B.I.Bronsteyn

Written by bronsteyn

2. Dezember 2012 at 9:59 pm

Auf ein Wort zum Leninismus

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Der Begriff „Leninismus“ ist bekanntlich Gegenstand verschiedenster Verzerrungen und Verfälschungen.

Besonders trifft das auf den Begriff „Leninistische Parteikonzeption“ zu.

Akteure dieser Verzerrungen und Verfälschungen sind dabei beileibe nicht nur die Propagandisten des Kapitalismus, die naturgemäß ein besonderes Interesse daran haben, diesen Begriff zu diskreditieren.

Akteure solcher Verzerrungen und Verfälschungen sind auch solche Menschen, die sich gerade für Anhänger der Leninschen Parteikonzeption halten.

Ursache dieser Verzerrungen und Verfälschungen ist durchweg die „Sinowjewsche Bolschewismus-Legende“ (eine Begriffsschöpfung von Dieter Elken), die Grigori Sinowjew ab 1920/21 zu stricken begann und die später, bei geänderten Fraktionslinien, von der stalinistischen Bürokratie begierig aufgegriffen wurde, um die eigene Herrschaft über die KPdSU gegenüber der eigenen Mitgliedschaft und vor allem der innerparteilichen Opposition zu legitimieren.

Um herauszuarbeiten, was wirklich die Essenz der Leninschen Parteikonzeption war, ist es sinnvoll, bei ihm selbst nachzulesen, denn er hat es deutlich genug formuliert:

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/kap02.html

Sicherlich sieht jetzt schon fast jeder, daß die Bolschewiki die Macht keine 2½ Monate, geschweige denn 2½ Jahre hätten behaupten können ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei, ohne die vollste und grenzenlose Unterstützung der Partei durch die gesamte Masse der Arbeiterklasse, d.h. durch alle denkenden, ehrlichen, selbstlosen, einflußreichen Menschen dieser Klasse, die fähig sind, die rückständigen Schichten zu führen oder mit sich fortzureißen.

Wahrhaft eiserne Disziplin. Kein Wunder, dass Stalin sich „der Eiserne“ nannte. Aber wie kommt eine derart „eiserne“ Disziplin zustande.

Indem sie „eisern“ eingefordert wird?

Ich wiederhole, die Erfahrungen der siegreichen Diktatur des Proletariats in Rußland haben denen, die nicht zu denken verstehen oder nicht in die Lage kamen, über diese Frage nachzudenken, deutlich gezeigt, daß unbedingte Zentralisation und strengste Disziplin des Proletariats eine der Hauptbedingungen für den Sieg über die Bourgeoisie sind.

„Strengste“ und nicht nur „eiserne“ Disziplin wird hier angesprochen. Als Forderung?

He, Genossen, ihr müsst strengste und eiserne Disziplin einhalten, nur dann klappts mit der Revolution.

Sicherlich hunderttausende haben diese Zeilen gelesen und als Forderung an jedes „disziplinierte Parteimitglied“ gelesen und interpretiert.

Doch Lenin wirft eine ganz andere Frage auf und formuliert hier nicht etwa eine Forderung an den Leser. Er stellt die Frage nach den Bedingungen einer solchen Disziplin.

Davon wird häufig gesprochen. Es wird aber lange nicht genug darüber nachgedacht, was das bedeutet, unter welchen Bedingungen das möglich ist. Sollte man nicht lieber die der Sowjetmacht und den Bolschewiki gezollten Beifallskundgebungen häufiger mit einer sehr ernsten Analyse der Ursachen verknüpfen, die bewirkten, daß die Bolschewiki die für das revolutionäre Proletariat notwendige Disziplin schaffen konnten?

Das ist genau die Frage.

 Und da taucht vor allem die Frage auf: wodurch wird die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten? wodurch wird sie kontrolliert? wodurch gestärkt?

Es ist durchaus sinnvoll, sich bei diesen Fragen Lenins in einen sagen wir einmal naiven Zustand zu begeben, so als wüssten wir nichts von den verbreiteten Leninismus-Legenden, wenn wir diesen Satz lesen.

Was würden wir bei diesen Fragen uns als Antwort vorstellen können. Gewiß doch eine Auflistung von administrativen Maßnahmen, um diese „strengste“ und „eiserne“ Disziplin herbeizuführen.

Doch Lenins Antwort ist von völlig anderer Art:

Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletariscben werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Wie bitte?

Keine Maßnahmen, keine Regeln, keine Richtlinien?

Und weiter:

Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.

Das gibt Anlaß, die von Lenin genannten drei Kriterien näher zu betrachten. Es ist auffällig, dass alle drei Kriterien genau betrachtet zu einem großen Teil emotionalen Charakter haben.

 Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Klassenbewusstsein kann man durchaus als einen nüchternen, rationalen Faktor betrachten, aber Ergebenheit, Ausdauer, Selbstaufopferung, Heroismus sind eher emotionale psychische Faktoren. Wollte man alle diese Begriff am besten zusammenfassen, dass wäre vielleicht Begeisterung (für die Revolution) ein passendes Wort für alles.

 Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletariscben werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Sich mit den Massen verbinden, sogar verschmelzen ist am besten mit dem Wort Einfühlungsvermögen beschrieben. Denn diese Verschmelzung wird ohne diese Fähigkeit rein logisch nicht möglich sein.

Sicher hat dieses Sich-Hinein-Fühlen ohne sich selbst aufzugeben auch eine logische und rationale Seite. Aber es hat auch eine emotionale Seite.

Die Bolschewiki haben es sicherlich nie so unterschieden. Ich bin mir sicher, sie haben es aber auch nicht getrennt.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Lenin wusste sehr wohl, dass Führungsanspruch erheben und Führung innehaben nicht das gleiche sind.

Eine beanspruchte Führung ist keine Führung.

Nur eine (von den Geführten) als richtig angesehene Führung ist eine Führung.

Nein Lenin formuliert hier keinen Führungsanspruch der Partei. Er sagt, was der einzige Weg ist, dass die Partei auch wirklich eine Führung darstellt.

Er spricht auch von einer ver-wirklichten politischen Führung, und nicht von einer beanspruchten.

Genau das sollten auch viele, die sich als Leninisten ansehen, sich vergegenwärtigen.

Lenin schreibt hier, wie und auf welche Weise Führung verwirklicht werden kann. Indem sie so gestaltet ist, dass die Massen diese Führung auch als richtig ansehen, weil ihnen die Erfahrung sagt, dass diese Führung richtig ist.

(Es muss also schon richtig geführt worden sein).

Die Massen müssen sogar überzeugt von der Richtigkeit dieser politischen Führung sein.

Der Maßstab ist sehr streng, aber streng gegenüber der Partei. Nur dann, wenn die Massen von der Richtigkeit dieser Führung überzeugt sind, dann ist auch die politische Führung richtig.

Auch hier finden wir einen gewichtigen emotionalen Faktor in Lenins Ausführungen. Der beste zusammenfassende Begriff für diesen dritten Punkt scheint mir Vertrauensbildung zu sein. Vertrauensbildung zwischen den Massen und der Partei (der Avantgarde). Also eine vertrauensbildende Praxis.

Vertrauensbildende Praxis beschreibt am besten im Überblick  die von Lenin beschriebene durchaus schwierige Wechselwirkung zwischen der Avantgarde und den Massen.

Ohne Vertrauen kann keine Führung wirklich führen, und eine freiwillige (und um eine andere handelt es sich nicht) ohnehin nicht.

Vertrauen kann aber nur aus einer gemeinsamen Praxis erwachsen, und wenn es sich um Massen handelt, dann erst recht.

Das aber wiederum setzt das von Lenin im zweiten Punkt genannte Einfühlungsvermögen in den Zustand der Massen voraus. Denn ohne dieses kann keine Beziehungen zu den Massen und ihren verschiedenen Sektoren aufgebaut werden.

Vielleicht mag auch dem einen oder anderen auffallen, dass alle drei genannten Kriterien nicht nur emotionale Konnotationen haben, ob in der Originalformulierung Lenins oder in meinen zusammenfassenden Oberbegriffen haben sie auch mehr oder minder stark mit Kommunikation zu tun.

So heisst, sich den breitesten Massen anzunähern, bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen, eindeutig und in jedem Sinne, mit diesen Massen in erfolgreiche Kommunikation zu treten.

Auch der Vertrauensaufbau durch Verwirklichung einer richtigen Führung (die von den Massen auch als eine richtige Führung angesehen wird) ist eindeutig ein Vorgang komplexer Kommunikation.

Aber auch was das Klassenbewusstsein des ersten Leninschen Kriteriums betrifft, so ist dieses Klassenbewusstsein in jeder nur denkbaren Bedeutung dieses Wortes in erster Linie Ergebnis kollektiver kommunikativer Prozesse, wie ausgereift oder unausgereift sie immer sein mögen (nein, ich will an dieser Stelle den Begriff Klassenbewusstsein nicht ausdifferenzieren oder gar dekonstruieren, mir genügt, dass meine Aussage für jede Variante des Verständnisses dieses Begriffs tauglich ist).

Demzufolge wäre eine revolutionäre Organisation / Partei in erster Linie ein kollektiver Kommunikator, der in der Lage ist, mit allen Sektoren und Schichten der Klasse in Kommunikation zu treten.

Im Rahmen dieser Kommunikation nähert der  Kommunikator diesen Sektoren an, verschmilzt bis zu einem gewissen Grade mit ihnen und entwickelt eine richtige Führung, die sich dadurch auszeichnet, dass sie von diesen Sektoren und Schichten jeweils als richtig angesehen wird (das macht Lenin ja zur Bedingung).

Und das ganze betrachtet unter der Perspektive, dass diese Massen, diese Klasse heutzutage 70-80% der Bevölkerung stellt.

Diesen gewaltigen kommunikativen Akt, der die Machtergreifung dieser 70-80 % mit sich bringt, muss also eine revolutionäre Partei in Deutschland (in den anderen Ländern auch) vollbringen, wenn sie entstanden ist.

Wie muss eine Partei beschaffen sein, die so etwas zuwege bringt?

Ist es einfach nur die Frage eines richtigen Programms, das die Partei zu diesen Qualitäten befähigen wird?

Wohl kaum.

Es muss seine Gründe haben, dass diejenigen, die am marktschreierischsten behaupten, die „richtige Programmatik“ zu haben (meist Exerpte und Erweiterungen des Übergangsprogramms), meist in der Praxis in den Massen am unfähigsten sind.

Fähigkeiten, die mit Emotionalität bzw. den Umgang mit Emotionen zu tun haben, und die für die Disziplin einer revolutionären Organisation unerlässlich sind nach Lenin also:

–         Begeisterung (und damit auch Begeisterungsfähigkeit)

–         Einfühlungsvermögen

–         Vertrauensbildende Praxis

Dies sind also die drei Kardinal-Fähigkeiten einer revolutionären Organisation oder Partei, in die Sprache des 21. Jahrhunderts umgesetzt.

Aus meiner Sicht sind das die drei Kernelemente dessen, was man als wirkliche Leninistische Parteionzeption nennen könnte und auch sollte.

Jede andere Definition (fest gemacht an Kaderorganisation, demokratischer Zentralismus usw.) ist aus meiner Sicht Humbug, Ausfluss der Bolschewismus-Legenden von Sinowjew bis Stalin.

Die solcherart herausgefilterten Punkte sind von ihrem Charakter her nicht epochengebunden, sondern können auf jede Epoche des Kapitalismus angewendet werden, nicht nur auf 1917 ff.

Von daher hat uns Lenin auch heute noch sehr sehr viel zu sagen.

Auf ein Wort noch zum „demokratischen Zentralismus“.

Es ist auffällig, dass Lenin diesen Begriff in seinem Schrifttum bis 1916 gar nicht verwendet und erstmals im Zusammenhang mit der Nationalitätenfrage aufgreift.

„Demokratisch diskutieren, aber vereint handeln“ ist eine Maxime, die gar keine spezifische linke oder revolutionäre Maxime darstellt. Auch die CDU oder SPD handeln „demokratisch-zentralistisch“, nennen das aber nicht so, sondern „Fraktionsdisziplin“.

Insofern praktizierten schon die Vorkriegssozialdemokraten diesen „demokratischen Zentralismus“, was auch zu einer (fast) einheitlichen Abstimmung für die Kriegskredite 1914 führte.

Lenin hat aber niemals ein zeitloses starres Prinzip namens „demokratischer Zentralismus“ propagiert, sondern das Verhältnis von Demokratie und Zentralismus immer von der Situation des Klassenkampfes abhängig gemacht.

Ob er sich da im einzelnen geirrt haben mag oder nicht, will ich hier gar nicht debattieren, aber ein besonderes System namens „demokratischen Zentralismus“, der über eine notwendige Dialektik zwischen innerparteilicher Demokratie und organisatorischem Zentralismus und deren Anpassung an die Notwendigkeiten des Klassenkampfes hinausgeht, hat er aus meiner Sicht nicht entwickelt. Es lag ihm nach meiner Auffassung auch fern.

Somit bleibt, was ich als die entscheidenden Kernkriterien Lenins für die Disziplin einer revolutionären Organisation / Partei ansehe.

–         Begeisterung (und damit auch Begeisterungsfähigkeit)

–         Einfühlungsvermögen

–         Vertrauensbildende Praxis

Eigentlich ist es logisch, was Lenin sagt. Die enge Verbindung der Avantgarde mit den Massen, ihrem Alltagsleben und ihren Alltagskämpfen schafft eine Verbindlichkeit, die von innen kommt und nicht von aussen erzwungen ist.

Was eine Partei des „Leninschen Typs“ antreibt, ist intrinsische, nicht extrinsische Motivation.

http://de.wikipedia.org/wiki/Intrinsische_und_extrinsische_Motivation

Die ständige Verbindung der eigenen Programmatik mit dem Leben der Massen, das schafft Disziplin.

Erst ein Organisationsansatz, oder auch ein Bündnis von Gruppen und Organisationen, das sich zusätzlich zu der programmatischen Klarheit (mit dem Kernziel einer Räterepublik) diese Fähigkeiten zu eigen macht, wird die Führungskrise des Proletariats lösen können.

Alle Menschen, die sich Leninisten nennen oder sich so sehen, oder entsprechenden Gruppen angehören, aber auch die anderen, möchte ich gern fragen:

Inwieweit erfüllen unsere Organisationsansätze die von Lenin genannten essentiellen 3 Kriterien für die Disziplin, den Erfolg einer revolutionären Partei/Organisation?

Wie steht es mit den Faktoren Begeisterung(sfähigkeit), Einfühlungsvermögen und vertrauensbildende Praxis?

Bis jetzt fällt mir nur auf, dass alle diese Fragen einer revolutionären Praxis überhaupt keine Beachtung in der aktuellen NAO-Diskussion finden.

Written by bronsteyn

16. Oktober 2012 at 11:26 pm