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Archive for the ‘Diskussion in der deutschen revolutionären Linken’ Category

Zur Diskussion E 1: Vorschlag zur Ausformulierung des Essentials zum “revolutionären Bruch” im NAO-Blog

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Ich beziehe mich auf folgenden Artikel:
http://www.nao-prozess.de/blog/e-1-vorschlag-zur-ausformulierung-des-essentials-zum-revolutionaeren-bruch/

DGS schrieb:

In der Tat werden wir die Essentials in nächster Zeit gemeinsam ausformulieren müssen. Dafür hatte ich vor ein paar Wochen – zunächst intern – einen Vorschlag vorgelegt, der innerhalb der SIB wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Der Hinweis von Bronsteyn ist vielleicht eine gute Gelegenheit, damit zu beginnen, den Vorschlag nach und nach auch öffentlich zur Diskussion zu stellen. Ich veröffentliche daher an dieser Stelle zunächst meinen Vorschlag zur Ausformulierung des Essentials zum revolutionären Bruch.

1. Die Revolution als Prozeß mit Bruch

Wir müssen uns darauf einstellen, daß jedenfalls herrschende Klassen in aller Regel nicht freiwillig auf die Vorteile, die sie aus der Ausübung ihrer Herrschaft ziehen, verzichten. (Zumindest einige von uns sind überzeugt, daß im Falle der herrschenden Rasse, der Weißen, und des herrschenden Geschlechts, der Männer, kaum mehr Anlaß zu Optimismus hinsichtlich freiwilligen Machtverzichts angeraten ist.)

Wir sind daher überzeugt, daß es jedenfalls zur Überwindung des Kapitalismus eines revolutionären Bruchs bedarf. Dies heißt nicht, daß wir die antikapitalistische Revolution auf einen einmaligen Akt reduzieren würden. Vielmehr heißt es, daß der revolutionäre Prozeß einen Bruchpunkt – einen Moment zugespitzter Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis der Umkehrung des Kräfteverhältnisses – umfassen muß.

Allein über Reformen oder die sukzessive Ausweitung von Szene-Freiräumen wird es keine „Transformation“ geben, wobei wir den Kampf für (wirkliche) Reformen weder ablehnen noch gering achten. Wir sagen nur, daß Reformen und Freiräume den revolutionären Bruch nicht ersetzen können.

Ein schrittweiser und friedlicher (meist parlamentarischer) Weg zum Sozialismus hat sich bisher immer als Desaster herausgestellt. Eine Revolution wird umso unblutiger verlaufen, je besser die revolutionären Kräfte und alle Beherrschten und Ausgebeuteten auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Repressionsinstrumenten der Herrschenden und Ausbeutenden vorbreitet sind.

Der Artikel wurde in zahlreichen Kommentaren diskutiert.

Nach über 70 Diskussionsbeiträgen zog DGS folgendes Resümee:

Zwischenresümee zur Diskussion über das Essential E 1 – Revolutionärer Bruch

1. Mir scheint, die Positionen von ‘Bochum’ (einschl. Richard) und ‘NaO’ sind weiterhin so unvereinbar, wie im vergangenen Herbst.
2. Nach den Diskussionsbeiträgen von Bronsteyn, Mattte und systemcrash möchte ich nun folgende Formulierung des Essentials vorschlagen:

Wir müssen uns darauf einstellen, daß jedenfalls herrschende Klassen in aller Regel nicht freiwillig auf die Vorteile, die sie aus der Ausübung ihrer Herrschaft ziehen, verzichten. Wir streben deshalb an, die – auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und der organisatorischen Kontrolle über den Produktionsprozeß beruhende – ökonomische und technologische der Macht der kapitalistischen Klasse zu brechen sowie den bürgerlichen Staatsapparat, in dem sich die politische Macht der kapitalistischen Klasse verkörpert, zu zerschlagen. (Zumindest einige von uns sind überzeugt, daß im Falle der herrschenden Rasse, der Weißen, und des herrschenden Geschlechts, der Männer, kaum mehr Anlaß zu Optimismus hinsichtlich freiwilligen Machtverzichts angeraten ist.)

Wir sind daher überzeugt, daß es jedenfalls zur Überwindung des Kapitalismus eines revolutionären Bruchs bedarf. Dies heißt nicht, daß wir die antikapitalistische Revolution auf einen einmaligen Akt reduzieren würden. Vielmehr dürfte notwendig und damit zu rechnen sein, daß einem revolutionären Bruch auf betrieblicher und lokaler Ebene die Herausbildung von räteartigen Strukturen der oder von Teilen der bisher Beherrschten und Ausgebeuteten vorausgeht, die aber nur dann dauerhaften Bestand haben werden, wenn sie in einem gesamtgesellschaftlichen Bruchpunkt – einen Moment zugespitzter Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis der Umkehrung des Kräfteverhältnisses – münden, und so die Phase der temporären Doppelmacht beendet und revolutionär vereindeutigt wird.

Allerdings wird auch danach die Gefahr einer Konterrevolution fortbestehen. Einige von uns sind der Ansicht, daß es nach einem revolutionären Bruch sogleich möglich ist, zu einer kommunistischen Gesellschaft ohne Staat, Geld und Warenförmigkeit der Produkte und Arbeitskraft überzugehen und die Ergebnisse der Revolution zu verteidigen und auszubauen. Andere von uns sind der Ansicht, daß es dafür vielmehr eines – an seinem eigenen Absterben arbeitenden – sozialistischen Übergangsstaates bedarf sowie Geld und Warenwirtschaft nicht auf einen Schlag abzuschaffen sind.

Alle gemeinsam sind wir aber überzeugt, daß allein über Reformen oder die sukzessive Ausweitung von Szene-Freiräumen oder betrieblicher “ArbeiterInnenkontrolle” es keine „Transformation“ geben wird – wobei wir den Kampf für (wirkliche) Reformen weder ablehnen noch gering achten; wir sagen nur, daß Reformen und Freiräume den revolutionären Bruch nicht ersetzen können.

Ein schrittweiser und friedlicher (meist parlamentarischer) Weg zum Sozialismus hat sich bisher immer als Desaster herausgestellt. Eine Revolution wird umso unblutiger verlaufen, je besser die revolutionären Kräfte und alle Beherrschten und Ausgebeuteten auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Repressionsinstrumenten der Herrschenden und Ausbeutenden vorbereitet sind.

Darauf schrieb ich folgenden Kommentar:
—————————————

Lieber DGS,

ja, ich würde das auch “unterschreiben”, aber worum geht es bei der “Unterschrift”?
Eine Unterschrift unter die 5 Essentials?
Meinetwegen.

Ich schätze deine Bemühungen um eine Einigung und Klarheit in diesen Punkten sehr hoch, DGS.

Ich stimme auch zu, dass “Bochum” und “Richard” in ihrer Diffusität und Konfusion ausserhalb dieses Kontextes stehen (was eine praktische Zusammenarbeit nicht ausschließen würde, wenn sich eine solche ergeben würde).
Sonst kann man vor lauter Streben nach Breitheit auch gleich die Afa (SPD) und die CDU-Sozialausschüsse mit einschliessen. Auch Heiner Geißler ist “gegen den Kapitalismus” und hält ihn für “verkehrt” und “überholt”!
Das kapitalistische Wirtschaftssystem habe keine Zukunft mehr, sagt Geißler im ZDF
“Wir brauchen eine Art Revolution!”

(Aber was heisst das schon?)

Trotzdem wäre ein organisatorischer Zusammenschluss der NAO-Gruppen bestenfalls ein linkszentristisches Projekt.
Ich hoffe ich habe deutlich machen können, dass “Zentrismus” für mich nicht die Bezeichnung für ein “politisches Verbrechen” oder so ist, sondern eine politische Standortbestimmung.

Dieser politische Standort des Zentrismus ist historisch (Vor-WK-I-SPD, USPD, SAP usw.) das Schwanken zwischen revolutionären und reformistischen Konzeptionen und Zielen.
(Explizit: die Vor-Weltkrieg-I-SPD war insgesamt eine zentristische Massenpartei).
Die Bedeutung der USPD (von der in Wirklichkeit der sogenannte “Spartakus-Aufstand” 1919 ausging), brauche ich wohl nicht zu betonen. Erst durch den Zusammenschluss mit dem linken Flügel der USPD wurde die schwächliche KPD 1920 zu einer Partei mit Masseneinfluss.

In Anbetracht der politischen Situation nach 1990 sehe ich in der Herausbildung einer zentristischen Strömung unbedingt einen Fortschritt.
Das ist zunächst einmal wichtig.

Und je weniger konfus und blinder “Breitheit” verfallen eine solche Strömung wäre, desto weniger zentristisch wäre sie letztlich.

Erhebt sich die Frage, worin der revolutionäre Pol bestehen müsste, als Gegenpol zu den reformistisch-(pseudo)gradualistischen Linien?

Für mich ist die Perspektive einer Räterepublik zentral, weswegen ich sie immer wieder und unablässig propagieren werde.

Allein für die Staatsfrage ist das entscheiden, da war auch letztlich historisch die politische Scheidelinie etwa zwischen den KPD und der USPD 1917-1920.
Gegen Räte war noch nicht einmal die Mehrheits-SPD, aber regieren (also Macht ausüben) sollten sie nicht, nach dem Willen der SPD, die ursprünglich sogar noch die Monarchie retten wollten.

DGS, du schreibst:
“Vielmehr dürfte notwendig und damit zu rechnen sein, daß einem revolutionären Bruch auf betrieblicher und lokaler Ebene die Herausbildung von räteartigen Strukturen der oder von Teilen der bisher Beherrschten und Ausgebeuteten vorausgeht, die aber nur dann dauerhaften Bestand haben werden, wenn sie in einem gesamtgesellschaftlichen Bruchpunkt – einen Moment zugespitzter Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis der Umkehrung des Kräfteverhältnisses – münden, und so die Phase der temporären Doppelmacht beendet und revolutionär vereindeutigt wird.”

Die Phase der temporären Doppelmacht kann aber nur in einer Räterepublik beendet werden.
Und das bedeutet:
– auf allen betrieblichen und lokalen Ebenen wird die Staatsmacht durch jederzeit abwählbare Räte der Beschäftigten bzw. Bewohner ausgeübt.
– die Schlüsselindustrien, Banken, Transport, Verkehr usw sind in gesellschaftliches Eigentum überführt (juristisch) und werden nach dem Prinzip der Wählbarkeit aller Vorgesetzten von ihren eigenen Beschäftigten verwaltet, gelenkt und geführt.

Eine wirklich revolutionäre Organisation braucht mindestens diese Art von Klarheit.
Sonst ist sie eben bestenfalls zentristisch.

Man könnte ja nun sagen, da gibt es ja eine ganze Menge von “Anwärtern”, die eine revolutionäre Organisation/Partei aufbauen wollen.
Leider handelt es sich bei den meisten von ihnen um Organisationen vom Typ RKO.
RKOs (revolutionäre Klugscheisser-Organisationen) verstehen es zwar hervorragend, auf dem Papier oder in den Pixeln im Internet sich als revolutionäre “Avantgarden” zu produzieren, aber die sektiererische Praxis sieht ganz anders aus.

Ein wesentlicher Prüfstein für mich sind dabei die 13 Punkte für eine klassenorientierte Arbeiterbewegung.
Diese ermöglichen eine gemeinsame Praxis “subjektiver Revolutionäre” auch bei vorhandenen Differenzen theoretischer und programmatischer Art vor allem in dem Sinne, organisierend zu intervenieren.
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/06/24/an-die-menschen-des-nao-prozesses-und-ander-interessierte/

Jeder politisch-organisatorischen Einigung muss notwendigerweise eine Phase der praktischen vertrauensbildenden Zusammenarbeit vorausgehen (und da scheiden die meisten RKOs bislang völlig aus).

Das, liebe DGS, darf nicht vergessen werden.
Da helfen auf die Dauer auch keine einigenden Kompromiss-Formeln.
Selbst wenn ich sie derzeit “unterschreiben” könnte.
Aber was heisst das schon?

Written by bronsteyn

8. Juli 2012 at 1:33 pm

An die Menschen des NAO-Prozesses (und andere Interessierte)

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Wie schätze ich den NAO-Prozess ein?
Wie sollte der NAO-Prozess weiterentwickelt werden?
Wie könnte eine Zusammenarbeit der am NAO-Prozess beteiligten Gruppen aussehen?

Wie schätze ich den NAO-Prozess ein?

Ich schätze den NAO-Prozess als den Herausbildungsprozess einer zentristischen Strömung in Deutschland ein.
Das ist auf keinen Fall als eine abwertende Einschätzung zu verstehen. Von einer wirklichen „revolutionären Linken“ kann in Deutschland noch nicht gesprochen werden. Dies ist auch keine Frage blosser Programmatik (Papier ist geduldig), sondern auch der konkreten Organisation und vor allem der Praxis.
Als (revolutionäre) Praxis verstehe ich die gewohnheitsmässige politische und soziale Tätigkeit von „subjektiven Revolutionären“ gemeinsam mit Menschen, die der proletarischen Klasse angehören und die ihre sozialen und politischen Interessen wahren, verteidigen und verwirklichen wollen.
Zu einer revolutionären Praxis gehört auch eine revolutionäre Programmatik. Diese muss sinnvollerweise nicht nur angeben, wogegen es geht (Kapitalismus, klar, sogar Heiner Geissler ist „gegen den Kapitalismus“), sondern wofür.
Insofern stimme ich den 5 Essentials des NAO-Prozesses kritisch zu, benenne aber auch, wo ich sie für inkonkret und vage halte.

Zu den 5 Essentials

„Konzept des revolutionären Bruchs“ halte ich für abstrakt und vage. Notwendig ist eine klare Orientierung auf eine Räterepublik.

Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise ist eine Ehrensache.
Die Klassenorientierung (auf die 70-80% der Bevölkerung, die das Proletariat darstellen) ebenfalls.

Einheitsfront ist eine Taktik, genauer eine immer wieder kehrende Methode, und kann nicht Inhalt eines revolutionären Programms sein (es sei denn, der Weg soll das Ziel sein).

Zur „gewissen“ organisatorischen Verbindlichkeit meine ich, dass es darauf ankommt, eine in jeder Hinsicht teamorientierte revolutionäre Organisation aufzubauen.
Ich spreche hier und im folgenden konsequent anglisierend „neudeutsch“ von Teambildung und Teamentwicklung. Historisch und methodisch korrekt wäre eigentlich der Begriff Zelle, welcher auch in der Bolschewistischen Partei verwendet wurde. Der Begriff Zelle weckt aber aus verschiedenen Gründen teilweise völlig falsche Assoziationen, weswegen ich konsequent den Begriff Team verwende.
Wer genau wissen will, worin sich ein Team von einer blossen Gruppe unterscheidet, lese bitte den in Management-Sprache gehaltenen Artikel und mache sich Gedanken dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Teambildung

Der Unterschied zwischen „Breitheit“ und Breite
„Zentrismus“ als politische Strömung auf der Linken bezog sich ursprünglich auf das „marxistische Zentrum“ in der Vor-WK-1-SPS, auf die USPD, auf die österreichische SPÖ und auf die deutsche SAP. Im wesentlichen war diese Strömung charakterisiert durch ihr Bestreben der Schaffung einer breiten Linkspartei, die sowohl Revolutionäre als auch Reformisten umfassen sollte.
Nicht zufällig gibt es heute, nicht nur in Deutschland, ähnliche Tendenzen, und sie wurden auch schon in der NAO-Diskussion laut.
Ich sehe so: das Streben nach „breiten Linksparteien“ („Breitheit“) ist Prothese, Pseudo-Ersatz für wirkliche Verankerung in breiten Sektoren der Arbeiterklasse (Breite). Programmatische Verwässung und Diffusität soll das vollbringen, was eine fehlende Praxis nicht geliefert hat, nämlich Einfluss, wenn schon nicht auf „die Massen“, so doch wenigstens auf einige Sektoren und Bereiche.
Der Weg ist aber falsch.
„Verschmelzung“ mit konstruierten „Vorhuten“, zumal wenn es sich um Parteiapparate handelt, ist kein Parteiaufbau.
Paktieren fast einflussloser Grüppchen mit Funktionären ist keine Einheitsfront, auch blosse Wahlaufrufe sind es per se nicht.
Parteiapparate, auch wenn sie Mandatsträger stellen, sind nur in der parlamentarischen Logik „Stellvertreter der Massen“.
Wahlkampagnen stellen keine Organisierung von Massen dar.
Gewiss kann man das alles tun, wenn es taktisch opportun ist, aber all das kann weder eine Strategie noch ein Ziel sein.
Wer das schwer versteht: das Ausheben von Schützengräben und das Verschanzen darin ist zum Beispiel eine Taktik, die Brechung des gegnerischen Kampfwillens ein Ziel, und der Weg, diesen Kampfwillen zu brechen, ist Strategie.
Wegen dieser ständigen Verwechslung von „Breitheit“ und Breite sehe ich den NAO-Prozess skeptisch, zumindest was einige seiner Komponenten angeht.
Trotzdem bekunde ich den Initiatoren dieses Prozesses, der SIB, meinen Respekt.
Weil jeder Schritt wirklicher Bewegung wichtiger ist als ein Dutzend Programme.

Wie sollte der NAO-Prozess weiterentwickelt werden?
Ich schlage die Linie der klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung vor. Diese Linie habe ich bei der Japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga (JRCL), auch manchmal „Chukakuha“ genannt, in Theorie und Praxis kennen gelernt, und ich halte sie für überzeugend. Der Wortlaut der folgenden 13 Punkte ist von mir, wurde aber von den Genossen der JRCL bereits als vollkommen übereinstimmend mit ihrer Linie beurteilt.

1. Das Proletariat (die Klasse der Besitzer bloßer Arbeitskraft) stellt im 21. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur in einzelnen Ländern wie Deutschland oder Japan, sondern weltweit. Diese Klasse wird in ihrer Komplexität und ihrer Grösse meist nicht gesehen und sieht sich auch selbst nicht so. Es ist ein schlafender Riese, der aufgeweckt werden muss.
2. Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisationen dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur ihre historische Mission nicht erfüllen kann, sondern auch nur die Lösung ihre dringendsten sozialen Probleme angehen kann.
3. Notwendig ist die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung als Strömung innerhalb der Klasse, und zwar weltweit. Die Aufgabe einer solchen Strömung ist es, die Interessen des Proletariats in seiner Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen und die Hegemonie kapitalistischer Apparate über die Klasse zu brechen. Es handelt sich im wesentlichen auch um eine Hegemonie über das Bewusstsein (subjektiver Faktor).
4. Diese klassenorientierte Arbeiterbewegung geht grundsätzlich von der Unvereinbarkeit der sozialen Interessen des Proletariats und denen der Kapitalbesitzer aus und schließt die Möglichkeit der Aussöhnung dieser Gegensätze aus.
5. Die klassenorientierte Arbeiter/innen/bewegung handelt in allen ihren Aktivitäten immer auf die Gesamtinteressen der eigenen Klasse orientiert und reduziert sich nicht auf sektorielle Perspektiven (z.B. die Interessen nur der Lokführer oder nur der unbefristet Festangestellten).
6. Sektorielle Begrenzungen und Beschränkungen, Trennungslinien nationaler, kultureller, soziokultureller oder geschlechtlicher Art müssen beständig überwunden werden zugunsten dem zusammenfassenden Gesamtinteresse der Klasse.
7. Wiederbelebung der Gewerkschaften ist ein zentrales Element dieser Ausrichtung, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Gewerkschaften (daneben auch proletarische Genossenschaften und Arbeiter(innen(vereine) sind die historischen und natürlichen Organisationsformen der Arbeiter/innen/klasse. Die Bürokratisierung der konkreten Verbände (z.B. DGB) und ihre Verwandlung in versicherungsartige Dienstleistungsunternehmen (letztlich im Dienst des Kapitals) sind den Interessen der Klasse entgegengesetzt. Die Wiederbelebung der Gewerkschaften in ihrer eigentlichen Funktion ist die Aufgabe unserer Zeit.
8. Wiederbelebung der Gewerkschaften betrifft nicht nur die Demokratisierung der existierenden Verbände und ihre Transformation in Organe des Klassenkampfes, sondern auch diejenigen Teile des Proletariats, die nicht organisiert sind. Hier ist es notwendig, jede Art der Organisierung zu unterstützen, die die proletarischen Interessen zum Ausdruck bringen. Auch Stadtteilinitiativen und Komitees von Erwerbslosen, Schülern und Studenten können insofern Bestandtteil der Wiederbelebung der Gewerkschaften (Organisationen des Proletariats) sein. Hinweis: in Japan gibt es neben den existierenden Branchengewerkschaften und ihren Dachverbänden auch zahllose sogenannte „amalgamisierte Gewerkschaften“ auf regionaler Wohnbezirks- und Stadtteilebene, die branchenübergreifend unorganisierte Arbeiter erfassen.
9. Die Klassenorientierte Arbeiterbewegung muss zunächst notwendigerweise als (formlose) Bewegung und Strömung beginnen, sich verbreitern und letztlich zum Ausgangspunkt von Klasseneinheit (gegen die kapitalistische Klasse) werden. Sie wird zu einer Strömung vereinen: Aktivistengruppen innerhalb der bestehenden Verbände, selbstermächtigte (autonome) Betriebsgruppen, Arbeitslosen-Gruppen, Stadtteil- und Mieterkomitees, gesellschaftliche Bewegungen mit proletarischer Ausrichtung.
10. Solidarität muss ein wichtiges Element der Klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung sein. Der japanische Begriff „Danketsu“ bringt dies noch besser mit seinem spezifischen Inhalt von „unbedingtem Zusammenhalt“ zum Ausdruck. Es muss eine Gewohnheit werden, isolierte sektorielle Kämpfe zu unterstützen und die praktische Erfahrung von „Danketsu“ zu schaffen. Diese Ebene ist fast noch wichtiger, aber mindestens genau so wichtig wie die Ebene der Losungen und Forderungen. Eine Arbeiter/innen/klasse, die sich gewohnheitsmässig mit allen ihren kämpfenden Bestandtteilen solidarisiert, ist auch in der Lage, die Führung der gesamten Gesellschaft zu übernehmen und das kapitalistische System zu stürzen und aufzuheben.
11. Die Erfahrung von konkretem „Danketsu“ schafft elementares Klassenbewusstsein und ist die Voraussetzung für komplexes (revolutionäres). Teilelemente dessen sind Faktoren wie gegenseitige Hilfe (auch im Alltag), Einfühlungsvermögen, Kommunikationskompetenz, eine konstruktive und solidarische Diskussions- und auch Streitkultur (innerhalb der Klasse, versteht sich, nicht gegenüber dem Klassengegner). „Danketsu“ bedeutet auch, dass „niemand im Stich gelassen“ wird und spricht auch die Emotionen der Klasse an („Einer für alle, alle für einen“).
12. Es ist auch Aufgabe der revolutionären Kerne (der Vorläufer einer Organisation der Revolutionäre), ein solches elementares Klassenbewusstsein bei seiner Entstehung zu unterstützen und zu fördern. Die Reduzierung der eigenen Aktivitäten auf die Propagierung aller nur denkbarer Übergangsforderungen bewirkt allein rein gar nichts.
13. Eine Organisation der Revolutionäre kann sich sinnvoller Weise nur im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung (Ebene der Organisation der Arbeiter/innen/klasse) sinnvoll formieren. Nur in einem solchen praktischen Zusammenhang kann sie sich aus vorhandenen Organisationsansätzen in einem geduldigen Prozess der Diskussion, des Austausches, der Kritik, der geduldigen praktischen Zusammenarbeit herausbilden und letztlich auch in konkreten Fusionen (Zusammenschlüssen) münden. Die Organisation der Revolutionäre muss das politische und organisatorische Rückgrat der Klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung sein.

Ich füge hinzu, dass diese 13 Punkte durchaus eine solidarische Zusammenarbeit verschiedener Gruppen und Organisationen möglich machen und sogar nahe legen. Gewiss sind diese 13 Punkte noch kein revolutionäres Programm, das zur Begründung einer wirklichen revolutionären Arbeiter/innen/partei nötig ist.
Es handelt sich um einen methodischen Leitfaden für eine gemeinsame Praxis.
Aber auf dieser Grundlage könnten Trotzkisten verschiedener Fraktionen und Tendenzen, Brandlerianer, Linkskommunisten, klassenorientierte Anarchosyndikalisten, organisierte Autonome usw. solidarisch zusammenarbeiten.
Von daher schlage ich den am NAO Prozess beteiligten Gruppen diese 13 Punkte als methodischen Leitfaden für die Praxis vor.

Wie könnte eine Zusammenarbeit der am NAO-Prozess beteiligten Gruppen aussehen?

Revolutionäre haben drei wesentliche Aufgaben: Agitation (wenige Gedanken für viele), Propaganda (viele Gedanken für wenige) und Organisierung.
Was bedeutet aber Organisierung? Für wenige oder für viele?
Reicht es, wenn die Revolutionäre „sich selbst organisieren“, so dass dann die Massen, beeindruckt von den tollen Losungen und Forderungen, nur noch zu strömen brauchen?
Auch wenn viele Lenin für „erledigt“ halten, der Mann war immerhin Führer einer der wenigen erfolgreichen Revolutionen der Geschichte. 1912 schrieb er folgende Zeilen:
„In der gegenwärtigen Epoche ist die illegale Partei als Summe von Parteizellen, die von einem Netz legaler und halblegaler Arbeitervereinigungen umgeben sind, der einzig richtige Typ des Organisationsaufbaus.“
Klar, wir leben gerade mal nicht in einer Phase der Illegalität. Ist der Satz trotzdem Historie?
Was ist mit dem „Netz legaler und halblegaler Arbeitervereinigungen“, von dem Lenin spricht?
In der Sozialdemokratie vor und nach dem 1.Weltkrieg wurde von „Vorfeldstrukturen“ gesprochen, und das waren neben den Gewerkschaften Genossenschaften, Arbeitersportvereine, Freidenkerverbände, Naturfreunde, Geselligkeitsvereine, Kleintierzüchter- und sonstige „Hobby“-Vereinigungen usw. Der Austromarxist Otto Bauer beschrieb in seinem Buch „Die illegale Partei“ die geradezu wesentliche Funktion dieser „Vorfeldstrukturen“ als Multiplikatoren für die politische Wirksamkeit der illegal operierenden Parteizellen.
Für die Proletarier aber waren diese Strukturen ihre Organisationen und standen im Zentrum ihres Alltages.
Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen.
Dieses Netz legaler und halblegaler Arbeitervereinigungen, in denen „subjektive Revolutionäre“ heute arbeiten könnten und gar arbeiten würden, gibt es nicht.
Darüber zu jammern, dass die Sozialdemokratie all die schönen Arbeitervereinigungen korrumpiert habe, ist völlig unsinnig. Diese historischen Arbeitervereinigungen entstanden ab 1870 und wuchsen in nur 40 Jahren zu einer machtvollen Bewegung, die man unter Historikern gemeinhin Arbeiterbewegung nennt.
1970 ist jetzt auch über 40 Jahre her. 1970 war eine Art Höhepunkt der „Neuen Linken“. Die aus dieser „Neuen Linken“ hervorgegangenen Gruppen und Organisationen haben alle versagt, und zwar vollständig und umfassend. 40 Jahre sind Zeit genug.
Es wäre Zeit genug gewesen, ein solches Netz legaler und halblegaler Arbeiter/innen/vereinigungen aufzubauen und damit Erfahrungen zu sammeln.
Oh, gewiss, der „niedrige Stand der Klassenkämpfe“ und „das gering ausgeprägte Klassenbewusstein“. Das ist, als wenn ein Gärtner sich über seine ausgetrockneten Beete beklagte, weil zu wenig Wasser vorhanden sei und es auch nicht geregnet habe.

Die am NAO-Prozess beteiligten Gruppen sollten sich gemeinsam über dieses Thema Gedanken machen, und zwar gründlich und schonungslos.
Es gilt auch heute, mehr denn je, dichte Netze von legalen und halblegalen Arbeiter/innen/vereinigungen zu schaffen, in denen die „subjektiven Revolutionäre“, mit einem klaren, auf die Räterepublik ausgerichteten Programm, zu arbeiten beginnen, um nämlich die proletarische Klasse zu organisieren (und nicht zu schulmeistern).
Die Organisationsformen (die auch teilweise entdeckt und entwickelt werden müssen) müssen low level (niedrig-schwellig) sein, d.h. der Zugang und die Beteiligung durchschnittlicher Proletarier/innen muss leicht gemacht werden, muss sich an ihren (durchaus auch verschiedenen) sozialen, politischen, kulturellen, ja sogar sexuellen, künstlerischen, hobby-mässigen, psychischen usw. Interessen und Bedürfnissen orientieren. In diesen Strukturen müssen die „subjektiven Revolutionäre“ offen, aber nicht aufdringlich und einvernehmend (Mitgliederhunger) auftreten, Danketsu praktizieren („Kämpfen wir zusammen!“) und dabei unablässig ihr politisches Programm erklären.
Unabhängigen und autonomen Arbeiter/innen/vereinigungen wie dem Aktionsausschuss 100% S-Bahn ist jede Unterstützung zu gewähren. Überall in jedem Wohnbezirk, zu jedem Thema müssen solche Netze von Arbeiter/innen/vereinigungen entstehen.
Zu diesem Zweck müssen die „subjektiven Revolutionäre“ sich fest und teamorientiert auf klarer revolutionärer Grundlage zusammenschliessen und praktisch zusammenarbeiten.
Einen anderen Weg gibt es nicht.
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E-Mail: bronsteyn[at]gmx.de
Web: https://bronsteyn.wordpress.com

Written by bronsteyn

24. Juni 2012 at 5:59 pm

Vorhuterei – Aufruf zur Überwindung des Trottel-Trotzkismus

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In den 70er Jahren entwickelte sich in der GIM der Kampf zweier Linien.

Auf welche „Avantgarde“, auf welche „Vorhut“ sollte man sich orientieren?

Eine Mehrheitstendenz propagierte die „Verschmelzung mit der neuen Massenavantgarde“.

Was war unter dieser „neuen Massenavantgarde“ zu verstehen? Im wesentlichen der aus der Studentenrevolte hervorgegangene Wust von linken Organisationen, damals K-Gruppen genannt und vorwiegend mao-stalinistischer Organisationen (KBW, KB, diverse KPDs und KPD-MLs).

Dieser Kurs wurde später mit der Fusion mit der KPD/ML (Roter Morgen) zur „Vereinigten Sozialistischen Partei“ zur praktischen Vollendung gebracht. Er war in der Gesamtbilanz im wesentlichen durch Erfolglosigkeit gekennzeichnet.

Aus diesem Flügel der alten GIM ging letztlich die heutige isl hervor. Diese hat heute eine andere „Avantgarde“, eine andere „Vorhut“ im Visier, mit der sie sich gerne verschmelzen möchte. Es handelt sich um den Parteiapparat der Linkspartei.

Ein weiteres Debakel dieser Art, Politik zu machen, wird bei den Landtagswahlen in NRW bevorstehen. Denn die „Verschmelzung“ mit der „Vorhut“ eines reformistischen Parteiapparates ist dort vollendet und perfekt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Zimmermann_(Die_Linke)

Eine andere Tendenz in der alten GIM war die „Kompass-Tendenz“. Diese propagierte in Opposition zum Mehrheitskurs die Verschmelzung mit der „neuen Arbeitervorhut“.

Was war unter dieser „neuen Arbeitervorhut“ zu verstehen? Es war die Annahme (aufgrund einiger konkreter Streikbewegungen), dass eine neue militante Führungsschicht unter den ungelernten Arbeitern in Großbetrieben entstanden wäre. Analog zur Orientierung auf die neuen Massenavantgarde (im wesentlichen die mao-stalinistischen K-Gruppen) sollte die Verschmelzung mit dieser im wesentlichen zurecht phantasierten Vorhut die Aufgabe des Parteiaufbaus lösen.

Die aus der „Kompass-Tendenz“ hervorgegangene „Proletarische Fraktion“ ging in allen Ortsgruppen, wo sie Einfluss hatte, mit grosser Konsequenz an die Aufgabe heran, indem sämtliche Ansätze von Vorfeldstrukturen der GIM (damals vor allem im Schüler- und Studentenbereich) vollständig liquidiert wurden. Studenten, auch wenn sie aus Arbeiterfamilien kamen, wurden als Kleinbürger angesehen. Eine Praxis der „Umsetzungen“ (Studenten gaben ihr Studium auf und „proletarisierten“ sich) vollendete die Selbstliquidation der eigenen Organisation.

Diese Ausrichtung, die die verhängnisvolle Vorhuterei der Mehrheitstendenz wie ein Schatten begleitete, war von völliger Erfolgslosigkeit gezeichnet.

In gewissem Sinn stellt der RSB heute die Fortsetzung dieser Richtung dar.

Die Selbstliquidation der alten GIM war ein gemeinsames (und durchaus erfolgreiches) Werk beider scheinbar gegensätzlichen Tendenzen. Von der einstmals an die 600 Mitglieder starken GIM sind heute isl und RSB übrig geblieben (Immerhin: es gibt noch Überbleibsel, das ist positiv).

Beide stehen vor den Trümmern einer 40jährigen völlig verfehlten Politik.

(Im wesentlichen sind das die gleichen Leute wie 1975, nur sind die Reihen erheblich gelichtet und wo man damals nur unter jungen Leuten war, so heute nur unter „alten Deppen“ – ich zähle mich selbst dazu).

Was aber war der Fehler?

Im Unterschied zu vielen anderen trotzkistischen Kritikern meine ich, dass der zentrale politische Fehler beider Tendenzen nicht in erster Linie in „falschen Positionen“ und Einschätzungen begründet liegt, sondern in der Methode.

Ich will sie „Vorhuterei“ nennen.

Das Konzept ist nämlich jedes Mal gewesen, eine zu gewinnende „Vorhut“ zu identifizieren und zu glauben, durch Verschmelzung mit dieser jeweiligen „Vorhut“ erledige sich der konkrete Parteiaufbau. Diese „Verschmelzung“ beinhaltet gewöhnlich aber praktisch bisher meistens politische Selbstaufgabe.

Wie ist es möglich, dass eine historisch und programmatisch eigentlich erledigte politische Strömung wie die DKP, die vor der deutschen Vereinigung in Berlin noch gar nicht existierte, heute mit ca 150 Mitgliedern in Berlin die stärkste Strömung darstellt?

Ist es denn etwa notwendig, eine falsche politische Linie zu haben, um personell zu wachsen und sich zu verankern?

Ich richte meine Frage an die hier lesenden Mitglieder von isl und RSB.

Haben die deutschen Trotzkisten einfach rundum praktisch versagt?

150 organisierte Trotzkisten in Berlin wären heute sicher ein qualitativer Sprung in der Geschichte des Trotzkismus.

Warum dominieren heute links von der Linkspartei immer noch klaustrophobische stalinistische Sekten, deren Anziehungskraft auf die Mehrheit des Proletariats der eines Klärbeckens entspricht?

Liegt es an irgendeiner falschen abstrakten politischen Linie oder liegt es an grundlegenden Fehlern in der Arbeitsmethode?

Gewiss, es gibt eine Menge trotzkistischer Kleingruppen, die „den Pablismus“ des Vereinigten Sekretariats der 4. Internationale für dieses abgrundtiefe Versagen der deutschen Trotzkisten verantworlich macht.

Aber auch diese darf ich fragen; wie steht es denn mit euch selbst?

Der Aufstieg der SAV beispielsweise von einer ursprünglich klitzekleinen Gruppe um eine Zeitung „Voran“ zeigt, dass es offensichtlich auch möglich ist, mit falschen politischen Linien das praktisch richtige zu tun, nämlich neue Aktivisten zu gewinnen und in eine politische Praxis einzubinden. Und die Linie der SAV, durch Entrismus in die Linkspartei den Apparat und die passiven Mitglieder dieser Partei nach links „zu drücken“ ist offenkundig ebenso falsch wie die Linie der Verschmelzung mit dem Apparat, wie es die isl praktiziert.

Trotzdem machte aber die SAV trotz einer falschen politischen Linie einiges doch „richtiger“ als die anderen, denn sie darf als die stärkste trotzkistische Gruppierung derzeit gelten.

Gewiss: auch diese Strömung hat es geschafft, ihren einstmals durchaus hohen politischen Kredit aus WASG-/BASG-Zeiten zu verspielen (Hintergrund war anscheinend, dass ein Beschluss der internationalen Leitung der CWI die SAV zwang, sich mit einem Großteil des kritischen WASG-Potentials zu überwerfen und in die Linkspartei zu entrieren).

Damit wären wir bei den zahlreichen trotzkistischen Kleingruppen, die wortreich sowohl die isl, als auch den RSB, als auch die SAV mit „richtigen politischen Linien“ kritisieren.

Diese Gruppen möchte ich gern unter dem Begriff „Eunuchen-Trotzkismus“ subsummieren.

Was ist ein Eunuche?

Ein Eunuche weiß genau, wie es richtig geht, ist aber selbst völlig unfähig, es auch zu tun.

(Hintergrund: Eunuchen im alten China und im Orient hatten ursprünglich die zentrale Aufgabe, den asiatischen Despoten in Sachen sexueller Befriedigung der umfangeichen Harems zu beraten und entsprechende Vergnügungen desselben zu organisieren)

Wer es selbst nicht kann, kann aber immerhin anderen vorhalten, es nicht zu tun. Das ist durchaus schlau und nützlich. Da die eigene Praxisunfähigkeit dadurch bestens kaschiert wird und zudem die kritischen Kritiker sich in dem Licht sonnen können, es immer besser zu wissen als alle anderen, hat man sich dadurch auch eine lauschige Nische im Sumpf der „linken Szene“ gesichert.

Zwar können nur Trottel ernsthaft annehmen, man könne die eigene Mitgliederzahl vor allem und im wesentlichen dadurch erhöhen, indem man in allen nur denkbaren Varianten die anderen Gruppen der Fehler bezichtigt, die man selbst unfähig ist, auch nur ansatzweise zu machen, aber um die Lösung der Führungskrise des Proletariats geht es dabei auch gar nicht so sehr.

Eine Gruppe braucht eine Gruppenidentität, und in Ermangelung eigener programmatischer und strategischer Klarheit ist die Kritik der kritischen Kritik immer die naheliegende Wahl.

Da man selbst diese Fehler gar nicht machen kann, kommt man auch gar nicht erst in die Versuchung, sie auch selber zu machen. Wer etwas tut, macht Fehler. Wer nichts tut, macht aber keine Fehler. Wer aber nichts anderes tut, als anderen Fehler vorzuhalten, braucht auch nichts weiter zu tun, um sich gefahrlos wichtig zu machen.

Ein typischer Vertreter solcherart Typs von Eunuchen-Trotzkismus ist sicherlich die Spartacist-Arbeiterpartei, die selbst dann wohl verhasst wären, wenn ihre Losungen „Nachts ist der Himmel dunkel“ oder „Wasser fliesst gemäß der Schwerkraft von bergauf nach bergab“ lauten würden. Aber es sind nicht die allseits isolierten Sparts allein, so gut wie jede andere kleinere trotzkistische Gruppe ist da mehr oder weniger hinzuzuzählen, auch diejenigen, die meinen, mit einer tollen „Mutterorganisation“ irgendwo im Ausland würde sich das Problem der Praxis vor Ort von selber lösen.

Worin aber liegt der Kardinalfehler?

Er liegt darin, dass es gar keine wirkliche revolutionäre Praxis gibt.

Die Praxis einer revolutionären Organisation ist die Mobilisierung und Organisierung des Proletariats entlang seiner sozialen Interessen bis zur Machtergreifung.

Praxis besteht insofern in 1.) Aufklärung 2.) Organisierung und 3.) Mobilisierung.

Die Praxis von revolutionären Kommunisten muss in dieser Hinsicht im Grunde in der ständigen Kommunikation mit Menschen bestehen, die es noch nicht sind.

Dies würde eigentlich bedeuten, sich mit Fragen wie dem Aufbau von Vorfeldstrukturen, der Organisierung von Basisinitiativen am Arbeitsplatz oder am Wohnort beschäftigen zu müssen.

Aber seltsamerweise geschieht das nicht, auch nicht in NAO-Prozess.

Warum nicht?

Wenn es eine Einheit der subjektiven Revolutionäre herbeizuführen gilt, dann muss das vor allem in der Praxis sein. In Rahmen einer gemeinsamen Praxis, einer wirklichen Praxis, können erst Differenzen in den Positionen geduldig geklärt werden.

Die Frage aber, ob diversen „richtigen“ trotzkistischen Positionen gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß die Trotzkistin, der Trotzkist die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines/ihres Denkens beweisen. Der Streit über die Richtigkeit oder Nichtrichtigkeit von Losungen und Forderungen  – der von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.

(Irgendwo habe ich das so ähnlich schon einmal gelesen? Nur wo?)

Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch.

Alle Mysterien, welche den Trotzkismus zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.

In diesem Sinne rufe ich Trottel-Trotzkisten (die sich mit Vorhuten fangen und mit ihr verschmelzen beschäftigen) und Eunuchen-Trotzkisten (die alles besser wissen, aber nichts können) auf, über diese Thesen nachzudenken und mit mir in den Austausch zu treten.

Ja: auch ich zähle mich sowohl zu den Trottel-Trotzkisten als auch den Eunuchen-Trotzkisten und suche nach jenen, die den bestehenden Zustand überwinden und an den konkreten Parteiaufbau gehen wollen.

Wer sich ob positiv oder negativ von diesem Text angesprochen fühlt, den bitte ich, sich mit mir in Verbindung zu setzen, um uns dazu auszutauschen.

Bronsteyn[at]gmx.de

Nachtrag:

Ich blicke persönlich auch auf eine lange Kette von vielen Misserfolgen und wenigen Erfolgen zurück. Die geäusserte Kritik habe ich insofern auch an mir selbst geübt.

Wenn ich aber zusammenzufassen versuche, worin das „Geheimnis“ meiner wenigen Erfolge lag, dann war es folgendes:

Leitfaden zur Gewinnung von Aktivisten

  • Unbedingte Vermeidung des Eindrucks seminarmarxistischen Besserwisser-Tums
  • Erstens: Würdigung des Gesprächspartners
  • Zweitens: Konkretes Angebot einer konkreten gemeinsamen Praxis (welche auch immer)
  • Drittens: (und erst hier) im Rahmen der Zusammenarbeit geduldige Diskussion der bestehenden Differenzen

Written by bronsteyn

10. Mai 2012 at 12:01 pm

Die Wärmestrom-Seite Lenins

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Im NAO-Blog hat Systemcrash eine Debatte um den Begriff „Wärmestrom“ angestossen.

http://www.nao-prozess.de/blog/projekt-warmestrom-zur-kritik-der-waffen-der-kritik/

Kältestrom und Wärmestrom sind gesellschaftsanalytische Begriffe in „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch:

  • mit Kältestrom ist die nüchterne exakte Gesellschaftsanalyse als Kritik der politischen Ökonomie gemeint;
  • mit dem Wärmestrom eine Gesellschaftsanalyse, die von den Erwartungen (Hoffnungen) der Menschen ausgeht.

Stellt die Berücksichtigung der Wärmestrom-Seite revolutionärer Politik nun gar eine Revision etwa der „Leninistischen Parteikonzeption“ dar?

Zunächst einmal möchte ich die These aufstellen, dass ein Großteil dessen, was seit Jahrzehnten als „leninistische Parteikonzeption“ verkauft wird, Teil der „Bolschewismus-Legende“ ist, die ab 1921 von G. Sinowjew entwickelt wurde, von Stalinismus begeistert aufgenommen und zu einem absurden Konstrukt ausgebaut wurde und in seiner Starrheit dafür veranwortlich ist, dass revolutionäre Kerne, die sich dieser mythischen Abstraktion verschrieben, politisch erfolglos blieben.

Aber daran ist aus meiner Sicht Lenin weitgehend unschuldig.

Wenn es eine wirklich prägnante Zusammenfassung von Lenins grundsätzlichem Verständnis einer revolutionären Arbeiterpartei gibt, dann findet sie sich in seiner Schrift „Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit des Kommunismus“, im 2. Kapitel.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/kap02.html

Der zentrale Absatz dieses Kapitels ist derjenige, in dem Lenin folgende Frage aufwirft:

Sollte man nicht lieber die der Sowjetmacht und den Bolschewiki gezollten Beifallskundgebungen häufiger mit einer sehr ernsten Analyse der Ursachen verknüpfen, die bewirkten, daß die Bolschewiki die für das revolutionäre Proletariat notwendige Disziplin schaffen konnten?

Und da taucht vor allem die Frage auf: wodurch wird die Disziplin der revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten? wodurch wird sie kontrolliert? wodurch gestärkt?

Vulgär“leninistische“ Plattköpfe würden an dieser Stelle ihren Vorstellungen entsprechend natürlich jetzt Ausführungen Lenins über „demokratischen Zentralismus“ und „Kader“-Bildung erwarten.

Doch dieser Text ist von Lenin selbst und nicht von irgendeinem Epigonen, der von der Sinowjewschen Bolschewismus-Legende befangen ist.

Lenin war nämlich ein Genie.

Zwar kannte er die Unterscheidung der Ebene Kältestrom – Wärmestrom (Bloch) in der Form noch nicht, aber er hatte stets beide Ebenen in Blick, wobei, wie ich zeigen werden, die Ebene des Wärmestroms ihm die entscheidende und wichtige in der praktischen Politik war.

Lenins Antwort auf die selbst gestellte Frage zu Disziplin lautete:

Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletariscben werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Ich möchte an allen drei Punkten herausarbeiten, worin die Wärmestrom-Seite an Lenins wirklicher Parteikonzeption bestand.

Erstens durch das Klassenbewußtsein der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution, durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus.

Klassenbewusstsein der proletarischen Avantgarde kann man durchaus als Kältestrom – Aspekt auffassen. Aber alle anderen von Lenin genannten Punkte sind Wärmestrom-Aspekte: Ergebenheit für die Revolution, Ausdauer, Selbstaufopferung, Heroismus. Ist es ein Zufall, dass es sich im wesentlichen um emotionale Faktoren handelt? Keineswegs.

Es sind auch keine Faktoren, die sich künstlich schaffen liessen, sondern ihre Basis in den Leidenschaften und Überzeugungen der Akteure besitzen müssen.

Ein Mensch, der nicht durchdrungen ist von der realen und konkreten Utopie der Schaffung einer vergesellschafteten, menschenwürdigen Gesellschaft, kann weder Ergebenheit, Ausdauer noch Heroismus aufbringen. Ein treffender zusammenfassender Ausdruck wäre auch Begeisterung.

Vulgärleninisten reduzieren diesen Satz gern auf „Klassenbewusstsein“ und verballhornen diesen Begriff zusätzlich noch dadurch, dass sie ihn auf abstrakte Kritik der Lohnarbeit und des Wertgesetzes reduzieren. Damit ist aber Lenins Satz weitgehend inhaltlich entkernt.

Die Kritik des Kapitalismus kann nur Kopf der Leidenschaften sein, und darf nicht blosse Leidenschaft des Kopfes sein, denn solches ist nicht anziehend.

Die von Lenin benannten Wärmestrom-Aspekte sind allerdings aus nach aussen anziehend, überzeugend, wenn sie von wirklicher Begeisterung getragen werden.

Dass sich unter diesen Voraussetzungen Disziplin ganz anders darstellt als ein Postulat, eine Forderung, versteht sich von selbst.

Zweitens durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen, in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern, ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu verschmelzen.

Auch dieser Satz wird immer wieder zitiert und selten in seiner ganzen Wahrheit verstanden. Nämlich auch hier gibt es einen deutlichen und klaren Wärmestrom-Aspekt.

Die Fähigkeit der Annäherung an die werktätigen Massen, der Verschmelzung bis zu einem gewissen Grade mit ihnen, setzt eine Qualität voraus, die man als Einfühlungsvermögen beschreiben kann und die nach heutigem Stand der Wissenschaft der sogenannten emotionalen Intelligenz zuzuordnen ist. Ohne dieses Einfühlungsvermögen in das subjektive Bewusstsein derjenigen Sektoren der Massen, mit denen man es zu tun hat, ist diese „Annäherung“ im besten Falle eine oberflächliche Maskerade, die schnell durchschaut wird.

Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung, die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.

Auch dieser Satz wird oft zitiert und meistens in seiner vollen Tragweite nicht wirklich verstanden. Alle möglichen speziell trotzkistischen Sekten reduzieren und entkernen diesen Satz zu etwas, was ich Eunuchen-Trotzkismus nennen möchte. Ein Eunuche weiß genau, wie es richtig geht, ist aber für immer unfähig, es selbst zu tun. Aus diesem falschen Verständnis heraus rührt das verbreitete Besserwissertum vieler Sekten, wenn sie glauben, durch Kritikastertum irgendwen davon zu überzeugen, dass sie die „richtige politische Führung“ wären.

Das war aber nicht das, was Lenin hier zum Ausdruck bringen wollte. Lenin war kein Trottel, sondern ein Genie. Was er hier sagt, ist unmittelbar praktisch zu verstehen, denn er spricht von einer „verwirklichten“ politischen Führung, und keiner im Kopf eingebildeten.

Kein Eunuchen-Trotzkismus kann sich hier auf ihn stützen.

Er spricht von der Richtigkeit einer „verwirklichten“ politischen Führung, von deren Richtigkeit sich die Massen „durch eigene Erfahrung“ überzeugen. Und hier ist auch ganz offensichtlich auch eine wirkliche „eigene Erfahrung“ zu verstehen, und keine, die sich Sektenmitglieder in ihren eigenen Köpfen vorstellen.

Und was den Wärmestrom-Aspekt angeht: wovon Lenin hier spricht ist der Aufbau von Vertrauen.

Aufbau von Vertrauen ist etwas, das auch entscheidend mit der Ebene der Gefühle und Emotionen zu tun hat.

Aufbau von Vertrauen – das ist Lichtjahre entfernt von der Neigung vieler Sekten zu Intrigen und Manövern, eine geradezu grassierende Pest in vielen Gruppen subjektiver Revolutionäre. Wo Vertrauen nicht in der praktischen Zusammenarbeit untereinander aufgebaut werden kann, da kann es auch nicht „mit den Massen“ aufgebaut werden.

Ich darf also zusammenfassen, worin aus meiner Sicht auf der Wärmestrom-Ebene die wirkliche Leninsche Parteikonzeption besteht:

Erstens in der Formierung von Kernen begeisterter, überzeugter Kommunisten im ursprünglichen Sinn.

Zweitens in der Entwicklung von praktischem Einfühlungsvermögen dieser Kerne in die Sektoren der Massen, in die sie praktisch und solidarisch einwirken.

Drittens in der Fähigkeit, Vertrauen zwischen sich selbst und diesen Sektoren aufzubauen, wodurch sich erst auch das eigene personelle Wachstum ergeben kann.

Unter diesen Voraussetzungen ist das Thema der Disziplin (Verbindlichkeit) eines, das sich von selbst löst.

Lenin schließt seine Ausführungen zu dieser Frage ab mit den Worten:

Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein, deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden. Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen, unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie, die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären Bewegung endgültige Gestalt annimmt.

Wenn ich hier die Wärmestrom-Seite Lenins hervorgehoben habe, dann nicht deswegen, weil ich die „kalte“ rationale Kältestrom-Seite deswegen unter den Tisch kehren wollte.

Aber die aus meiner Sicht groteske Überausrichtung vieler Strömungen auf die blosse Kritik des Kapitalismus ohne die bewusste Schaffung einer revolutionären Hoffnung, die an den Erwartungen der Menschen anknüpft, ist aus meiner Sicht eine Hauptursache für die gesellschaftliche Isolation der revolutionären Linken.

Die Zersplitterung in dutzende, ja hunderte von Kleinstgruppen ist ein Ausdruck davon.

Das muss überwunden werden.

Written by bronsteyn

7. Mai 2012 at 1:28 am

Projekt “Wärmestrom” – Zur Kritik der Waffen der Kritik

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Von systemcrash

http://systemcrash.wordpress.com/2012/05/04/projekt-warmestrom-zur-kritik-der-waffen-der-kritik/

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[MATERIALIEN ZUR METHODISCHEN NEUBEWAFFNUNG DER REVOLUTIONÄREN LINKEN]

Vorbemerkung

der gen. Bronsteyn von der MI und ich sind uns einig, dass die radikale linke neben der nüchternen analyse der gesellschaftlichen verhältnisse eine zukunftsweisende utopie braucht, die die ebene der gefühle, hoffnungen und träume “breiter Massen” anspricht. wir haben uns für die darstellung dieser “zweiten ebene” drei themenkomplexe herausgesucht, die wir als zentral für dieses vorhaben ansehen.

(1) das konzept der attraktiven arbeit bei Fourier. da gibt es von bronsteyn bereits sehr entwickelte vorarbeiten(vergl. https://bronsteyn.wordpress.com/2012/04/03/%E2%80%9Etravail-attractif-anziehende-arbeit/)

(2) die begriffe “kältestrom/wärmestrom” in der philosophie von Ernst Bloch. die will bronsteyn für die (organisations)debatte der radikalen linken fruchtbar machen (noch in planung, vergl. dazu: http://systemcrash.wordpress.com/2012/04/30/analyse-und-hoffnung/)

(3) der versuch, psychoanalyse und marxismus miteinander zu verbinden in der arbeit von Wilhelm Reich. zu dem punkt möchte ich einige beiträge leisten. (siehe auch: http://systemcrash.wordpress.com/2011/12/06/wilhelm-reich-was-ist-klassenbewusstsein/)

im moment befinden wir uns noch — mit der löblichen ausnahme von punkt (1) — in der phase der materialsammlung. ich veröffentliche den text trotzdem, damit mögliche anregungen, einwände und kritikpunkte mit in die ausarbeitung ggfls. einfliessen können.

[ad (3)]

DIE VERBINDUNG VON PSYCHOANALYSE UND MARXISMUS IN DER ARBEIT VON WILHELM REICH UND IHRE IMPLIKATIONEN FÜR DIE ORGANISATIONSDEBATTE DER RADIKALEN LINKEN

A. Thesen für eine erweiterte politische Methodik (“Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse”)

der name von Wilhelm Reich steht für den versuch, marxismus und psychoanalyse miteinander zu verbinden. es gibt zwar auch andere autoren und denkschulen, die ähnliches versucht haben, aber Reich war wohl der einzige, der BEIDE bereiche auch kompetent handhaben konnte. natürlich gibt es von beiden seiten erhebliche politische und weltanschauliche bedenken. schon Reich musste sich damit auseinandersetzen und er zitierte den marxistischen historiker (und china kenner)

Wittfogel:

“einzelne marxistische kritiker – die ‘bilderstürmer’ – machen es sich bei der beurteilung der heute bestehenden wissenschaft sehr leicht. sie murmeln mit einer zusammenfassenden geste: ‘bürgerliche wissenschaft!’, und damit ist für sie die ganze wissenschaft abgetan, das problem erledigt. (…) der dialektiker weiss, dass eine kultur nicht einheitlich ist, wie ein scheffel erbsen, sondern dass jede gesellschaftsordnung ihre widersprüche hat und dass in ihrem schoße die ausgangspunkte neuer gesellschaftsepochen keimhaft vorbereitet sind. für den dialektiker ist also keineswegs schon alles, was im bürgerlichen zeitalter von bürgerlichen händen geschaffen wurde, minderen wertes und für die zukunftsgesellschaft unverwendbar.” (Wittfogel, zit nach Reich, Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse)

worum es also geht, ist den wissenschaftlichen gehalt der psychoanalyse für den marxismus fruchtbar zu machen, und nicht das “bürgerliche” weltbild oder andere philosophischen überzeugungen einzelner analytiker zum ausgangspunkt der kritik zu machen (was übrigens selbst eine ‘idealistische’ herangehensweise wäre). überhaupt scheint es über den angeblichen gegensatz von materialismus und idealismus in der linken zu viele anhänger des vugärmaterialismus zu geben.

hierzu marx in den ökonomisch-philosophischen manuskripten:

” Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; (man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.”

nach marx ist also der “gegensatz von materialismus und spiritualismus” kein theoretischer (oder erkenntnismässiger) sondern abhängig vom gesellschaftlichen zustand und seine überwindung eine “wirkliche lebnsaufgabe” und keine philosophische oder weltanschauliche. jeder anhänger einer nondualen weisheitslehre (z b ZEN) würde marx hier absolut zustimmen.

auch friedrich engels hat sich schon über die vulgärmaterialistische verballhornung der marxschen lehre aufgeregt:

“Nach materialistischer Anschauung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und die Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig Bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfes und seine Resultate -, Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw., Rechtsformen und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politischen, juristische und philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zum Dogmensystem, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch all die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so unerreichbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten und vernachlässigen können) als notwendig sich die ökonomische Bewegung durchsetzt. Sonst wäre die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.”

man sieht, das sein bestimmt zwar das bewusstsein, aber das bewusstsein wirkt eben auch wieder auf das sein zurück. das ganze wird noch dadurch komplizierter, dass die gesellschaftliche lage nicht automatisch ein entsprechendes bewusstsein erzeugt. sondern beides kann schroff auseinderfallen; und dies ist sogar der normalfall. wenn es anders wäre, würde es in der geschichte nur so wimmeln von revolutionen. dem ist aber nicht so, und die ursache dafür ist genau dieses auseinanderfallen von gesellschaftlichem sein und bewusstsein.

genau an dieser stelle kommt die psychanalyse ins spiel. ist ist nämlich ein scharnier zwischen den endpunkten “ökonomische struktur der gesellschaft” und “ideologischer überbau”, dadurch dass sie das seelenleben des VERGESELLSCHAFTETEN menschen untersucht. marx kannte noch keine psychologie, aber er wusste sehr wohl, das geschichtliche abläufe sowohl von äusseren als auch INNEREN faktoren abhängig sind:

“Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständlicheTätigkeit.”

“Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.

Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.” (thesen über feuerbach)

man sieht, bei marx gibt es keinen “weltanschaulichen” gegensatz von materiellen bedingungen und bewusstseinsstrukturen, sondern er synthetisiert diesen dualismus im begriff der “revolutionären praxis” (hebt ihn im hegelschen sinne auf), die sowohl die umstände als auch den menschen mit diesen umständen durch ihre und in ihrer selbstaktivität verändert. beides sind also sich gegenseitig bedingende und wechselwirkende prozesse, wo es keinen “primat” gibt (wie beim dilemma von henne und ei), sondern beides ist eben EINS (natürlich ist dies der idealfall. unter konkreten historischen bedingungen klafft immer eine lücke zwischen theorie und praxis, die aber annäherungsweise immer mehr geschlossen wird)

um diese lücke zu schliessen, benötigt die radikale linke sowohl die analyse der ökonomischen struktur als auch die psycho analyse des seelenlebens des vergesellschafteten menschen, um theorie und praxis auf EINEN begriff zu bringen: revolutionäre (theoretische) praxis !

B. Kritik am “Fetisch Politik” (“Was ist Klassenbewusstsein?“)

Reich kritisierte die falsche politik der KPD angesichts des heraufziehenden hitlerismus und zeigte auf, das sie es nicht verstand zu verstehen, “was in den Massen vorgeht”. sie blieb quasi auf der ebene des “kältestroms” und konnte dadurch den bereits latenten sympathien für den nazismus nichts adäquates entgegensetzen (ich sehe hier durchaus schnittpunkte zwischen Reich und trotzkis schriften über deutschland). so wie es Ernst Bloch sinngemäss zusammenfasste: die linken sagten die wahrheit, aber die nazis erreichten die herzen der menschen (quelle ?)

im grunde haben wir es beim “fetisch politik” mit einem ganz simplem phänomen zu tun, was symbolhaft im märchen “des kaisers neue kleider” schon ausgedrückt wurde. man lässt sich beindrucken von den “hohen” formen der politik, diplomatie, unverständliche sprache, symbolen der nationalen “Macht und Würde” etc und wendet sich entweder ab oder macht diesen mummenschanz mit. beim ersten fall befindet man sich im widerspruch, das man leuten, die man für halunken hält, die politischen geschäfte überlässt, die einen auch durchaus selbst betreffen. im zweiten fall macht man sich zum bestandteil des systems und kann keine revolutionäre alternative mehr “denken” (es handelt sich in der tat um ein “denktabu” ab einem bestimmten grad politischer degeneration). dass ein kind sagte “der kaiser ist ja nackt!” ist das symbol dafür, dass wir relativ von diesen kulturellen vordeformierungen (anpassungsdruck, gehorsamkeitskult) unbeleckt sein müssen, um den baum vor lauter wald noch sehen zu können und einfache wahrheiten auch einfach und klar aussprechen zu können. “LAND BROT FRIEDEN!” der bolschewiki konnte selbst wahrscheinlich ein analaphetischer bauer verstehen, die diplomatischen noten der berufspolitiker sollen bewusst nicht von den breiten Massen verstanden werden. demagogie und bewusst verschleiernde sprache sind immer ein zeichen dafür, dass eigene interessen im spiel sind. die wahrheit der revolutionäre braucht keine demagogie, sie ist einfach und klar und appeliert bewusst an das kritische selbstvermögen breitester “volksmassen”, um diese im eigenen, wohlverstandenen interesse zur “selbstermächtigung” zu mobilisieren.

Written by bronsteyn

4. Mai 2012 at 11:08 am

Thesen zum System überlappender Gruppen nach Rensis Likert

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Das Konzept des Systems überlappender Gruppen wurde von Rensis Likert als Alternative zu den auf Kommandostrukturen basierenden traditionellen Stab-Linien-Systemen entwickelt.

Es weist weit über die Intentionen des Entwicklers hinaus, im Spätkapitalismus die Beschäftigten (die Arbeiter und Angestellten) ins Management partizipativ zu integrieren.

Geringfügig erweitert durch die Wählbarkeit der Vorgesetzten in diesem System stellt es das Grundmuster der Betriebsorganisation im Sozialismus dar.

Das System der überlappenden Gruppen ist insofern allen bisherigen Systemen überlegen, da es diese (hierarchischen Systeme) unter anderem auch als Subsysteme darzustellen vermag. Es ist insofern ein Meta-System.

Das System überlappender Gruppen eignet sich aber auch zur Konstruktion und Darstellung hochkompexer Organisationen auf nichthierarischer, herrschaftsfreier Basis.

Der Sozialismus kann auf dieser Grundlage folgendermassen beschrieben werden:

Es handelt sich um ein Gesellschaftssystem, in dem die Schlüssel-Industrien in Gemeineigentum überführt sind. Der sozialistische Übergangsstaat (der Arbeiterstaat) definiert die Rahmenrichtlinien der wirtschaftlichen Aktivität dieser vergesellschafteten Unternehmen, die im Grunde Dienstleister im Dienst der gesamten Gesellschaft sind. Die Vorgesetzten in diesen Unternehmen werden von den Beschäftigten gewählt; in likertschen Kategorien ausgedrückt: das Team bestimmt über seine Linking Pins zu anderen Teams.

Im Kommunismus wird es, wenn der sozialistische Arbeiterstaat abgestorben ist, keine Rätedemokratie mehr geben (Auch die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit ist Herrschaft, wie Engels schon feststellte). Aber es wird weltumspannende Systeme mit einander kooperierender überlappender Gruppen geben, die von hoher Komplexität sein werden und im weitesten Sinne Serien im Sinne Charles Fouriers darstellen werden.

Das von Rensis Likert entwickelte Konzept der Linking-Pin-Gruppen weist insofern weit in die Zukunft.

Das System der überlappender Gruppen muss daher von revolutionären Linken erfasst, angeeignet und kreativ aufgegriffen werden.

nähere Erläuterungen zum Likertschen System:

https://bronsteyn.wordpress.com/2012/04/22/basis-konzepte-fur-eine-sozialistische-wirtschaft-im-21-jahrhundert/

Merkmale des Likertschen System der überlappenden Gruppen (Linking Pin Model):

– Basisstruktur ist die Gruppe, das Team (nicht wie im traditionellen Stab-Linien-System, die Stelle)

– die Überlappung ist ein wesentliches Merkmal und bedeutet, dass ein Mitglied einer Gruppe auch Mitglied einer anderen Gruppe, sogar mehreren, sein kann

– Die Überlappung stellt eine Schnittstelle zwischen zwei Gruppen dar. Sie kann hierarchischen Charakter haben, muss es aber nicht.

– Das System kann sowohl hierarchische als auch nicht-hierarchische (vernetzte) Strukturen darstellen.

– Jede nur mögliche Form der Entscheidungsfindung ist in diesem System denkbar.

Written by bronsteyn

25. April 2012 at 12:40 pm

Basis-Konzepte für eine sozialistische Wirtschaft im 21. Jahrhundert

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Mit diesem Artikel möchte ich die modernsten und fortgeschrittensten Management- Konzepte des 21. Jahrhunderts vorstellen und aufweisen, wie sie nach Modifikationen und Erweiterungen zu strukturellen Basiskomponenten einer sozialistischen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sein könnten.

Die hier vorgestellten Texte entstammen rundweg nicht einer innerlinken Diskussion oder gar einem Diskurs innerhalb einer revolutionären Linken, sondern von Organisationspsychologen und Organisationstheoretikern, die im weitesten Sinne an bürgerlichen Eigentumsformen orientiert sind.

Lenin nannte 1917 (in „Staat und Revolution“) als ein Beispiel  für die Organisierung der sozialistischen Wirtschaft die deutsche Reichspost, welche in dieser Zeit als der fortgeschrittenste Ausdruck einer effizienten Ökonomie angesehen werden konnte. Das ist rund 100 Jahre her, und heutzutage finden sich nicht wenige „Besserwisser“, die der Meinung sind, dass genau darin der „Kardinalfehler“ der russischen Revolution bestanden hätte. Lenin-Bashing ist immer noch „modern“ in einer Linken, die insgesamt weder in der Lage ist, eine sozialistische Gesellschaft zu beschreiben noch eine eine wirklich glaubwürdige Alternative zur „There is no alternative“-Propaganda des Neoliberalismus zu präsentieren.

Extremstes Beispiel sind Konzeptionen, die in einer strikten Ablehnung jeder Form von Planwirtschaft und der Propagierung einer Dezentralisierung und Kommunalisierung um jeden Preis für eine solche Alternative halten. Die Wirtschaftsorganisation einer sozialistischen Zukunftsgesellschaft muss aber aus den entwickeltesten Konzeptionen des Spätkapitalismus heraus entwickelt werden, und das kann nicht mehr die deutsche Reichspost sein, weil es diese (durch de facto Privatisierung der deutschen Post)  gar nicht mehr gibt.

Zunächst möchte ich eine Lehrpräsentation von Dr. Niclas Schaper  vorstellen, „Einführung in die Organisationspsychologie“.

scha-Einfuehrung_AO_09-05-06

In dieser Lehrpräsentation werden zwei Ansätze der  modernen Organisationspsychologie vorgestellt:

– die humanistische Managementtheorie nach Douglas MacGregor (X- und Y- Theorie)

– die Theorie der 4 Führungssysteme und das System der überlappenden Gruppen von Rensis Likert

Wieso ist das relevant für eine Sozialismus-Konzeption im 21. Jahrhunderts?

Ganz einfach: die deutsche Reichspost (von Lenin als Beispiel genannt) entsprach nach Douglas MacGregor der X-Theorie und nach Rensis Likert einer der beiden Varianten eines autoritären Führungssystems, und das unabhängig von der Eigentumsfrage.

Verstaatlichte Betriebe wurden bisher im Kapitalismus nicht anders geführt als privatkapitalistische. Dieser Umstand verführte und verführt auch viele pseudolinke Narren  dazu, es für gleichgültig zu halten, ob ein Unternehmen in privatem Eigentum ist oder Gemeineigentum darstellt.

Bis zum 2. Weltkrieg waren Stab-Linien-Organisationen in privater Wirtschaft, in der Staatsverwaltung und im Militär absolut vorherrschend, eine Struktur, die aus dem Militärwesen entlehnt wurde und dort seit 2000 Jahren seine Ausprägung erfuhr. Zumindest gedanklich wurde diese absolute Vorherrschaft der Stab-Linien-Organisation von Rensis Linkert durch sein Linking-Pin-Model durchbrochen.

Das sieht schon nicht mehr nach einem gewöhnlichen Organigramm aus, das nur Unter- und Überordnung von Personen und entsprechende Weisungs-Linien darstellt. Hier bei Likert spielt das Team eine zentrale Rolle: jedes Dreieck stellt ein Team dar.

In diesem System überlappender Gruppen gibt es Personen, die mehr als nur einem Team angehören, die Linking Pins.

Gewiss: in dieser Darstellung bleiben die Menschen auf der untersten Ebene einfache Weisungsempfänger. Doch Likerts System lässt sich auch erweitern und modifizieren.

Angenommen, dass in diesem Linking Pin Modell alle Vorgesetzten von dem Basis- Team gewählt und delegiert werden, dem sie angehören, dann ergibt sich eine völlig andere Dynamik des Modells. Dann dient es nämlich nicht mehr zur partizipativen Integration der Beschäftigten in die Interessen der Unternehmensspitze (die ja in aller Regel vom Eigentümer gestellt wird), sondern der Selbstorganisation der Beschäftigten in einer Organisation.

Dies möchte ich noch etwas verdeutlichen.

Likert ging vom Standpunkt des Unternehmens (und damit des Eigentümers) aus, um ein Management-Modell vorzuschlagen, das im Prinzip die traditionelle Stab-Linien-Organisation zugunsten eines Meta-Systems aufzuheben,  das auf Partizipation setzt.

Meta-System deshalb, weil es durchaus in der Lage ist, auch diese Stab-Linien-Organisationen mit ihrer hierarchischen Ordnung darzustellen:

Linking Pin Model in hierarchischer Form

Es ist aber ebenso gut in der Lage, eine Netzwerk aus im Prinzip gleichberechtigten Teams zu konstruieren:


Einen weiteren interessanten Text, der die aktuellen Grundkonzepte der Arbeits- und Organisations psychologie darstellt, ist dieser hier:

Vertiefungskurs „Theorien der Organisation“

Folien_VO_Theorien

Hier bitte beachten, welche wichtige Rolle die Likertsche Unterteilung der Management-Systeme spielt. Der von Likert preferierte Stil ist der des kooperativen partizipativen (von ihm als „System 4“ bezeichnet).

Unter den Bedingungen des Privateigentums an Produktiobsmitteln und einer insgesamt kapitalistischen Wirtschaft würde Likerts „System 4“ natürlich bestenfalls nur auf eine für die Beschäftigten besonders erträglich und deshalb besonders effiziente   Ausbeutung der Lohnarbeit hinauslaufen. Aber des Bild ändert sich, wenn wir von einer Gesellschaft ausgehen, in der die Schlüsselindustrien in Gemeineigentum übergegangen sind.

Hinzugenommen das Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten durch die Beschäftigten haben wir dann ein Baismodell für eine sozialistische Wirtschaft.

Ein weiteres Script von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien gibt nochmal einen Überblich über  Wirtschaftspsychologie I: Arbeits- und Organisationspsychologie

Wirtschaftspsychologie I: Arbeits- und Organisationspsychologie

Wirtschaftspsychologie-1-Zusammenfassung

Einen weiteren interessanten Text habe ich hier:

Die_Kreativen_Kraefte_der_Selbstorganisation

Hier taucht der Begriff „GEWALTFREIE STEUERUNG (FÜHRUNG)“ auf. Gewaltfetischisten (von denen es unter vorgeblichen Revolutionären nicht wenige gibt) und unverbesserliche Sektierer mögen aufschreien bei dem Begriff „gewaltfrei“. Allerdings: es geht hier ganz und gar nicht um Beziehungen zwischen Klassen, sondern…:

Betrachten wir eine Gruppe Arbeitnehmer. Wenn sie gemeinsam daran arbeiten, ein Produkt
oder eine Dienstleistung zu erstellen, dann nennen wir dieses Verhalten organisiert. Wir würden
ihr Verhalten als selbstorganisiert betrachten, wenn sie im Team arbeiten und sich irgendwie
gegenseitig verstehen würden ohne Anordnungen von außen.

Die Verfasser präsentieren ihr Konzept natürlich so:

Neue Entdeckungen in der Systemtheorie geben uns neue, klarere Einsichten in das Phänomen der
Selbstorganisation. Einsichten, die Managern machtvolle Instrumente an die Hand geben, um die
Produktivität zu steigern.

Natürlich. Im Kapitalismus geschieht nichts ohne den Zwang zur Profitmaximierung, was dann als „Steigerung der Produktivität“ angesehen wird. Doch von dieser geistigen Beschränkung der Verfasser abgesehen liefern sie wertvolle Hinweis auf die mögliche Organisation der Wirtschaft im Sozialismus.

Die Verfasser schreiben:

 Kurz nach dem zweiten Weltkrieg fasste der bekannte amerikanische Sozialpsychologe Rensis
Likert umfassende empirische sozialwissenschaftliche Forschung in einem Konzept
zusammenzufassen: dem “System 4”. Seine Ideen, die sowohl das nach oben gerichtete Feedback
unterstützen, als auch die Wichtigkeit von Hierarchien anerkennen, waren sehr einflussreich.
Einige jüngere amerikanische Unternehmensgründungen, insbesondere Joint Ventures mit
japanischen Firmen, wurden nach dem “System 4”- Konzepten aufgebaut. Vor seinem Tod 1981
hatte Likert begonnen Ideen für ein “System 5” darzulegen, die auch solche Konzepte einbezogen,
wie die Übertragung größere Managementautorität an die Arbeitnehmer. Professor Robert Ackoff von der Wharton School of Business schlug in den frühen 1980er Jahren eine ähnliche Idee vor.
Er stellte einen Entwurf zur Errichtung eines Unternehmenslangzeitplans durch ein mehrstufiges
Mehrheitsstimmrecht unter Beteiligung des Management und der Arbeitnehmer vor.

Gut. Wir gehen darüber hinaus: Wir gehen von dem in Gemeineigentum überführten Betrieb aus, dessen Dienste gesamtgesellschaftlich in ihren Kennzahlen definiert werden und dessen Vorgesetzten von den Beschäftigten gewählt werden. 

Wenn schon kreative Kräfte der Selbstorganisation, dann richtig.

Unter diesem Blickpunkt sind auch in diesem Text wichtige Anregungen zu finden.

Um so „profane“ Dinge wie Organisation eines Betriebes im Sozialismus hat sich die „revolutionäre Linke“ bislang überhaupt nicht gekümmert. Die Sozialismus-Konzepte sind daher durchweg mehr als dürftig und näher besehen auch nicht anziehend.

Im Grunde lässt sich das Elend der „revolutionären Linken“ im Verständnis vom Sozialismus auf zwei gedankliche Irrwege reduzieren:

– eine (wie auch immer geartete) Räterepublik übernimmt die Leitung der Schlüsselbetriebe und setzt, wie bisher die Kapitalisten auch, die Leitungs- und Führungspersonen ein, die ihrerseits sich eine Weisungs-Hierarchie (Stab-Linien-Organisation)  schaffen . Darauf laufen die meisten Sozialismus-Konzepte im weitesten Sinn leninistisch orientierter Gruppen hinaus, aber nicht deswegen, weil Lenin  daran schuld wäre, sondern weil sie geistig im Jahre 1917 stehen geblieben sind, vor allem was die Organisation de Produktion angeht. (Beispiel: die Spartakisten und andere „orthodoxe“ Trotzkisten).

– jeder „Zentralismus“ und jede Planwirtschaft wird verworfen, Lenin für schuldig am Stalinismus erklärt, und grosspurig eine Rückkehr zu Konzepten des 19. Jahrhunderts (Dezentralisierung und Kommunalisierung als Prinzip) verkündet. Solche Konzepte entpuppen sich bei näherem Hinsehen oft als letztlich bürokratische Utopien („Bedürfnisbürokratie“)  unter Bedingungen erheblicher technologischer und organisatorischer Rückschritte. (Beispiel:  das „Bochumer Programm“)

Beide Konzepte sind völlig ungenügend, um eine sozialistische Bewegung zu initiieren, die auf die Mehrheit der Bevölkerung anziehend, attraktiv wirkt.

Ich rufe alle ernsthaften Revolutionäre auf, sich ernsthaft mit den modernsten kapitalistischen Managementtheorien zu beschäftigen, um aus ihnen Basis-Konzepte für eine sozialistische Wirtschaft der Zukunft zu gewinnen.

Written by bronsteyn

22. April 2012 at 9:50 am

Marx, „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“, zum Nachlesen

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Als PDF.

MEW42

Written by bronsteyn

15. April 2012 at 12:45 pm

Betriebsorganisation im Sozialismus – Alternativen zur Stablinien-Organisation

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Wenn Lenin 1917 der Auffassung war, dass der Sozialismus sich an den damals modernsten Organisationsformen der kapitalistischen Wirtschaft anknüpfen sollte, um davon zu lernen und sie weiterzuentwickeln, so gilt das im Prinzip auch heute.

Dazu muss man diese Organisationformen allerdings auch kennen und in Augenschein nehmen:

http://www.doku-web.eu/BWL/mst_hout1.PDF

 

 

Written by bronsteyn

12. April 2012 at 4:06 pm

Gefunden: „emotionelle Pest“

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Reich wies auf einen Sozialcharakter hin, den er als „Emotionelle Pest bezeichnete“. Er ist häufig in progressiven sozialen Zirkeln anzutreffen. Im Gegensatz zum neurotischen Charakter kann er freies Leben nicht ertragen und so brütet er Rationalisierungen aus, mittels er das aufkeimende Leben zu behindern versucht, wo er nur kann. Die Inquisition des Mittelalters ist ein Beispiel dafür, ebenfalls der deutsche Faschismus und die McCarthy-Ära in den USA der 50er Jahre.

 http://www.wilhelm-reich-sexpol.de/

Ein Begriff, dem sich nachzuforschen lohnt.

Emotionale Pest
Nach Wilhelm Reich handelt es sich hierbei um das destruktive Verhalten des neurotischen Charakters im zwischenmenschlichen Umgang. Die Körper- und Charakterpanzerung zerstört die emotionale Erlebnisfähigkeit des Menschen. Wenn andere Menschen glückhafte emotionale Erlebnisse haben, z. B. in Form einer sexuellen Umarmung, so dringt eine Ahnung dieses Glücks auch zum Gepanzerten durch. Er empfindet daraufhin starkes Unbehagen, Peinlichkeit und Schuldgefühle. Als Reaktion darauf entsteht der intensive Wunsch, das auslösende Verhalten zu eliminieren, zu verbieten und zu zerstören. Dieser Wunsch, die Emotionale Pest, äußert sich in allen sozialen Organisationen, die das Ziel haben, ihre Verhaltensnormen anderen aufzuzwingen. Das kann natürlich nicht offen erfolgen. Deshalb ist Täuschung und Manipulation ein unverzichtbares Merkmal der Emotionalen Pest. Sie kann nur dadurch überleben, daß sie in ihrem grundsätzlichen Wesen nicht wahrgenommen wird. Zum Zwecke der Kaschierung wird dann oft eine starke Betonung auf Gepflogenheiten der Moral gelegt und deren strikter Vorrang vor allem spontanen Natürlichen gefordert.

(irgendwo mal gefunden)

Written by bronsteyn

11. April 2012 at 10:07 pm