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Trotzki über Charles Fourier 1923

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Zu den „Marxisten“, die den Marxismus durch Verbannung der „fourieristischen“ Konzepte (vor allem des Konzepts der anziehenden Arbeit) kastrieren und eines seiner wichtigsten Wesenskerne berauben, gehören auch viele, die sich als „Trotzkisten“ bezeichnen.

Doch auf Trotzki selbst können sie sich dabei nicht berufen.

Trotzki: Fragen des Alltagslebens, 1923

Der große französische Utopist Fourier baute seine Phalansteren (Zukunftskommunen) – als Gegengewicht zur christlichen Askese und der Unterdrückung der Natur des Menschen  – auf der richtigen und vernünftigen Ausnützung und Kombination der menschlichen Instikte und Leidenschaften auf. Das ist ein tiefer Gedanke. Der Arbeiterstaat ist weder ein geistlicher Orden noch ein Kloster. Wir nehmen die Menschen so, wie die Natur sie geschaffen und wie sie die alte Gesellschaft zum Teil erzogen, zum Teil verstümmelt hat. Wir suchen nach Stützpunkten in diesem lebendigen Menschenmaterial, um unseren Parteihebel und revolutionär-staatlichen Hebel anzusetzen. Das Bestreben, sich aufzuheitern, sich zu zerstreuen, zuzuschauen und zu lachen, ist das berechtigste Streben der menschlichen Natur. Wir können und müssen diesem Bedürfnis eine Befriedigung von immer höherer künstlerischer Qualität gewähren und zugleich das Vergnügen zum Werkzeug der kollektiven Erziehung, ohne pädagogische Bevormundung, ohne aufdringliches Hinlenken auf die Bahn der Wahrheit machen.

Das Bestreben, sich aufzuheitern und zu lachen bezeichnet Trotzki also als „berechtigstes Streben der menschlichen Natur“ und zieht sogar im dunklen Jahr 1923, als die junge Sowjetrepublik gerade den schweren Bürgerkrieg überlebt hat, ganz unmittelbare praktische Konsequenzen für die revolutionäre Kulturarbeit. Das Vergnügen wird hier zum Werkzeug der kollektiven Erziehung erklärt, und Trotzki bezieht sich vor allem auf das damals noch völlig neuartige Medium des Kinos.

Und das in einer Gesellschaft, die sogar nach Lenins Meinung noch nicht als wahrhaft sozialistische Gesellschaft angesehen werden konnte, weil die Klassen noch nichtaufgehoben waren und „unser gesamter Apparat nichts taugt“.

Die kommunistische (nach-sozialistische) Zukunft aber basiert nach Trotzkis Auffassung  auf der richtigen und vernünftigen Ausnützung und Kombination der menschlichen Instinkte und Leidenschaften.

Sonst würde er das zweifellos nicht als einen „tiefen Gedanken“ Fouriers bezeichnen.

Written by bronsteyn

9. April 2012 at 3:09 pm

Antwort auf die Frage von Hans-Dieter Wege

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Leserbrief von Hans-Dieter Wege zu „travail attractif“ – anziehende Arbeit an „Scharf-Links“

06.04.12 Leserbriefe

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Es kann durchaus angehen, dass ich nicht Alles aus diesem sehr langen Beitrag auch richtig verstanden habe.

Ich stelle mir nur eine einzige Frage hierzu: „Wie soll eine Gesellschaft ihre eigene Reproduktion garantieren können, wenn alle Menschen damit beginnen würden sich mit anziehender Arbeit zu beschäftigen, wie in dem Artikel beispielhaft gebracht dem Komponieren?“

Bestimmt würde das ja auch für das Malen, das Singen oder für allen anderen Musen gelten.

In meinen Augen wird wohl in jedem System das Recht auf die individuelle Freiheit zumindest so weit beschnitten werden müssen, wenn die persönlich Freiheit damit beginnt die Freiheit der Gesellschaft und deren Reproduktion zu gefährden.

Und wohl niemand wird sich, sollte sich die anziehende Arbeit wirklich nur auf diese Musen beziehen, davon satt werden können, würden sich alle Menschen die Freiheit nehmen sich ausschließlich dieser Arbeit zu widmen.

Wie schon oben geschrieben, ich muss es auch nicht unbedingt richtig verstanden haben, aber dieses wäre meine Meinung hierzu, falls doch?

Freundliche Grüße

Hans-Dieter Wege

—————————————————–

„Wie soll eine Gesellschaft ihre eigene Reproduktion garantieren können, wenn alle Menschen damit beginnen würden sich mit anziehender Arbeit zu beschäftigen, wie in dem Artikel beispielhaft gebracht dem Komponieren?“

Zunächst vielen Dank für den anregenden Diskussionsbeitrag.

Ich bitte um Nachsicht für die sofort harte Kritik an dieser Frage, aber ich will es auf den Punkt bringen: sie haben offensichtliche die Ausgangshypothese im Hinterkopf, dass anziehende Arbeit bedeutet, auf notwendige Arbeit keine Rücksicht mehr zu nehmen.

Die „Marxologen“ des „Bochumer Programms“ sind gewiss auch dieser Meinung, was nichts daran ändert, dass es sich um verinnerlichte neoliberale Prograganda handelt.

Die Kernbotschaft dieser Propaganda ist: Wenn die Masse der Lohnabhängigen ihre persönlichen Bedürfnisse nicht über jede Schmerzgrenze hinaus einschränken, dann „bricht die Wirtschaft zusammen“.

Ein Charles Fourier konstatierte für die frühkapitalistische Wirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon, dass zwei Drittel aller Menschen keine nützliche oder sogar schädliche Arbeit leisteten, und das gilt für die von Überproduktionskrisen geschüttelte Weltwirtschaft von heute erst recht.

Der Spätkapitalismus heute platzt schier vor lauter materiellem Überfluss, welcher aber deswegen nicht etwa an die Massen der Lohnabhängigen verteilt wird. Dieses System leistet sich den Überfluss, weltweit dutzende von Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit darben zu lassen. Es leistet sich den Luxus ständiger Kriege, der Vergeudung von Milliarden für Spekulationswetten usw.

Gemessen an dem allem, Herr Wege, mit Verlaub, ist ihre obige Frage naiv.

Die Epoche der menschlichen Entwicklung vor den Klassengesellschaften war durch anziehende Arbeit und „ungeordnete Serien“ gekennzeichnet.

Jahrhundertausende lebten Menschen in Horden zusammen, welche letztlich nichts anderes als freiwillige Zusammenschlüsse darstellten. Gewiss wurde man immer in eine Horde hinein geboren, aber das völlig unstrittige Recht, dieselbe auch zu verlassen, war gegeben.

Selbst ein geachteter Stammesführer oder eine geachtete Stammesführerin hatte keine direkte Kommandogewalt über diejenigen, die ihn oder sie als charismatische Persönlichkeit ansahen.

Sie beschäftigen sich doch intensiv mit der Kultur der Indianer, Herr Wege.

Ist Ihnen dabei nicht aufgefallen, dass gerade sie Steppenlandindianer Nordamerikas im Grunde in Serien im Sinne Fouriers organisiert waren?

Die Ethnologie spricht von sogenannten „Bands“ (wörtlich „Banden“), in die die nach Erblinien strukturierten Stämme immer wieder auseinanderfallen. Diese bildeten sich immer wieder um einzelne charismatische Personen.

Die betraf auch die wirtschaftliche Organisation, denn eine solche „band“ war es letztlich, die einer Herde jagbarer Büffel folgte, um sich, marxistisch ausgedrückt, zu reproduzieren.

Ich will jetzt keine unterstützenden Marx- und Engels-Zitate anführen, wie es für Pseudo“Marxisten“ typisch ist. Es genügt, wenn man den Inhalt etwa von „Ursprung der Familien, des Privateigentums und des Staates“ von Engels gelesen und verstanden hat.

Einem intelligenten Menschen muss das reichen, um von dort aus selbständig weiter zu denken.

Was ich einfach sagen will: die „bands“ der nordamerikanischen Steppenland-Indianer praktizierten also anziehende Arbeit, ohne dass dadurch die Reproduktion der Gesellschaft in Gefahr gewesen wäre. Diese Reproduktion kam erst in Gefahr, als die weissen Einwanderer zu tausenden die Büffel abschlachteten und diese noch nicht einmal zur Ernährung benötigten, denn ausschließlich am Tauschwert in Geld der Felle waren sie interessiert.

Was ich über die nordamerikanischen Steppenland-Indianer sagte, gilt im Prinzip für alle gentilen Gesellschaften.

Als die spanischen Kolonisatoren „Amerika entdeckten“, lebten schon Menschen dort. Speziell in der Karibik handelte es sich um das Volk der Tainos, eines Teil der amerikanischen Ethnie der Arawaks. Diese begrüßten Kolumbus und seine Mannschaften sehr freundlich mit überreichlichen Geschenken.

Die Arawaken lebten in dörflichen Kommunen und bauten über eine entwickelte Agrarkultur unter anderem Getreide, Süßkartoffeln und Maniok an. Sie konnten z.B. Spinnen und Weben..

http://de.wikipedia.org/wiki/Arawak

Das klingt durchaus nach einer Gesellschaftsordnung, die auch Überfluss erwirtschaften konnten. Und dieser Überfluss wurde noch nicht von einer herrschenden Klasse angeeignet, denn wie könnten sonst solche Gebräuche zu erklären sein:

Im Logbuch beschrieb er sie als naiv und großzügig, „Sie bieten jedem [ihre Güter] an zu teilen“

http://de.wikipedia.org/wiki/Arawak

Ist Ihnen klar, Herr Wege, dass diese Arawak bei allem was sie hinsichtlich der Nahrungsmittelproduktion taten, anziehende Arbeit verrichteten? Denn Zwangsmittel, um Menschen zu Arbeit zu zwingen, gab es bei den Tainos/Arawaks definitiv nicht.

Vielleicht werden nun irgendwelche Leute sagen: Jaaaaa, aaaaber es wird die Not des Hungers gewesen sein, die die Tainos zum Arbeiten zwang.

So ist eben die Vorstellungswelt von Menschen, die den Arbeitszwang durch die herrschenden Klassen verinnerlicht haben.

Tatsächlich deutet nichts darauf hin, dass die Tainos hungrig gewesen wären. Bei Tauschakten mit den Kolonialisten akzeptierten sie sogar Glasperlen als Tauschmittel, einfach weil die ihnen so gut gefielen. So tauscht niemand, der ständige Hungersnot kennt.

Freilich, die Tainos wehrten sich mit allen Kräften, als sie von den Spaniern zur Arbeit in der Landwirtschaft (und zwar auf den Gütern der Kolonisatoren) gezwungen werden sollten.

Die Taíno waren durch Versklavung, Verfolgung, Raub des Agrarlandes und Besitzübergang zu spanischen Großgrundbesitzern und eingeschleppte Krankheiten bereits nach hundert Jahren spanischer Conquista ausgerottet.

http://de.wikipedia.org/wiki/Arawak

Ich erinnere nochmals daran, dass es sich um eine Gesellschaft handelte, in der die anziehende Arbeit von Natur verwirklicht war und offenkundig die Reproduktion dieser Gesellschaft erst durch die Ankunft der Spanier tödlich bedroht wurde, und nicht dadurch, dass sie sich mit anziehender Arbeit beschäftigten, was nämlich der Fall war.

Weiter (ohne Marx/Engel-Zitate, nur mit gesicherten Fakten laut wikipedia):

Erste Begegnungen mit dem Seefahrer in spanischen Diensten Christoph Kolumbus 1492 verliefen friedlich, die Arawaken boten den Seefahrern laut dem Logbuch von Kolumbus unter anderem Baumwolle an und die Seefahrer tauschten unter anderem Glasperlen ein. Kolumbus betrachtete sie aber immer als zukünftige Untertanen oder gar als Sklaven.

Kurz darauf nahmen die Spanier Arawaken fest und befragten diese nach Goldvorkommen. Ebenso wurden Arawaken als Sklaven für sexuelle Zwecke und Arbeitszwecke von den spanischen Siedlern festgenommen. Die Aufgabe, Gold zu finden, konnte von den Sklaven nicht erfüllt werden, so dass Kolumbus anstatt Gold (welches er dem Herrscherhaus Spaniens versprochen hatte) notgedrungen Sklaven nach Spanien brachte. Die Arawaken versuchten sich zu wehren, waren jedoch waffenmäßig den spanischen Siedlern deutlich unterlegen. Es kam aufgrund der aussichtslosen Lage auch zum Massensuizid unter den Arawaken.

„Notwendige Arbeit“ war eben für die spanischen Kolonialisten etwas anderes als für die Tainos. Für einen Kolumbus bestand „notwendige Arbeit“ eben darin, die Kosten des Entdeckungsunternehmens hereinzuwirtschaften und noch einen kräftigen Überschuss für das spanische Königshaus und die diversen Gönner, deren Gunst der „Geschäftsmann“ sich natürlich erhalten wollte.

Für die Tainos war aber all das, sexuelle Nötigung, Gold, Zwangsarbeit auf Feldern, deren Früchte ihnen nicht gehörten, natürlich KEINE „notwendige Arbeit“ in ihrem Sinne.

Für die Bochumer „Marxologen“, für die ja jede Arbeit gleich „notwendige Arbeit“ ist und ausserhalb dieser nichts verdient, so genannt zu werden, ist das genau so wenig zu erkennen und zu verstehen.

Aber Sie, Herr Wege, sollten es doch verstehen.

Der Massensuizid der Tainos, durchaus in verschiedenen Quellen verbürgt, war wohl vor allem auf den Arbeitszwang zurückzuführen, etwas, das diese Tainos überhaupt nicht kannten. Ein Leben unter Arbeitszwang war den Massen der Tainos so unerträglich und lebensunwert, dass sie den Suizid vollzogen.

So können nur Menschen handeln, denen die anziehende Arbeit Lebenszweck und Gewohnheit ist.

Ehre dem Andenken der Tainos, die aus den Reihen der Menschheit ausgerottet wurden!

Herr Wege, Sie schreiben in Facebook:

Die Vorstellungen der Indianer finde ich gut. Sie verehren alle Lebewesen, selbst die, die sie töten um zu überleben. Zumindest früher war es ja wohl so! Weitgehender Einklang mit der Natur!

Das zeigt mir, dass Sie kein abgestumpfter Mensch sind, der blind Ideologien inhaliert. Ich respektiere ihre Bewunderung der Religiösität der Indianer. Erkennen Sie bitte aber auch, auf welcher Basis eine solche Religiosität nur erblühen konnte. Es handelte sich um eine hochentwickelte gentile Gesellschaft, deren Wirtschaft nach dem Prinzip der anziehenden Arbeit organisiert war.

Die Vorstellung, dass es bei den Tainos versteckte Aufseher gegeben hätte, die die „persönliche Freiheit“ ihrer Stammesgenossen beschnitten hätten, damit „die Gesellschaft“ und „ihre Reproduktion“ nicht gefährdet war, ist völlig irrig, es gibt nicht den leisesten Hinweis auf solche Aufseher.

Aber diese „primitive“ Gesellschaft war durchaus in der Lage, Baumwolle und andere hochwertige Güter zu produzieren.

Ihr Untergang kam nicht durch die eigene anziehende Arbeit, sondern durch die Kolonialisten.

Gewiss, diese waren technologisch überlegen.

Der Kanone und der Muskete konnten die Tainos nichts entgegensetzen.

Und die Gesellschaften, die nach ihnen kamen, waren selbst bei höherer Technologie für die Mehrheit der Menschen eine wahre Hölle.

Oder etwa nicht?

In Haiti musste die erste erfolgreiche Sklavenrevolution der Geschichte durchgeführt werden, um wenigstens die Menschen in den Vorhof der Hölle zu führen.

Die aus Afrika herangeschafften schwarzen Sklaven waren herbeigeschafft worden, weil sie aus Sicht der Sklavenhalter „robuster“ waren als die durch anziehende Arbeit „verwöhnten“ Arawaks.

Übrigens: Sie kennen doch sicher den Film

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_mit_dem_Wolf_tanzt

oder

http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Mann,_den_sie_Pferd_nannten

Beides Hollywood, gewiss. Weniger bekannt aber ist, dass in der historischen Wirklichkeit tatsächlich einzelne Weisse, die in Gefangenschaft von Indianern gerieten, meist nicht mehr zurückkehren wollten in die „Zivilisation“.

Dieses Phänomen finden Sie ja selbst bei dem historisch verbürgten Fall der Meuterei auf der Bounty.

http://de.wikipedia.org/wiki/Meuterei_auf_der_Bounty

War es etwa der niedrigere Stand der Technologie bei den Wilden, der Sehnsüchte dieser Art hervorrief? Kaum anzunehmen. Es war die Sehnsucht nach der auf anziehender Arbeit begründeten „wilden“ Gentilgesellschaft.

In meinen Augen wird wohl in jedem System das Recht auf die individuelle Freiheit zumindest so weit beschnitten werden müssen, wenn die persönliche Freiheit damit beginnt die Freiheit der Gesellschaft und deren Reproduktion zu gefährden.

Bei allem Respekt, Herr Wege, das ist pure bürgerliche Ideologie, schlimmer noch: bürgerliche Propaganda, an die das Bürgertum selbst nicht glaubt. Auch könnten Sie mit diesem Satz jederzeit alle Zwangsarbeitslager von Wladiwostok über Workuta bis ins Kambodscha des Pol Pot legitimieren. Ich will Ihnen nicht unterstellen, dass Sie das wollen.

Sie bescheinigen aber den kapitalistischen Apparaten dieser Welt also das Recht, die Lohnabhängigen zu Arbeiten zu den schlechtesten Bedingungen zu zwingen, weil ansonsten „die Gesellschaft“ (die unsrige ist eine kapitalistische) und „deren Reproduktion“ gefährdet wäre.

Möglich, dass Sie das so nicht gemeint haben, Herr Wege, aber so haben Sie es geschrieben.

Bitte denken Sie doch noch einmal über diesen Satz und seine Konsequenzen nach.

Der entscheidende Punkt. Zur Reproduktion dieser Gesellschaft (nämlich des Spätkapitalismus) ist tatsächlich die Unterdrückung der Freiheit der Mehrheit der Menschen (nämlich der proletarischen Klasse) notwendig.

(Die persönliche Freiheit, von der die neoliberalen Propagandisten – auch eine nutzlose Berufssparte – reden, ist lediglich die Freiheit der Kapitalbesitzer).

Zur „notwendigen Arbeit“ im Sinne der Kapitalisten gehört nämlich auch die Unterhaltung von Millionenarmeen bis an die Zähne bewaffneter Menschen (die so eine Menge Geld kosten). Hinzu kommen Abermillionen Menschen, die direkt oder indirekt für den Schutz oder die Garantie des Privateigentums arbeiten (vom Bodyguard über den Versicherungsfritzen bis hin zum Journalisten, der nach den Vorgaben von „Atlantikbrücke“ etc Hirnwichse im Sinne der Herrschenden produzieren muss, usw, usf).

Notwendige Arbeit ist für Kapitalisten etwas anderes als für Lohnabhängige.

Ebenso wie notwendige Arbeit für die spanischen Konquistadoren etwa anderes war als für die Arawaks.

Notwendige Arbeit im Sinne des Proletariats würde die wirklich „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ auf weit unter eine Stunde pro Mensch weltweit reduzieren.

Wenn Sie das verstanden haben, Herr Wege, und das ist wirklich wichtig, dann lassen Sie uns weiter diskutieren.

Written by bronsteyn

9. April 2012 at 1:49 am

August Bebel über Charles Fourier

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entnommen aus:

http://www.gutenberg.org/files/19596/19596-h/19596-h.htm
(…)

Seine Auffassung der menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch mit jener der Theologen und Moralphilosophen stand und steht, daß alle Triebe natürlich und darum nützlich und vernünftig, zum menschlichen Glücke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der Gesellschaft sei, der sie unterdrücke oder fälsche, und daher diese Triebe sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft schädlich erscheinen ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge Ketzerei, als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche Revolutionär.
Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen müssen, das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Fälschung, Verkümmerung und Unterdrückung der menschlichen Triebe führt und dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden mußten, die eben erst nach den schwersten und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution sich konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war, die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend, tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit, Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und enthüllt alle ihre Blößen.
(…)
So waren die Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit dem neuen Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier’s Stelle würden in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mächtiger Gegner gegenüberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das nicht. Männer, die unumstößlich an die Richtigkeit und Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker, die sich durch nichts erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier. Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach unsäglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis ergebener Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten.
(….)
Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große Parteibewegung in’s Leben rufen, und verlor er in demselben Maße an Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den Fortschritt der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen.
Fourier’sche Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung der gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als ihr Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen.
Darin zeigt sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden.
Dieses Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil.
Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist.

Written by bronsteyn

3. April 2012 at 9:17 pm

Liebe und Arbeit bei Charles Fourier

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Da ich mich zur Zeit unter anderem mit dem Konzept der anziehenden Arbeit von Charles Fourier beschäftige, eine wesentliche Basis für eine kommunistische Gesellschaft laut Marx und Engels, hier eine gute zusammenhängende Darstellung der Ideen und Gedanken des grossen utopischen Sozialisten in Videoform. Von Nemetico.

Written by bronsteyn

9. März 2012 at 2:49 pm

Eine Randnotiz zur Sekte Arbeitermacht und Edith Bartelmus-Scholich

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Bei der Durchsicht der vielen Diskussionsbeiträge zum „NAO“-Diskussionsprozess bin ich auf einen Punkt gestossen, der mir eine Randnotiz wert scheint.

Juli 2011 schrieb Edith Bartelmus-Scholich, die Herausgeberin und leitende Redakteurin von scharf-links, folgende Zeilen:

„Heute erreicht die antikapitalistische Linke, die meisten Menschen kaum und ihre Praxis ist sehr oft wenig anziehend . Noch 17 Jahre nach dem Ende der Systemkonkurrenz und unter den Bedingungen eines neoliberalen Rollback des Kapitalismus wurde keine Programmatik erarbeitet, die wirklich überzeugt. Die Linke hat es in Jahrzehnten nicht geschafft, ein Bild von einer Welt jenseits des Kapitalismus zu entwerfen. … In den Vorbereitungsbeiträgen marxistischer Wissenschaftler zur Konferenz „Marxismus für das 21. Jahrhundert“ in der Jungen Welt wurde heraus gestellt, woran es mangelt: Es fehlt der antikapitalistischen Linken an z.B. einer Theorie der gewaltfreien Konfliktlösung, einer politischen Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft, einem Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie und einer Theorie herrschaftsfreier Institutionen. „(3)
http://www.scharf-links.de/61.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=17550&cHash=3ca23610ce

Auf diese Zeilen bezogen schrieb die Gruppe Arbeitermacht in ihrem Diskussionsbeitrag folgendes:

In der bisherigen Debatte haben wir auch ein Verständnis gefunden, welches recht stark mit unserem kollidiert. Edith Bartelmus-Scholich meint: „Es fehlt der antikapitalistischen Linken an z.B. einer Theorie der gewaltfreien Konfliktlösung, einer politischen Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft, einem Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie und einer Theorie herrschaftsfreier Institutionen.“
An einer gewaltfreien Konfliktlösung sollten wir beim anzustrebenden Bruch mit Kapital und Staat besser gar nicht arbeiten – das tun schon zu viele, die gar nicht dieses Ziel haben. Ebenso müssen wir gegenüber der imperialistischen Anarchie die Planwirtschaft konzeptionell verteidigen – nicht die bürokratisierte, sondern die geplante Wirtschaft nach den Bedürfnissen und Erfordernissen der ProduzentInnen und KonsumentInnen. Ebenfalls sollten wir die „Partizipationsmöglichkeiten“ einer Räterepublik sehr bewusst gegen diese bürgerliche Demokratie stellen und herrschaftsfreie Institutionen überlassen wir dann dem „Verein freier Menschen“ wie Marx mal die klassenlose Gesellschaft, den Kommunismus nannte.

http://arschhoch.blogsport.de/2011/09/07/neue-antikapitalistische-partei-zur-diskussion-in-schoeneberg-und-anderswo/

Das klingt schön revolutionär und orthodox, ist es aber nicht.
Mir geht es hier um ein wichtiges Detail in der Argumentation.

Die gesamten politischen Auffassungen von Edith Bartelmus-Scholich kenne ich nicht und habe auch keinen Anlass, diese in Unkenntnis zu verteidigen. Freilich weiß ich dunkel über die persönlichen Zerwürfnisse speziell zwischen der Gruppe Arbeitermacht und Edith Bartelmus-Scholich Bescheid, aber die will ich gar nicht thematisieren.

Mir fällt die Unredlichkeit der Gruppe Arbeitermacht in ihrer Argumentation auf.

Denn zumindestens in den zitierten Zeilen hat Edith Bartelmus-Scholich ja gar nicht geschrieben, dass sie eine „gewaltfreie Konfliktlösung beim anzustrebenden Bruch mit Kapital und Staat“ befürwortet.

Dieses Detail ist wichtig, denn es offenbart den grundsätzlichen Charakter der Gruppe Arbeitermacht als pseudorevolutionäre Sekte.
Sie unterstellt (wohl motiviert, der „Rivalin“ eins „auszuwischen“), dass sich Edith Bartelmus-Scholich auf das Verhältnis zwischen Arbeiterklasse und Kapital bezieht, also zwischen Klasse und Klasse.

Was sie aber faktisch geschrieben hat, ist dass der antikapitalistischen Linken folgendes fehlt:
– eine Theorie der gewaltfreien Konfliktlösung
– eine politischen Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft
– ein Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie
– eine Theorie herrschaftsfreier Institutionen

Und da hat sie faktisch einfach recht.

Gewiss mag man ihr vorhalten können, dies nicht deutlich genug darauf bezogen zu haben, dass diese Elemente zu einer sozialistischen Übergangsgesellschaft (also einer Gesellschaft, in der die Klassen aufgehoben sind), wesentlich dazu gehören.

Der Reihe nach:

Gewaltfreie Konfliktlösung

Gewaltfreie Kommunikation ist ein Kommunikationskonzept, entwickelt von Marshall Rosenberg.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation
Es handelt sich um eine praktische Methode der Gesprächsführung, die die Kommunikation zwischen Menschen verbessern soll, die grundsätzlich gleiche oder wenigstens ähnliche Interessen haben.
In einer klassenlosen Gesellschaft, aber selbst vorher innerhalb der Klasse des Proletariats im Kampf sind solche Techniken durchaus notwendig und nützlich, wie es umgekehrt beispielsweise auch Kampftechniken gibt.
Kampftechniken zu kennen bedeutet nicht unbedingt, sie anzuwenden, was aber auch für die gewaltfreie Kommunikation gilt.
Für ganz Dumme: wenn ich weiß, wie ich zuschlagen muss, wenn es notwendig ist, dann bedeutet das nicht, dass ich auch zum zuschlagen verpflichtet bin, aber umgekehrt beinhaltet das Wissen über gewaltfreie Kommunikation auch keine Verpflichtung, es jederzeit und überaLL einzusetzen.
Eine psychologische Kommunikationsmethode definiert nicht Verhältnisse zwischen gesellschaftlichen Klassen und es ist auch nicht zwingend, wann sie anzuwenden ist.
Ebenso gut könnte man jeglichen Methoden in Psychologie, allen Wissenschaften oder selbst der Technik zum Vorwurf machen, sie würden ja auch von Kapitalisten in ihrem Interesse angewendet.
Frage an die Sekte Arbeitermacht: Wie hält sie es denn beispielsweise mit dem Gewaltverzicht innerhalb der Arbeiterbewegung?

Politische Ökonomie jenseits der zentralistischen Planwirtschaft

Die Frage ist ernster als sie aussieht, vor allem weil die kapitalistische Propaganda die Frage Marktwirtschaft oder Planwirtschaft zu einer Grundsatzfrage Kapitalismus oder „sonst keine Alternative“ gemacht hat.
Ich bin in diesem Aufsatz auf die Frage eingegangen:
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/02/23/faule-arbeiter-karl-eugen-duhring-und-die-ddr-3/
Natürlich kennt die Arbeitermacht das Konzept der anziehenden Arbeit nicht, das Engels gegen einen Eugen Dühring verteidigte, wie auch ihr gesamtes Marxismus-Verständnis sehr dürftig ist und im wesentlichen aus Zitate-Klauberei besteht.
Ich bin ganz und gar dagegen, die Frage einer zentralistischen Planwirtschaft positiv oder negativ zu fetischieren. Sozialismus auch auf der Basis von Räten kann nur eine Übergangsgesellschaft zum Kommunismus sein, und dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die anziehende Arbeit an die Stelle der Zwangsarbeit tritt. Auch eine zentralistische Planwirtschaft kann daher auch nur ein Übergang sein, und insofern hat Edith Bartelmus-Scholich recht.

Modell der sozialistischen (partizipativen) Demokratie

Ich habe im oben genannten Aufsatz
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/02/23/faule-arbeiter-karl-eugen-duhring-und-die-ddr-3/
darauf hingewiesen, wie wichtig die Frage nach der Organisation der Produktion nicht nur im Kapitalismus, sondern auch in der Übergangsgesellschaft ist. Dabei unterstellte ich den meisten linken „subjektiven Revolutionären“ eine Fixierung auf die Stablinienorganisation, welche im 19. Jahrhundert aus dem Militärwesen hervorgegangen ist. Eine wichtige Frage ist, ob es Alternativen zum Stabliniensystem gibt, worauf auch Lenin (in „Staat und Revolution“) hinwies:
Engels faßt aber den demokratischen Zentralismus keineswegs in dem bürokratischen Sinne auf, in dem die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologen, darunter auch die Anarchisten, diesen Begriff gebrauchen. Der Zentralismus schließt für Engels nicht im geringsten jene weitgehende lokale Selbstverwaltung aus, die, bei freiwilliger Wahrung der Einheit des Staates durch die „Kommunen“ und Provinzen, jeden Bürokratismus und jedes „Kommandieren“ von oben unbedingt beseitigt.
„Kommandieren von oben“ ist ein Synonym für die Stablinienorganisation, wobei es diesen Begriff als Kategorie der Organisationslehre noch nicht gab, als Lenin diese Zeilen schrieb.
Im 21. Jahrhundert existieren aber sehr wohl Organisationskonzepte jenseits der Stablinienorganisation, z.B. das System überlappender Gruppen von Rensis Likert oder das SEMCO-System.
Eine großmäulige Sekte wie Arbeitermacht glaubt, sich mit solchen Dingen nicht beschäftigen zu müssen.

Theorie herrschaftsfreier Institutionen

Wenn die Sektierer der Arbeitermacht Charles Fourier kennen würden, und den Einfluss, den dieser utopische Sozialist auf das Denken von Marx und Engels hatte, dann wüssten sie, dass diese Frage wichtig ist.

Engels schreibt 1943:
Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (…) daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (…), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken. Er (…) zeigt die Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (….) die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf.

Wie? Was? „Anziehende Arbeit“? Jeder darf „seinen Neigungen folgen“? Was ist denn das für ein Blödsinn?

So reden Menschen, die ausser den Überschriften der Bücher und Kapitel des Marxismus weitgehend unkundig sind, aber meinen, sie müssten der Welt die revolutionäre Botschaft (unter ihrer Führung, versteht sich) verkünden.

Und das kennen die „Herren Marxisten“ bestimmt auch nicht:

Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.
Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet.
Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich – das Ei des Kolumbus“.

Und worum geht es hier bei Engels?

Richtig: um Grundlagen  einer Theorie herrschaftsfreier Institutionen.

Und hier schreibt Engels, dass Fourier „das Ei des Kolumbus“ gefunden hätte.

Nach seiner Übersiedlung nach England klagte Engels, dass auf der Überfahrt sein „gesamter Fourier“ verloren gegangen sei, weswegen sich Engels auch nur noch im Anti-Dührung auf das Konzept der anziehenden Arbeit Fouriers bezieht.
Und beide hatten bis zu ihrem Lebensende wahrlich genug zu tun, um diese Aspekte weiter auszuführen, schließlich war ja sogar die bürgerliche Revolution in Deutschland noch nicht vollendet.

Doch die von Edith Bartelmus-Scholich aufgeworfenen Fragen sind grundsätzlich wichtig, und in der Tat deswegen, weil das Proletariat nur dann zum Sturz der Macht des Kapitals antreten wird, wenn es die Hoffnung auf eine lebenswertere Gesellschaft danach haben kann.

Für eine Sekte wie die Arbeitermacht zählt das alles natürlich nicht, wenn es nur um die Diffamierung einer alten Feindin geht.

Ich beziehe mich im übrigen nur auf die von mir zitierten Sätze von  Edith Bartelmus-Scholich und kann gegenwärtig zu anderen von ihr möglicherweise vertretenen Positionen keine Aussage machen.

Written by bronsteyn

7. März 2012 at 9:37 pm

Faule Arbeiter, Karl Eugen Dühring und die DDR

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Ein Diskussionbeitrag von H. bei unserer letzten Schulung (Thema: Charles Fourier) brachte mich dazu, auf das Thema näher einzugehen. H. warf die Frage auf, warum die Arbeiter in der ehemaligen DDR als eher faul angesehen und nur ansprechbar für materielle Reize gewesen waren. Die Frage scheint mir wesentlich.
Hinzufügen möchte ich, dass ja die (eingebildeten oder realen) Konsumanreize des Westens auf der subjektiven Ebene ja auch dafür ausschlaggebend waren, dass die Mehrheit der Arbeiterklasse der DDR bei den einzigen freien Volkskammerwahlen der Geschichte dieses Staates (1990) eine Mehrheit bürgerlich-kapitalistischer Parteien herbeiführte (wobei die Ost-CDU integrierter Teil der Bürokratie war) und damit die Restauration des Kapitalismus in der DDR. Es wäre ein Fehler, die Augen vor diesen Faktoren zu verschliessen, vielmehr müssen diese subjektiven Faktoren analysiert, gewürdigt und Schlussfolgerungen unterzogen werden.
Die Hegemonie bürgerlich-kapitalistischer Ideologie sogar über eine Arbeiterklasse, die noch nicht direkt der Herrschaft der kapitalistischen Klasse unterworfen war, deutet auf schwerwiegende Defizite der Staatsform hin, die die DDR prägte.
Ich erinnere mich noch sehr gut, dass ich 1990/91 mehrere Male in der Eisenacher Gegend als Dozent Umschüler der abgewickelten Firma Robotron unterrichtete und mit den Arbeitern (hochqualifizierte Informatikspezialisten) auch über die Umstände der deutschen Wiedervereinigung offen sprechen konnte. Meine Frage an die Kollegen, warum sie nach dem Zusammenbruch des Honecker-Regimes nicht verlangt hätten, die Betriebsleitungen selbst zu wählen und die (bei Robotron ja durchaus leistungs- und konkurrenzfähige) Produktion nicht selbst übernommen hätten, wie es ja sogar einzelne Sektoren der Bürokratie vorgeschlagen hatten, stiess auf Erstaunen und Verblüffung. Mir wurde gesagt, dass niemand auf eine solche „Idee“ gekommen wäre. Auch die traditionsreiche Forderung nach Bildung von Arbeiterräten war für die Kollegen, mit denen ich es zu tun hatte, völlig abstrakt. Und es handelte sich keineswegs um besonders politisch rückständige Arbeiter, sondern um einen privilegierten und durchaus politisch vergleichsweise bewussten Teil der Arbeiterklasse. Die Vorstellung also, in welcher Form auch immer selbstbestimmt zu arbeiten, war den Arbeitern der DDR also völlig fremd. Die Vorgänge um die Wiedervereinigung Deutschlands (unter welchen Bedingungen auch immer) reduzierte sich für die Mehrzahl der Kollegen (nicht alle) auf die Frage, wer denn „die richtigen Leute“ sein könnten, um dem „heruntergewirtschafteten“ Land auf die Beine zu helfen. (Wir wissen ja heute, dass die DDR keineswegs so wirtschaftlich am Boden war wie die kapitalistische Propaganda behauptete, was sogar bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftswissenschaftler bestätigten).

Die DDR und Karl Eugen Dühring

Ich habe im Rahmen meines Fourier-Vortrags darauf hingewiesen, dass die DDR in auffälliger Weise dem ähnelte, was ein Eugen Dühring so als Sozialismus-Vorstellung hatte.

So Friedrich Engels im „Anti-Dühring“: 

Und nun besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Dühring, als könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamtheit der Produktionsmittel, ohne die alte Art des Produzierens von Grund aus umzuwälzen und vor allem die alte Teilung der Arbeit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur »den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung getragen« – wobei dann nach wie vor ganze Massen von Existenzen unter die Erzeugung eines Artikels geknechtet, ganze »Bevölkerungen« von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen werden, und die Menschheit sich nach wie vor in eine Anzahl verschieden verkrüppelter »ökonomischer Spielarten« teilt, als da sind »Karrenschieber« und »Architekten«.

Wie ist diese augenfällige Übereinstimmung der Visionen eines Eugen Dühring („ein vorlauter Zwerg“ nach F. Engels) mit der Realität der späteren DDR zu erklären? Sicherlich nicht durch eine ideologische Verwandtschaft. Walter Ulbricht und Erich Honecker hätten mit Sicherheit voller Überzeugung und Empörung die These von sich gewiesen, Anhänger Eugen Dührings zu sein. Aber die Unterscheidung von Karrenschiebern und Architekten gab es in der DDR eben auch, und ebenfalls, dass „ganze Massen von Existenzen unter Erzeugung eines Artikels geknechtet“ und „ganze Bevölkerungen von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen“ wurden, wenn man allein nur an Bitterfeld denkt.
Es muss seine Erklärung darin finden, dass die DDR mit Zwangsläufigkeit sich zu etwas entwickelte, was den „visionären“ Vorstellungen eines Eugen Dühring entsprach. Eugen Dühring war (von seinem rassistischen Antisemitismus ganz abgesehen) geistig gefangen im preussischen Wilhelminismus und seinen Wertvorstellungen. Die DDR basierte letztlich auf den Trümmern des preussischen Staates und stellte in gewissem Sinn auch seine Vollendung dar, Verstaatlichungen inklusive. So ist diese Ähnlichkeit also alles andere als zufällig, wenn auch Eugen Dührings Ideen (schon gar nicht seine Rassenphantasien) keineswegs geistig prägend für die DDR war (sie sah sich selbst ja in jeder Hinsicht als marxistischen Arbeiter- und Bauernstaat). Doch das erklärt noch nicht das Scheitern dieser „Deutschen Dühringschen Republik“ (man verzeihe mir den Hohn). Warum war die DDR als gewissermassen Vollendung des preussischen „staatskapitalistischen Staates“ nicht wenigstens wirtschaftlich erfolgreicher als der privatkapitalistische Westen?

Kurzer Exkurs zum Staatskapitalismus

Nur um eines klarzustellen: ich vertrete keineswegs die „vulgärtrotzkistische“ Theorie, wonach die gescheiterten Arbeiterstaaten quasi als Bestrafung der Bürokratie als staatskapitalistische Staaten bezeichnet werden. Staatskapitalismus ist ein notwendiges Element des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Auch Lenin verwendete diesen Begriff, um einen Sektor der sowjetrussischen Wirtschaft zu bezeichnen, und zwar eben die gerade verstaatlichte Industrie, die im wirtschaftlichen Verkehr sowohl ins kapitalistische Ausland als auch gegenüber anderen Wirtschaftssektoren ( Kleinbauern, Kulaken, Genossenschaftssektor usw) kapitalistische Formen der Produktion eben notwendigerweise fortführen musste.
Aus Sicht Lenins aber handelte es sich nur um einen Übergang (die Neue Ökonomische Politik war erklärtermassen ein notwendiger Rückschritt), aber letztlich nur deswegen, um aus einer ökonomisch stabileren Situation zum „genossenschaftlichen Zusammenschluss der gesamten Gesellschaft“ übergehen zu können (Lenins letzte und leider sehr unbekannte größere Schrift „Über das Genossenschaftswesen“). Wenn also Staatskapitalismus ( der Arbeiterstaat – ob bürokratisch oder nicht – tritt auf dem Weltmarkt als staatlicher Kapitalist auf) ein notwendiges und unvermeidliches Element beim Übergang in den Sozialismus ist (und diese These vertrete ich sehr wohl, weil es allein schon unsinnig wäre, sie zu bestreiten), so muss trotzdem der Arbeiterstaat den Übergang zu einer Wirtschaftsform organisieren, die jenseits auch des Staatskapitalismus liegt. Eine Aufgabe, von der Lenin zu Recht der Meinung war, dass Russland sie nicht allein schaffen könne.

Aufgabe der Umgestaltung des Apparates

Die modernsten kapitalistischen Produktionsmethoden mussten in der jungen Sowjetunion überhaupt erst noch eingeführt werden (jedenfalls in aller Breite), an auch ihre Überwindung war noch gar nicht zu denken. Jedoch 1923 propagierte Lenin dringend und drängend („Über das Genosenschaftswesen“, 1923): 

Jetzt haben wir das Recht zu sagen, daß das einfache Wachstum der Genossenschaften für uns (…) mit dem Wachstum des Sozialismus identisch ist, und zugleich müssen wir zugeben, daß sich unsere ganze Auffassung vom Sozialismus grundlegend geändert hat. Diese grundlegende Änderung besteht darin, daß wir früher das Schwergewicht auf den politischen Kampf, die Revolution, der Eroberung der Macht usw. legten und auch legen mußten. Heute dagegen ändert sich das Schwergewicht so weit, daß es auf die friedliche organisatorische „Kultur“arbeit verlegt wird. Ich würde sagen, daß sich das Schwergewicht für uns auf bloße Kulturarbeit verschiebt, gäbe es nicht die internationalen Beziehungen, hätten wir nicht die Pflicht, für unsere Position in internationalem Maßstab zu kämpfen. Wenn man aber davon absieht und sich auf die inneren ökonomischen Verhältnisse beschränkt, so reduziert sich bei uns jetzt das Schwergewicht der Arbeit tatsächlich auf bloße Kulturarbeit.

Was könnte Lenin nur mit „Kulturarbeit“ (auch noch „friedliche organisatorische“) gemeint haben?

Vor uns stehen zwei Hauptaufgaben, die eine Epoche ausmachen. Das ist einmal die Aufgabe, unseren Apparat umzugestalten, der absolut nichts taugt und den wir gänzlich von der früheren Epoche übernommen haben. Hier ist ernstlich etwas umzugestalten, das haben wir in fünf Jahren Kampf nicht fertiggebracht und konnten es auch nicht fertigbringen. Unsere zweite Aufgabe besteht in der kulturellen Arbeit für die Bauernschaft.

Hier drückt sich Lenin nicht sehr exakt aus, die Schrift war wohl in grosser Eile entstanden.
Von welchem Apparat spricht er?
Offensichtlich nicht nur dem politischen, sondern auch dem wirtschaftlichen.
„Unser Apparat“ taugt nichts, schreibt er, weil er gänzlich von der früheren Epoche übernommen worden ist.
Es ist hier wichtig, den Begriff des Apparates genauer unter die Lupe zu nehmen. Einen Apparat besitzen nicht nur Staaten und Parteien, auch jeder kapitalistische Betrieb besitzt einen (Verwaltungsapparat).

Organisationsstruktur der Produktionsweise im Kapitalismus

Von Apparaten spricht man dann, wenn es sich um sogenannte Linienorganisationen oder Stab-Linien-Organisationen handelt. Eine Linienorganisation besteht aus klaren und einheitlichen Weisungsbefugnissen auf jeder Ebene. Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens weist eine Verbindung zu einer höheren Ebene auf. Gegenüber dieser muss sich jeder Mitarbeiter verantworten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Linienorganisation

Im Grunde hatte die junge Sowjetunion die Stab-Linien-Organisation, theoretisch vom Schöpfer der kapitalistischen Managementlehre, Henry Fayol, erst 1916 als Konzept ausgearbeitet, als damals modernste Konzeption übernommen. http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Fayol

Die DDR hatte im Grunde das kapitalistische Stab-Linien-System als Organisationsstruktur der Industrie vom Kapitalismus in vollem Umfang übernommen. Hier ist ein kleiner Ausflug in die Betriebs-Organisationslehre zu unternehmen. Die Stab-Linien-Organisation wurde zu Beginn der Industrialisierung direkt und unmittelbar aus dem Militärwesen übernommen, denn dort hatte es sich im Laufe der Neuzeit als effizienteste Organisationsstruktur des Militärs erwiesen. Es definiert als entscheidendes Merkmal eindeutige Führungsfunktionen top-down, also von oben nach unten. Führungskräfte haben jeweils eine klar definierte Anzahl von Untergebenen, denen gegenüber sie weisungs-, im Militär sogar befehlsbefugt sind. Die Hierarchie einer Stab-Linien-Organisation verästelt und differenziert sich von oben nach unten. Stäbe, also Gruppen von Beratern, arbeiten hierbei jeweils einer Führungsperson zu, der Begriff Stab ist eine direkte Übernahme aus dem Militärwesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stabsabteilung

Die Stablinienorganisation stellt eine Erweiterung der Einlinienorganisation dar.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stablinienorganisation

Die Stab-Linien-Organisation hat eine Reihe von Nachteilen hinsichtlich ihrer Effizienz, das bekannte und populärste Problem ist das sogenannte Peter-Prinzip.

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Prinzip

Von daher ist es nicht zufällig, dass die kapitalistischen Konzerne sich schon früh Gedanken über Alternativen zum Stab-Linien-System machten. Eine Alternative der Aufbauorganisation (= die Lehre vom Organisationsaufbau eines Betriebes) bot sich in der sogenannten Matrixorganisation an, die mindestens eine volle Hierarchieebene „einklappt“ und im Sinne kapitalistischer Verwertungsprozesse flexibler ist.

http://de.wikipedia.org/wiki/Matrixorganisation

Besonders grosse kapitalistische Konzerne stellen sogar mehrdimensionale Matrixorganisationen dar, was Tensororganisation genannt wird.

http://de.wikipedia.org/wiki/Tensororganisation

Organisationsstruktur der Produktionsweise in der DDR

Zurück zur DDR und zu den (politisch) gescheiterten Arbeiterstaaten. Weder Matrix- noch Tensororganisationen waren in der DDR (oder in anderen kapitalistisch restaurierten Arbeiterstaaten) bekannt, allein die Vorstellung, dass es eine Alternative zur Stab-Linien-Organisation geben könnte, existierte nicht. Sowjetrussische Kombinate etwa wiesen eine solch hohe Anzahl von Hierarchieebenen auf, wie sie für keinen multinationalen kapitalistischen Konzern noch tragbar gewesen wäre.

Karrenschieber und Architekten

Selbst in trotzkistischen Gruppen und Strömungen (die sich in aller Regel nicht mit solchen schnöden Dingen wie Organisation der Produktionsweise herumschlagen) existiert eine absolute Fixierung auf die Stab-Linien-Organisation, obwohl diese selbst für die mächtigsten kapitalistischen Konzerne obsolet geworden und durch ein- oder mehrdimensionale Matrixorganisationen ersetzt worden ist. Die Vorstellung einer sozialistischen Gesellschaft erschöpfen sich meist darin, abstrakt von einer Räterepublik zu sprechen.
Damit ist aber nichts gesagt über die Organisationsform grosser industrieller Betriebe, der Basis, der Produktionsweise. Bleibt es bei der Unterscheidung von „Karrenschiebern“ und „Architekten“ (Engels) oder nicht? Und wenn nicht, durch was wird das Karrenschieber-Architekten-Linienprinzip ersetzt, und in welchem Zeitraum und mit welchen Übergangsstufen? Gewiss ist die Forderung nach einer Räterepublik unbedingt richtig, aber ist sie auch hinreichend, um die Struktur einer sozialistischen Gesellschaft zu beschreiben? Ich meine, dass das nicht der Fall ist. Arbeiterräte erschienen bislang immer nur in jeweilig kurzen historischen Phasen (die vielen Beispiele zu nennen erspare ich mir), sie wurden bisher stets entweder von der kapitalistischen Konterrevolution zerschlagen oder vom bürokratischen Thermidor aufgefressen, was freilich nichts an der Frage ihrer Relevanz ändert. Aufgabe der Räte soll sein, die kapitalistische Staatsmaschine zu zerschlagen und durch etwas zu ersetzen, das „eigentlich kein Staat mehr ist“, der immer wieder genannte „absterbende Arbeiterstaat“.

Räte und umzuwälzende Strukturen

Nun sind Räte ja letztlich nichts weiter als jederzeit abwählbare Delegierte „der Arbeiter“, aber die Frage, welches die menschlichen Grundstrukturen dieser gewählten Delegierten sind, bleibt trotzdem offen. Gewiss, Fabriken sollen Fabrikräte wählen, militärische Einheiten Soldatenräte, aufständische Stadtteile Stadtteil-Räte, aber in allen Fällen handelt es sich um vom Kapitalismus ererbte Strukturen. Dies ist der Fall sowohl bei der Fabrik oder dem Unternehmen, der militärischen Einheit oder einem Wohnbezirk.
Aber genau diese Strukturen müssen ja umgewälzt werden, jedenfalls wenn man Friedrich Engels in seiner Polemik gegen Dühring folgt. Es darf nicht dabei bleiben, dass es für immer „Karrenschieber“ und „Architekten“ gibt (und damit Stab-Linien-Organisation als ewiges Prinzip).
Davon war die DDR allerdings weit entfernt, wie wir alle wissen. Basis und Überbau entsprachen vollständig den vom Kapitalismus ererbten Strukturen, hinkten sogar der Fortschritts-Entwicklung des niedergehenden Spätkapitalismus hinterher (Matrix- und Tensororganisation).

Das System der überlappenden Gruppen von Rensis Likert

Gibt es denn Alternativen zur Stab-Linien-Organisation, die (von Matrixorganisationen abgesehen) in der Lage wären, konstituiv die Wirtschaftsorganisation im Sozialismus zu beschreiben, darzustellen und zu konzipieren? Die gibt es, Dr. Rensis Likert hat eine solche entwickelt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Rensis_Likert Rensis

Likert ist von seiner Vita her ein ganz gewöhnlicher bürgerlicher Sozialforscher. Er beschäftigte sich damit nicht nur die Nachteile des Stab-Linien-systems, sondern auch der Matrixorganisation zu überwinden. Er schlug vor, eine Organisationsstruktur grundsätzlich in Teams zu beschreiben und die jeweiligen Vorgesetzten (Teamleiter) in Link-Teams zusammenzufassen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Linking-Pin-Modell

zitiert von dort: Als Kritikpunkt kann erwähnt werden, dass dieses Modell oft nur den Top-Down-Ansatz verfolgt und eine Kommunikation Bottom-Up entweder nur schwer, durch lange Verzögerungen geprägt oder gar nicht möglich ist.

Das ist sicherlich, aber auch nur teilweise, richtig, denn Likert war eben ein bürgerlicher Soziologe, der vom Standpunkt der organisatorischen Effizienz das Thema betrachtete, und unter kapitalistischen Verhältnissen ist das eben der Standpunkt des Kapitaleigentümers. Doch die Kritik übersieht, dass Likerts Linking-Pin-Modell grundsätzlich ebenso gut in der Lage ist, Bottom-Up-Beziehungen zu beschreiben und zu strukturieren. Wenn die Mitglieder der Link-Teams nämlich gewählte und jederzeit abwählbare Delegierte ihrer Basisteams sind, dann beschreibt das Likertsche Modell im Prinzip ein durch alle Entscheidungsebenen durchgängiges Räte-System.

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/ueberlappende-gruppen.html

In der kapitalistischen Managementlehre spielt Likerts Linkin-Pin-Modell (auch das System der überlappenden Gruppen genannt) im Angesicht der neoliberalen Offensive kaum noch eine Rolle. Likert selbst starb schon 1981. Sein Modell wirkt wie ein theoretischer Überbau, für den es noch keine wirkliche Basis gibt (ebenso wie es für Fouriers Konzept der anziehenden Arbeit im Frankreich des 19. Jahrhunderts noch keine wirkliche materielle Basis gab). Es verhält sich damit ähnlich wie mit Ada Lovelace, die die Grundsätze des Programmierens entwickelte, noch bevor es Computer gab.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ada_Lovelace

Gewiss, Likert war kein Sozialist, aber Ada Lovelace war auch keine Programmiererin. Sein Linkin-Pin-Modell stellt aber im Prinzip eine Metasystem dar, das sowohl Stab-Linien-Organisationen als auch „basisdemokratische“ vernetzte Gruppenmodelle gleichermassen darstellen kann, sowie alle nur denkbaren Übergänge und Zwischenstufen.

Lücke in der Theorie des Sozialismus

Generell, so möchte ich sagen, hat die gesamte Linke das schwere Erbe vom Stalinismus übernommen, sich um derartige Fragen gar nicht zu scheren (Linienorganisation reichte dem Stalinismus völlig). Darüber soll man sich „nach der Revolution“ (gewissermassen am jüngsten Tag) erst Gedanken machen. Auch Trotzkisten sind letztlich (in Ermangelung besserer Ideen) mit ihrer Reduktion auf die (sicherlich richtige) Räte-Forderung im Bann stalinistischer Konzepte geistig gefangen, denn es bleibt bei der Vorstellung, irgendwelche gewählten Räte würden die vorhandene wirtschaftliche Maschinierie einfach übernehmen und im Sinne „der Arbeiter“ lenken können.
Zum einen klappte das letzten Endes bei den gescheiterten Arbeiterstaaten auch nicht, zum anderen fehlt dadurch aber jede attraktive Vision für Millionen von Arbeiter auf ein besseres und erfüllteres Leben in der Arbeitswelt.
Was schert den unpolitischen Durchschnittsarbeiter letztlich, ob es ein „Kapitalist“ oder ein „Sozialist“ ist, der ihm ein Drittel seines Arbeitstages kommandiert? Wenn wir aber das Stab-Linien-Modell und ebenso seine Modifikationen durch die Matrixorganisation aber als wesentliche Strukturmodelle der kapitalistischen Gesellschaft begreifen, dann wird offensichtlich, dass sie beide ersetzt werden müssen durch Strukturmodelle, die dem Wesen des Sozialismus besser entsprechen, und seinen wesentlichen Merkmalen, das sind u.a. Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Ausübung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, genossenschaftliche Ordnung, Existenzgarantie für die besitzlose Klasse, breite Demokratie der besitzlosen Klasse usw.

Wählbarkeit der Vorgesetzten

In der betrieblichen Hierarchie kann das nur bedeuten, dass letzten Endes (als Vollendung des Sozialismus) grundsätzlich alle Vorgesetzten wählbar sein müssen. Überrascht? Wieso? Auch die Auflösung der konterrevolutionären Militärarmeen mit ihren Stab-Linien-Organisationen erfolgt historisch traditionell durch die Wahl der Vorgesetzten durch die Soldaten (Soldaten-Räte in Russland, Deutscland usw. am Ende des 1.WK).
Das Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten ist selbst dem Kapitalismus nicht so gänzlich fremd wie es erscheint. In der Boom-Phase der Informationstechnologie gab es durchaus Experimente verschiedener IT-Konzerne mit diesem Prinzip, freilich gegenüber einer privilegierten, weil hochqualifizierten Gruppe von Arbeitern. Freilich ging diese Wählbarkeit niemals bis in die Ebene des Top-Management. Vereinzelt erheben auch Reformisten, wenn sie besonders mutig sind, die Forderung nach Wahl der Vorgesetzten in den Betrieben. Unter kapitalistischen Bedingungen muss eine solche isolierte Forderung natürlich notwendigerweise versanden.
Aber es ist wichtig, der Arbeiterklasse heute klar zu sagen, dass die Durchsetzung der Wählbarkeit der Vorgesetzten ein wichtiges und sehr zentrales Ziel im Sozialismus sein wird. Das wird den authentischen Sozialismus, wie wir ihn vertreten, auch sehr klar und deutlich von allen stalinistischen und post-stalinistischen Konzepten unterscheiden. Für jedes Mitglied der Arbeiterklasse ist diese Frage sogar von höchst vitalem Interesse. Millionen leiden unter Vorgesetzten, von denen sie drangsaliert und schikaniert werden, und zu Recht werden die meisten Arbeiter sagen, es sei ihnen egal, ob ihr „kleiner Tyrann“ (Castaneda) ein Sozialist oder ein Kapitalist sei.

Demokratisierung der (vergesellschafteten) Betriebe

Wie verträgt sich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel mit dem Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten in den Betrieben? Unter der Bedingung, dass ein Betrieb wirklich in Gemeineigentum übergegangen ist, verschwindet dieser mögliche Widerspruch durch geeignete Maßnahmen und klare Definitionen von selbst.
Natürlich darf auch die Top-Ebene eines vergesellschafteten Betriebes keine völlige Entscheidungsfreiheit über alle wirtschaftlichen Entscheidungen haben, auch dann nicht, wenn er von der Belegschaft gewählt ist.
Manager sind von Natur aus gewohnt, Vorgaben zu erfüllen. Unter kapitalistischen Bedingungen bestehen diese Vorgaben fast immer darin, den Profit zu maximieren. Aber das ist nicht naturnotwendigerweise so. Die Vorgabe kann etwa auch lauten, kostendeckend zu wirtschaften und zusätzlich gesellschaftliche Leistung seitens des Betriebes zu erbringen. Oder bestimmte technische Innovationen zu entwickeln. Oder Arbeitszeit einzusparen und (ohne Entlassungen) freie menschliche Arbeitskraft zu erzeugen.
Die Erfahrungswissenschaft Management-Lehre ist zwar unter kapitalistischen Verhältnissen geboren worden, aber sie besteht letztlich aus einem Sammelsurium an Methoden, die auch für die breiten Massen erlernbar sind. Ein Ackermann zeichnet sich nicht durch eine besondere Intelligenz, sondern nur durch besondere Skrupellosigkeit aus. Es bedarf keine besonderen Intelligenz, um Management-Methoden ( z.B. Netzplantechnik, Aufgabenanalyse, Prozessanalyse) zu erlernen und anzuwenden. Allerdings wird sich die Funktion der Management-Lehre im Sozialismus entscheidend verändern. Nicht mehr „Erzieher und Erzogene“ wird es geben, sondern eine transparente Anwendung geeigneter Methoden zur Erreichung gesamtgesellschaftlich (durch Räte) definierter Ziele.
Mit dieser Klarheit, also der Definition quantifizierbarer Vorgaben für jeden vergesellschafteten Betrieb, ist auch eine vollständige Wählbarkeit der Vorgesetzten bis in die Ebene des Top-Managements denkbar und möglich.
Idealerweise werden von den Belegschaften diejenigen Top-Manager gewählt, die am innovativsten und rationellsten die gesamtgesellschaftlichen Vorgaben durch ihre Führung realisieren. Es gäbe dann auch sicherlich so etwas wie populäre Top-Manager, was es im Kapitalismus auf die Dauer nicht geben kann (sogenannter charismatischer Unternehmensführer). So etwas ist erst im Sozialismus denkbar.

Arbeit war nicht anziehend im Arbeiterstaat

Kommen wir noch zum Thema der anziehenden Arbeit. Es gab in der DDR-Bürokratie nicht die geringsten Ansätze, das Prinzip der anziehenden Arbeit wenigstens in Versuchsmodellen zu erforschen, noch weniger hatten, wie wir wissen, die DDR-Arbeiter auch nur eine Vorstellung davon. Die perfekte Übernahme (sogar veralteter) kapitalistischer Organisationsprinzipien in der Wirtschaft führte dazu, dass jedes Streben der Arbeiterklasse auf finanzielle Anreize und Konsum orientiert war (womit die Bürokratie sich letztlich ihr eigenes Grab schaufelte).
Lust auf Arbeit wird nicht durch sterile Propaganda gefördert, sondern dadurch, dass den Arbeitern die Möglichkeit gegeben wird, ihren Neigungen zu folgen und ihre Leidenschaften zu entfalten.
Klar ist das etwas, was nicht innerhalb von Tagen oder Wochen zu erreichen ist, sondern sich über eine ganze Epoche erstrecken muss. Aber weder bei der Bürokratie der DDR noch bei den Arbeitern gab es wenigstens eine Vorstellung davon.
Dabei hätte es in der DDR zumindest Möglichkeiten gegeben, das Prinzip der anziehenden Arbeit wenigstens in Teilbereichen zu untersuchen und zu erforschen. Denn bürokratischen Leerlauf und (wie es die kapitalistische Propaganda nannte) „versteckte Arbeitslosigkeit“ gab es ja sowieso. Dabei wäre auch wichtig gewesen, die Erforschung der anziehenden Arbeit nicht nur „top-down“ durch die Elite vornehmen zu lassen, sondern alle daran zu beteiligen.
„Erforschen wir, wie anziehende Arbeit und notwendige Arbeit zur Deckung gebracht werden können!“ wäre eine sinnvolle Losung gewesen. Klar war das unter den bürokratischen Bedingungen der DDR, wo die Elite die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse geradezu fürchten musste, nicht möglich gewesen. Aber es sind politische Bedingungen, die das verhinderten, die materiellen Möglichkeiten bestanden sehr wohl.

Das Verhältnis von anziehender Arbeit und finanziellen Anreizen

Die neoliberale Wirtschaftsphilosophie (Mises, Hayek) geht davon aus, dass der Mensch nur durch finanzielle Anreize zu bewegen ist, nützlich (im Sinne der Kapitalverwertung) zu arbeiten. Denn nur durch Geld können die Menschen sich diejenigen Güter beschaffen, die sie zu ihrer Bedürfnisbefriedigung (zu ihrem Glück) brauchen.
Teilweise befürworten sogar einige (wie Hayek) ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, um den rein finanziellen Anreiz (für das Kapital zu arbeiten) zur vollen Entfaltung zu bringen. Ironischerweise basierte das Weltbild der stalinistischen Bürokratie auf dem gleichen Menschenbild. Doch der Ansatz ist falsch. Es gibt kein natürliches Bedürfnis des Menschen nach Geld, nach Tauschmittel.
Nicht nur kann man Geld nicht essen, sondern wie schon die Beatles sangen, auch Liebe kann man mit Geld nicht kaufen. Charles Fourier wies die Vielfältigkeit der Leidenschaften auf: nicht nur sinnliche Konsumlust (bei ihm durchaus positiv bewertet) ist es, was sie antreibt, sondern auch der Wunsch nach sozialen Kontakten, nach Freundschaften, nach Austausch, nach Kultur, nach Liebe, nach Sexualität, nach Anerkennung, nach ehrgeizigem Erreichen selbst gesteckter Ziele usw usw.
Ein natürliches Bedürfnis nach Geld (Tauschmittel) aber gibt es nicht, Geld ist stets das Mittel, um sich benötigte Dinge oder Dienstleistungen zu kaufen.
Von daher ergibt sich, dass die Rolle des Geldes notwendigerweise sinken muss, wenn die gesellschaftliche Organisation durch ihre Struktur und Funktionsweise die Möglichkeit bietet, die Bedürfnisse zu befriedigen und den eigenen Neigungen zu folgen, auch wenn man dazu nicht Dinge oder Dienstleistungen kaufen muss.
Von daher ergibt sich durchaus eine Polarität zwischen anziehender Arbeit und Arbeit aufgrund finanziellen Anreizes im Sozialismus. Die Arbeit aufgrund des finanziellen Anreizes ist in jeder Hinsicht ein Erbe des Kapitalismus, geboren letztlich aus dem Arbeitszwang aufgrund existenzieller Not.
Die DDR, die sich ausschließlich auf Arbeitszwang und finanziellem Anreiz verließ und die anziehende Arbeit in keiner Weise beachtete, war deshalb auf Gedeih und Verderb an den Kapitalismus gekettet, was letztlich zu ihrem Untergang führte.
Im Unterschied zum gescheiterten Arbeiterstaat DDR (denn ein – bürokratisch entsetzlich deformierter – Arbeiterstaat war sie schon) wird ein sozialistischer Staat der Zukunft alles tun, um das Gewicht der anziehenden Arbeit gegenüber der Arbeit aufgrund finanzieller Anreize zu stärken.
Klar wird es gerade in der Anfangsphase nicht anders gehen als auch mit dem Mittel des finanziellen Anreizes zu arbeiten. Doch der zentrale Anreiz (!) dieses wahrhaft sozialistischen Arbeiterstaates muss es sein, der anziehenden Arbeit immer breiteren Raum zu schaffen, von kleinen Ansätzen angefangen, bis hin zu grossen komplexen Organisationen (basierend auf dem Prinzip der Fourierschen Arbeitsbörse), die den Tätigkeitsdrang der Menschen nützlichen und notwendigen Arbeiten zuführt.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Übernahme bereits veralteter kapitalistischer Organisationsmethoden und die völlige Ignorierung des Prinzips der anziehenden Arbeit ursächlich dafür war, dass die DDR-Arbeiter trotz intensivster Propaganda der stalinistischen und poststalinistischen Eliten sich mehrheitlich mit diesem Staat nicht identifzierten und in der kapitalistischen Restauration mit ihren Konsumversprechen letztlich das kleinere Übel sahen. Dies hatte aber seinen Grund letztlich darin, dass die DDR in allen ihren Strukturmerkmalen von den Organisationsstrukturen und Methoden des Kapitalismus geprägt war (selbst wenn es leicht abgeschwächt war) und ein Übergang zu einer höheren Stufe noch nicht einmal angedacht war. Arbeitszwang und finanzieller (Konsum-)Anreiz hatten sich deswegen durchgesetzt, weil die DDR gar keine Alternative dazu anzubieten hatte. Jede denkbare Alternative hätte das Monopol der Bürokratie in Frage gestellt. So beging sie politischen Selbstmord, indem sie sich den restaurativen Interessen des kapitalistischen Westens bedingungslos unterwarf.
Die Arbeiterklasse der DDR zu mobilisieren, schon gar nicht für deren eigene Interessen, dazu war sie nicht in der Lage. Wesentliche Träger der Restauration gingen unmittelbar und direkt aus Fraktionen der Bürokratie hervor (vor allem die Kirchen und die Ost-CDU). Diese erwiesen sich als erfolgreiche Chamäleons und gingen bruchlos von der poststalinistischen in die kapitalistische Bürokratie über, wobei als herausragende und durchaus typische Repräsentanten dieses Typ Merkel und Gauck genannt seien.

NACHTRAG 19.2.2012

Zum Thema Wählbarkeit der Vorgesetzen sei auf das sogar im kapitalistischen Maßstab überraschend erfolgreiche SEMCO-System verwiesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Semco_System

Hierbei ist bedeutsam, dass SEMCO (eine AG bzw S.A.) auf dem Markt als ein durchaus rein kapitalistisches Unternehmen funktioniert. Auch ist der faktische Inhaber des Unternehmens, Ricardo Semler, nichts anderes als ein besonders kreativer Angehöriger seiner Klasse. Aber dass ein rein kapitalistischer Betrieb das Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten nicht nur umgesetzt, sondern mit wirtschaftlichem Erfolg durchgesetzt hat, zeigt, dass das Prinzip der Wählbarkeit aller Vorgesetzten erst recht in einem sozialistischen (vergesellschafteten) Betrieb erfolgreich umgesetzt werden könnte. Auf den Betrieb bezogen würde die Gesamtgesellschaft, repräsentiert durch die Institutionen der Räterepublik, die Rolle des Unternehmers bzw der Anteilseigner einnehmen und die die allgemeinen Richtlinien und Strategien des Betriebes bestimmten und am besten auch quantitativ festlegen. In diesem Rahmen würde die Wählbarkeit der Vorgesetzten tendenziell eine an den entsprechenden Richtlinien und Strategien orientierte effiziente Führungsstruktur hervorbringen.

Kritische Thesen zu „Unsere Zukunft ist die neue Welt, der Kommunismus !“

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19 kommunistische (ich meine: poststalinistische) Jugendorganisationen in Europa haben eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, darunter die SDAJ – Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend.
http://kritische-massen.over-blog.de/article-unsere-zukunft-ist-die-neue-welt-der-kommunismus-97710562.html
Bei aller Zustimmung zur Überschrift kritische Thesen zum Inhalt.
Ich übergehe alle Passagen, denen ich zustimmen kann, um auf die für mich wesentlichen Punkte zu kommen.

1. Ich bestreite explizit die Charakterisierung der ehemaligen Ostblockstaaten als „sozialistisch“ und verweise darauf, dass ein Lenin schon klargestellt hat, dass von Sozialismus nicht gesprochen werden kann, wo Arbeiter und Bauern als Klassen fortdauern, von der Existenz der parasitären Bürokratie ganz zu schweigen.

2. Die Diskreditierung der Begriffe Sozialismus und Kommunismus ist nur zu einem Teil Ergebnis der ohnehin konstanten imperialistischen Medienmaschine (Wahrnehmungsmanagement), zum anderen Produkt der realen sinnlichen Erfahrung eines bürokratischen Zwangssystems durch Millionen Menschen.

3. Es ist falsch, die Gesellschaftsstufe des Sozialismus auf Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und die grundlegende Existenzsicherung der Arbeiterklasse zu reduzieren (Garantismus), wenn auch beide Elemente wesentliche Bestandteile des Sozialismus sind.
Weitere wichtige und notwendige Bestandtteile einer sozialistischen Gesellschaft sind ein Staatsaufbau (eines absterbefähigen Arbeiterstaates) auf der Basis von Räten zum einen (und kein Krypto- und Pseudoparlamentarismus, wie er die stalinistischen Regime auszeichnete), sowie der „genossenschaftliche Zusammenschluss der gesamten Gesellschaft“, wie es Lenin in seiner letzten grossen Schrift dringend anmahnte.
Hinzu kommt noch, dass im Sozialismus erste und fundamentale Schritte zur Ersetzung des kapitalistischen Arbeitszwangs durch ein gesamtgesellschaftliches System anziehender Arbeit erfolgen MUSS. Wer es nicht glaubt, dem sollte Engels aus dem Grabe heraus noch den Anti-Dühring um die Ohren schlagen, denn die stalinistischen Staaten ähnelten nicht zufällig den „Sozialismus“-Vorstellungen eines Karl Eugen Dühring bis zum Verwechseln.
Zufall?

4. Der Text spricht von einer Konterrevolution 1991. Dieser Einschätzung der Geschehnisse stimme ich durchaus zu, erlaube mir aber zu fragen, wer der Träger dieser Konterrevolution war. Eine auswärtige Intervention ist es ja nicht gewesen.
Der Text schweigt sich darüber peinlich aus, und zwar aus gutem Grunde.
Die poststalinistische Bürokratie selbst nämlich, auf die sich die Poststalinisten ausserhalb der „sozialistischen Sphäre“ immer so enthusiatisch stützten, diese selbst war der Träger der Konterrevolution.
Die Ironie dabei ist auch noch, dass gerade die Existenz dieser Bürokratie von den Stalinisten und Poststalinisten stets bestritten wurde.
Demnach hätte also ein „Nichts“ die Konterrevolution gemacht, oder wie? Und Jelzin, die Oligarchen und diese ganzen Figuren wären vom Mars gekommen oder aus einem Paralleluniversum oder was? Womit durch die wirklichen Ereignisse im übrigen die klassische These Leo Trotzkis vom grundsätzlich konterrevolutionären Charakter der stalinistischen Bürokratie schlagend bewiesen ist. Wie reden die Poststalinisten sich da raus? Hat ein „Nichts“ die Konterrevolution vollzogen, waren es gar „imperialistisch verhetzte“ Sektoren des Proletariats, der Weihnachtsmann oder was?
Welcher Klasse/Kaste/Schicht gehörten denn die Gorbatschow, Jezin, Oligarchen, Putins usw denn nun an?
Dem Proletariat? Der Bauernschaft?
Einer durch magische Kräfte in die Sowjetunion hineimgebaemten „geistigen“ Bourgeosie?
Nein, der Text spricht einer Konterrevolution „von innen und von oben“. Also?

5. Auch sonst strotzt der Text von gravierenden Abweichungen von den grundlegenden Ideen von Marx und Engels.
Es ist definitiv falsch von einer „sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsformation“ zu sprechen.
Wie bitte, höre ich da fragen.
Vielleicht mal ausser den Buchtiteln auch die Inhalte lesen und vor allem verstehen. Von Marx und Engels wird nämlich MINDESTENS eine Unter- und eine Oberstufe unterschieden (wobei die Unterstufe meist als „Sozialismus“ und die Oberstufe als „Kommunismus“ bezeichnet wird.
Die Aufgabe der Unterstufe ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel (unter Kontrolle der Klasse und nicht einer Bürokratie), die Existenzsicherung der proletarischen Klasse und die schrittweise Aufhebung der Klassen.
Die Aufgabe der Oberstufe aber ist die vollständige Ersetzung der Lohnarbeit durch ein gesellschaftliches System der anziehenden Arbeit und die vollständige Abschaffung der Überreste der kapitalistischen Arbeitsteilung (Lohnsklaverei, Arbeitszwang).
Diese Durcheinandermengung von Sozialismus und Kommunismus ist nicht zufällig durch den Poststalinismus, denn nach dessen Logik (welche als Logik der subjektive Ausdruck der objektiven Interessen der untergegangenen bzw zur Neo-Bourgeosie transformierten Bürokratie ist) stellt die bürokratische Form eines „Arbeiterstaates“ je ebenso das „Ende der Geschichte“ dar wie der Neoliberalismus für die Apologeten des Spätkapitalismus.
Also: es ist grundfalsch, Sozialismus und Kommunismus als Gesellschaftsformation durcheinander zu werfen, weil damit wichtige Aufgaben der sozialistischen und die Wesensmerkmale der kommunistischen Gesellschaftsformation unterschlagen werden.
Der in allen wesentlichen Punkten einem Dühringschen „Staatssozialismus“ entsprechende bürokratisch bis zum logischen Ende (der Konterrevolution) degenerierte ehemals revolutionäre Arbeiterstaat in Russland stellt eben NICHT das „Ende der Geschichte“ dar, welches einfach nur noch mal „wiederholt“ werden muss.

6. Ziemlich dumm und platt ist auch die Behauptung, die „Macht“ gehöre „entweder der arbeitenden Klasse oder der Klasse der Kapitalisten“. Ganz nach der Devise, es gibt nur Zweibeiner und Vierbeiner und „Vierbeiner guuut, Zweibeiner schleecht“.
Unmarxistischer Blödsinn.
Welche Macht?
Die politische etwa?
Und was ist mit typischen Erscheinungsformen bürgerlicher Herrschaft wie Bonapartismus, Militärdiktaturen, Faschismus usw., wo wesentliche Teile der ökonomisch dominierenden Klasse von der politischen Macht ausgeschlossen sind?
Die gewohnheitsmässige Marotte der Bürokratie, sich immer und stets selbst an die Stelle der Arbeiterklasse zu setzen, kommt wieder zum Vorschein. „Entweder Kapitalismus oder wir“.
War der Zusammenbruch der nach Dühringschen Prinzipien funktionierenden DDR durch das passive Votum der Arbeiterklasse des „Arbeiter- und Bauernstaates“ keine Lehre?
Poststalinisten werden das bestreiten (denn nach ihrer Ansicht gibt es keine parasitäre Bürokratie, gab es niemals eine und die Konterrevolution 1991 kam vom Sirius oder von der Wega), aber das ist genau das, was die Mehrheit der Arbeiterklasse (zugegeben: vom bürgerlichen Wahrnehmungsmanagement bearbeitet) konstant annimmt, wenn in solcher Weise undifferenziert von „Sozialismus“ und „Kommunismus“ gesprochen wird.
Sozialismus/Kommunismus = Herrschaft einer kulturell und politisch weitgehend autoritären bis totalitären Bürokratie nach bestem preussischen Muster. (Übrigens wäre auch Ferdinand Lasalle durchaus an getan gewesen von der DDR)
Ein „subjektiver Faktor“, gewiss. Aber dieser subjektive Faktor ist entscheidend für die Lösung der Führungskrise des Proletariats (dessen kollektives Bewusstein gegenwärtig noch vollständig von der bürgerlichen Medienmaschinerie kontrolliert wird). Durch das pure Wiederkäuen der stalinischen und poststalinistischen Ideologie wird diese Führungskrise nicht gelöst, sondern nur durch die Erneuerung und Erweiterung des Marxismus angesichts der gavierenden Erfahrungen.

B.I.Bronsteyn – 23. Jan, 19:40
Erstveröffentlichung: http://auroranews.twoday.net/stories/kritische-thesen-zu-unsere-zukunft-ist-die-neue-welt-der-kommunismus/

Written by bronsteyn

25. Januar 2012 at 2:31 pm