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An die Menschen des NAO-Prozesses (und andere Interessierte)

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Wie schätze ich den NAO-Prozess ein?
Wie sollte der NAO-Prozess weiterentwickelt werden?
Wie könnte eine Zusammenarbeit der am NAO-Prozess beteiligten Gruppen aussehen?

Wie schätze ich den NAO-Prozess ein?

Ich schätze den NAO-Prozess als den Herausbildungsprozess einer zentristischen Strömung in Deutschland ein.
Das ist auf keinen Fall als eine abwertende Einschätzung zu verstehen. Von einer wirklichen „revolutionären Linken“ kann in Deutschland noch nicht gesprochen werden. Dies ist auch keine Frage blosser Programmatik (Papier ist geduldig), sondern auch der konkreten Organisation und vor allem der Praxis.
Als (revolutionäre) Praxis verstehe ich die gewohnheitsmässige politische und soziale Tätigkeit von „subjektiven Revolutionären“ gemeinsam mit Menschen, die der proletarischen Klasse angehören und die ihre sozialen und politischen Interessen wahren, verteidigen und verwirklichen wollen.
Zu einer revolutionären Praxis gehört auch eine revolutionäre Programmatik. Diese muss sinnvollerweise nicht nur angeben, wogegen es geht (Kapitalismus, klar, sogar Heiner Geissler ist „gegen den Kapitalismus“), sondern wofür.
Insofern stimme ich den 5 Essentials des NAO-Prozesses kritisch zu, benenne aber auch, wo ich sie für inkonkret und vage halte.

Zu den 5 Essentials

„Konzept des revolutionären Bruchs“ halte ich für abstrakt und vage. Notwendig ist eine klare Orientierung auf eine Räterepublik.

Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise ist eine Ehrensache.
Die Klassenorientierung (auf die 70-80% der Bevölkerung, die das Proletariat darstellen) ebenfalls.

Einheitsfront ist eine Taktik, genauer eine immer wieder kehrende Methode, und kann nicht Inhalt eines revolutionären Programms sein (es sei denn, der Weg soll das Ziel sein).

Zur „gewissen“ organisatorischen Verbindlichkeit meine ich, dass es darauf ankommt, eine in jeder Hinsicht teamorientierte revolutionäre Organisation aufzubauen.
Ich spreche hier und im folgenden konsequent anglisierend „neudeutsch“ von Teambildung und Teamentwicklung. Historisch und methodisch korrekt wäre eigentlich der Begriff Zelle, welcher auch in der Bolschewistischen Partei verwendet wurde. Der Begriff Zelle weckt aber aus verschiedenen Gründen teilweise völlig falsche Assoziationen, weswegen ich konsequent den Begriff Team verwende.
Wer genau wissen will, worin sich ein Team von einer blossen Gruppe unterscheidet, lese bitte den in Management-Sprache gehaltenen Artikel und mache sich Gedanken dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Teambildung

Der Unterschied zwischen „Breitheit“ und Breite
„Zentrismus“ als politische Strömung auf der Linken bezog sich ursprünglich auf das „marxistische Zentrum“ in der Vor-WK-1-SPS, auf die USPD, auf die österreichische SPÖ und auf die deutsche SAP. Im wesentlichen war diese Strömung charakterisiert durch ihr Bestreben der Schaffung einer breiten Linkspartei, die sowohl Revolutionäre als auch Reformisten umfassen sollte.
Nicht zufällig gibt es heute, nicht nur in Deutschland, ähnliche Tendenzen, und sie wurden auch schon in der NAO-Diskussion laut.
Ich sehe so: das Streben nach „breiten Linksparteien“ („Breitheit“) ist Prothese, Pseudo-Ersatz für wirkliche Verankerung in breiten Sektoren der Arbeiterklasse (Breite). Programmatische Verwässung und Diffusität soll das vollbringen, was eine fehlende Praxis nicht geliefert hat, nämlich Einfluss, wenn schon nicht auf „die Massen“, so doch wenigstens auf einige Sektoren und Bereiche.
Der Weg ist aber falsch.
„Verschmelzung“ mit konstruierten „Vorhuten“, zumal wenn es sich um Parteiapparate handelt, ist kein Parteiaufbau.
Paktieren fast einflussloser Grüppchen mit Funktionären ist keine Einheitsfront, auch blosse Wahlaufrufe sind es per se nicht.
Parteiapparate, auch wenn sie Mandatsträger stellen, sind nur in der parlamentarischen Logik „Stellvertreter der Massen“.
Wahlkampagnen stellen keine Organisierung von Massen dar.
Gewiss kann man das alles tun, wenn es taktisch opportun ist, aber all das kann weder eine Strategie noch ein Ziel sein.
Wer das schwer versteht: das Ausheben von Schützengräben und das Verschanzen darin ist zum Beispiel eine Taktik, die Brechung des gegnerischen Kampfwillens ein Ziel, und der Weg, diesen Kampfwillen zu brechen, ist Strategie.
Wegen dieser ständigen Verwechslung von „Breitheit“ und Breite sehe ich den NAO-Prozess skeptisch, zumindest was einige seiner Komponenten angeht.
Trotzdem bekunde ich den Initiatoren dieses Prozesses, der SIB, meinen Respekt.
Weil jeder Schritt wirklicher Bewegung wichtiger ist als ein Dutzend Programme.

Wie sollte der NAO-Prozess weiterentwickelt werden?
Ich schlage die Linie der klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung vor. Diese Linie habe ich bei der Japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga (JRCL), auch manchmal „Chukakuha“ genannt, in Theorie und Praxis kennen gelernt, und ich halte sie für überzeugend. Der Wortlaut der folgenden 13 Punkte ist von mir, wurde aber von den Genossen der JRCL bereits als vollkommen übereinstimmend mit ihrer Linie beurteilt.

1. Das Proletariat (die Klasse der Besitzer bloßer Arbeitskraft) stellt im 21. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur in einzelnen Ländern wie Deutschland oder Japan, sondern weltweit. Diese Klasse wird in ihrer Komplexität und ihrer Grösse meist nicht gesehen und sieht sich auch selbst nicht so. Es ist ein schlafender Riese, der aufgeweckt werden muss.
2. Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisationen dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur ihre historische Mission nicht erfüllen kann, sondern auch nur die Lösung ihre dringendsten sozialen Probleme angehen kann.
3. Notwendig ist die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung als Strömung innerhalb der Klasse, und zwar weltweit. Die Aufgabe einer solchen Strömung ist es, die Interessen des Proletariats in seiner Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen und die Hegemonie kapitalistischer Apparate über die Klasse zu brechen. Es handelt sich im wesentlichen auch um eine Hegemonie über das Bewusstsein (subjektiver Faktor).
4. Diese klassenorientierte Arbeiterbewegung geht grundsätzlich von der Unvereinbarkeit der sozialen Interessen des Proletariats und denen der Kapitalbesitzer aus und schließt die Möglichkeit der Aussöhnung dieser Gegensätze aus.
5. Die klassenorientierte Arbeiter/innen/bewegung handelt in allen ihren Aktivitäten immer auf die Gesamtinteressen der eigenen Klasse orientiert und reduziert sich nicht auf sektorielle Perspektiven (z.B. die Interessen nur der Lokführer oder nur der unbefristet Festangestellten).
6. Sektorielle Begrenzungen und Beschränkungen, Trennungslinien nationaler, kultureller, soziokultureller oder geschlechtlicher Art müssen beständig überwunden werden zugunsten dem zusammenfassenden Gesamtinteresse der Klasse.
7. Wiederbelebung der Gewerkschaften ist ein zentrales Element dieser Ausrichtung, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Gewerkschaften (daneben auch proletarische Genossenschaften und Arbeiter(innen(vereine) sind die historischen und natürlichen Organisationsformen der Arbeiter/innen/klasse. Die Bürokratisierung der konkreten Verbände (z.B. DGB) und ihre Verwandlung in versicherungsartige Dienstleistungsunternehmen (letztlich im Dienst des Kapitals) sind den Interessen der Klasse entgegengesetzt. Die Wiederbelebung der Gewerkschaften in ihrer eigentlichen Funktion ist die Aufgabe unserer Zeit.
8. Wiederbelebung der Gewerkschaften betrifft nicht nur die Demokratisierung der existierenden Verbände und ihre Transformation in Organe des Klassenkampfes, sondern auch diejenigen Teile des Proletariats, die nicht organisiert sind. Hier ist es notwendig, jede Art der Organisierung zu unterstützen, die die proletarischen Interessen zum Ausdruck bringen. Auch Stadtteilinitiativen und Komitees von Erwerbslosen, Schülern und Studenten können insofern Bestandtteil der Wiederbelebung der Gewerkschaften (Organisationen des Proletariats) sein. Hinweis: in Japan gibt es neben den existierenden Branchengewerkschaften und ihren Dachverbänden auch zahllose sogenannte „amalgamisierte Gewerkschaften“ auf regionaler Wohnbezirks- und Stadtteilebene, die branchenübergreifend unorganisierte Arbeiter erfassen.
9. Die Klassenorientierte Arbeiterbewegung muss zunächst notwendigerweise als (formlose) Bewegung und Strömung beginnen, sich verbreitern und letztlich zum Ausgangspunkt von Klasseneinheit (gegen die kapitalistische Klasse) werden. Sie wird zu einer Strömung vereinen: Aktivistengruppen innerhalb der bestehenden Verbände, selbstermächtigte (autonome) Betriebsgruppen, Arbeitslosen-Gruppen, Stadtteil- und Mieterkomitees, gesellschaftliche Bewegungen mit proletarischer Ausrichtung.
10. Solidarität muss ein wichtiges Element der Klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung sein. Der japanische Begriff „Danketsu“ bringt dies noch besser mit seinem spezifischen Inhalt von „unbedingtem Zusammenhalt“ zum Ausdruck. Es muss eine Gewohnheit werden, isolierte sektorielle Kämpfe zu unterstützen und die praktische Erfahrung von „Danketsu“ zu schaffen. Diese Ebene ist fast noch wichtiger, aber mindestens genau so wichtig wie die Ebene der Losungen und Forderungen. Eine Arbeiter/innen/klasse, die sich gewohnheitsmässig mit allen ihren kämpfenden Bestandtteilen solidarisiert, ist auch in der Lage, die Führung der gesamten Gesellschaft zu übernehmen und das kapitalistische System zu stürzen und aufzuheben.
11. Die Erfahrung von konkretem „Danketsu“ schafft elementares Klassenbewusstsein und ist die Voraussetzung für komplexes (revolutionäres). Teilelemente dessen sind Faktoren wie gegenseitige Hilfe (auch im Alltag), Einfühlungsvermögen, Kommunikationskompetenz, eine konstruktive und solidarische Diskussions- und auch Streitkultur (innerhalb der Klasse, versteht sich, nicht gegenüber dem Klassengegner). „Danketsu“ bedeutet auch, dass „niemand im Stich gelassen“ wird und spricht auch die Emotionen der Klasse an („Einer für alle, alle für einen“).
12. Es ist auch Aufgabe der revolutionären Kerne (der Vorläufer einer Organisation der Revolutionäre), ein solches elementares Klassenbewusstsein bei seiner Entstehung zu unterstützen und zu fördern. Die Reduzierung der eigenen Aktivitäten auf die Propagierung aller nur denkbarer Übergangsforderungen bewirkt allein rein gar nichts.
13. Eine Organisation der Revolutionäre kann sich sinnvoller Weise nur im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung (Ebene der Organisation der Arbeiter/innen/klasse) sinnvoll formieren. Nur in einem solchen praktischen Zusammenhang kann sie sich aus vorhandenen Organisationsansätzen in einem geduldigen Prozess der Diskussion, des Austausches, der Kritik, der geduldigen praktischen Zusammenarbeit herausbilden und letztlich auch in konkreten Fusionen (Zusammenschlüssen) münden. Die Organisation der Revolutionäre muss das politische und organisatorische Rückgrat der Klassenorientierten Arbeiter/innen/bewegung sein.

Ich füge hinzu, dass diese 13 Punkte durchaus eine solidarische Zusammenarbeit verschiedener Gruppen und Organisationen möglich machen und sogar nahe legen. Gewiss sind diese 13 Punkte noch kein revolutionäres Programm, das zur Begründung einer wirklichen revolutionären Arbeiter/innen/partei nötig ist.
Es handelt sich um einen methodischen Leitfaden für eine gemeinsame Praxis.
Aber auf dieser Grundlage könnten Trotzkisten verschiedener Fraktionen und Tendenzen, Brandlerianer, Linkskommunisten, klassenorientierte Anarchosyndikalisten, organisierte Autonome usw. solidarisch zusammenarbeiten.
Von daher schlage ich den am NAO Prozess beteiligten Gruppen diese 13 Punkte als methodischen Leitfaden für die Praxis vor.

Wie könnte eine Zusammenarbeit der am NAO-Prozess beteiligten Gruppen aussehen?

Revolutionäre haben drei wesentliche Aufgaben: Agitation (wenige Gedanken für viele), Propaganda (viele Gedanken für wenige) und Organisierung.
Was bedeutet aber Organisierung? Für wenige oder für viele?
Reicht es, wenn die Revolutionäre „sich selbst organisieren“, so dass dann die Massen, beeindruckt von den tollen Losungen und Forderungen, nur noch zu strömen brauchen?
Auch wenn viele Lenin für „erledigt“ halten, der Mann war immerhin Führer einer der wenigen erfolgreichen Revolutionen der Geschichte. 1912 schrieb er folgende Zeilen:
„In der gegenwärtigen Epoche ist die illegale Partei als Summe von Parteizellen, die von einem Netz legaler und halblegaler Arbeitervereinigungen umgeben sind, der einzig richtige Typ des Organisationsaufbaus.“
Klar, wir leben gerade mal nicht in einer Phase der Illegalität. Ist der Satz trotzdem Historie?
Was ist mit dem „Netz legaler und halblegaler Arbeitervereinigungen“, von dem Lenin spricht?
In der Sozialdemokratie vor und nach dem 1.Weltkrieg wurde von „Vorfeldstrukturen“ gesprochen, und das waren neben den Gewerkschaften Genossenschaften, Arbeitersportvereine, Freidenkerverbände, Naturfreunde, Geselligkeitsvereine, Kleintierzüchter- und sonstige „Hobby“-Vereinigungen usw. Der Austromarxist Otto Bauer beschrieb in seinem Buch „Die illegale Partei“ die geradezu wesentliche Funktion dieser „Vorfeldstrukturen“ als Multiplikatoren für die politische Wirksamkeit der illegal operierenden Parteizellen.
Für die Proletarier aber waren diese Strukturen ihre Organisationen und standen im Zentrum ihres Alltages.
Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen.
Dieses Netz legaler und halblegaler Arbeitervereinigungen, in denen „subjektive Revolutionäre“ heute arbeiten könnten und gar arbeiten würden, gibt es nicht.
Darüber zu jammern, dass die Sozialdemokratie all die schönen Arbeitervereinigungen korrumpiert habe, ist völlig unsinnig. Diese historischen Arbeitervereinigungen entstanden ab 1870 und wuchsen in nur 40 Jahren zu einer machtvollen Bewegung, die man unter Historikern gemeinhin Arbeiterbewegung nennt.
1970 ist jetzt auch über 40 Jahre her. 1970 war eine Art Höhepunkt der „Neuen Linken“. Die aus dieser „Neuen Linken“ hervorgegangenen Gruppen und Organisationen haben alle versagt, und zwar vollständig und umfassend. 40 Jahre sind Zeit genug.
Es wäre Zeit genug gewesen, ein solches Netz legaler und halblegaler Arbeiter/innen/vereinigungen aufzubauen und damit Erfahrungen zu sammeln.
Oh, gewiss, der „niedrige Stand der Klassenkämpfe“ und „das gering ausgeprägte Klassenbewusstein“. Das ist, als wenn ein Gärtner sich über seine ausgetrockneten Beete beklagte, weil zu wenig Wasser vorhanden sei und es auch nicht geregnet habe.

Die am NAO-Prozess beteiligten Gruppen sollten sich gemeinsam über dieses Thema Gedanken machen, und zwar gründlich und schonungslos.
Es gilt auch heute, mehr denn je, dichte Netze von legalen und halblegalen Arbeiter/innen/vereinigungen zu schaffen, in denen die „subjektiven Revolutionäre“, mit einem klaren, auf die Räterepublik ausgerichteten Programm, zu arbeiten beginnen, um nämlich die proletarische Klasse zu organisieren (und nicht zu schulmeistern).
Die Organisationsformen (die auch teilweise entdeckt und entwickelt werden müssen) müssen low level (niedrig-schwellig) sein, d.h. der Zugang und die Beteiligung durchschnittlicher Proletarier/innen muss leicht gemacht werden, muss sich an ihren (durchaus auch verschiedenen) sozialen, politischen, kulturellen, ja sogar sexuellen, künstlerischen, hobby-mässigen, psychischen usw. Interessen und Bedürfnissen orientieren. In diesen Strukturen müssen die „subjektiven Revolutionäre“ offen, aber nicht aufdringlich und einvernehmend (Mitgliederhunger) auftreten, Danketsu praktizieren („Kämpfen wir zusammen!“) und dabei unablässig ihr politisches Programm erklären.
Unabhängigen und autonomen Arbeiter/innen/vereinigungen wie dem Aktionsausschuss 100% S-Bahn ist jede Unterstützung zu gewähren. Überall in jedem Wohnbezirk, zu jedem Thema müssen solche Netze von Arbeiter/innen/vereinigungen entstehen.
Zu diesem Zweck müssen die „subjektiven Revolutionäre“ sich fest und teamorientiert auf klarer revolutionärer Grundlage zusammenschliessen und praktisch zusammenarbeiten.
Einen anderen Weg gibt es nicht.
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E-Mail: bronsteyn[at]gmx.de
Web: https://bronsteyn.wordpress.com

Written by bronsteyn

24. Juni 2012 at 5:59 pm

Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme

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Ein Beitrag zur Diskussion um die „Neue Antikapitalistische Organisation“

Viele kennen diesen Satz und zitieren ihn gerne, vor allem wenn sie Programm-Diskussionen kritisieren wollen. Doch es ist wichtig, den Zusammenhang und Kontext dieses Satzes auch zu kennen. Er stammt aus einem Brief von Karls Marx an Wilhelm Bracke im Mai 1975. Marx und Engels hatten scharf gegen das Gothaer Programm Stellung genommen, auf dessen Grundlage sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (sogenannte Eisenacher) zusammengeschlossen hatten:

Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Konnte man also nicht – und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehn, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktionen gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme (statt diese bis zur Zeit aufzuschieben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Tätigkeit vorbereitet war), so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung mißt.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/05/briefbracke.htm

Marx nimmt also nicht grundsätzlich gegen ein Programm wie das genannte Eisenacher Stellung, sondern gegen „ein Dutzend Programme“, bzw den Streit darum. Bedeutsam finde ich, dass Marx „eine längere gemeinsame Tätigkeit“ zur Voraussetzung eines Programms macht, das über ein vorhandenes hinausgeht. Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit der Initiative der SIB „Neue Antikapitalistische Organisation – na endlich“?

Die Chefs der Lassalleaner kamen, weil die Verhältnisse sie dazu zwangen. Hätte man ihnen von vornherein erklärt, man lasse sich auf keinen Prinzipienschacher ein, so hätten sie sich mit einem Aktionsprogramm oder Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Aktion begnügen müssen.

Kommen hier kleine isolierte linke Gruppen zusammen, weil sie die Verhältnisse dazu zwingen? Wahrscheinlich schon, ehrlich gesagt. Das ist ja auch durchaus nicht verwerflich.

Doch bis jetzt verläuft die Diskussion hauptsächlich entlang dessen, was man (durchaus positiv) als Kampf um Prinzipien verstehen könnte. Grundsätzlich gibt es da die Extreme Prinzipienreiterei und Prinzipienschacherei. Was mag schlimmer sein? Wie wärs erst einmal mit einem Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Aktion?

Hier ist einer: Das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung. Es ist nicht von mir entwickelt worden, sondern von der ältesten und wahrscheinlich größten trotzkistischen Organisation der Welt, der japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga (JRCL), auch „Chukakuha“ genannt. Ich habe die Grundlinien dieses Konzeptes in Theorie und Praxis studiert und befunden, das es in jeder Hinsicht den Vorstellungen von Marx, Engels und Lenin entspricht, aber auf eine gewisse methodische Weise neu und klar formuliert.

Hiermit stelle ich es in Deutschland vor.

Organisation der Arbeiter und Organisation der Revolutionäre

Bei allen künftigen Prozessen der Annäherung (oder auch nicht) ist die Tatsache ins Bewusstsein zu bringen, dass nicht nur die Ebene der Organisation der Revolutionäre (Lenin) in einem desolaten Zustand ist, sondern auch die Ebene der Organisation der Arbeiter (Gewerkschaftliche Ebene). Diese Ebene braucht, wie immer irgendwelche Fusionsprozesse auch verlaufen mögen, eine strategische Antwort durch eine wahrhaftige Organisation der Revolutionäre, und wenn es eine solche noch nicht gibt, dann durch diejenigen Kräfte, die eine solche schaffen wollen.

Klassenorientierte Arbeiterbewegung in 13 Punkten

Das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung, das eine strategische Leitlinie sowohl für die Organisation der Arbeiter als auch die Organisation der Revolutionäre darstellt, basiert auf folgenden Grundlagen:

1. Das Proletariat (die Klasse der Besitzer bloßer Arbeitskraft) stellt im 21. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur in einzelnen Ländern wie Deutschland oder Japan, sondern weltweit. Diese Klasse wird in ihrer Komplexität und ihrer Grösse meist nicht gesehen und sieht sich auch selbst nicht so. Es ist ein schlafender Riese, der aufgeweckt werden muss.

2. Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisationen dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur nicht ihre historische Mission erfüllen kann, sondern auch nicht nur die Lösung ihre dringensten sozialen Probleme angehen kann.
{Korrektur fett am 26.3.2012, Bitte um Entschuldigung}

3. Notwendig ist die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung als Strömung innerhalb der Klasse, und zwar weltweit. Die Aufgabe einer solchen Strömung ist es, die Interessen des Proletariats in seiner Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen und die Hegemonie kapitalistischer Apparate über die Klasse zu brechen. Es handelt sich im wesentlichen auch um eine Hegemonie über das Bewusstsein (subjektiver Faktor).

4. Diese klassenorientierte Arbeiterbewegung geht grundsätzlich von der Unvereinbarkeit der sozialen Interessen des Proletariats und denen der Kapitalbesitzer aus und schließt die Möglichkeit der Aussöhnung dieser Gegensätze aus.

5. Die klassenorientierte Arbeiterbewegung handelt in allen ihren Aktivitäten immer auf die Gesamtinteressen der eigenen Klasse orientiert und reduziert sich nicht auf sektorielle Perspektiven (z.B. die Interessen nur der Lokführer oder nur der unbefristet Festangestellten).

6. Sektorielle Begrenzungen und Beschränkungen, Trennungslinien nationaler, kultureller, soziokultureller oder geschlechtlicher Art müssen beständig überwunden werden zugunsten einem zusammenfassenden Gesamtinteresse der Klasse.

7. Wiederbelebung der Gewerkschaften ist ein zentrales Element dieser Ausrichtung, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Gewerkschaften (daneben auch proletarische Genossenschaften) sind die historischen und natürlichen Organisationsformen der Arbeiterklasse. Die Bürokratisierung der konkreten Verbände (z.B. DGB) und ihre Verwandlung in versicherungsartige Dienstleistungsunternehmen (letztlich im Dienst des Kapitals) ist den Interessen der Klasse entgegengesetzt. Die Wiederbelebung der Gewerkschaften in ihrer eigentlichen Funktion ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit.

8. Wiederbelebung der Gewerkschaften betrifft nicht nur die Demokratisierung der existierenden Verbände und ihre Transformation in Organe des Klassenkampfes, sondern auch diejenigen Teile des Proletariats, die nicht organisiert sind. Hier ist es notwendig, jede Art der Organisierung zu unterstützen, die die proletarischen Interessen zum Ausdruck bringen. Auch Stadtteilinitiativen und Komitees können insofern Bestandtteil der Wiederbelebung der Gewerkschaften sein. Hinweis: in Japan gibt es neben den existierenden Branchengewerkschaften und ihren Dachverbänden auch sogenannte „amalgamisierte Gewerkschaften“ auf regionaler Wohnbezirks- und Stadtteilebene, die branchenübergreifend unorganisierte Arbeiter erfassen.

9. Die Klassenorientierte Arbeiterbewegung muss zunächst notwendigerweise als (formlose) Bewegung und Strömung beginnen, sich verbreitern und letztlich zum Ausgangspunkt von Klasseneinheit (gegen die kapitalistische Klasse) werden. Sie wird zu einer Strömung vereinen: Aktivistengruppen innerhalb der bestehenden Verbände, selbstermächtigte (autonome) Betriebsgruppen, Arbeitslosen-Gruppen, Stadtteil- und Mieterkomitees, gesellschaftliche Bewegungen mit proletarischer Ausrichtung.

10. Solidarität muss ein wichtiges Element der Klassenorientierten Arbeiterbewegung sein. Der japanische Begriff „Danketsu“ bringt dies noch besser mit seinem spezifischen Inhalt von „unbedingtem Zusammenhalt“ zum Ausdruck. Es muss eine Gewohnheit werden, isolierte sektorielle Kämpfe zu unterstützen und die praktische Erfahrung von „Danketsu“ zu schaffen. Diese Ebene ist fast noch wichtiger, aber mindestens genau so wichtig wie die Ebene der Losungen und Forderungen. Eine Arbeiterklasse, die sich gewohnheitsmässig mit allen ihren kämpfenden Bestandtteilen solidarisiert, ist auch in der Lage, die Führung der gesamten Gesellschaft zu übernehmen.

11. Die Erfahrung von konkretem „Danketsu“ schafft elementares Klassenbewusstsein und die Voraussetzung für komplexes (revolutionäres). Teilelemente dessen sind Faktoren wie gegenseitige Hilfe (auch im Alltag), Einfühlungsvermögen, Kommunikationskompetenz, eine konstruktive und solidarische Diskussions- und auch Streitkultur (innerhalb der Klasse, versteht sich, nicht gegenüber dem Klassengegner). „Danketsu“ bedeutet auch, dass „niemand im Stich gelassen“ wird und spricht auch die Emotionen der Klasse an („Einer für alle, alle für einen“).

12. Es ist auch Aufgabe der revolutionären Kerne (der Vorläufer einer Organisation der Revolutionäre), ein solches elementares Klassenbewusstsein bei seiner Entstehung zu unterstützen und zu fördern. Die Reduzierung der eigenen Aktivitäten auf die Propagierung denkbarer Übergangsforderungen bewirkt allein rein gar nichts.

13. Eine Organisation der Revolutionäre kann sich sinnvollerweise nur im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Klassenorientierten Arbeiterbewegung (Ebene der Organisation der Arbeiterklasse) sinnvoll formieren. Nur in einem solchen praktischen Zusammenhang kann sie sich aus vorhandenen Organisationsansätzen in einem geduldigen Prozess der Diskussion, des Austausches, der Kritik, der geduldigen praktischen Zusammenarbeit herausbilden und letztlich auch in konkreten Fusionen (Zusammenschlüssen) münden.

Konkret

Sind wir uns wohl darüber einig, dass eine breite diffus angelegte linksradikale Mischmaschorganisation „links von der Linken“ kein Fortschritt gegenüber der bestehenden zersplitterten Situation darstellen würde? Noch viel weniger, wenn sie gar auch noch auf Teilnahme an bürgerlichen Wahlen fixiert wäre. Zentrale Linie meines Vorschlages ist die Orientierung auf eine gemeinsame Praxis, aus der im Erfolgsfalle auch eine Annäherung auf theoretischen Gebieten erfolgen kann (das Sein bestimmt das Bewusstsein):

– zur Wiederbelebung der Gewerkschaften (und einem ganz allgemeinen und umfassenden Sinn, nicht auf DGB-Gewerkschaften beschränkt)

– die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung (die verbandsübergreifend sein muss und auch die Sektoren einschliesst, die etwa von den DGB-Gewerkschaften gar nicht erfasst sind)

Ein gewisses Vorbild könnte die klassenorientierte Arbeiterbewegung in Japan mit seinem Flaggschiff Doro-Chiba sein. Wohlgemerkt: es geht um eine (im Prinzip formlose) Bewegung, nicht etwa um eine Strategie orientiert auf unabhängige Verbände. In jeder Hinsicht dürfen Revolutionäre sich hier nicht die Hände binden oder selbst schwächen.

Es gibt zwar in Deutschland kein DC und auch andere Besonderheiten (wie die amalgamisierten Gewerkschaften) gibt es bei uns nicht, aber es gibt sehr wohl (hauptsächlich aus alten linken Aktivisten bestehendes) Netzwerke klassenkämpferischer Gewerkschafter am Rande von DGB oder auch GDL. Es gibt autonome und „autonome“ Zusammenhänge vieler Art.

Berlin hat in einigen Stadtteilen eine ungewöhnliche Dichte von politischen Aktivisten.

Hier können die kleinen Propagandagruppen, die grundsätzlich eine Organisation der Revolutionäre schaffen wollen, in der Wiederbelebung der Organisation der Arbeiter praktisch zusammenarbeiten. Eine Annäherung gerade in der im Prinzip essentiellen Frage des Zieles einer Räterepublik kann nur auf der Basis gemeinsamer praktischer Arbeit wirklich gedeihen, und nur dann kann sie auch wirklich konkret diskutiert werden.

Im Grundsatz ist das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung nicht wirklich neu.

Eine gute alte Losung ist die der Schaffung einer klassenkämpferischen Gewerkschaftsströmung, was nichts anderes bedeutet. Aber es ist mehr als eine Losung, es ist eine strategische Leitlinie für die Praxis. Damit es in den Prozessen um die „NAO“ auch nicht eine blosse Losung bleibt, sind Absprachen und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Gruppen hinsichtlich folgender Strukturen sinnvoll:
– klassenkämpferische Basisstrukturen innerhalb der existierenden Apparategewerkschaften (damit schliesse ich GDL usw. ein); Beispiel FBGS
– Betriebsgruppen (gemeint sind offene und unabhängige, und nicht Organisationszellen irgendeiner Partei); Beispiel: Aktionsausschuss S-Bahn
– Stadtteilkomitees (als Hebel, um die arbeitslosen und prekären Teile des Proletariats zu organisieren); existieren zahlreich in Berlin (2 und 3 sehe ich als auch sinnvolle Konkretisierung des Konzeptes der „amalgamisierten Gewerkschaften“ an).
Eine solche gemeinsame Praxis ist in Berlin durchaus vorstellbar und auch praktizierbar.

Zu allen genannten Strukturen existieren in Berlin auch konkrete Ansätze.

Ohne eine solche parallele gemeinsame Praxis muss jeder Annäherungsprozess auf einer „positionellen Ebene“ auch im luftleeren Raum hängenbleiben muss. Dies allein schon aufgrund der Tatsache, dass kleine politische Gruppen keineswegs nur an ihrem eigenen Anspruch gemessen werden dürfen. Man beurteilt ja auch ein Individuum nicht allein danach, wonach es sich dünkt, oder?

Auch kleine linke Gruppen mit riesigem politischen Anspruch sind letztlich Gruppen konkreter Personen mit konkretem Eigen(Gruppen)Interesse. Die Gruppendynamik überlistet gern das eitle Avantgarde-Bewusstsein vieler Kleingruppen, die eher als Sekten zu betrachten sind (insofern sie sich nicht wirklich auf die Klasse des Proletariats orientieren).

Ohne eine wirkliche Annäherung in Theorie UND Praxis kann eine Organisationsproklamation bestenfalls nur in einem „Prinzipienschacher“ enden. Das Schicksal einer NAO wäre dann noch tragischer als das der französischen NPA.
Die Verwässerung der eigenen Programmatik bis zur Unkenntlichkeit hat noch nie eine revolutionäre Bewegung vorangebracht.
Eine erneute Proklamation etwa einer diffusen „Vereinigten Sozialistischen Partei“ mit erneutem Abbau von Mitgliedern und Positionen seitens aller beteiligten Gründer bringt weder die Sache der Organisation der Arbeiter noch die der Organisation der Revolutionäre weiter.
Von daher schlage ich die Orientierung der Klassenorientierten Arbeiterbewegung als Leitlinie der Prozesse um eine „NAO“ vor und stelle sie zur Diskussion.

Written by bronsteyn

6. März 2012 at 1:19 pm