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Morenismus

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Das Wort Morenismus ist in Deutschland, nicht ohne Grund, fast unbekannt und nur „trotzkistischen Insidern“ ein Begriff.
In Lateinamerika dagegen ist der Terminus wohl bekannt. Die meisten trotzkistischen Organisationen dort sind aus der „morenistischen Strömung“ hervorgegangen.
Ich will mit diesem kleinen Artikel keine erschöpfende Geschichte dieser Strömung schreiben, das wäre Grund für eine wissenschaftliche Dissertation.
Als ehemaliger Mitbegründer der einzigen „morenistischen“ Gruppe, die es jemals in Deutschland gab, möchte ich doch einiges zu dieser Strömung sagen, die in Deutschland völlig verschwunden ist.
Namensgeber für diese Strömung war Nahuel Moreno, mit richtigem Namen eigentlich Hugo Blessano, dessen Lebensgeschichte in aller Kürze bei wikipedia nachzulesen ist:
http://en.wikipedia.org/wiki/Nahuel_Moreno
(Einen deutschen Eintrag in wikipedia gibt es dazu nicht, wer sollte ihn auch vornehmen?)
spanisch ausführlicher hier:
http://es.wikipedia.org/wiki/Nahuel_Moreno

Über die von Moreno initiierte „morenistische Strömung“ kann man nachgoogeln:
http://www.google.de/#sclient=psy-ab&hl=de&source=hp&q=Morenismus&pbx=1&oq=Morenismus&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=e&gs_upl=0l0l0l3808l0l0l0l0l0l0l0l0ll0l0&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.,cf.osb&fp=59afa5df962a6305&biw=1280&bih=646

Ich möchte nur aus eigener Anschauung und Erfahrung einige Thesen zu diesem Phänomen formulieren und in diesem Blog niederlegen, für alle, die mit dem Begriff etwas anzufangen wissen.

1. Das Lebenswerk Nahuel Morenos ist durchaus beeindruckend. Ergebnis seines Wirkens ist u.a., dass es auf dem lateinamerikanischen Subkontinent heute viele zehntausende Trotzkisten gibt, wo vor 50 Jahren noch ein weisser Fleck in der Landkarte war.
2. Ich schätze Moreno vor allem als revolutionären Pragmatiker, eine Charakterisierung, die ich nicht als abschätzig verstanden wissen will. Gerade unter vielen sich als Trotzkisten bezeichnenden Koriphäen mangelt es aus meiner Sicht erheblich an dem Typus des revolutionären Pragmatikers, ohne den keine Bewegung und keine Organisation wirklich lebendig und wirk-sam sein kann.
3. Sein Erbe besteht aber auch darin, dass die von ihm initiierte und nach ihm benannte Strömung unmittelbar nach seinem Tod (1987) in zahllose Splitter „explodierte“. Dies betraf in erster Linie die von ihm und seinen Leuten aufgebaute MAS in Argentinien (auch die heute noch existierende MAS ging aus dieser „morenistischen“ MAS hervor). Positiv ausgedrückt hatte er ganz offenbar eine starke charismatische und integrative Persönlichkeit. Als diese plötzlich durch Todfall wegfiel, kam es zur „Explosion“, anders ausgedrückt zur Entladung der politischen Widersprüche seiner Strömung.
4. Zu Recht distanzieren sich die meisten Organisationen, die aus dem Morenismus hervorgegangen sind, heute davon, „morenistisch“ zu sein.
5. Ich begründete mit drei anderen Personen 1980 die einzige „morenistische“ Organisation auf deutschem Boden, die Sozialistische Liga. Diese verschwand (nach zwischenzeitlicher Umbenennung in „Mauerspecht“ und dann SL/SI) endgültig spurlos und für immer um das Jahr 2000. Ich hatte mich bereits 1986 spätestens endgültig von dieser Gruppe getrennt. Die Gründe des Versagens und Scheiterns dieser Gruppe hatte ich lange Jahre (während und nach einer langen Phase der politischen Passivität ab 1992) für eine rein deutsche Angelegenheit gehalten. Davon bin ich abgekommen.
6. Ein wichtiger Konfliktfall Anfang der 80er Jahre war der Druck von Seiten der internationalen Leitung (d.h. Moreno selbst), die lambertistische Losung der „bedingungslosen Einheit Deutschlands“ zu adaptieren und sogar mit der damaligen lambertistischen Organisation (die unterdessen verschwunden ist) zu fusionieren.
Was Lambertismus bedeutet?
http://www.google.de/#pq=morenismus&hl=de&cp=12&gs_id=1j&xhr=t&q=Lambertismus&pf=p&sclient=psy-ab&source=hp&pbx=1&oq=Lambertismus&aq=0v&aqi=g-v1&aql=&gs_sm=&gs_upl=&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.,cf.osb&fp=59afa5df962a6305&biw=1280&bih=646
7. Hinzu kam ein befremdlicher Führerkult in der deutschen Gruppe, ein Führerkult, der weniger von Moreno selbst wohl so gewollt war, sondern von ehemaligen Basisaktivisten ausging, die es offensichtlich einfach nicht besser wussten. Die Unselbständigkeit solcher „Unterführer“ ging soweit, dass als Maxime galt „Wir diskutieren nur, wo wir sicher sind“ (d.h. wo wir die Rückendeckung der internationalen Leitung haben). Das war natürlich grotesk ausgerechnet in einem Land wie Deutschland, und so ist es kein Zufall, dass die SL nie die Kopfzahl von 10 Mitgliedern überschritt und nur sehr selten überhaupt erreichte. Doch solche grotesken Randerscheinungen erledigen das Thema „Morenismus“ keineswegs. Solche karrikaturhaften Entwicklungen können bei jeder Strömung auftreten, auch wenn sie für Lateinamerikaner und besonders Argentinier in gewissem Sinne typisch sind.
8. Gravierend dagegen ist ein konzeptionell-theoretisches Erbe des „Morenismus“, das vor allem bei denjenigen Strömungen sehr präsent ist, die sich explizit auf Moreno auch als Säulenheiligen der marxistischen Theorie beziehen. das wird Moreno, der aus meiner Sicht seine Stärken vor allem als revolutionärer Pragmatiker hatte, nicht wirklich gerecht.
9. Dieses verhängnisvolle konzeptionell-theoretische Erbe des „Morenismus“ besteht in der Schematisierung der Kategorien „Februarrevolution“ und „Oktoberrevolution“ und hat zum Hintergrund letztlich sehr spekulative, aber auch sehr naive Annahmen von Automatismen im Verlauf historischer Prozesse.
10. Unter einer „Februarrevolution“ verstand Moreno demokratische Massenaufstände gegen Diktaturen und Regimes analog zur Februarrevolution 1917 in Russland. Diese würden – nach einer gewissen Zeit (in Russland 1917 etwas mehr als ein halbes Jahr) – von „Oktoberrevolutionen“ ergänzt werden. Diese Schematisierung hat durchaus ihren Reiz, aber auch verhängnisvolle Konsequenzen, wenn man sie wirklich schematisch anwendet.
11. Nach „morenistischer Auffassung“ waren die Jahre ab 1980 im Prinzip bis heute durch „großartige revolutionäre Triumpfe“ gekennzeichnet. Diese Triumpfe waren (mit ein wenig Verkürzung); Iran 1979, Nikaragua 1979, der Fall der Berliner Mauer 1989, der Sturz Gorbatschows 1990 und seine Ablösung durch den Restaurations-Säufer Jelzin, die Wende in den ehemaligen Ostblockstaaten usw usf. Da nimmt es auch kein Wunder, wenn 2011 die NATO-Intervention in Libyen als „Sieg der Volksmilizen“ und großer revolutionärer Triumpf gefeiert wurde.
12. Restauration und Konterrevolution kommt bei „morenistischen“ Flachköpfen eigentlich gar nicht vor. Kapitalistische Restauration in Russland war schon vor 1990. Die blutige Konterrevolution im Iran unter den Mullahs war unwesentlich. NATO-Intervention in Libyen – spielte keine Rolle, das waren alles die „Volksmilizen“. Deutschland 1990 – ein einziger Triumpf der Revolution (Restauration? Welche Restauration?)
13. Da die Epigonen immer schlimmer sind als die Säulenheiligen, lässt sich mit gestandenen „Morenisten“ über diese Fragen auch gar nicht diskutieren. Wunschdenken ersetzt jede differenzierte Analyse. Und was das übelste ist: im Unterschied zum verstorbenen Herrn und Meister haben die Epigonen (die durchweg politische Zwerge sind) auch keine Überzeugungskraft, sondern ersetzen im Zweifelsfall Diskussion und Debatte durch Intrigen und Manöver.
14. Am Beispiel der sinnlosen Losung der „bedingungslosen Einheit Deutschlands“ vor 1990 lässt sich der „Objektivismus“ der morenistischen Schemata gut aufweisen. In den 80er Jahren wurde die Relevanz und das revolutionäre Potential dieser Losung so erklärt: das deutsche Proletariat sei geteilt, etwa so wie die beiden Hälften des Kerns einer Atombombe. Wenn das Proletariat also – ohne Vorbedingungen – wieder vereinigt werden würde, so käme es ganz unvermeidlich zur „revolutionären Explosion“ (wegen kritischer Masse und so). Wir erinnern uns: es war doch wirklich eine tolle Atombombenexplosion 1990/91 in Deutschland, nicht wahr? Es ist kein Zufall, dass jede Organisation, die sich jemals auf diese Losung in Deutschland bezog, spurlos verschwunden ist.
15. Der morenistische Schematismus geht tatsächlich implizit davon aus, es sei möglich, dass das Proletariat (wo auch immer) eine sozialistische Revolution machen könne, ohne sich dessen bewusst zu sein (also ohne es selbst zu merken).
16. Das Proletariat erscheint also aus morenistischer Sicht (wie auch der Sicht mancher anderer „trotzkistischer“ Sekten) wie ein großer Automat, an dem „man“ nur die „richtigen“ Knöpfe drücken müsse, um ihn „in Bewegung zu setzen“.
17. Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit wäre demnach auch unnötig, denn es kommt nicht auf das profane Bewusstsein des realen Proletariers, der realen Proletarierin an. Der Weltgeist des Proletariats wird es schon richten.
18. Konsequenterweise wird von Morenisten auch etwa die Verteidigung Kubas gegen eine imperialistische Aggression abgelehnt, sondern vielmehr ein „breites demokratisches Bündnis“ auch mit der kubanischen Exil-Bourgeoisie in Miami angestrebt, um die „einzige kapitalistische Diktatur Amerikas“ zu stürzen. Das ist schon mehr als ein Schritt ins Lager der imperialistischen Konterrevolution.
19.Die Lebensleistung des Menschen Nahuel Moreno aber ist unbestritten. Er war ein aussergewöhnlicher Organisator, Organisator und Propagandist, aber ihn auf eine Stufe mit Marx, Engels, Lenin und Trotzki zu stellen, wie es echte Morenisten tun, ist abwegig und wird ihm in seinen Leistungen nicht wirklich gerecht. Er kann nicht verantwortlich gemacht werden für jede Torheit seiner Epigonen.
20. Morenos Februarrevolution-Oktoberrevolution-Schema ist in dieser allgemeinen Form völlig zu verwerfen. Es gibt keinen Automatismus dieser Art. „Februarrevolutionen“ können sogar sehr schnell in Konterrevolutionen umschlagen, und es ist sinn- und zwecklos, das bestreiten oder schönreden zu wollen (Beispiel: Iran). Dieses „System“ ist ebenso falsch wie die Annahme, dass auf eine Wolke Regen folgt.
21. Der Objektivismus des Morenismus, der den subjektiven Zustand des Klassenbewusstseins fast völlig vernachlässigt, von ihm geradezu abstrahiert, ist für jede Gruppierung, die sich gedanklich darauf einlässt, letal verhängnisvoll. Dies zeigt sich oft daran, dass völlig von morenistischen Gedankenkonstrukten beherrschte Aktivisten – so habe ich es jedenfalls erlebt – das jeweils konkrete Proletariat, mit dem sie es zu tun haben, bisweilen (wenn auch hinter vorgehaltener Hand) glühend hassen und verachten. Das Proletariat ist eben kein Automat.

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Written by bronsteyn

3. Januar 2012 at 2:06 am