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Stalinismus – einige Überlegungen

with one comment


Ich schreibe nicht über den Stalinismus als Ideologie, sondern über dessen reale Basis, den stalinistischen Staat.
Stalinistische Staaten fielen 1991/93 der kapitalistischen Restauration zu Opfer, ausgenommen China, Nordkorea, Vietnam und Kuba.
Träger dieser Restauration war in allen Fällen im wesentlichen die stalinistische Bürokratie selbst.
Waren die stalinistischen Staaten „sozialistische Staaten“?
Wenn man Lenins zentralen Kategorien folgt, dann nein.

Es handelte sich um Übergangsstaaten, die aber unfähig waren, den Übergang zum Sozialismus zu gestalten.
Von daher die Zwangsläufigkeit der Reastauration unter der Rahmenbedingung, dass weltweit Revolutionen ausblieben bzw niedergeschlagen wurde.

Stalinistische Staaten waren präsozialistisch zum einen und postkapitalistisch zum anderen, bildeten aber letztlich keineswegs etwa eine stabile „Zwischenstufe“.

So ungewöhnlich ist das in der Geschichte nicht.

Es gab alle möglichen Übergangsformen etwa zwischen Sklavenhaltergesellschaft und Feudalismus, oder zwischen Feudalismus und Kapitalismus.

So können die Erhebung der Schweizer Bauern im Mittelalter oder der Unabhängigkeitskampf der Niederlande gegen die spanische Monarchie durchaus als frühbürgerliche Revolutionen gedeutet werden.

Ein postfeudales, bürgerliches Übergangsregime, das in einer Restauration mündete, war etwa auch das Regime Napoleons I.
Es beendete die französische Revolution (war gewissermassen ihr Totengräber), äffte die Kulturelemente des Ancien Regime nach (Kaiserkrönung etwa) und trug doch gewisse Errungenschaften der Revolution nach ganz Europa.
Ganz gewiss aber stellte die napoleonische Bürokratie (und die gab es sehr wohl) keine „neue Klasse“ jenseits der Bourgeosie dar. Einen solchen Unsinn behaupten allerdings manche Trotzkisten über die stalinistische Bürokratie.
Eine Bürokratie ist keine Klasse, selbst in der asiatischen Produktionsweise nicht wirklich (diese trat auch kaum jemals in purer Form auf).

So wie die napoleonische Monarchie noch kein vollendetes bürgerliches Regime darstellte, so war der Stalinismus auch kein sozialistischer Übergangsstaat. Erst das völlige Verschwinden der Klassen vollendet den Sozialismus. Ohne Räterepublik kann man auch nicht von Sozialismus sprechen.
Plebiszite oder Einheitslisten sind das Merkmal von bonapartistischen Regimen.

Grundsätzlich war und ist der Stalinismus ein bonapartistisches Regime, was eine Staatsform ausmacht, und nicht einen grundlegenden Typ von Klassenverhältnis.

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Written by bronsteyn

27. Februar 2012 at 4:00 am

Faule Arbeiter, Karl Eugen Dühring und die DDR

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Ein Diskussionbeitrag von H. bei unserer letzten Schulung (Thema: Charles Fourier) brachte mich dazu, auf das Thema näher einzugehen. H. warf die Frage auf, warum die Arbeiter in der ehemaligen DDR als eher faul angesehen und nur ansprechbar für materielle Reize gewesen waren. Die Frage scheint mir wesentlich.
Hinzufügen möchte ich, dass ja die (eingebildeten oder realen) Konsumanreize des Westens auf der subjektiven Ebene ja auch dafür ausschlaggebend waren, dass die Mehrheit der Arbeiterklasse der DDR bei den einzigen freien Volkskammerwahlen der Geschichte dieses Staates (1990) eine Mehrheit bürgerlich-kapitalistischer Parteien herbeiführte (wobei die Ost-CDU integrierter Teil der Bürokratie war) und damit die Restauration des Kapitalismus in der DDR. Es wäre ein Fehler, die Augen vor diesen Faktoren zu verschliessen, vielmehr müssen diese subjektiven Faktoren analysiert, gewürdigt und Schlussfolgerungen unterzogen werden.
Die Hegemonie bürgerlich-kapitalistischer Ideologie sogar über eine Arbeiterklasse, die noch nicht direkt der Herrschaft der kapitalistischen Klasse unterworfen war, deutet auf schwerwiegende Defizite der Staatsform hin, die die DDR prägte.
Ich erinnere mich noch sehr gut, dass ich 1990/91 mehrere Male in der Eisenacher Gegend als Dozent Umschüler der abgewickelten Firma Robotron unterrichtete und mit den Arbeitern (hochqualifizierte Informatikspezialisten) auch über die Umstände der deutschen Wiedervereinigung offen sprechen konnte. Meine Frage an die Kollegen, warum sie nach dem Zusammenbruch des Honecker-Regimes nicht verlangt hätten, die Betriebsleitungen selbst zu wählen und die (bei Robotron ja durchaus leistungs- und konkurrenzfähige) Produktion nicht selbst übernommen hätten, wie es ja sogar einzelne Sektoren der Bürokratie vorgeschlagen hatten, stiess auf Erstaunen und Verblüffung. Mir wurde gesagt, dass niemand auf eine solche „Idee“ gekommen wäre. Auch die traditionsreiche Forderung nach Bildung von Arbeiterräten war für die Kollegen, mit denen ich es zu tun hatte, völlig abstrakt. Und es handelte sich keineswegs um besonders politisch rückständige Arbeiter, sondern um einen privilegierten und durchaus politisch vergleichsweise bewussten Teil der Arbeiterklasse. Die Vorstellung also, in welcher Form auch immer selbstbestimmt zu arbeiten, war den Arbeitern der DDR also völlig fremd. Die Vorgänge um die Wiedervereinigung Deutschlands (unter welchen Bedingungen auch immer) reduzierte sich für die Mehrzahl der Kollegen (nicht alle) auf die Frage, wer denn „die richtigen Leute“ sein könnten, um dem „heruntergewirtschafteten“ Land auf die Beine zu helfen. (Wir wissen ja heute, dass die DDR keineswegs so wirtschaftlich am Boden war wie die kapitalistische Propaganda behauptete, was sogar bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftswissenschaftler bestätigten).

Die DDR und Karl Eugen Dühring

Ich habe im Rahmen meines Fourier-Vortrags darauf hingewiesen, dass die DDR in auffälliger Weise dem ähnelte, was ein Eugen Dühring so als Sozialismus-Vorstellung hatte.

So Friedrich Engels im „Anti-Dühring“: 

Und nun besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Dühring, als könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamtheit der Produktionsmittel, ohne die alte Art des Produzierens von Grund aus umzuwälzen und vor allem die alte Teilung der Arbeit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur »den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung getragen« – wobei dann nach wie vor ganze Massen von Existenzen unter die Erzeugung eines Artikels geknechtet, ganze »Bevölkerungen« von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen werden, und die Menschheit sich nach wie vor in eine Anzahl verschieden verkrüppelter »ökonomischer Spielarten« teilt, als da sind »Karrenschieber« und »Architekten«.

Wie ist diese augenfällige Übereinstimmung der Visionen eines Eugen Dühring („ein vorlauter Zwerg“ nach F. Engels) mit der Realität der späteren DDR zu erklären? Sicherlich nicht durch eine ideologische Verwandtschaft. Walter Ulbricht und Erich Honecker hätten mit Sicherheit voller Überzeugung und Empörung die These von sich gewiesen, Anhänger Eugen Dührings zu sein. Aber die Unterscheidung von Karrenschiebern und Architekten gab es in der DDR eben auch, und ebenfalls, dass „ganze Massen von Existenzen unter Erzeugung eines Artikels geknechtet“ und „ganze Bevölkerungen von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen“ wurden, wenn man allein nur an Bitterfeld denkt.
Es muss seine Erklärung darin finden, dass die DDR mit Zwangsläufigkeit sich zu etwas entwickelte, was den „visionären“ Vorstellungen eines Eugen Dühring entsprach. Eugen Dühring war (von seinem rassistischen Antisemitismus ganz abgesehen) geistig gefangen im preussischen Wilhelminismus und seinen Wertvorstellungen. Die DDR basierte letztlich auf den Trümmern des preussischen Staates und stellte in gewissem Sinn auch seine Vollendung dar, Verstaatlichungen inklusive. So ist diese Ähnlichkeit also alles andere als zufällig, wenn auch Eugen Dührings Ideen (schon gar nicht seine Rassenphantasien) keineswegs geistig prägend für die DDR war (sie sah sich selbst ja in jeder Hinsicht als marxistischen Arbeiter- und Bauernstaat). Doch das erklärt noch nicht das Scheitern dieser „Deutschen Dühringschen Republik“ (man verzeihe mir den Hohn). Warum war die DDR als gewissermassen Vollendung des preussischen „staatskapitalistischen Staates“ nicht wenigstens wirtschaftlich erfolgreicher als der privatkapitalistische Westen?

Kurzer Exkurs zum Staatskapitalismus

Nur um eines klarzustellen: ich vertrete keineswegs die „vulgärtrotzkistische“ Theorie, wonach die gescheiterten Arbeiterstaaten quasi als Bestrafung der Bürokratie als staatskapitalistische Staaten bezeichnet werden. Staatskapitalismus ist ein notwendiges Element des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Auch Lenin verwendete diesen Begriff, um einen Sektor der sowjetrussischen Wirtschaft zu bezeichnen, und zwar eben die gerade verstaatlichte Industrie, die im wirtschaftlichen Verkehr sowohl ins kapitalistische Ausland als auch gegenüber anderen Wirtschaftssektoren ( Kleinbauern, Kulaken, Genossenschaftssektor usw) kapitalistische Formen der Produktion eben notwendigerweise fortführen musste.
Aus Sicht Lenins aber handelte es sich nur um einen Übergang (die Neue Ökonomische Politik war erklärtermassen ein notwendiger Rückschritt), aber letztlich nur deswegen, um aus einer ökonomisch stabileren Situation zum „genossenschaftlichen Zusammenschluss der gesamten Gesellschaft“ übergehen zu können (Lenins letzte und leider sehr unbekannte größere Schrift „Über das Genossenschaftswesen“). Wenn also Staatskapitalismus ( der Arbeiterstaat – ob bürokratisch oder nicht – tritt auf dem Weltmarkt als staatlicher Kapitalist auf) ein notwendiges und unvermeidliches Element beim Übergang in den Sozialismus ist (und diese These vertrete ich sehr wohl, weil es allein schon unsinnig wäre, sie zu bestreiten), so muss trotzdem der Arbeiterstaat den Übergang zu einer Wirtschaftsform organisieren, die jenseits auch des Staatskapitalismus liegt. Eine Aufgabe, von der Lenin zu Recht der Meinung war, dass Russland sie nicht allein schaffen könne.

Aufgabe der Umgestaltung des Apparates

Die modernsten kapitalistischen Produktionsmethoden mussten in der jungen Sowjetunion überhaupt erst noch eingeführt werden (jedenfalls in aller Breite), an auch ihre Überwindung war noch gar nicht zu denken. Jedoch 1923 propagierte Lenin dringend und drängend („Über das Genosenschaftswesen“, 1923): 

Jetzt haben wir das Recht zu sagen, daß das einfache Wachstum der Genossenschaften für uns (…) mit dem Wachstum des Sozialismus identisch ist, und zugleich müssen wir zugeben, daß sich unsere ganze Auffassung vom Sozialismus grundlegend geändert hat. Diese grundlegende Änderung besteht darin, daß wir früher das Schwergewicht auf den politischen Kampf, die Revolution, der Eroberung der Macht usw. legten und auch legen mußten. Heute dagegen ändert sich das Schwergewicht so weit, daß es auf die friedliche organisatorische „Kultur“arbeit verlegt wird. Ich würde sagen, daß sich das Schwergewicht für uns auf bloße Kulturarbeit verschiebt, gäbe es nicht die internationalen Beziehungen, hätten wir nicht die Pflicht, für unsere Position in internationalem Maßstab zu kämpfen. Wenn man aber davon absieht und sich auf die inneren ökonomischen Verhältnisse beschränkt, so reduziert sich bei uns jetzt das Schwergewicht der Arbeit tatsächlich auf bloße Kulturarbeit.

Was könnte Lenin nur mit „Kulturarbeit“ (auch noch „friedliche organisatorische“) gemeint haben?

Vor uns stehen zwei Hauptaufgaben, die eine Epoche ausmachen. Das ist einmal die Aufgabe, unseren Apparat umzugestalten, der absolut nichts taugt und den wir gänzlich von der früheren Epoche übernommen haben. Hier ist ernstlich etwas umzugestalten, das haben wir in fünf Jahren Kampf nicht fertiggebracht und konnten es auch nicht fertigbringen. Unsere zweite Aufgabe besteht in der kulturellen Arbeit für die Bauernschaft.

Hier drückt sich Lenin nicht sehr exakt aus, die Schrift war wohl in grosser Eile entstanden.
Von welchem Apparat spricht er?
Offensichtlich nicht nur dem politischen, sondern auch dem wirtschaftlichen.
„Unser Apparat“ taugt nichts, schreibt er, weil er gänzlich von der früheren Epoche übernommen worden ist.
Es ist hier wichtig, den Begriff des Apparates genauer unter die Lupe zu nehmen. Einen Apparat besitzen nicht nur Staaten und Parteien, auch jeder kapitalistische Betrieb besitzt einen (Verwaltungsapparat).

Organisationsstruktur der Produktionsweise im Kapitalismus

Von Apparaten spricht man dann, wenn es sich um sogenannte Linienorganisationen oder Stab-Linien-Organisationen handelt. Eine Linienorganisation besteht aus klaren und einheitlichen Weisungsbefugnissen auf jeder Ebene. Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens weist eine Verbindung zu einer höheren Ebene auf. Gegenüber dieser muss sich jeder Mitarbeiter verantworten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Linienorganisation

Im Grunde hatte die junge Sowjetunion die Stab-Linien-Organisation, theoretisch vom Schöpfer der kapitalistischen Managementlehre, Henry Fayol, erst 1916 als Konzept ausgearbeitet, als damals modernste Konzeption übernommen. http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Fayol

Die DDR hatte im Grunde das kapitalistische Stab-Linien-System als Organisationsstruktur der Industrie vom Kapitalismus in vollem Umfang übernommen. Hier ist ein kleiner Ausflug in die Betriebs-Organisationslehre zu unternehmen. Die Stab-Linien-Organisation wurde zu Beginn der Industrialisierung direkt und unmittelbar aus dem Militärwesen übernommen, denn dort hatte es sich im Laufe der Neuzeit als effizienteste Organisationsstruktur des Militärs erwiesen. Es definiert als entscheidendes Merkmal eindeutige Führungsfunktionen top-down, also von oben nach unten. Führungskräfte haben jeweils eine klar definierte Anzahl von Untergebenen, denen gegenüber sie weisungs-, im Militär sogar befehlsbefugt sind. Die Hierarchie einer Stab-Linien-Organisation verästelt und differenziert sich von oben nach unten. Stäbe, also Gruppen von Beratern, arbeiten hierbei jeweils einer Führungsperson zu, der Begriff Stab ist eine direkte Übernahme aus dem Militärwesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stabsabteilung

Die Stablinienorganisation stellt eine Erweiterung der Einlinienorganisation dar.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stablinienorganisation

Die Stab-Linien-Organisation hat eine Reihe von Nachteilen hinsichtlich ihrer Effizienz, das bekannte und populärste Problem ist das sogenannte Peter-Prinzip.

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Prinzip

Von daher ist es nicht zufällig, dass die kapitalistischen Konzerne sich schon früh Gedanken über Alternativen zum Stab-Linien-System machten. Eine Alternative der Aufbauorganisation (= die Lehre vom Organisationsaufbau eines Betriebes) bot sich in der sogenannten Matrixorganisation an, die mindestens eine volle Hierarchieebene „einklappt“ und im Sinne kapitalistischer Verwertungsprozesse flexibler ist.

http://de.wikipedia.org/wiki/Matrixorganisation

Besonders grosse kapitalistische Konzerne stellen sogar mehrdimensionale Matrixorganisationen dar, was Tensororganisation genannt wird.

http://de.wikipedia.org/wiki/Tensororganisation

Organisationsstruktur der Produktionsweise in der DDR

Zurück zur DDR und zu den (politisch) gescheiterten Arbeiterstaaten. Weder Matrix- noch Tensororganisationen waren in der DDR (oder in anderen kapitalistisch restaurierten Arbeiterstaaten) bekannt, allein die Vorstellung, dass es eine Alternative zur Stab-Linien-Organisation geben könnte, existierte nicht. Sowjetrussische Kombinate etwa wiesen eine solch hohe Anzahl von Hierarchieebenen auf, wie sie für keinen multinationalen kapitalistischen Konzern noch tragbar gewesen wäre.

Karrenschieber und Architekten

Selbst in trotzkistischen Gruppen und Strömungen (die sich in aller Regel nicht mit solchen schnöden Dingen wie Organisation der Produktionsweise herumschlagen) existiert eine absolute Fixierung auf die Stab-Linien-Organisation, obwohl diese selbst für die mächtigsten kapitalistischen Konzerne obsolet geworden und durch ein- oder mehrdimensionale Matrixorganisationen ersetzt worden ist. Die Vorstellung einer sozialistischen Gesellschaft erschöpfen sich meist darin, abstrakt von einer Räterepublik zu sprechen.
Damit ist aber nichts gesagt über die Organisationsform grosser industrieller Betriebe, der Basis, der Produktionsweise. Bleibt es bei der Unterscheidung von „Karrenschiebern“ und „Architekten“ (Engels) oder nicht? Und wenn nicht, durch was wird das Karrenschieber-Architekten-Linienprinzip ersetzt, und in welchem Zeitraum und mit welchen Übergangsstufen? Gewiss ist die Forderung nach einer Räterepublik unbedingt richtig, aber ist sie auch hinreichend, um die Struktur einer sozialistischen Gesellschaft zu beschreiben? Ich meine, dass das nicht der Fall ist. Arbeiterräte erschienen bislang immer nur in jeweilig kurzen historischen Phasen (die vielen Beispiele zu nennen erspare ich mir), sie wurden bisher stets entweder von der kapitalistischen Konterrevolution zerschlagen oder vom bürokratischen Thermidor aufgefressen, was freilich nichts an der Frage ihrer Relevanz ändert. Aufgabe der Räte soll sein, die kapitalistische Staatsmaschine zu zerschlagen und durch etwas zu ersetzen, das „eigentlich kein Staat mehr ist“, der immer wieder genannte „absterbende Arbeiterstaat“.

Räte und umzuwälzende Strukturen

Nun sind Räte ja letztlich nichts weiter als jederzeit abwählbare Delegierte „der Arbeiter“, aber die Frage, welches die menschlichen Grundstrukturen dieser gewählten Delegierten sind, bleibt trotzdem offen. Gewiss, Fabriken sollen Fabrikräte wählen, militärische Einheiten Soldatenräte, aufständische Stadtteile Stadtteil-Räte, aber in allen Fällen handelt es sich um vom Kapitalismus ererbte Strukturen. Dies ist der Fall sowohl bei der Fabrik oder dem Unternehmen, der militärischen Einheit oder einem Wohnbezirk.
Aber genau diese Strukturen müssen ja umgewälzt werden, jedenfalls wenn man Friedrich Engels in seiner Polemik gegen Dühring folgt. Es darf nicht dabei bleiben, dass es für immer „Karrenschieber“ und „Architekten“ gibt (und damit Stab-Linien-Organisation als ewiges Prinzip).
Davon war die DDR allerdings weit entfernt, wie wir alle wissen. Basis und Überbau entsprachen vollständig den vom Kapitalismus ererbten Strukturen, hinkten sogar der Fortschritts-Entwicklung des niedergehenden Spätkapitalismus hinterher (Matrix- und Tensororganisation).

Das System der überlappenden Gruppen von Rensis Likert

Gibt es denn Alternativen zur Stab-Linien-Organisation, die (von Matrixorganisationen abgesehen) in der Lage wären, konstituiv die Wirtschaftsorganisation im Sozialismus zu beschreiben, darzustellen und zu konzipieren? Die gibt es, Dr. Rensis Likert hat eine solche entwickelt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Rensis_Likert Rensis

Likert ist von seiner Vita her ein ganz gewöhnlicher bürgerlicher Sozialforscher. Er beschäftigte sich damit nicht nur die Nachteile des Stab-Linien-systems, sondern auch der Matrixorganisation zu überwinden. Er schlug vor, eine Organisationsstruktur grundsätzlich in Teams zu beschreiben und die jeweiligen Vorgesetzten (Teamleiter) in Link-Teams zusammenzufassen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Linking-Pin-Modell

zitiert von dort: Als Kritikpunkt kann erwähnt werden, dass dieses Modell oft nur den Top-Down-Ansatz verfolgt und eine Kommunikation Bottom-Up entweder nur schwer, durch lange Verzögerungen geprägt oder gar nicht möglich ist.

Das ist sicherlich, aber auch nur teilweise, richtig, denn Likert war eben ein bürgerlicher Soziologe, der vom Standpunkt der organisatorischen Effizienz das Thema betrachtete, und unter kapitalistischen Verhältnissen ist das eben der Standpunkt des Kapitaleigentümers. Doch die Kritik übersieht, dass Likerts Linking-Pin-Modell grundsätzlich ebenso gut in der Lage ist, Bottom-Up-Beziehungen zu beschreiben und zu strukturieren. Wenn die Mitglieder der Link-Teams nämlich gewählte und jederzeit abwählbare Delegierte ihrer Basisteams sind, dann beschreibt das Likertsche Modell im Prinzip ein durch alle Entscheidungsebenen durchgängiges Räte-System.

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/ueberlappende-gruppen.html

In der kapitalistischen Managementlehre spielt Likerts Linkin-Pin-Modell (auch das System der überlappenden Gruppen genannt) im Angesicht der neoliberalen Offensive kaum noch eine Rolle. Likert selbst starb schon 1981. Sein Modell wirkt wie ein theoretischer Überbau, für den es noch keine wirkliche Basis gibt (ebenso wie es für Fouriers Konzept der anziehenden Arbeit im Frankreich des 19. Jahrhunderts noch keine wirkliche materielle Basis gab). Es verhält sich damit ähnlich wie mit Ada Lovelace, die die Grundsätze des Programmierens entwickelte, noch bevor es Computer gab.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ada_Lovelace

Gewiss, Likert war kein Sozialist, aber Ada Lovelace war auch keine Programmiererin. Sein Linkin-Pin-Modell stellt aber im Prinzip eine Metasystem dar, das sowohl Stab-Linien-Organisationen als auch „basisdemokratische“ vernetzte Gruppenmodelle gleichermassen darstellen kann, sowie alle nur denkbaren Übergänge und Zwischenstufen.

Lücke in der Theorie des Sozialismus

Generell, so möchte ich sagen, hat die gesamte Linke das schwere Erbe vom Stalinismus übernommen, sich um derartige Fragen gar nicht zu scheren (Linienorganisation reichte dem Stalinismus völlig). Darüber soll man sich „nach der Revolution“ (gewissermassen am jüngsten Tag) erst Gedanken machen. Auch Trotzkisten sind letztlich (in Ermangelung besserer Ideen) mit ihrer Reduktion auf die (sicherlich richtige) Räte-Forderung im Bann stalinistischer Konzepte geistig gefangen, denn es bleibt bei der Vorstellung, irgendwelche gewählten Räte würden die vorhandene wirtschaftliche Maschinierie einfach übernehmen und im Sinne „der Arbeiter“ lenken können.
Zum einen klappte das letzten Endes bei den gescheiterten Arbeiterstaaten auch nicht, zum anderen fehlt dadurch aber jede attraktive Vision für Millionen von Arbeiter auf ein besseres und erfüllteres Leben in der Arbeitswelt.
Was schert den unpolitischen Durchschnittsarbeiter letztlich, ob es ein „Kapitalist“ oder ein „Sozialist“ ist, der ihm ein Drittel seines Arbeitstages kommandiert? Wenn wir aber das Stab-Linien-Modell und ebenso seine Modifikationen durch die Matrixorganisation aber als wesentliche Strukturmodelle der kapitalistischen Gesellschaft begreifen, dann wird offensichtlich, dass sie beide ersetzt werden müssen durch Strukturmodelle, die dem Wesen des Sozialismus besser entsprechen, und seinen wesentlichen Merkmalen, das sind u.a. Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Ausübung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, genossenschaftliche Ordnung, Existenzgarantie für die besitzlose Klasse, breite Demokratie der besitzlosen Klasse usw.

Wählbarkeit der Vorgesetzten

In der betrieblichen Hierarchie kann das nur bedeuten, dass letzten Endes (als Vollendung des Sozialismus) grundsätzlich alle Vorgesetzten wählbar sein müssen. Überrascht? Wieso? Auch die Auflösung der konterrevolutionären Militärarmeen mit ihren Stab-Linien-Organisationen erfolgt historisch traditionell durch die Wahl der Vorgesetzten durch die Soldaten (Soldaten-Räte in Russland, Deutscland usw. am Ende des 1.WK).
Das Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten ist selbst dem Kapitalismus nicht so gänzlich fremd wie es erscheint. In der Boom-Phase der Informationstechnologie gab es durchaus Experimente verschiedener IT-Konzerne mit diesem Prinzip, freilich gegenüber einer privilegierten, weil hochqualifizierten Gruppe von Arbeitern. Freilich ging diese Wählbarkeit niemals bis in die Ebene des Top-Management. Vereinzelt erheben auch Reformisten, wenn sie besonders mutig sind, die Forderung nach Wahl der Vorgesetzten in den Betrieben. Unter kapitalistischen Bedingungen muss eine solche isolierte Forderung natürlich notwendigerweise versanden.
Aber es ist wichtig, der Arbeiterklasse heute klar zu sagen, dass die Durchsetzung der Wählbarkeit der Vorgesetzten ein wichtiges und sehr zentrales Ziel im Sozialismus sein wird. Das wird den authentischen Sozialismus, wie wir ihn vertreten, auch sehr klar und deutlich von allen stalinistischen und post-stalinistischen Konzepten unterscheiden. Für jedes Mitglied der Arbeiterklasse ist diese Frage sogar von höchst vitalem Interesse. Millionen leiden unter Vorgesetzten, von denen sie drangsaliert und schikaniert werden, und zu Recht werden die meisten Arbeiter sagen, es sei ihnen egal, ob ihr „kleiner Tyrann“ (Castaneda) ein Sozialist oder ein Kapitalist sei.

Demokratisierung der (vergesellschafteten) Betriebe

Wie verträgt sich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel mit dem Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten in den Betrieben? Unter der Bedingung, dass ein Betrieb wirklich in Gemeineigentum übergegangen ist, verschwindet dieser mögliche Widerspruch durch geeignete Maßnahmen und klare Definitionen von selbst.
Natürlich darf auch die Top-Ebene eines vergesellschafteten Betriebes keine völlige Entscheidungsfreiheit über alle wirtschaftlichen Entscheidungen haben, auch dann nicht, wenn er von der Belegschaft gewählt ist.
Manager sind von Natur aus gewohnt, Vorgaben zu erfüllen. Unter kapitalistischen Bedingungen bestehen diese Vorgaben fast immer darin, den Profit zu maximieren. Aber das ist nicht naturnotwendigerweise so. Die Vorgabe kann etwa auch lauten, kostendeckend zu wirtschaften und zusätzlich gesellschaftliche Leistung seitens des Betriebes zu erbringen. Oder bestimmte technische Innovationen zu entwickeln. Oder Arbeitszeit einzusparen und (ohne Entlassungen) freie menschliche Arbeitskraft zu erzeugen.
Die Erfahrungswissenschaft Management-Lehre ist zwar unter kapitalistischen Verhältnissen geboren worden, aber sie besteht letztlich aus einem Sammelsurium an Methoden, die auch für die breiten Massen erlernbar sind. Ein Ackermann zeichnet sich nicht durch eine besondere Intelligenz, sondern nur durch besondere Skrupellosigkeit aus. Es bedarf keine besonderen Intelligenz, um Management-Methoden ( z.B. Netzplantechnik, Aufgabenanalyse, Prozessanalyse) zu erlernen und anzuwenden. Allerdings wird sich die Funktion der Management-Lehre im Sozialismus entscheidend verändern. Nicht mehr „Erzieher und Erzogene“ wird es geben, sondern eine transparente Anwendung geeigneter Methoden zur Erreichung gesamtgesellschaftlich (durch Räte) definierter Ziele.
Mit dieser Klarheit, also der Definition quantifizierbarer Vorgaben für jeden vergesellschafteten Betrieb, ist auch eine vollständige Wählbarkeit der Vorgesetzten bis in die Ebene des Top-Managements denkbar und möglich.
Idealerweise werden von den Belegschaften diejenigen Top-Manager gewählt, die am innovativsten und rationellsten die gesamtgesellschaftlichen Vorgaben durch ihre Führung realisieren. Es gäbe dann auch sicherlich so etwas wie populäre Top-Manager, was es im Kapitalismus auf die Dauer nicht geben kann (sogenannter charismatischer Unternehmensführer). So etwas ist erst im Sozialismus denkbar.

Arbeit war nicht anziehend im Arbeiterstaat

Kommen wir noch zum Thema der anziehenden Arbeit. Es gab in der DDR-Bürokratie nicht die geringsten Ansätze, das Prinzip der anziehenden Arbeit wenigstens in Versuchsmodellen zu erforschen, noch weniger hatten, wie wir wissen, die DDR-Arbeiter auch nur eine Vorstellung davon. Die perfekte Übernahme (sogar veralteter) kapitalistischer Organisationsprinzipien in der Wirtschaft führte dazu, dass jedes Streben der Arbeiterklasse auf finanzielle Anreize und Konsum orientiert war (womit die Bürokratie sich letztlich ihr eigenes Grab schaufelte).
Lust auf Arbeit wird nicht durch sterile Propaganda gefördert, sondern dadurch, dass den Arbeitern die Möglichkeit gegeben wird, ihren Neigungen zu folgen und ihre Leidenschaften zu entfalten.
Klar ist das etwas, was nicht innerhalb von Tagen oder Wochen zu erreichen ist, sondern sich über eine ganze Epoche erstrecken muss. Aber weder bei der Bürokratie der DDR noch bei den Arbeitern gab es wenigstens eine Vorstellung davon.
Dabei hätte es in der DDR zumindest Möglichkeiten gegeben, das Prinzip der anziehenden Arbeit wenigstens in Teilbereichen zu untersuchen und zu erforschen. Denn bürokratischen Leerlauf und (wie es die kapitalistische Propaganda nannte) „versteckte Arbeitslosigkeit“ gab es ja sowieso. Dabei wäre auch wichtig gewesen, die Erforschung der anziehenden Arbeit nicht nur „top-down“ durch die Elite vornehmen zu lassen, sondern alle daran zu beteiligen.
„Erforschen wir, wie anziehende Arbeit und notwendige Arbeit zur Deckung gebracht werden können!“ wäre eine sinnvolle Losung gewesen. Klar war das unter den bürokratischen Bedingungen der DDR, wo die Elite die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse geradezu fürchten musste, nicht möglich gewesen. Aber es sind politische Bedingungen, die das verhinderten, die materiellen Möglichkeiten bestanden sehr wohl.

Das Verhältnis von anziehender Arbeit und finanziellen Anreizen

Die neoliberale Wirtschaftsphilosophie (Mises, Hayek) geht davon aus, dass der Mensch nur durch finanzielle Anreize zu bewegen ist, nützlich (im Sinne der Kapitalverwertung) zu arbeiten. Denn nur durch Geld können die Menschen sich diejenigen Güter beschaffen, die sie zu ihrer Bedürfnisbefriedigung (zu ihrem Glück) brauchen.
Teilweise befürworten sogar einige (wie Hayek) ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, um den rein finanziellen Anreiz (für das Kapital zu arbeiten) zur vollen Entfaltung zu bringen. Ironischerweise basierte das Weltbild der stalinistischen Bürokratie auf dem gleichen Menschenbild. Doch der Ansatz ist falsch. Es gibt kein natürliches Bedürfnis des Menschen nach Geld, nach Tauschmittel.
Nicht nur kann man Geld nicht essen, sondern wie schon die Beatles sangen, auch Liebe kann man mit Geld nicht kaufen. Charles Fourier wies die Vielfältigkeit der Leidenschaften auf: nicht nur sinnliche Konsumlust (bei ihm durchaus positiv bewertet) ist es, was sie antreibt, sondern auch der Wunsch nach sozialen Kontakten, nach Freundschaften, nach Austausch, nach Kultur, nach Liebe, nach Sexualität, nach Anerkennung, nach ehrgeizigem Erreichen selbst gesteckter Ziele usw usw.
Ein natürliches Bedürfnis nach Geld (Tauschmittel) aber gibt es nicht, Geld ist stets das Mittel, um sich benötigte Dinge oder Dienstleistungen zu kaufen.
Von daher ergibt sich, dass die Rolle des Geldes notwendigerweise sinken muss, wenn die gesellschaftliche Organisation durch ihre Struktur und Funktionsweise die Möglichkeit bietet, die Bedürfnisse zu befriedigen und den eigenen Neigungen zu folgen, auch wenn man dazu nicht Dinge oder Dienstleistungen kaufen muss.
Von daher ergibt sich durchaus eine Polarität zwischen anziehender Arbeit und Arbeit aufgrund finanziellen Anreizes im Sozialismus. Die Arbeit aufgrund des finanziellen Anreizes ist in jeder Hinsicht ein Erbe des Kapitalismus, geboren letztlich aus dem Arbeitszwang aufgrund existenzieller Not.
Die DDR, die sich ausschließlich auf Arbeitszwang und finanziellem Anreiz verließ und die anziehende Arbeit in keiner Weise beachtete, war deshalb auf Gedeih und Verderb an den Kapitalismus gekettet, was letztlich zu ihrem Untergang führte.
Im Unterschied zum gescheiterten Arbeiterstaat DDR (denn ein – bürokratisch entsetzlich deformierter – Arbeiterstaat war sie schon) wird ein sozialistischer Staat der Zukunft alles tun, um das Gewicht der anziehenden Arbeit gegenüber der Arbeit aufgrund finanzieller Anreize zu stärken.
Klar wird es gerade in der Anfangsphase nicht anders gehen als auch mit dem Mittel des finanziellen Anreizes zu arbeiten. Doch der zentrale Anreiz (!) dieses wahrhaft sozialistischen Arbeiterstaates muss es sein, der anziehenden Arbeit immer breiteren Raum zu schaffen, von kleinen Ansätzen angefangen, bis hin zu grossen komplexen Organisationen (basierend auf dem Prinzip der Fourierschen Arbeitsbörse), die den Tätigkeitsdrang der Menschen nützlichen und notwendigen Arbeiten zuführt.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Übernahme bereits veralteter kapitalistischer Organisationsmethoden und die völlige Ignorierung des Prinzips der anziehenden Arbeit ursächlich dafür war, dass die DDR-Arbeiter trotz intensivster Propaganda der stalinistischen und poststalinistischen Eliten sich mehrheitlich mit diesem Staat nicht identifzierten und in der kapitalistischen Restauration mit ihren Konsumversprechen letztlich das kleinere Übel sahen. Dies hatte aber seinen Grund letztlich darin, dass die DDR in allen ihren Strukturmerkmalen von den Organisationsstrukturen und Methoden des Kapitalismus geprägt war (selbst wenn es leicht abgeschwächt war) und ein Übergang zu einer höheren Stufe noch nicht einmal angedacht war. Arbeitszwang und finanzieller (Konsum-)Anreiz hatten sich deswegen durchgesetzt, weil die DDR gar keine Alternative dazu anzubieten hatte. Jede denkbare Alternative hätte das Monopol der Bürokratie in Frage gestellt. So beging sie politischen Selbstmord, indem sie sich den restaurativen Interessen des kapitalistischen Westens bedingungslos unterwarf.
Die Arbeiterklasse der DDR zu mobilisieren, schon gar nicht für deren eigene Interessen, dazu war sie nicht in der Lage. Wesentliche Träger der Restauration gingen unmittelbar und direkt aus Fraktionen der Bürokratie hervor (vor allem die Kirchen und die Ost-CDU). Diese erwiesen sich als erfolgreiche Chamäleons und gingen bruchlos von der poststalinistischen in die kapitalistische Bürokratie über, wobei als herausragende und durchaus typische Repräsentanten dieses Typ Merkel und Gauck genannt seien.

NACHTRAG 19.2.2012

Zum Thema Wählbarkeit der Vorgesetzen sei auf das sogar im kapitalistischen Maßstab überraschend erfolgreiche SEMCO-System verwiesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Semco_System

Hierbei ist bedeutsam, dass SEMCO (eine AG bzw S.A.) auf dem Markt als ein durchaus rein kapitalistisches Unternehmen funktioniert. Auch ist der faktische Inhaber des Unternehmens, Ricardo Semler, nichts anderes als ein besonders kreativer Angehöriger seiner Klasse. Aber dass ein rein kapitalistischer Betrieb das Prinzip der Wählbarkeit der Vorgesetzten nicht nur umgesetzt, sondern mit wirtschaftlichem Erfolg durchgesetzt hat, zeigt, dass das Prinzip der Wählbarkeit aller Vorgesetzten erst recht in einem sozialistischen (vergesellschafteten) Betrieb erfolgreich umgesetzt werden könnte. Auf den Betrieb bezogen würde die Gesamtgesellschaft, repräsentiert durch die Institutionen der Räterepublik, die Rolle des Unternehmers bzw der Anteilseigner einnehmen und die die allgemeinen Richtlinien und Strategien des Betriebes bestimmten und am besten auch quantitativ festlegen. In diesem Rahmen würde die Wählbarkeit der Vorgesetzten tendenziell eine an den entsprechenden Richtlinien und Strategien orientierte effiziente Führungsstruktur hervorbringen.

Kritische Thesen zu „Unsere Zukunft ist die neue Welt, der Kommunismus !“

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19 kommunistische (ich meine: poststalinistische) Jugendorganisationen in Europa haben eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, darunter die SDAJ – Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend.
http://kritische-massen.over-blog.de/article-unsere-zukunft-ist-die-neue-welt-der-kommunismus-97710562.html
Bei aller Zustimmung zur Überschrift kritische Thesen zum Inhalt.
Ich übergehe alle Passagen, denen ich zustimmen kann, um auf die für mich wesentlichen Punkte zu kommen.

1. Ich bestreite explizit die Charakterisierung der ehemaligen Ostblockstaaten als „sozialistisch“ und verweise darauf, dass ein Lenin schon klargestellt hat, dass von Sozialismus nicht gesprochen werden kann, wo Arbeiter und Bauern als Klassen fortdauern, von der Existenz der parasitären Bürokratie ganz zu schweigen.

2. Die Diskreditierung der Begriffe Sozialismus und Kommunismus ist nur zu einem Teil Ergebnis der ohnehin konstanten imperialistischen Medienmaschine (Wahrnehmungsmanagement), zum anderen Produkt der realen sinnlichen Erfahrung eines bürokratischen Zwangssystems durch Millionen Menschen.

3. Es ist falsch, die Gesellschaftsstufe des Sozialismus auf Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und die grundlegende Existenzsicherung der Arbeiterklasse zu reduzieren (Garantismus), wenn auch beide Elemente wesentliche Bestandteile des Sozialismus sind.
Weitere wichtige und notwendige Bestandtteile einer sozialistischen Gesellschaft sind ein Staatsaufbau (eines absterbefähigen Arbeiterstaates) auf der Basis von Räten zum einen (und kein Krypto- und Pseudoparlamentarismus, wie er die stalinistischen Regime auszeichnete), sowie der „genossenschaftliche Zusammenschluss der gesamten Gesellschaft“, wie es Lenin in seiner letzten grossen Schrift dringend anmahnte.
Hinzu kommt noch, dass im Sozialismus erste und fundamentale Schritte zur Ersetzung des kapitalistischen Arbeitszwangs durch ein gesamtgesellschaftliches System anziehender Arbeit erfolgen MUSS. Wer es nicht glaubt, dem sollte Engels aus dem Grabe heraus noch den Anti-Dühring um die Ohren schlagen, denn die stalinistischen Staaten ähnelten nicht zufällig den „Sozialismus“-Vorstellungen eines Karl Eugen Dühring bis zum Verwechseln.
Zufall?

4. Der Text spricht von einer Konterrevolution 1991. Dieser Einschätzung der Geschehnisse stimme ich durchaus zu, erlaube mir aber zu fragen, wer der Träger dieser Konterrevolution war. Eine auswärtige Intervention ist es ja nicht gewesen.
Der Text schweigt sich darüber peinlich aus, und zwar aus gutem Grunde.
Die poststalinistische Bürokratie selbst nämlich, auf die sich die Poststalinisten ausserhalb der „sozialistischen Sphäre“ immer so enthusiatisch stützten, diese selbst war der Träger der Konterrevolution.
Die Ironie dabei ist auch noch, dass gerade die Existenz dieser Bürokratie von den Stalinisten und Poststalinisten stets bestritten wurde.
Demnach hätte also ein „Nichts“ die Konterrevolution gemacht, oder wie? Und Jelzin, die Oligarchen und diese ganzen Figuren wären vom Mars gekommen oder aus einem Paralleluniversum oder was? Womit durch die wirklichen Ereignisse im übrigen die klassische These Leo Trotzkis vom grundsätzlich konterrevolutionären Charakter der stalinistischen Bürokratie schlagend bewiesen ist. Wie reden die Poststalinisten sich da raus? Hat ein „Nichts“ die Konterrevolution vollzogen, waren es gar „imperialistisch verhetzte“ Sektoren des Proletariats, der Weihnachtsmann oder was?
Welcher Klasse/Kaste/Schicht gehörten denn die Gorbatschow, Jezin, Oligarchen, Putins usw denn nun an?
Dem Proletariat? Der Bauernschaft?
Einer durch magische Kräfte in die Sowjetunion hineimgebaemten „geistigen“ Bourgeosie?
Nein, der Text spricht einer Konterrevolution „von innen und von oben“. Also?

5. Auch sonst strotzt der Text von gravierenden Abweichungen von den grundlegenden Ideen von Marx und Engels.
Es ist definitiv falsch von einer „sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsformation“ zu sprechen.
Wie bitte, höre ich da fragen.
Vielleicht mal ausser den Buchtiteln auch die Inhalte lesen und vor allem verstehen. Von Marx und Engels wird nämlich MINDESTENS eine Unter- und eine Oberstufe unterschieden (wobei die Unterstufe meist als „Sozialismus“ und die Oberstufe als „Kommunismus“ bezeichnet wird.
Die Aufgabe der Unterstufe ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel (unter Kontrolle der Klasse und nicht einer Bürokratie), die Existenzsicherung der proletarischen Klasse und die schrittweise Aufhebung der Klassen.
Die Aufgabe der Oberstufe aber ist die vollständige Ersetzung der Lohnarbeit durch ein gesellschaftliches System der anziehenden Arbeit und die vollständige Abschaffung der Überreste der kapitalistischen Arbeitsteilung (Lohnsklaverei, Arbeitszwang).
Diese Durcheinandermengung von Sozialismus und Kommunismus ist nicht zufällig durch den Poststalinismus, denn nach dessen Logik (welche als Logik der subjektive Ausdruck der objektiven Interessen der untergegangenen bzw zur Neo-Bourgeosie transformierten Bürokratie ist) stellt die bürokratische Form eines „Arbeiterstaates“ je ebenso das „Ende der Geschichte“ dar wie der Neoliberalismus für die Apologeten des Spätkapitalismus.
Also: es ist grundfalsch, Sozialismus und Kommunismus als Gesellschaftsformation durcheinander zu werfen, weil damit wichtige Aufgaben der sozialistischen und die Wesensmerkmale der kommunistischen Gesellschaftsformation unterschlagen werden.
Der in allen wesentlichen Punkten einem Dühringschen „Staatssozialismus“ entsprechende bürokratisch bis zum logischen Ende (der Konterrevolution) degenerierte ehemals revolutionäre Arbeiterstaat in Russland stellt eben NICHT das „Ende der Geschichte“ dar, welches einfach nur noch mal „wiederholt“ werden muss.

6. Ziemlich dumm und platt ist auch die Behauptung, die „Macht“ gehöre „entweder der arbeitenden Klasse oder der Klasse der Kapitalisten“. Ganz nach der Devise, es gibt nur Zweibeiner und Vierbeiner und „Vierbeiner guuut, Zweibeiner schleecht“.
Unmarxistischer Blödsinn.
Welche Macht?
Die politische etwa?
Und was ist mit typischen Erscheinungsformen bürgerlicher Herrschaft wie Bonapartismus, Militärdiktaturen, Faschismus usw., wo wesentliche Teile der ökonomisch dominierenden Klasse von der politischen Macht ausgeschlossen sind?
Die gewohnheitsmässige Marotte der Bürokratie, sich immer und stets selbst an die Stelle der Arbeiterklasse zu setzen, kommt wieder zum Vorschein. „Entweder Kapitalismus oder wir“.
War der Zusammenbruch der nach Dühringschen Prinzipien funktionierenden DDR durch das passive Votum der Arbeiterklasse des „Arbeiter- und Bauernstaates“ keine Lehre?
Poststalinisten werden das bestreiten (denn nach ihrer Ansicht gibt es keine parasitäre Bürokratie, gab es niemals eine und die Konterrevolution 1991 kam vom Sirius oder von der Wega), aber das ist genau das, was die Mehrheit der Arbeiterklasse (zugegeben: vom bürgerlichen Wahrnehmungsmanagement bearbeitet) konstant annimmt, wenn in solcher Weise undifferenziert von „Sozialismus“ und „Kommunismus“ gesprochen wird.
Sozialismus/Kommunismus = Herrschaft einer kulturell und politisch weitgehend autoritären bis totalitären Bürokratie nach bestem preussischen Muster. (Übrigens wäre auch Ferdinand Lasalle durchaus an getan gewesen von der DDR)
Ein „subjektiver Faktor“, gewiss. Aber dieser subjektive Faktor ist entscheidend für die Lösung der Führungskrise des Proletariats (dessen kollektives Bewusstein gegenwärtig noch vollständig von der bürgerlichen Medienmaschinerie kontrolliert wird). Durch das pure Wiederkäuen der stalinischen und poststalinistischen Ideologie wird diese Führungskrise nicht gelöst, sondern nur durch die Erneuerung und Erweiterung des Marxismus angesichts der gavierenden Erfahrungen.

B.I.Bronsteyn – 23. Jan, 19:40
Erstveröffentlichung: http://auroranews.twoday.net/stories/kritische-thesen-zu-unsere-zukunft-ist-die-neue-welt-der-kommunismus/

Written by bronsteyn

25. Januar 2012 at 2:31 pm

Zum Tode Kim Jong Ils

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Written by bronsteyn

21. Dezember 2011 at 2:15 am

Veröffentlicht in Korea

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Die Entwicklung des nordkoreanischen Stalinismus

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Nachdem ich einige Artikel über die Entwicklung Koreas nach dem 2.Weltkrieg, den Ausbruch des Korea-Krieges und die Gründe für die Teilung Koreas im wesentlichen auf Initiative der USA geschrieben habe, möchte ich der Vollständigkeit halber die wichtigsten Meilensteine der Enstehung des kimilsungistisch-stalinistischen Staates im Norden Koreas darstellen.
Der Stalinismus hat auf seine Weise, aber ebenso massgebend wie der US-Imperialismus, entscheidend zur Teilung Koreas und zur Konterrevolution der Jahre 1950-1960 beigetragen.

Die Kommunistische Partei Koreas

Die Kommunistische Partei Koreas (KPK) wurde 1925 in völliger Illegalität gegründet, und zwar in Seoul. Korea war damals eine japanische Kolonie. Die Gründer waren Kim Yong-bom und Pak Hon-yong (letzterer fiel 1956 vermutlich den Säuberungen Kim-Il-Sungs zum Opfer). 1928 wurde die KPK Sektion der Komintern, wurde aber im gleichen Jahr wegen „Fraktionskämpfen“ für aufgelöst erklärt.
Parteizellen der KPK kämpften allerdings in den 30er einen Guerilliakrieg gegen das japanische Imperium.
Kim-Il-Sung, der spätere Herrscher Nordkoreas, trat zu dieser Zeit in China der KP Chinas bei.
Nach dem Zusammenbruch des japanischen Imperiums reorganisierte Parteigründer Pak Hon-yong (nach seiner Befreiung aus japanischer Haft) in Seoul die KPK und organisierte ein dort ansässiges Zentralkomitee.
Korea war in der Zwischenzeit in zwei Zonen geteilt worden, eine sowjetische Besatzungszone im Norden, eine amerikanische im Süden.
Die Kontakte der reorganisierten KPK in Seoul nach Norden werden als „begrenzt“ bezeichnet. Die Mehrheit der KPK-Zellen waren im Süden Koreas aktiv, im Norden dagegen nur sehr marginal.
Die sowjetischen Besatzungsbehörden organisierten im Norden Oktober 1945 ein „Nordkoreanisches Büro der Kommunistischen Partei Koreas“, das sich im wesentlichen aus zurückkehrenden Exil-Koreanern (vor allem aus der UdSSR) zusammensetzte.
Kim-Il-Sung war einer von ihnen, er war Hauptmann in der Roten Armee der UdSSR und schien der stalinistischen Führung der richtige Sachwalter ihrer Interessen zu sein.
Im Süden, wo das Hauptgewicht der KPK lag, war Kim-Il-Sung zu diesem Zeitpunkt fast völlig unbekannt.

Die kurzlebige „Volksrepublik Korea“
Die VRK wurde nach einer entsprechenden Aufforderung durch japanische Kolonialbehörden im September 1945 von koreanischen Nationalisten des Committee for the Preparation of Korean Independence (CPKI) in Seoul proklammiert. Sie forderte in ihrem Programm die entschädigungslose Enteignung des Grund und Bodens aller Kollaborateure, Nationalisierung der Schlüsselindustrien, Verbot von Kinderarbeit, demokratische Rechte und Freiheiten etc.
Gründung des National Council of Korean Labor Unions (NCKLU), sowie von National League of Peasant Unions, Korean Democratic Youth League, and Women’s League im Laufe des Jahres 1945.
Den US-Besatzungsbehörden paßte das gar nicht in den Kram, die VRK wurde per Dekret für aufgelöst erklärt (Januar 1946). Weiterhin existierende regionale Organe der VRK blieben in der südwestlichen Jeolla-Region und auf der Insel Jejudo aktiv, was zu Guerillakämpfen und dem Massaker an der Bevölkerung der Insel Jeju bis 1948 durch das US-Marionettenregime des Syngman Rhee führte.
Mit diesen Vorgängen aber hatten die Parteien und Organisationen im späteren Nordkorea allerdings nicht das geringste zu tun.

Getrennte Entwicklung ab 1945

Im Süden nannte sich die reorganisierte KPK zunächst „Kommunistische Partei von Südkorea“. 1946 schloss sich diese Partei – im Süden wohlgemerkt- mit der „Neuen Volkspartei Süd-Koreas“ und einer Fraktion der „Volkspartei Koreas“ zur „Arbeiterpartei Süd-Koreas“ zusammen (Dezember 1946) und vollzog faktisch die Teilung Koreas auch auf dieser Ebene.
Der nördliche Teil der „Neuen Volkspartei“ hatte sich schon im Juli 1946 mit dem „Nordkoreanischen Büro der Kommunistischen Partei Koreas“ zur „Arbeiterpartei Nord-Koreas“ zusammengeschlossen.

Was war die kurzlebige „Volkspartei Koreas“?
Sie wurde vom koreanischen Nationalisten Yuh Woon-Hyung in Südkorea begründet und verstand sich nicht als Klassen- oder Arbeiterpartei.
Sie durchlebte mehrere Spaltungen. Yuh Woon-Hyung propagierte die Einheit Koreas und begründete auch noch im Süden u.a. die „Labor People’s Party“. Er wurde 1947 von einem jungen Faschisten der Reaktion ermordet.

De Facto befand sich 1947-1949 Süd-Korea im Aufstand gegen das Syngman-Rhee-Regime.

Obwohl die „Arbeiterpartei Süd-Koreas“ gut verankert war und kämpfte, zwang die brutale Repression des US-Marionettenregimes viele ihrer führenden Persönlichkeiten dazu, sich nach Nord-Korea zu retten.

Da der Kampf um nationale Einheit nunmehr zentrale Linie wurde, fand Juni 1949 in Pyoengyang die Proklammation einer vereinigten „Arbeiterpartei Koreas“ aus den Arbeiterparteien in Nord- und Südkorea statt.
Erst jetzt verlegte sich das Gewicht innerhalb der Parteien und Organisationen, die sich auf den Kommunismus beriefen, auf den Norden Koreas.

Nordkorea vor dem Koreakrieg

Juli 1946 hatte das “Nordkoreabüro der Kommunistischen Partei” eine Volksfront-Regierung in Pyoengyang proklammiert, und zwar mit der „Neuen Volkspartei“, der „Demokratischen Partei“ und der religiösen „Chondoistischen Chondu-Partei“ als „Nordkoreanische Vaterländische Vereinigte Demokratische Front“.

Koreakrieg und danach

Im Zuge des Koreakrieges wurde das rebellische Potential in Südkorea im Rahmen massiver Massaker durch Syngman Rhee-Regime und US-Truppen ausgelöscht.
Formal blieb insofern die „Partei der Arbeit Koreas“ (PdAK) Erbe der reichen politischen Tradition des koreanischen Kommunismus, was aber ohne die imperialistischen Massaker nicht der Fall gewesen wäre.
Innerhalb der PdAK gab es folgende Fraktionen im Funktionärsapparat:
1. Die „Sowjet-Koreaner“, politisch der Führung der UdSSR nahestehend und meist aus ehemaligen Exilanten in der UdSSR bestehend.
2. Die „Heimat-Fraktion“, bestehend aus koreanischen Kommunisten, die niemals Korea verlassen hatten während der Kolonialzeit und eine grosse Klassenkampf-Erfahrung repräsentierten.
3. Die „Jenan-Fraktion“, die sich aus prochinesischen und damit promaoistischen Kräften zusammensetzte, die teilweise militärisch in den Einheiten der chinesischen Roten Armee gekämpft hatten.
4. Die „Guerilliafraktion“ um Kim-Il-Sung, die als Guerillias seit 1931 in der Mandschurei gekämpft hatten und teilweise auch in der sowjetischen Roten Armee gekämpft hatten.

Im Politbüro wurden anfangs die Sitze nach Fraktionslinien verteilt, je 4 pro Fraktiuon, nur 3 für Kim-Il-Sungs „Guerillia-Fraktion“.
Obwohl eine bürokratische, stalinistische Partei war die PdAK noch keine kimilsungistische, wie sie später werden sollte.
Kim-Il-Sung gelang es, die anderen Fraktionen nacheinander auszumanövrieren.
Er tat dies, indem er die jeweiligen Führungspersonen ausschaltete.
Alexei Ivanovich Hegay, der Führer der Sowjetkoreaner, wurde noch während des Koreakrieges auf bedeutungslose Posten abgeschoben, nachdem das Prestige Chinas durch den Einsatz von Truppen im Koreakrieg das der UdSSR bei weitem überstieg (1953).
Mu Chong, ein Führer der Jenan-Fraktion, wurde für militärische Fehler des Jahres 1950 im Koreakrieg verantwortlich gemacht (Vorrücken des US-Truppen und ihrer Hilfstruppen bis zum Yalu).
Der härteste Schlag Kim-Il-Sungs richtete sich allerdings gegen die „Heimat-Fraktion“´. Pak Hon-yong, ein ein einstmals populärer Führer der zerschlagenen „Arbeiterpartei Süd-Koreas“, wurde 1953 unter der Beschuldigung verhaftet, seit 1939 ein US-Agent gewesen zu sein, und vermutlich um 1955 trotz Intervention des Botschafters der UdSSR ermordet.
Die meisten der aus dem Süden stammenden Kommunisten wurden bei diesem „Domestic Purge“ liquidiert oder zu Zwangsarbeit verurteilt.
1956 kam es zu einem Übereinkommen zwischen den Sowjet-Koreanern und der Jenan-Fraktion, Kim-Il-Sungs Dominanz zu brechen. Ihm wurde zum Vorwurf gemacht, einen Polizeistaat kreiert zu haben und einen Personenkult um sich zu schaffen. Ausserdem wurde die rücksichtslose Industrialisierung auf dem Rücken der Bevölkerung angeprangert.
Nach seiner Rückkehr aus Moskau 1956 (wo er anlässlich Chrustschows Geheimrede geweilt hatte), griff Kim Il Sung durch, wobei der sich auf nationalistische Neigungen der jüngeren Funktionärselite gegen die „Ausländer“ stützte. Den nun folgenden Säuberungen fielen die wichtigsten Führer der beiden rivalisierenden Fraktionen zum Opfer.
Es kam nach Interventionen der chinesischen und der russischen Führung kurzzeitig zu einer Einstellung der Säuberungen, sie wurden 1957 aber verstärkt wieder aufgenommen.
Der übliche Verlauf einer solchen Säuberung war die Beschuldigung, dann ein Schauprozess und das darauf folgende Verschwinden den Betroffenen.

Das Kim-Il-Sung Regime und der Bruch zwischen der UdSSR und der VR China

Den 1956 entstehenden Bruch zwischen Russland und China nutzte Kim Il Sung, um einen Schlingerkurs zwischen beiden zu fahren.
Seine Fraktion entwickelte dementsprechend die explizit antimarxistische „Juche“-Ideologie.
Kernpunkte der Ideologie sind, dass die Interessen der eigenen Nation über denen der internationalen kommunistischen Bewegung stehen würden und dass ein „Arbeiterführer“ die Gesellschaft transformieren müsse. Zudem wird über eine „besondere“ Rolle Koreas gesprochen, das im Mittelpunkt der Welt stehe. Zwar ist der Mensch Subjekt in der Chuch’e-Ideologie, doch es wird auch bedingungslose Loyalität gefordert. Der klassische Marxismus-Leninismus sei in seinen „historischen Grenzen“ gefangen, die Chuch’e-Ideologie jedoch ewig.
Es ist kein Zufall, dass diese Ideologie Anziehungskraft auch auf ultrarechte Strömungen ausserhalb Koreas ausübte.
http://de.wikipedia.org/wiki/Chuch’e-Ideologie

Die Kim-Dynastie

Um 1960 darf Kim Il Sungs Macht als unanfechtbar angesehen werden. Die Guerillia-Fraktion dominierte und hatte alle anderen Fraktionen im Apparat ausgelöscht.
Eine neue, aus Technokraten gebildete Funktionärsschicht war absolut auf Kim Il Sung eingeschworen.

1972 wurde eine auf Kim Il Sung zugeschnittene Verfassung verabschiedet, gleichzeitig sein Sohn Kim Jong Il zum „Nachfolger“ aufgebaut. Sicherlich nicht ganz unbewusst reproduziert das Regime Herrschaftsformen der asiatischen Produktionsweise der koreanisch (-chinesischen) Vergangenheit.
Nicht zufällig erinnert das Regime an die Regierungsstrukturen vieler historischer Kaiserdynastien, und zwar gerade dann, wenn diese aus Bauernaufständen hervorgegangen sind.

Mit der ansteigenden Selbstbezogenheit des Regimes verengte und verschlechterte sich die ökonomische Lage Nordkoreas dramatisch.

Bis in die 60er Jahre dem von US-gestützten Militärregimes regierten Südkorea durchaus an Produktivität überlegen fällt Nordkorea seitdem konstant zurück.

1990 kommt es unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des Sowjetsstaates auch noch zu einem formellen Abschied vom Marxismus-Leninismus, welcher als angepasst als europäische bzw russische Verhältnisse bezeichnet wird.

Beurteilung des nordkoreanischen Regimes in seiner historischen Rolle

Wie ist die relative Stabilität dieses anachronistischen Regimes zu erklären?
Zum einen ist sicher wichtig, dass es direkt aus den Ergebnissen des Koreakrieges hervorgegangen ist. Der Korea-Krieg war im Grunde eine grossflächig geplante und durchgeführte Konterrevolution durch den US-Imperialismus.

Nur scheinbar war diese Konterrevolution nicht vollständig, denn der urpsrüngliche Plan der US-Militärbehörden zur Eroberung ganz Koreas ging ja nicht auf.
Doch das wichtigste Ergebnis des Koreakrieges ist die Zerschlagung der unabhängigen Arbeiterbewegung Koreas, was im wesentlichen 1945-1950 stattfand.

Der Stalinismus leistete zu diesem Ergebnis durchaus einen entscheidenden Beitrag.

Entgegen der imperialistische Geschichtspropaganda zum Korea-Krieg hatte der Stalinimus kein Interesse an einer Konfrontation mit den USA, machte im wesentlichen eine Appeacement-Politik. In die koreanische Teilung ab 1945 willigte er im Prinzip ein, indem er die Teilung auch der koreanischen Parteien, vor allem der Kommunistischen Partei, mitvollzog.
Das US-Marionettenregime in Südkorea war allerdings zu instabil und zu schwach (sogar nach Aussagen amerikanischer Zeitzeugen), um gegen die Aufstandsbewegung im Süden wirklich Bestand zu haben.
Im Grund füllte die ab Juni 1950 vorrückende nordkoreanische Armee ein militärisches Vakuum auf Seiten der Reaktion, was erst durch die massive Invasion von Incheon September 1950 aufgehoben wurde.
Studiert man alle Fakten jener Zeit, kann man sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass das Vorrücken der nordkoreanischen Verbände auch den Zweck hatten, Kontrolle über die damals tobenden Aufstände in Südkorea zu bekommen.
Allerdings: den Stalinisten kann weder das Bodo-League-Massaker in Südkorea noch der durch südkoreanische Truppen ausgelöste Ausbruch des „heissen Krieges“ zu Vorwurf gemacht werden.

Der Bedrohung Chinas durch das Vorrücken der US-Verbände an den Jalu aber konnten die stalinistischen Führungen nicht tatenlos zusehen. Folgerichtig kam es zum Eingreifen chinesischer Verbände seit Ende 1950.
Doch die grundsätzliche Orientierung auf eine Appeasement-Politik gegenüber den Rollback-Absichten der USA kommt dadurch zum Ausdruck, dass die Frontlinien des Koreakrieges ab 1951 entlang des 38.Breitengrades zu erstarren begannen.
Dabei hätten die Truppen Chinas und der UdSSR (denn auch die war durch Luftstreitkräfte in Form der neuen MIGs beteiligt) die Kriegslage durchaus entscheiden können.
Gewiss ist richtig, dass die USA direkt und indirekt mit dem Einsatz der Atombombe drohten. Das entkräftet aber nicht die grundsätzliche These, dass die Politik Chinas und der UdSSR damals von Appeasement gegenüber dem Imperialismus bestimmt war.

Eine weltweite Solidarität mit der koreanischen Revolution und mit den niedergeschlagenen Aufständen in Südwestkorea herbeizuführen, dazu aber war der Stalinismus weltweit strukturell nicht in der Lage. Jede unabhängige Arbeiterbewegung, eine revolutionäre gar, wurde von den stalinistischen Apparaten zu Recht gefürchtet, mehr gefürchtet als die imperialistische Atombomben-Drohung.

Und auch hier leistete speziell der nordkoreanische Stalinismus um den geltungssüchtigen Kim Il Sung seinen Beitrag. Die Auslöschung und Liquidierung derjenigen Kader der südkoreanischen Arbeiterbewegung (speziell der KPK), die sich in den Norden in Sicherheit gebracht hatten, NACH dem Koreakrieg, ist sein grösstes Verbrechen.
Damit arbeiteten die nordkoreanischen Stalinisten der imperialistischen Propaganda über den Koreakrieg direkt in die Hände und leisteten direkte Unterstützung für die „Überfalltheorie“ zum 25.Juni 1950 (formeller Beginn des Koreakrieges).

Seitdem leistet das nordkoreanische Regime, ob freiwillig oder unfreiwillig, der imperialistischen Propaganda gute Dienste als Buhmann und Welt-Bösewicht. Die auf einem grotesken quasi-monarchischem bürokratischem System basierende katastrophale Planwirtschaft des Landes wird immer wieder als Beweis für die Untauglichkeit von Planwirtschaft genannt, als ob diese Tauglichkeit unabhängig davon betrachtet werden könnte, für welche Interessen sie tauglich ist.
„Militär zuerst“ ist die Devise des Regimes, denn auf genau diesem Militär basiert seine Macht über die Arbeiterklasse.

Das nordkoreanische Kim-stalinistische Regime muss ebenso wie das südkoreanische US-Satrappenregime gestürzt werden, damit eine revolutionäre Wiedervereinigung des Landes Wirklichkeit werden kann.

Und diese revolutionäre Wiedervereinigung kann nur das Ergebnis einer gesamtkoreanischen Räterepublik haben.
Gewiss mag das heute als ein noch fernes Ziel erscheinen.
Doch genau ist das positive Erbe des Aufstandes von Gwangju Mai 1980: Nicht die eine oder andere Form der Diktatur, sondern eine Republik der vom arbeitenden Volk jederzeit wählbaren und abwählbaren Delegierten.

Und für Nordkorea gilt besonders: das Kim-Regime arbeitet nur dem Imperialismus in die Hände, es muss gestürzt werden durch Arbeiter- und Soldatenräte.

(Alle faktischen Angaben basieren im wesentlichen auf:
http://en.wikipedia.org/wiki/Workers’_Party_of_Korea
und verwandte Artikel im englischen wikipedia)

Written by bronsteyn

15. Dezember 2011 at 10:06 pm

Veröffentlicht in Geschichte, Korea, Korea-Krieg

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