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Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme

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Ein Beitrag zur Diskussion um die „Neue Antikapitalistische Organisation“

Viele kennen diesen Satz und zitieren ihn gerne, vor allem wenn sie Programm-Diskussionen kritisieren wollen. Doch es ist wichtig, den Zusammenhang und Kontext dieses Satzes auch zu kennen. Er stammt aus einem Brief von Karls Marx an Wilhelm Bracke im Mai 1975. Marx und Engels hatten scharf gegen das Gothaer Programm Stellung genommen, auf dessen Grundlage sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (sogenannte Eisenacher) zusammengeschlossen hatten:

Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Konnte man also nicht – und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehn, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktionen gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme (statt diese bis zur Zeit aufzuschieben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Tätigkeit vorbereitet war), so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung mißt.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/05/briefbracke.htm

Marx nimmt also nicht grundsätzlich gegen ein Programm wie das genannte Eisenacher Stellung, sondern gegen „ein Dutzend Programme“, bzw den Streit darum. Bedeutsam finde ich, dass Marx „eine längere gemeinsame Tätigkeit“ zur Voraussetzung eines Programms macht, das über ein vorhandenes hinausgeht. Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit der Initiative der SIB „Neue Antikapitalistische Organisation – na endlich“?

Die Chefs der Lassalleaner kamen, weil die Verhältnisse sie dazu zwangen. Hätte man ihnen von vornherein erklärt, man lasse sich auf keinen Prinzipienschacher ein, so hätten sie sich mit einem Aktionsprogramm oder Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Aktion begnügen müssen.

Kommen hier kleine isolierte linke Gruppen zusammen, weil sie die Verhältnisse dazu zwingen? Wahrscheinlich schon, ehrlich gesagt. Das ist ja auch durchaus nicht verwerflich.

Doch bis jetzt verläuft die Diskussion hauptsächlich entlang dessen, was man (durchaus positiv) als Kampf um Prinzipien verstehen könnte. Grundsätzlich gibt es da die Extreme Prinzipienreiterei und Prinzipienschacherei. Was mag schlimmer sein? Wie wärs erst einmal mit einem Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Aktion?

Hier ist einer: Das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung. Es ist nicht von mir entwickelt worden, sondern von der ältesten und wahrscheinlich größten trotzkistischen Organisation der Welt, der japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga (JRCL), auch „Chukakuha“ genannt. Ich habe die Grundlinien dieses Konzeptes in Theorie und Praxis studiert und befunden, das es in jeder Hinsicht den Vorstellungen von Marx, Engels und Lenin entspricht, aber auf eine gewisse methodische Weise neu und klar formuliert.

Hiermit stelle ich es in Deutschland vor.

Organisation der Arbeiter und Organisation der Revolutionäre

Bei allen künftigen Prozessen der Annäherung (oder auch nicht) ist die Tatsache ins Bewusstsein zu bringen, dass nicht nur die Ebene der Organisation der Revolutionäre (Lenin) in einem desolaten Zustand ist, sondern auch die Ebene der Organisation der Arbeiter (Gewerkschaftliche Ebene). Diese Ebene braucht, wie immer irgendwelche Fusionsprozesse auch verlaufen mögen, eine strategische Antwort durch eine wahrhaftige Organisation der Revolutionäre, und wenn es eine solche noch nicht gibt, dann durch diejenigen Kräfte, die eine solche schaffen wollen.

Klassenorientierte Arbeiterbewegung in 13 Punkten

Das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung, das eine strategische Leitlinie sowohl für die Organisation der Arbeiter als auch die Organisation der Revolutionäre darstellt, basiert auf folgenden Grundlagen:

1. Das Proletariat (die Klasse der Besitzer bloßer Arbeitskraft) stellt im 21. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur in einzelnen Ländern wie Deutschland oder Japan, sondern weltweit. Diese Klasse wird in ihrer Komplexität und ihrer Grösse meist nicht gesehen und sieht sich auch selbst nicht so. Es ist ein schlafender Riese, der aufgeweckt werden muss.

2. Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisationen dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur nicht ihre historische Mission erfüllen kann, sondern auch nicht nur die Lösung ihre dringensten sozialen Probleme angehen kann.
{Korrektur fett am 26.3.2012, Bitte um Entschuldigung}

3. Notwendig ist die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung als Strömung innerhalb der Klasse, und zwar weltweit. Die Aufgabe einer solchen Strömung ist es, die Interessen des Proletariats in seiner Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen und die Hegemonie kapitalistischer Apparate über die Klasse zu brechen. Es handelt sich im wesentlichen auch um eine Hegemonie über das Bewusstsein (subjektiver Faktor).

4. Diese klassenorientierte Arbeiterbewegung geht grundsätzlich von der Unvereinbarkeit der sozialen Interessen des Proletariats und denen der Kapitalbesitzer aus und schließt die Möglichkeit der Aussöhnung dieser Gegensätze aus.

5. Die klassenorientierte Arbeiterbewegung handelt in allen ihren Aktivitäten immer auf die Gesamtinteressen der eigenen Klasse orientiert und reduziert sich nicht auf sektorielle Perspektiven (z.B. die Interessen nur der Lokführer oder nur der unbefristet Festangestellten).

6. Sektorielle Begrenzungen und Beschränkungen, Trennungslinien nationaler, kultureller, soziokultureller oder geschlechtlicher Art müssen beständig überwunden werden zugunsten einem zusammenfassenden Gesamtinteresse der Klasse.

7. Wiederbelebung der Gewerkschaften ist ein zentrales Element dieser Ausrichtung, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Gewerkschaften (daneben auch proletarische Genossenschaften) sind die historischen und natürlichen Organisationsformen der Arbeiterklasse. Die Bürokratisierung der konkreten Verbände (z.B. DGB) und ihre Verwandlung in versicherungsartige Dienstleistungsunternehmen (letztlich im Dienst des Kapitals) ist den Interessen der Klasse entgegengesetzt. Die Wiederbelebung der Gewerkschaften in ihrer eigentlichen Funktion ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit.

8. Wiederbelebung der Gewerkschaften betrifft nicht nur die Demokratisierung der existierenden Verbände und ihre Transformation in Organe des Klassenkampfes, sondern auch diejenigen Teile des Proletariats, die nicht organisiert sind. Hier ist es notwendig, jede Art der Organisierung zu unterstützen, die die proletarischen Interessen zum Ausdruck bringen. Auch Stadtteilinitiativen und Komitees können insofern Bestandtteil der Wiederbelebung der Gewerkschaften sein. Hinweis: in Japan gibt es neben den existierenden Branchengewerkschaften und ihren Dachverbänden auch sogenannte „amalgamisierte Gewerkschaften“ auf regionaler Wohnbezirks- und Stadtteilebene, die branchenübergreifend unorganisierte Arbeiter erfassen.

9. Die Klassenorientierte Arbeiterbewegung muss zunächst notwendigerweise als (formlose) Bewegung und Strömung beginnen, sich verbreitern und letztlich zum Ausgangspunkt von Klasseneinheit (gegen die kapitalistische Klasse) werden. Sie wird zu einer Strömung vereinen: Aktivistengruppen innerhalb der bestehenden Verbände, selbstermächtigte (autonome) Betriebsgruppen, Arbeitslosen-Gruppen, Stadtteil- und Mieterkomitees, gesellschaftliche Bewegungen mit proletarischer Ausrichtung.

10. Solidarität muss ein wichtiges Element der Klassenorientierten Arbeiterbewegung sein. Der japanische Begriff „Danketsu“ bringt dies noch besser mit seinem spezifischen Inhalt von „unbedingtem Zusammenhalt“ zum Ausdruck. Es muss eine Gewohnheit werden, isolierte sektorielle Kämpfe zu unterstützen und die praktische Erfahrung von „Danketsu“ zu schaffen. Diese Ebene ist fast noch wichtiger, aber mindestens genau so wichtig wie die Ebene der Losungen und Forderungen. Eine Arbeiterklasse, die sich gewohnheitsmässig mit allen ihren kämpfenden Bestandtteilen solidarisiert, ist auch in der Lage, die Führung der gesamten Gesellschaft zu übernehmen.

11. Die Erfahrung von konkretem „Danketsu“ schafft elementares Klassenbewusstsein und die Voraussetzung für komplexes (revolutionäres). Teilelemente dessen sind Faktoren wie gegenseitige Hilfe (auch im Alltag), Einfühlungsvermögen, Kommunikationskompetenz, eine konstruktive und solidarische Diskussions- und auch Streitkultur (innerhalb der Klasse, versteht sich, nicht gegenüber dem Klassengegner). „Danketsu“ bedeutet auch, dass „niemand im Stich gelassen“ wird und spricht auch die Emotionen der Klasse an („Einer für alle, alle für einen“).

12. Es ist auch Aufgabe der revolutionären Kerne (der Vorläufer einer Organisation der Revolutionäre), ein solches elementares Klassenbewusstsein bei seiner Entstehung zu unterstützen und zu fördern. Die Reduzierung der eigenen Aktivitäten auf die Propagierung denkbarer Übergangsforderungen bewirkt allein rein gar nichts.

13. Eine Organisation der Revolutionäre kann sich sinnvollerweise nur im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Klassenorientierten Arbeiterbewegung (Ebene der Organisation der Arbeiterklasse) sinnvoll formieren. Nur in einem solchen praktischen Zusammenhang kann sie sich aus vorhandenen Organisationsansätzen in einem geduldigen Prozess der Diskussion, des Austausches, der Kritik, der geduldigen praktischen Zusammenarbeit herausbilden und letztlich auch in konkreten Fusionen (Zusammenschlüssen) münden.

Konkret

Sind wir uns wohl darüber einig, dass eine breite diffus angelegte linksradikale Mischmaschorganisation „links von der Linken“ kein Fortschritt gegenüber der bestehenden zersplitterten Situation darstellen würde? Noch viel weniger, wenn sie gar auch noch auf Teilnahme an bürgerlichen Wahlen fixiert wäre. Zentrale Linie meines Vorschlages ist die Orientierung auf eine gemeinsame Praxis, aus der im Erfolgsfalle auch eine Annäherung auf theoretischen Gebieten erfolgen kann (das Sein bestimmt das Bewusstsein):

– zur Wiederbelebung der Gewerkschaften (und einem ganz allgemeinen und umfassenden Sinn, nicht auf DGB-Gewerkschaften beschränkt)

– die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung (die verbandsübergreifend sein muss und auch die Sektoren einschliesst, die etwa von den DGB-Gewerkschaften gar nicht erfasst sind)

Ein gewisses Vorbild könnte die klassenorientierte Arbeiterbewegung in Japan mit seinem Flaggschiff Doro-Chiba sein. Wohlgemerkt: es geht um eine (im Prinzip formlose) Bewegung, nicht etwa um eine Strategie orientiert auf unabhängige Verbände. In jeder Hinsicht dürfen Revolutionäre sich hier nicht die Hände binden oder selbst schwächen.

Es gibt zwar in Deutschland kein DC und auch andere Besonderheiten (wie die amalgamisierten Gewerkschaften) gibt es bei uns nicht, aber es gibt sehr wohl (hauptsächlich aus alten linken Aktivisten bestehendes) Netzwerke klassenkämpferischer Gewerkschafter am Rande von DGB oder auch GDL. Es gibt autonome und „autonome“ Zusammenhänge vieler Art.

Berlin hat in einigen Stadtteilen eine ungewöhnliche Dichte von politischen Aktivisten.

Hier können die kleinen Propagandagruppen, die grundsätzlich eine Organisation der Revolutionäre schaffen wollen, in der Wiederbelebung der Organisation der Arbeiter praktisch zusammenarbeiten. Eine Annäherung gerade in der im Prinzip essentiellen Frage des Zieles einer Räterepublik kann nur auf der Basis gemeinsamer praktischer Arbeit wirklich gedeihen, und nur dann kann sie auch wirklich konkret diskutiert werden.

Im Grundsatz ist das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung nicht wirklich neu.

Eine gute alte Losung ist die der Schaffung einer klassenkämpferischen Gewerkschaftsströmung, was nichts anderes bedeutet. Aber es ist mehr als eine Losung, es ist eine strategische Leitlinie für die Praxis. Damit es in den Prozessen um die „NAO“ auch nicht eine blosse Losung bleibt, sind Absprachen und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Gruppen hinsichtlich folgender Strukturen sinnvoll:
– klassenkämpferische Basisstrukturen innerhalb der existierenden Apparategewerkschaften (damit schliesse ich GDL usw. ein); Beispiel FBGS
– Betriebsgruppen (gemeint sind offene und unabhängige, und nicht Organisationszellen irgendeiner Partei); Beispiel: Aktionsausschuss S-Bahn
– Stadtteilkomitees (als Hebel, um die arbeitslosen und prekären Teile des Proletariats zu organisieren); existieren zahlreich in Berlin (2 und 3 sehe ich als auch sinnvolle Konkretisierung des Konzeptes der „amalgamisierten Gewerkschaften“ an).
Eine solche gemeinsame Praxis ist in Berlin durchaus vorstellbar und auch praktizierbar.

Zu allen genannten Strukturen existieren in Berlin auch konkrete Ansätze.

Ohne eine solche parallele gemeinsame Praxis muss jeder Annäherungsprozess auf einer „positionellen Ebene“ auch im luftleeren Raum hängenbleiben muss. Dies allein schon aufgrund der Tatsache, dass kleine politische Gruppen keineswegs nur an ihrem eigenen Anspruch gemessen werden dürfen. Man beurteilt ja auch ein Individuum nicht allein danach, wonach es sich dünkt, oder?

Auch kleine linke Gruppen mit riesigem politischen Anspruch sind letztlich Gruppen konkreter Personen mit konkretem Eigen(Gruppen)Interesse. Die Gruppendynamik überlistet gern das eitle Avantgarde-Bewusstsein vieler Kleingruppen, die eher als Sekten zu betrachten sind (insofern sie sich nicht wirklich auf die Klasse des Proletariats orientieren).

Ohne eine wirkliche Annäherung in Theorie UND Praxis kann eine Organisationsproklamation bestenfalls nur in einem „Prinzipienschacher“ enden. Das Schicksal einer NAO wäre dann noch tragischer als das der französischen NPA.
Die Verwässerung der eigenen Programmatik bis zur Unkenntlichkeit hat noch nie eine revolutionäre Bewegung vorangebracht.
Eine erneute Proklamation etwa einer diffusen „Vereinigten Sozialistischen Partei“ mit erneutem Abbau von Mitgliedern und Positionen seitens aller beteiligten Gründer bringt weder die Sache der Organisation der Arbeiter noch die der Organisation der Revolutionäre weiter.
Von daher schlage ich die Orientierung der Klassenorientierten Arbeiterbewegung als Leitlinie der Prozesse um eine „NAO“ vor und stelle sie zur Diskussion.

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Written by bronsteyn

6. März 2012 um 1:19 pm

8 Antworten

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  1. Was bedeutet FBGS ?

    x

    6. März 2012 at 5:24 pm

  2. FBGS= Forum Betrieb, Gewerkschaften, soziale Bewegung

    bronsteyn

    7. März 2012 at 10:11 pm

  3. Der Facebook Gefaellt mir Button wuerde sich gut auf der Seite machen, oder finde ich ihn nur nicht?

    Fredrik

    22. März 2012 at 3:58 am

  4. Vorab sei gesagt: Ein äußerst lesenswerter und lehrreicher Beitrag zum Thema Theorie und Praxis politischen Denkens und Handelns.

    Den Satz zum Punkt 2 auf S. 2 „Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisation dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur ihre historischen Mission erfüllen kann, sondern auch nur die Lösung ihre dringendsten soziale Probleme angehen kann“ verstehe ich nicht. (Vermutlich handelt es sich um die schlechte Übersetzungen eines in einer anderen Sprache verfassten Text ins Deutsche.)

    Ich bin mir nicht einmal wirklich sicher, ob folgendes gemeint ist: „Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate durch (anstatt „über“) die Organisation dieser Klasse (das Proletariat) ist nicht nur die Voraussetzung (statt „Grund“) nicht nur ihre historische Mission erfüllen kann, sondern auch nur die Lösung der (anstatt „ihrer“) dringendsten (und da ich nun einmal bei den grammatischen Korrekturen bin, auch die an sich nebensächliche Korrektur des Rechtschreibfehlers „dringensten“) sozialen Probleme angehen kann.“

    Gerne hätte ich nähere Angaben darüber gehabt, welche „kapitalistischen Apparate“ einer durchgängigen Kontrolle bedürfen und wie diese Kontrolle aussehen soll.

    In Punkt 7 wird die „Bürokratisierung der konkreten Verbände (z.B. DGB)“ beklagt und die Wiederbelebung der eigentlichen Funktion der Gewerkschaften – ich nehme an als Organisationen des Klassenkampfes – gefordert. Diese Forderung in den leeren Raum zu stellen, d. h. ohne die Gründe für die Bürokratisierung von Organisationen zu untersuchen, ist eine Lücke, die nach meiner Ansicht unbedingt geschlossen werden muss.

    Das geht nicht ohne eine Auseinandersetzung mit dem schon vor hundert Jahren von Robert Michels aufgestellt und bis heute nicht widerlegten „Ehernen Gesetz der Oligarchie“. Darin weist er nach, dass politische Zusammenschlüsse von Menschen ab einer gewissen Größe der Organisation bedürfen, also der Herausbildung einer Gruppe von Menschen, deren Beruf die politische Arbeit ist.

    Diese Menschen, „Funktionäre“ entwickeln Eigeninteressen, welche nicht die sind, zu deren Zweck die Organisation geschaffen wurde. Ein primäres Eigeninteresse besteht darin, die Organisation als ihren Arbeitsplatz zu erhalten! Sie werden deshalb jede risikoreiche Kampfhandlung der Organisation zu verhindern suchen, auch wenn das Ziel der Organisation die Revolution ist. Wenn am Anfang der Organisation die Mitglieder über die Funktionäre bestimmt haben, so wird sich dieses Verhältnis naturnotwendig íns Gegenteil verkehren. Die Funktionäre werden die Mitglieder bestimmen! Quod erat demonstrandum!

    Noch etwas zur Solidarität, wie sie in Punkt gefordert und ausgeführt wird. Ist Solidarität innerhalb linker Gruppen ohne ziemlich egalitäre materielle Verhältnisse unter ihren Mitgliedern möglich? Ist eine solidarische linke Gemeinschaft denkbar, in der der Eine über 10.000 Euro Monatseinkommen verfügt und der andere über 500 Euro? Müssten die, deren Einkommen ein Vielfaches derjenigen beträgt, die ein geringes Einkommen haben, nicht für einen Ausgleich sorgen?

    Hohe Einkommensunterschiede habe nach meiner Ansicht die unabwendbare Folge, dass keine wirkliche Gemeinschaft entsteht. Wird der Vielverdiener seinen Kontakt mit dem Wenigverdiener nicht auf das unvermeidbare Minimum beschränken, damit das nicht offenbar wird: In welchem Luxus der Erstere im Vergleich zu Letzteren lebt? Kann der Vielverdiener ein Interesse daran haben, dass dem Geringverdiener die Welten, die zwischen ihm und dem anderen liegen, offenkundig und konkret erfahrbar werden?

    Bernhard Gestermann am 15.3.2012

    Bernhard Gestermann

    25. März 2012 at 7:36 pm

    • ->

      Den Satz zum Punkt 2 auf S. 2 “Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisation dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur ihre historischen Mission erfüllen kann, sondern auch nur die Lösung ihre dringendsten soziale Probleme angehen kann” verstehe ich nicht. (Vermutlich handelt es sich um die schlechte Übersetzungen eines in einer anderen Sprache verfassten Text ins Deutsche.)

      Ich bitte um Entschuldigung für die unglückliche Konstruktion des Satzes, der in dieser Form das Gegenteil von dem ausdrückte, was ich ausdrücken wollte.

      Richtig (im Sinne dessen, was ich meinte) lautet er nun:

      2. Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisationen dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur nicht ihre historische Mission erfüllen kann, sondern auch nicht nur die Lösung ihre dringensten sozialen Probleme angehen kann.

      bronsteyn

      26. März 2012 at 4:27 pm

    • Das geht nicht ohne eine Auseinandersetzung mit dem schon vor hundert Jahren von Robert Michels aufgestellt und bis heute nicht widerlegten “Ehernen Gesetz der Oligarchie”. Darin weist er nach, dass politische Zusammenschlüsse von Menschen ab einer gewissen Größe der Organisation bedürfen, also der Herausbildung einer Gruppe von Menschen, deren Beruf die politische Arbeit ist.

      Die Auseinandersetzung mit diesem Theorem halte ich durchaus für sinnvoll, verweise aber darauf:

      Dabei kommen neuere Überblicksstudien zu dem Ergebnis, dass es zwar in der Gesellschaft keine „ehernen Gesetze“ im strikten Sinne gibt, eine Tendenz zur Oligarchisierung jedoch unverkennbar sei.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Ehernes_Gesetz_der_Oligarchie
      siehe dort auch:

      Michels vermutet dabei die maximale Größe direktdemokratisch organisierbarer Gruppen zwischen 1.000 und 10.000 Personen;[12] neuere Untersuchungen setzen die Zahl dabei jedoch, selbst unter Berücksichtigung modernerer Kommunikationstechnologien, weitaus tiefer an.[13]

      Ein Charles Fourier kam aufgrund seiner Typologisierung menschlicher Leidenschaften und dem Konzept der Organisation der Arbeit als anziehende Arbeit auf eine Idealgrösse von 1620 Menschen als Bewohner eines Phlalansteriums (der Pivotale seiner Konzeption der Harmonie = Zukunftsgesellschaft).
      Sozialpsychologische Untersuchungen kommen zum Ergebnis, dass ein Mensch durchschnittlich 200 andere Menschen persönlich näher kennt und insofern Vertrauen bzw. Misstrauen entwickeln kann.
      Hier besteht in der Tat ein grosser Bedarf an Forschung, Untersuchung und an Konstruktion.

      bronsteyn

      27. März 2012 at 1:56 pm

    • Hohe Einkommensunterschiede habe nach meiner Ansicht die unabwendbare Folge, dass keine wirkliche Gemeinschaft entsteht.

      Völlig richtig. Die Wählbarkeit der Vorgesetzten im Sozialismus wird dieses Thema angreifen.

      bronsteyn

      27. März 2012 at 2:06 pm


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